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Becoming

“Sei du selbst!“ — „be the best version of yourself!“ — „werde, der du bist!“ So viel Fokus auf dem Selbst.

Malina Durand · 2026-03-28 21:33 · 0 claps · 2.1 min read
#persönliche-entwicklung #leben #vertrauen #psychologie #lebensweg
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Becoming

“Sei du selbst!“ — „be the best version of yourself!“ — „werde, der du bist!“

So viel Fokus auf dem Selbst.

Aber was soll das eigentlich bedeuten? Wer wir sind, das, was wir als „Selbst“ erleben, ist schließlich gar nicht so sehr etwas Handfestes. Eher eine sehr lange Geschichte, die wir uns fortlaufend erzählen und dabei nie ganz wissen können, was zuerst da war: Die Wirklichkeit, oder das, was wir uns über sie und unsere Rolle in ihr zusammenreimen. So gesehen sind wir alle Geschichtenerzähler.

Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass wir trotz der mächtigen Algorithmen, die allgegenwärtig sind, gerade denen so viel Aufmerksamkeit schenken und Fähigkeiten zuschreiben, die sprechen — wie wir. Das gleiche Werkzeug zur Übertragung von Informationen nutzen. Vielleicht erschreckt und fasziniert so viele von uns diese neue Technologie gerade deswegen, weil in der Welt- und Selbstbeschreibung, der Mitteilung mittels Sprache die Essenz des Menschseins steckt.

Mit dem Werden ist es so eine Sache. Es ist passiv — etwas wird — dabei erscheint es bisweilen als eine aktive Handlung, oder ist zumindest untrennbar mit unseren Handlungen und Entscheidungen verbunden. Wir werden, was wir sind, so gesehen stimmt das schon ein bisschen. Unsere Rolle, unser Umfeld, alles, was wir tun (oder eben auch nicht tun), formt unseren Charakter und fließt in die Selbsterzählung ein. Das englische Wort becoming ist, was in der Schule zu den false friends gehörte, denn es erinnert an das deutsche “bekommen”, also erhalten, empfangen — beispielsweise ein Geschenk (oder aber auch eine Rechnung oder einen Schnupfen). Werden ist nicht neutral, oder?

Nun zum Persönlichen. Meinem Werden. Es fühlt sich seit einer Weile so gut an, und ich ertappe mich dabei, wie ich den Ausgleich fürchte. Wenn es so lange gut ist, muss etwas Schlechteres passieren. Als gäbe es eine Fairness-Instanz, die im Blick behält, dass Fortschritte und Rückschläge sich schön die Waage halten. Vor allen Dingen suche ich nach meinem Beitrag wie nach einer Rechtfertigung. Es darf doch nicht einfach so, ganz von allein, so viel Gutes passieren.

Soweit zu den Gedanken. Aber es gibt ja auch noch: Vertrauen. Vielleicht fühlt es sich ja einfach so an, wenn man einen Weg betritt, der zu einem passt. Sich auf die Welt einlässt, die kleinen persönlichen Wagnisse angeht. Dinge tut, in denen man gut ist, und solche, bei denen man sich anstrengen muss, auch über die Grenze des Angenehmen hinaus.

Von der Historikerin Anette Kehnel hörte ich kürzlich einen wunderbaren Satz: „Geschichte schult den Möglichkeitssinn. Die Welt ist so viel reicher und bunter als wir das in einem Leben, in einer Gegenwart, je erfassen könnten.“

In diesem kleinen Weltausschnitt, der zu mir und meinem Leben gehört, passiert gerade Gutes. Mit mir, um mich herum. Vielleicht wird sich das sehr bald umkehren, vielleicht geht es so weiter, vielleicht ganz anders. Wie es auch kommt — ich habe den Eindruck, es fühlen zu können, das becoming, Werden nicht als Ziel, sondern als Zustand. Und das wiederum erinnert mich an den unscheinbaren weißen Zettel, der seit Jahren über meinem Schreibtisch hängt. So lange schon, dass ich gar nicht mehr sicher sagen kann, wie er eigentlich zu mir gekommen ist. Ein bisschen sieht man ihm mittlerweile die Umzüge an, die er schon hinter sich hat. Darauf steht:

Nichts wird, nichts ist, nichts bleibt im Himmel und auf Erden

Als diese zwei: Das eine ist Tun, das andere Werden.

(Daniel Czepko von Reigersfeld)


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