Jenny und Jean
Novelle
Jenny und Jean
Novelle
1 Glückliche Tage
Jean und ich kannten uns seit vier Wochen. Er lag neben mir und schlief; seine Wangen zeigten die Abdrücke der zerwühlten und schweißnassen Bettlaken. Morgendliches Sonnenlicht lugte durch einen Spalt zwischen den zugezogenen Fenstervorhängen und fiel auf seine Nasenspitze. Jeans Hand ruhte auf meinem Oberschenkel, wohin er sie beim Einschlafen geschoben hatte. Das war vor drei Stunden gewesen. Länger hatte ich nicht schlafen können, denn im Unterschied zu Jean weckte mich die Helligkeit des Tages. Wie viele Unterschiede würde ich noch zwischen uns entdecken? Es war mir gleich. Ich beugte mich vor und küsste seinen Hals, die Ohrläppchen, die beleuchtete Nasenspitze, seinen Mund. Endlich erwachte Jean, ohne jedoch die Augen zu öffnen. Schmunzelnd wünschte er mir in verschlafenem Bariton einen guten Morgen.
„Guten Morgen“, erwiderte ich, indem ich fortfuhr, ihn mit sanften Küssen zu überhäufen. Jean ließ sich nicht lange bitten. Er verstand, was ich wollte und wir wiederholten das Erlebnis, das uns schon die letzten Male so wunderschön erschienen war.
Gegen zwölf Uhr trieben mich der Hunger und der aus meinem Unterbewusstsein sich langsam emporarbeitende Gedanke an das bevorstehende Nachmittagsseminar aus dem Bett. Missmutig tapste ich in die Küche, fand ein Glas Marmelade und etwas Toast im Kühlschrank und kehrte damit zu Jean zurück.
„Dass du das Brot im Kühlschrank aufbewahrst, finde ich immer noch seltsam“, sagte er und beobachtete mich von der Seite aus.
„Wenn du deine Wohnung aufräumtest, könnten wir auch bei dir schlafen“, neckte ich ihn. „Dann könnten wir das Katzenfutter essen, das du aufbewahrst, obwohl du dir gar keine Katze hältst.“
„Manchmal kommt die Nachbarkatze zu mir“, verteidigte sich Jean. „Und meine Wohnung zu entrümpeln und zu putzen, so dass ein Mädchen wie du darin nicht umkommt, würde zwei Sommer in Anspruch nehmen.“
„Ein Mädchen wie ich?“
„Ein Mädchen — schöner als die Morgenröte und zarter als ein Schmetterling. Eine immerblühende Blume.“ Wir lachten. Obwohl Jean ein eifriger Leser war, war er ein grausiger Schreiber. Doch ich liebte seine Gedichte. Als ich später in der Universität in dem stickigen Seminarraum saß und, den Blick durch das Fenster auf die Balkone der gegenüberliegenden Wohnhäuser gerichtet, meine Hand in die Hosentasche gleiten ließ, fand ich darin einen kleinen Zettel, auf den Jean wieder ein paar Zeilen geschrieben hatte. Ich las sie und ließ sie mir während des Seminars immer und immer wieder durch den Kopf gehen. Wenn der Professor mich ansah, dachte er, mein Lächeln gelte ihm. Aber ich war gar nicht da: In Gedanken lag ich neben Jean, unsere Knie stießen aneinander, und gelegentlich fiel beinah jemand aus dem für zwei Personen viel zu schmalen Bett. Doch das konnte uns nicht stören.
Am Abend erzählte ich Jean, dass meine Mutter sich für den kommenden Tag zu Besuch angekündigt hatte.
„Dann gehe ich währenddessen zu Per und wir proben ein bisschen“, sagte Jean. „Er hat kürzlich seine Gitarre neu besaitet, und ich habe eine hübsche Melodie zusammengeschrieben. Daraus könnte was Anständiges werden. Vielleicht gewähren sie uns einen Auftritt in der Unikneipe.“
„Du kannst auch hierbleiben, wenn meine Mutter kommt. Sie würde sich freuen, dich kennenzulernen.“
Jean sah mich stirnrunzelnd und mit einem schiefen Lächeln an. „Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob-“ Er brach den Satz ab.
„Ist schon okay“, beruhigte ich ihn. „Das hat noch Zeit. Ich habe deine Mutter ja auch noch nicht kennengelernt. Um ehrlich zu sein…“ Jetzt war ich es, die stockte. Irgendetwas Furchtbares lag darin, die Eltern des Partners kennenzulernen. In ihrem Angesicht begriff man, dass einem der andere nicht allein gehörte. Eltern machten immer eigene Ansprüche auf ihre Kinder geltend und hassten es, sie mit einem fremden Menschen teilen zu müssen. Jedenfalls hatte ich es mir so zurechtgelegt, weswegen ich Jeans Fluchtimpuls beim Gedanken an meine Mutter gut verstehen konnte. Mir graute selbst vor ihrem Besuch: Nicht grundlos war ich sofort nach dem Schulabschluss aus meinem Elternhaus ausgezogen. Aber sie war meine Mutter und tief im Herzen liebte ich sie.
2 Besuch der Mutter
„Und auf diesem Bett schlaft ihr zu zweit?“
„Ja“, sagte ich und verkniff mir mühsam das Augenrollen.
„Auf diesem kleinen Bett?“
„Ja-ha.“
Tief atmete meine Mutter ein. Die Missbilligung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Zwar ließ sie endlich davon ab, die Unzulänglichkeit meines Betts für ein darauf gemeinsam schlafendes Paar zu betonen, aber rasch fand sie eine ganze Reihe neuer Kritikgründe: „Du siehst schlecht aus, Jenny. Du musst besser auf dich achten. Diesem Jean kannst du es nicht überlassen, dass er sich um dich sorgt. Ein Mensch muss vernünftig schlafen. Eine ausgewogene Ernährung ist auch wichtig. Und kümmerst du dich denn um dein Studium?“
„Natürlich, Mutter. Fast jeden Tag sitze ich meine Zeit in der Universität ab.“
„Ja, du sitzt deine Zeit ab. Aber du verstehst nicht, wie wichtig ein anständiger Abschluss für dich noch sein wird. Jetzt bist du verliebt und glaubst, deine Zukunft läge in diesem Jungen. Aber als deine Mutter, und als Frau mit der entsprechenden Erfahrung, darf ich dir sagen: Die Männer kommen und gehen, aber der Abschluss bleibt, wenn du ihn dir einmal erarbeitet hast.“
Entgeistert starrte ich sie an. In diesem Moment spürte ich nichts von der Liebe für sie, die in meinem Herzen schlummerte. Unerträglich war ihre Neigung zu Belehrungen, Moral- und Ordnungspredigten. „Du hättest Lebensberaterin werden sollen“, sagte ich schroff. „Oder Priesterin.“
„Meine Ratschläge gelten aber nicht irgendjemandem, sondern meiner Tochter“, wandte sie ein. „Ich wünsche mir doch nur das Beste für dich.“
„Und was wäre das Beste, deiner Meinung nach?“
„Zum Beispiel könntest du dir eine Schlafgelegenheit in einer anständigen Größe anschaffen. Eine Schlafcouch könnte das Richtige für euch sein. Ja, das wäre wunderbar. Darauf könntet ihr tagsüber sitzen und nachts schlafen wie zwei ordentliche Menschen, die die täglichen von den nächtlichen Aktivitäten trennen. Wenn eine Beziehung längerfristig halten soll, muss man sie auf einem ordentlichen Fundament errichten.“
Ich durchschaute, dass sie mich mit den ständigen stichelnden Hinweisen auf Jean nur manipulieren wollte, denn insgeheim war er ihr vollkommen gleichgültig. Ihr einziger Wunsch war, dass ich nach ihrem Geschmack lebte. Und dazu gehörte eine bestimmte Art der Wohnungseinrichtung. Plötzlich kam mir ihre Denkweise sehr seltsam vor. Fast empfand ich Mitleid für ihr Unvermögen, über ihren Schatten zu springen und zu akzeptieren, dass nicht jeder von einem standardkonform eingerichteten Haus träumte: das Dreirad des Kindes in der Ecke, seine Schnür- und ihre Hackenschuhe sauber auf dem Fußabtreter aufgereiht, das Wohnzimmerparkett frisch gebohnert. Meinen Wunschvorstellungen von einem Leben entsprach das nicht. Was ich stattdessen wollte, wusste ich zwar nicht. Aber für den Moment stellte es mich vollkommen zufrieden, zu wissen, was ich mir nicht wünschte.
Trotzdem willigte ich schließlich ein, das Bett mit einer Schlafcouch auszuwechseln, denn nachzugeben war der beste Weg, meine Mutter zu beruhigen und ihren Besuch ohne größeren Streit zu überstehen. Laut überlegte ich, dass ich wohl meine Ersparnisse würde antasten müssen, wenn ich die Wohnung neu einrichten sollte. Das laut auszusprechen, war aber ein unvorsichtiger Schachzug. Sofort setzte meine Mutter mich matt: „Darüber wollte ich ohnehin mit dir sprechen. Dein Vater und ich sind der Meinung, eine Arbeit würde dir guttun. Natürlich könnten wir weiterhin für deine Miete und die Studiengebühren aufkommen. Du weißt, dass wir das gern tun. Schließlich sind wir deine Eltern. Es geht auch gar nicht um das Geld. In der elterlichen Verantwortung liegt vielmehr auch, die Kinder zur Eigenständigkeit zu erziehen. Jeder muss doch lernen, sich im Berufsleben zurechtzufinden…“
„Amen“, sagte ich, wie es sich nach einer Predigt gehört. Ich gab ihr Recht, indes nicht, ohne dabei deutlichen Widerwillen in meine Stimme zu legen. Wenigstens meine innere Rebellion wollte ich sie spüren lassen, ohne jedoch zu provozieren, dass sie mir noch erklärte, man könne nicht nur von Luft und Liebe leben.
Wir tranken noch eine Tasse Kaffee, dann begleitete ich meine Mutter das Treppenhaus hinunter auf die Straße, wo ich sie verabschiedete. Erleichtert und doch mit einer quälenden Unruhe im Magen blickte ich ihr nach: eine hoch aufgeschossene Gestalt im langen Mantel. In der Rechten hielt sie die Handtasche, auf hohen Schuhen trippelte sie der sich langsam senkenden Nachmittagssonne entgegen. So wenig schienen wir gemein zu haben, und doch beschlich mich gelegentlich die Ahnung, dass tief in mir die gleiche, ewige Unzufriedenheit schwelte wie in ihr.
Erst, als endlich Jean zum Abendbrot kam, ein einziges kleines Gänseblümchen in der Hand, das er auf dem Weg gepflückt hatte, fiel die Beklemmung von mir ab. Ungeschickt steckte er mir das Blümchen ins Haar und küsste mich: ein Mal, zwei Mal, drei Mal — bis tief in die Nacht hinein.
3 Im Möbelhaus
Jeans Wagen rumpelte über die Schlaglöcher. Das Möbelhaus lag etwas außerhalb der Innenstadt und die Straßen waren hier schlecht instand.
„Wenigstens hat deine Mutter nicht auch noch darauf bestanden, dass wir uns ein ordentliches Auto zulegen“, murrte Jean. „Vielleicht eine Corvette.“
„Nein, meine Mutter hätte einen Familienwagen vorgeschlagen. Ein schönen, dicken SUV, in dem ein oder zwei Kinder bequem neben ihren Cellos Platz fänden, wenn wir sie zu einem ihrer Konzerte auf der großen Bühne führen.“
„Nimm‘s mit nicht übel“, sagte Jean. „Aber ich bin froh, dass ich deine Mutter gestern nicht kennengelernt habe.“
„Sie hat auch andere Seiten“, verteidigte ich schwach die Frau, die mich großgezogen hatte, während in meinem Kopf das Bild einer Kiste Gestalt annahm, die im Schlafzimmer meiner Eltern unter dem Bett verstaubte. Mein Vater hatte sie mir einmal gezeigt, als meine Mutter dienstlich verreist war und wir uns nach ihr gesehnt hatten. Die Kiste enthielt die Kurzgeschichten und Gedichte, die sie früher in einigen, weniger bekannten Science-Fiction-Magazinen veröffentlicht hatte. Von dem kleinen Honorar, das sie damit verdiente, hatten meine Eltern schlecht und recht leben können — bis meine Mutter schwanger geworden war. Nach meiner Geburt hatte sie das Schreiben aufgegeben und eine Stelle bei einer Versicherungsanstalt angenommen. Auch die bescheidene Musikkarriere meines Vaters hatte mit meiner Geburt ihr Ende gefunden.
Traurig schaute ich aus dem Autofenster auf die vorbeirauschenden Werbeplakate, auf denen glückliche Menschen blöde grinsten und ihre Daumen reckten, als gäbe es auf der Welt ständig etwas zu feiern. Es bedrückte mich, dass meine Eltern meinetwegen ihre Träume aufgegeben und stattdessen etwas begonnen hatten, das sie ein ‚ordentliches Leben‘ nannten.
„Alles in Ordnung?“, fragte Jean.
„Alles okay“, antwortete ich, obwohl ich wusste, dass Jean meine Verstimmung längst bemerkt hatte.
Unsanft holperte der Wagen über ein neues Schlagloch, was mir die Gelegenheit gab, die Konversation auf ihrer banalen Bahn zu halten: „Zum Glück weiß meine Mutter gar nicht, was für ein Auto du fährst.“ Jean lachte zwar nicht, er bedrängte mich aber auch nicht weiter. Schweigend starrten wir auf die Straße, die genauso kaputt war wie das Leben meiner Eltern und — wie ich wusste — Jeans Eltern und vielleicht überhaupt der meisten Menschen.
Auch das Angebot im Möbelhaus heiterte uns nicht auf. Disproportionierte Polstergestelle waren unter dem Schild „Schlafsofas & Tagesbetten“ auf den kalten Fliesenboden gepflanzt wie künstlich angelegte Reihen riesiger, borstiger Sträucher in einem ungeheuerlichen Garten. Nur den Verkäufer schien die Auswahl zu begeistern. Mit langen Gesichtern folgten wir ihm durch die Gänge und folgten weniger seinen Ergüssen über das wunderbare Preis-Leistungs-Verhältnis seiner Waren. Da konnte Jean plötzlich nicht mehr an sich halten und platzte heraus: „Die Leistung ist buchstäblich auf den Preis abgestimmt, nicht wahr? Sie verkaufen Dreck zu Dreckspreisen.“
„Wie bitte?“ Die Stimme des Verkäufers überschlug sich.
„Nichts“, wehrte Jean rasch ab und wandte sich mir zu: „Hast du etwas gesagt?“
„Nein, gar nichts. Was ist denn?“
„Ach. Entschuldigen Sie“, bat der Verkäufer. „Ich dachte, ich hätte etwas gehört.“
Wie im Takt einer Melodie schüttelten Jean und ich die Köpfe.
„Also dann weiter. Vielleicht möchten Sie mal ein Modell Probesitzen oder -liegen?“
Jean sah mich stirnrunzelnd an, tat dem Verkäufer aber den Gefallen und wuchtete sich schwungvoll auf ein mindestens drei Meter breites Sofa. Ein dumpfer Knall begleitete den Aufprall, Schmerz verzerrte Jeans Gesicht und ich befürchtete, er hätte sich eine Rippe gebrochen. Doch dann richtete er sich langsam auf und presste zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, dass dieses Modell so recht gemütlich nicht sei.
„Sie sind also eher der weiche Typ?“, fragte der Verkäufer, worauf Jean ihn böse anblitzte. Ich versuchte, mir das Lachen zu verkneifen, aber es misslang. Auch mich traf ein vernichtender Blick.
Wortlos folgten wir dem Verkäufer zu einem anderen Modell, dessen Konstruktion einem ähnlich sadistischen Geist entsprungen sein musste wie die des vorherigen Modells. Zu ihrer Grundmaxime schienen die Gestalter bestimmt zu haben, das Auge zu beleidigen und fälschlicherweise glaubte ich, damit wäre ihr Sadismus schon befriedigt gewesen. Aber sie wollten nicht nur das Auge, sondern den ganzen Körper demütigen: Als ich mich zur Probe setzte, versank ich ungefähr einen Meter tief in den stickigen Polstern, die schon von hunderten fremder Kehrseiten geküsst worden waren. Jeans Kopf schob sich dunkel vor den kleinen Spalt zwischen den Polstern, aus dem allein noch schwaches Licht zu mir drang. Ich lag in einem Erdloch, nur dass mich nicht Erde, sondern ein raschelnder, glitschiger Stoff umgab. Jean streckte seinen langen Arm nach mir aus und zog mich hämisch grinsend zurück an die Oberfläche. Benommen stellte ich fest, dass dieses Modell unser Bedürfnis nach Gemütlichkeit übererfülle.
Der dürre Verkäufer machte ein unglückliches Gesicht. Lächerlich schlackerte ihm das bunte Firmenhemd am Leib. In diesem Möbelhaus schien alles schlecht proportioniert zu sein. Auch der Enthusiasmus des Verkäufers passte schlecht zu Jeans und meinem Widerwillen. Beinahe tat es mir leid, dass wir unsere und des Verkäufers Zeit verschwendet hatten. Doch von dieser sonderbaren Reue wollte ich mich nicht zu einem Kauf verführen lassen. Das Angebot war scheußlich und ich wünschte, die Sofas mochten in dem Möbelhaus verstauben. Also blieb ich hart, fasste Jean am Arm und vertröstete den Verkäufer darauf, dass er uns bestimmt wiedersehen würde, wenn wir die Angebote überdacht hätten. In der großen Halle zwischen den labyrinthisch angeordneten Möbelstücken ließen wir ihn stehen und suchten den Weg, der wenigstens uns aus diesem Irrgarten überdimensionierter Sitz- und Schlafgelegenheiten führen würde. Für den Verkäufer dagegen konnte es kein Entrinnen geben. Der Garten hatte ihn längst gefangen: Er hatte einen Vertrag unterschrieben, ihn zu hegen und zu pflegen, und so war der Mann leider verloren, so sehr ich ihm die Rettung gewünscht hätte.
4 Der Polizist
„Die Modelle waren allesamt zu groß und zu teuer“, stellte Jean lakonisch fest und schlürfte seinen Kaffee. Auf dem Rückweg vom Möbelhaus hatten wir in unserem Stammcafé gehalten, um uns zu beraten. Die Kellnerin servierte Jean ein Stück Heidelbeerkuchen, das er wie ein Verhungernder verschlang. Es war verschwunden noch ehe sich die Kellnerin von unserem Tisch entfernt hatte. Da ergriff Jean die Gelegenheit und bestellte ein weiteres Stück Kuchen.
„Du möchtest wirklich gar nichts?“, versicherte er sich, mir zugewandt. Ich schüttelte nur den Kopf. Geheime Scham verdarb mir den Appetit, denn tatsächlich lagerte auf meinem Konto ein Sparguthaben, mit dem sich die Kosten für eine Schlafcouch durchaus hätten decken lassen. Jean hatte ich nichts von dem kleinen Vermögen erzählt, das sich hauptsächlich aus Geschenkgeldern von Verwandten zu den jährlichen Festen und zum Schulabschluss zusammensetzte und mit der Zeit angewachsen war, da ich nie gewusst hatte, wofür ich mein Geld ausgeben sollte. Ich wunderte mich selbst über meine Sparsamkeit — noch in diesem Moment wollte ich mir nicht eingestehen, dass man vielleicht sogar von Geiz hätte sprechen können -, denn das Geld bedeutete mir nichts. Ich wünschte sogar, ich hätte es nicht besessen. Spätestens seit dem Lateinunterricht, da wir gelernt hatten: „Pecunia non olet“, war ich überzeugt, dass das Gegenteil galt. Geld stank. Mir bedeuteten aber auch die Dinge nichts, die sich gegen das Geld eintauschen ließen.
Was hatte denn für mich überhaupt Bedeutung?, fragte ich mich und betrachtete die Antwort, die mir just gegenübersaß: Jean. Doch Jean zerstörte jetzt das zweite fettige Kuchenstück; eine Heidelbeere rutschte langsam von seiner Lippe und schlug klatschend auf dem Hemd auf. Ich zuckte zusammen, als wäre ich es gewesen, die auf dem weißen Stoff zerschellt war. Jean zupfte die Überreste der zerplatzten Beere von seinem Hemd und steckte sie sich in den Mund. Da fuhr ein wütender Ekel gleich einem besitzergreifenden, bösen Geist und zornig fuhr ich Jean an, er solle sich ein bisschen mäßigen und benehmen.
Dabei spürte ich, dass Jean und seine Kuchenstücken tatsächlich nur in einer sehr losen Verbindung mit meinem Groll standen und seine Ursachen nicht sein konnten. Worin meine Wut stattdessen wurzelte, konnte ich aber nicht recht erkennen. Irgendwie wurde von Außen in mein Leben eingegriffen. Ich hatte das Gefühl, dass dort lauter Menschen seien, die mir grundlos Steine in den Weg legten. Meine Eltern, der Möbelverkäufer, Jean verärgerten mich. Aber sie waren selbst doch nur Schatten der Schuld. Vielmehr erschien mir die ganze Art, wie die Welt eingerichtet war, feindselig. Sie gab zwei Liebenden nicht die Ruhe, sich einander sorglos hinzugeben. Ich fühlte mich gehetzt, doch wusste ich nicht, wer oder was mich wohin treiben mochte. Am stärksten beunruhigte mich, dass Jean die Wirbel, die die Welt aufwühlten, gar nicht zu bemerken schien. Augenscheinlich unbekümmert saß er da und schielte nach der Kellnerin, die ihm noch ein Kuchenstück hätte bringen können. Da ertrug meine beladene Seele seine Leichtigkeit nicht mehr. Wortlos sprang ich auf, griff nach der über der Stuhllehne hängenden Jacke, wobei der Stuhl polternd zu Fall kam, und stürmte in Jeans Wagen. Dort wartete ich, bis er verdutzt das Café verlassen hatte und sich auf den Fahrersitz hievte.
„Was ist denn in dich gefahren?“
Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen, aber in diesem Moment fürchtete ich, mir weinend vor Jean die Blöße zu geben. Mit erstickter Stimme bat ich, wir mögen heimfahren. Den Arm, den er tröstend um mich legen wollte, wehrte ich ab wie ein trotziges Kind und verriet damit natürlich umso deutlicher meine Schwäche. Als Jeans Arm zurückzuckte, schlug er versehentlich gegen die Hupe. Plötzlich klemmte sie und begann, lautstark — unüberhörbar für die gesamte Welt — zu tröten. Fluchend schlug Jean auf das Lenkrad. Es nützte nichts. Unbekümmert kreischte die Hupe. Schmerzhaft bohrte sich das Geräusch in die Ohren, aber zugleich löste der Lärm meine Anspannung und pflanzte den Samen einer bübischen Heiterkeit in mich. Der Samen wuchs zu einem ausgereiften, herzlichen Gelächter heran. Jean starrte mich ein paar Sekunden entgeistert an, ehe er in mein Lachen einfiel und wir mit der klemmenden Hupe losfuhren: Es war eine Wonne, die wutentbrannten Gesichter der übrigen Verkehrsteilnehmer zu betrachten. Einige fuchtelten wild mit den Armen, ihre Münder bewegten sich, aber wir hörten ihre wütenden Schreie nicht. Erst, als wir im Rückspiegel blaue Lichtreflexionen wahrnahmen, verebbte unser Gelächter: Die Polizei vergällte uns den Spaß.
Jean hielt am Straßenrand an und wir beobachteten, wie ein grobschlächtiger Mann aus dem dicht hinter uns parkenden Polizeiwagen stieg. Die Uniform des Mannes spannte an den Hüften und den Schenkeln bedenklich. Der Beamte watschelte heran, indem er die Beine seltsam diagonal vorwärts warf und den Körper hinterherzog. Er presste sein rundliches Gesicht an das Fahrerfenster. Der ungepflegte Vollbart ließ das Gesicht noch gewaltiger wirken. Jean kurbelte die Scheibe herunter und der Polizist bewegte den Mund, doch es drangen daraus nur unverständliche Laute an unsere Ohren. Die Hupe übertönte alles.
„Wie bitte?“, schrie Jean.
Angestrengt starrten wir auf die fleischigen Lippen des Polizisten, aber es war nichts zu verstehen.
„Entschuldigen Sie! Sie müssen etwas lauter sprechen“, brüllte Jean und wies auf das Lenkrad: „Die Hupe klemmt!“
Da verlor der Polizist die Geduld. Von außen öffnete er die Fahrertür und zog Jean am Ohr heraus, wie man einen ungehörigen Bengel zur Schelte zieht. Jetzt schrie er gut hörbar: „Du hältst dich wohl für einen ganz gewitzten Burschen, was?“
Jean war so erschrocken, dass er nicht reagierte. Ich war mittlerweile zwar auch ausgestiegen, stand aber nur schreckensstarr neben dem Wagen und hielt hilflos die Tür in der Hand. Der Polizist verlangte nach Jeans Papieren, indes er immer noch dessen mittlerweile hochrotes Ohr zwischen den Fingern zusammenpresste. Ich fürchtete, er würde ihm den Knorpel zerquetschen oder das Ohr abreißen. Unter Schmerzen zog Jean umständlich das Portemonnaie aus seiner Jackentasche, das sich in dem Futter verfangen hatte.
„Ein bisschen dalli!“, trieb ihn der Polizist an.
Etwas Kleingeld fiel aus dem Portemonnaie, dazu Jeans Personalausweis, ein Mitgliedsausweis für einen Klub, in dem er mit seiner Band gelegentlich spielte, eine alte Bahnfahrkarte, ein Einkaufschip, ein Foto von mir. Kein Führerschein. Jean hatte ihn vergessen. Wütend ließ der Beamte Jeans los und stieß ihn fast in den Straßengraben, dann beugte er seine mächtige Gestalt in die Fahrerkabine und tastete das Armaturenbrett ab. An der Seite entdeckte er den Sicherungskasten und zog die Sicherung für die Hupe. Stille legte sich über die Szene. Zuerst hatte ich den Eindruck, plötzlich ertaubt zu sein. Allmählich nahm ich das Geräusch meines eigenen Atems wieder wahr, dann kehrte das Rauschen des vorüberziehenden Verkehrs zurück. Dazwischen überraschte mich gelegentliches Vogelzwitschern, das ich vielleicht nie zuvor so deutlich bemerkt hatte.
„Jetzt ist Schluss mit lustig, Meister!“ Gleich dem Donnergrollen vor einem heftigen Gewitter schwang die Stimme des Polizisten durch die Luft. Im nächsten Augenblick prasselte auch der Regen auf uns herab: Das Fahren ohne Fahrerlaubnis sei eine Straftat, die nach Paragraf soundso der Straßenverkehrsordnung mit einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werde! Der Einsatz des Schallzeichens im Straßenverkehr sei ausschließlich gemäß den in Paragraf soundso der Straßenverkehrsordnung festgesetzten Bedingungen erlaubt! Das Fahren ohne gültige Hauptuntersuchung stelle eine Ordnungswidrigkeit dar! Der Polizist musste Pokerspieler sein: Auf die Hauptuntersuchungsplakette zu setzen, war ein cleverer, zumal für ihn risikoloser Zug. Seine Uniform verlieh ihm die Macht, beliebige Wetten abzuschließen: „Wenn du gewinnst, gewinnst du alles, wenn du verlierst, verlierst du nichts“, fiel mir Pascal ein. Doch Dichterworte sind im praktischen Leben leider völlig nutzlos. Mit einem zufriedenen Grunzen betrachtete der Polizist die Plakette: „Sie sind über acht Monate im Verzug, Jungchen.“ Seine Laune verbesserte sich sichtlich mit jedem Wimpernschlag. Vor dem inneren Auge sah er wohl die wachsende Liste der Vergehen, die er uns anlasten konnte.
Alles an ihm war mir zuwider und so hielt ich Jean nicht zurück, die Zähne zu fletschten und den Ordnungsbeamten anzuknurren wie ein wütender Hund. Er war einer jener Beamten, die eine perverse Freude daraus zogen, andere zu schikanieren. Er hatte uns in die Rolle getretener Hunde gedrängt und wir waren genügend frei von Gefallsucht und voll von Kreativität, das Theater mit ihm zu spielen: Ich fiel in Jeans Knurren ein und allmählich steigerten wir uns in ein wahnsinniges Bellen und Jaulen hinein. Rasend schüttelte da der Polizist die fleischigen Wangen, indem er immer wiederholte: „Das bringt ein saftiges Bußgeld! Ein deftiges Bußgeld erwartet euch, das wird euch schmecken!“ Es war schade, dass die Autohupe nicht mehr heulte. Sie hätte unser Theater musikalisch untermalt.
5 Bußgeld
Am darauffolgenden Tag reichte Jean seinen Führerschein bei der Polizeidienststelle nach, so dass uns seine Vergesslichkeit nur ein kleines Bußgeld kostete. Hinzu kamen aber die Strafgelder für die Lärmbelästigung, für die versäumte Hauptuntersuchung, die wir natürlich kostenaufwendig nachholen mussten, und für die Beleidigung des Polizeibeamten. Jean und ich waren uns zwar einig, dass wir uns wenigstens des Letzteren nicht schuldig gemacht hätten, aber wir begnügten uns mit stummem Protest gegen die Anschuldigung. Das offizielle Schreiben mit der Bußgeldsumme benahm uns ohnehin den Atem.
Jean saß im Schneidersitz auf dem Boden meines Schlafzimmers, die Ellenbogen auf den kleinen Beistelltisch vor dem Bett gestützt und den Kopf in die Hände gelegt. Ich stand am Fenster und rauchte. Die Zigaretten hatte ich erst an diesem Morgen besorgt, aber die Schachtel war schon nur noch halb so schwer wie beim Kauf.
„Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um mit dem Rauchen zu beginnen?“, fragte Jean.
„Jetzt ist ein wunderbarer Zeitpunkt“, giftete ich ihn an.
„Rauchen ist aber eine der teureren Süchte.“
Eine zynische Bemerkung lag mir auf der Zunge, aber der Atem fehlte, ihr einen Klang zu verleihen: Die Wut über Jeans unsagbare Schlauheit oder die Paranoia, dass sich schon jetzt Teer auf meiner Lunge abgesetzt haben könnte, erstickte meine Stimme.
Obwohl ich wusste, dass auch ich einen nennenswerten Beitrag zu unserer Situation geleistet hatte, betrachtete ich Jean als Alleinverursacher unseres Schadens. Für seine Fehltritte wollte ich nicht allein aufkommen, doch das war unausweichlich, denn ich hatte Jean auf einer Party als den merkwürdigen und chronisch mittellosen Freund des Partners einer Kommilitonin kennengelernt. Ärgerlich schnippte ich die Zigarette in einen Blumentopf und wandte mich seufzend Jean zu: „Also gut. Auf meinem Konto lagern Ersparnisse, mit denen wir das Bußgeld begleichen können. Doch danach werden wir arbeiten müssen. Ich bin es leid, meinen Eltern auf der Tasche zu liegen. Deine alkoholkranke Mutter hilft dir auch nicht und dein Vater treibt sich sonst wo in der Welt herum.“ Ich stockte. „Bitte entschuldige. Das war unnötig.“
„Schon gut“, erwiderte Jean gedämpft. „Du hast Recht.“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Ich wusste nicht, dass du Ersparnisse hast.“
Lange sah ich ihn schweigend an und befragte mich selbst, warum ich daraus ein Geheimnis gemacht hatte. Wäre die Wahrheit eine Vase, so wären Geheimnisse ihre Risse und scharfen Kanten, an denen man sich früher oder später schneiden musste. Zugleich wusste doch jeder um das ungeschriebene Gesetz, dass man über Geld nicht sprach. Es war ein schlimmeres Tabuthema als der Tod. Vielleicht war Geld auch an sich schlimmer als der Tod, den ich während dieser Gedanken tausend Mal erlebte. Da ich still starb und Jean die Grabesstille im Zimmer nicht ertrug, ergänzte er: „Dass dir das Geld so wichtig ist, wusste ich nicht. Aber ich hätte deine Ersparnisse bestimmt nicht verschwendet…“
„Es ist mir nicht wichtig“, unterbrach ich ihn schnell. „Ich liebe es nur nicht, von der Hand in den Mund zu leben. Ich möchte mir keine Sorgen um meine Existenz machen müssen. Kannst du das verstehen?“
Er konnte es nicht. Es gibt zwei Arten von Menschen, die keine Furcht vor Verlust kennen: diejenigen, deren Reichtum sie schützt und diejenigen, deren Armut Verlustängste obsolet werden lässt. Jean gehörte der zweiten Gruppe an. Tiefe Besorgnis hatte er sich nie erlauben dürfen, denn er hätte an ihr zugrunde gehen müssen. Zu viele schreckliche Erlebnisse spickten seine Biografie. Wer nichts besitzt außer Kummer, muss auch nicht fürchten, etwas zu verlieren. Im Unterschied zu Jean war ich in geordneten Verhältnissen aufgewachsen; seit meiner Geburt hatten meine Eltern der Konformität den Vorrang vor der Kreativität gegeben und stets die Sicherheit dem Wagnis vorgezogen. Bevor ich Jean begegnet war, kannte ich nur diese Lebensweise. Doch jetzt fehlte mir dafür jede Rechtfertigung, die Jean hätte nachvollziehen können. Deswegen schwieg ich noch immer und ließ Jean schließen: „Na, es ist auch gleich. Du behältst jedenfalls Recht.“
Er sprach ohne viel Überzeugung. Plötzlich stach mir ein Schmerz in der Brust, der mich aufschreien ließ: „Nein!“ Doch mehr erwuchs nicht aus diesem schmerzlichen Stechen; es lieferte mir keine Worte, die hätten ausdrücken können, was ich fühlte. Ich wusste nur, dass Jean mir nicht hätte zustimmen dürfen. Ich wünschte, er hätte mich angeschrien, mich unsensibel oder sogar kaltherzig genannt und wäre dann wutentbrannt, die Tür hinter sich zuknallend, aus dem Zimmer gestürmt. Dann wäre alles in Ordnung gewesen, denn ihm die Fehler oder Probleme seiner Mutter und seines Vaters vorzuhalten, war eine Kaltherzigkeit gewesen, die so nicht im Raum stehen bleiben durfte. Aber Jean ließ sie einfach unangetastet, so dass sie wie eine Blase toxischen Gases durch die Luft waberte und mal hier, mal dort im Zimmer anstieß, ohne je richtig zu zerplatzen.
Da stand Jean auf und machte Anstalten, die Wohnung zu verlassen. Ich fragte nach seinem Ziel und hoffte, er würde seinen Freund und Bandkollegen Per besuchen wollen, um seiner Wut oder seinem Kummer am Keyboard Ausdruck zu verleihen. Aber seine Antwort verriet, dass sich etwas in ihm und darum auch in unserer Beziehung verändert hatte: „Ich denke, ich werde mich in der Stadt nach einem Job umsehen.“
Wortlos ließ ich ihn gehen. Als sich hinter ihm die Wohnungstür schloss, war mir, als hätte sich auch in meinem Herzen eine Tür geschlossen. Ich wusste nur nicht recht, was vor oder hinter ihr lag oder gelegen hätte.
6 Zeitungen und Musiktechnik
Bereits vier volle Tage hatte ich nichts mehr von Jean gehört. Ich verzehrte mich vor Sehnsucht nach ihm. Unzählige Male versuchte ich, unauffällig und wie zufällig durch die Straße zu schlendern, in der seine Wohnung lag. Dann blickte ich zu seinen Fenstern hinauf, um einen Blick hinein zu erhaschen, aber sie waren stets verschlossen und verhangen. Wenn ich den Stolz und mehr noch die Angst, enttäuscht zu werden, überwand und an seiner Tür klingelte, rächte sich die Angst und der Türsummer verhöhnte mich mit Schweigen.
Jeans Freunde wussten auch nichts von ihm oder täuschten es wenigstens vor. Allein Per, der ihm am nächsten stand, erklärte mir immerhin kurz und mit zur Schau gestelltem Unwillen, dass Jean sich nach Arbeit umsehe. Ohne meine frustrierte Miene zu beachten, schlug er mir dann die Tür vor der Nase zu.
In einem schrecklichen Moment schnellte aus den Tiefen meines Unterbewusstseins die Erkenntnis an die Oberfläche, dass Jean eigentlich meinetwegen verschwunden war. Gewissermaßen hatte ich ihn fortgeschickt, um Arbeit zu suchen. Ich schämte mich dessen, denn es schien mir jetzt alles ein Missverständnis zu sein! Jean hatte verkannt — wie hätte er es auch erkennen können? -, dass ich doch nur in einer zynischen Regung von einer Arbeit für uns beide gesprochen hatte. Ich wollte gar nicht arbeiten, wünschte mir kein Geld und kein Schlafsofa. Ich wollte nur Jean, doch der war fort, auf der Suche nach der Möglichkeit, mir das Leben zu ermöglichen, dass mir zu geben ich von ihm verlangt hatte, obwohl ich es mir gar nicht wünschte. Deswegen hatte ich selbst auch bislang nichts zu seiner Verwirklichung unternommen. Aber jetzt durchzuckte mich der Impuls, mich selbst zu bestrafen und ich redete mir ein, mir Jean zum Vorbild zu nehmen und eine Arbeit zu suchen, die mich von allem ablenken würde.
Also nahm ich ein Stellenangebot als Zeitungsausträgerin an. Diese Tätigkeit erlöste mich in den frühen Morgenstunden von den Qualen schlafloser Nächte, in denen ich mich unentwegt von einer zur anderen Seite drehte und die Bewegung des Mondes auf dem schwarzen Grund des Himmels verfolgte. Er zog darüber wie der Funken Hoffnung auf dem Grund meiner Seele, Jean am nächsten Tag wiederzusehen. Aber gleich dem Mond glomm dieser Funken nur nachts und war bei Sonnenaufgang schon wieder erloschen. Dann versuchte ich mich abzulenken, indem ich mehr auf die Umgebung als auf meine persönlichen Sorgen achtete.
In der Nacht vor diesem Morgen hatte es geregnet und die Luft war noch frisch und fast frei von Autoabgasen. Kühl und feucht spürte ich den feinen Morgendunst auf der Haut. Am Horizont stand rot und klein die Sonne. Sie blendete nicht, sondern schien mich wie ein einzelnes Auge aus dem Himmel zu betrachten. Von einem sonderbaren neuen Mut beseelt, erwiderte ich den Blick der Sonne. Mühelos zog ich den Wagen mit den Zeitungen hinter mir her und benutzte ihn auf dem Rückweg wie einen Einkaufswagen, auf dem die Kinder und die Kind gebliebenen Neuntklässler wild durch die Gänge des Supermarkts fahren.
Aber die Ablenkung, die die Naturerscheinungen mir zu bieten vermochten, wirkte nicht länger, als ihr unmittelbarer Anblick währte. Als ich später das triste Treppenhaus betrat, überkam mich wieder die Furcht, Jean auch heute noch nicht wiederzusehen. Er würde nicht oben in der Wohnung auf mich warten und ich würde nicht seine Arme um mich spüren. Oder bestand doch die Möglichkeit? — Als ich den Türschlüssel im Loch drehte, schlug mein Herz schon in freudiger Erwartung höher, ehe ich noch ganz begriffen hatte, dass die Tür längst aufgeschlossen war!
Jean saß auf dem Schlafzimmerboden und schraubte an einem Konzertlautsprecher, der nicht zu meiner Wohnungseinrichtung gehörte. Falls er nicht während der vergangenen Tage ertaubt war, musste Jean meine polternde Ankunft bemerkt haben. Aber er zeigte mir auch noch seinen Rücken, als ich hervorstieß: „Was ist denn deinen Haaren zugestoßen?“ Diese Bemerkung entsprach nicht dem, womit ich unsere Wiederbegegnung hatte eröffnen wollen, aber die Veränderung an ihm stach mir ins Auge wie der Dorn einer einst in voller Schönheit blühenden Rose. Sein Kopf war kahl rasiert und wirkte ohne die schwarzen, dichten Locken mitleiderregend schutzlos. Leider ist Mitleid allzu oft ein Ausdruck der Herablassung und Jean schätzte meine Frage nicht: „Die Haare sind abgefallen“, sagte er in unverändert abweisender Haltung und ebensolchem Ton. Doch dann wandte er sich endlich nach mir um. Sein Blick traf den meinen und veränderte sich schlagartig. Die Härte fiel von ihm ab. Jeans Gesichtsmuskeln entspannten sich und gaben die feinen Züge frei, in die ich mich ursprünglich verliebt hatte. Zuweilen wirkten sie sehr jungenhaft oder erinnerten gar an die Züge eines burschikosen Mädchens. Endlich war Jean, den ich auf der Welt allein kannte und brauchte, zu mir zurückgekehrt! Er sprang auf, eilte zu mir und umarmte mich fest.
Lange standen wir so im Zimmer und überhäuften uns mit Küssen, bis mich Jean sanft an der Hand nahm und zu dem Lautsprecher führte, an dem er geschraubt hatte. Er deutete an, dass er mit seinem neuen Job in Zusammenhang stehe. Aber meine Versuche, seine Stellenbezeichnung zu erraten, gingen allesamt ins Leere. Schließlich schob er den Kopf vor, spitzte die Lippen, riss weit die Augen auf und sagte: „Ich bin Roadie.“
Meine Reaktion enttäuschte ihn. Dieser Job würde ihn mir immer wieder über längere Zeit entreißen! Seinen Vorschlag, ihn auf seinen Reisen zu begleiten, lehnte ich ab. Schließlich war ich in der Universität eingeschrieben und hatte durchaus die Absicht, mein Studium noch innerhalb meiner Zwanziger abzuschließen. Außerdem war ein Roadie eine Art schuftender Vagabund und während Jean damit romantische Vorstellungen verbinden mochte, hielt ich das für eine unpassende Kombination von Sklaverei und Freiheit. Wenn man sich schon als Arbeitssklave verkaufte, sollte man wenigstens konsequent sein und sich auch an einen Wohnort ketten. Eine halbe Freiheit konnte es nicht geben: entweder ganz oder gar nicht. Seit Jeans und meinem Streit steigerte ich mich mit selbstzerstörerischem Zynismus in die Überzeugung hinein, dass ich gleich meinen Eltern in Unfreiheit leben und sterben würde. Und etwas an Jeans neuer Frisur, oder vielmehr: Nicht-Frisur, bestätigte mich in dieser Überzeugung. Mit einem Blick auf seinen kurzgeschorenen Kopf fragte ich: „Gehört die Glatze zu den Arbeitsvorschriften?“
Jean winkte lachend ab und ich beschloss, ihn nicht weiter zu traktieren. Ich dachte nur noch daran, wie es sein würde, in Zukunft tage- oder wochenlang ohne Jean zu sein. Wieder bestand ich ganz aus Sehnsucht; nur dass ich in diesem Moment noch in der glücklichen Lage war, diese Sehnsucht befriedigen zu können.
7 Zeit getrennt
Jeden Morgen und jeden Abend telefonierten wir jeweils ein bis zwei Stunden miteinander. Aber schon sobald ich den Hörer weggelegt hatte, sehnte ich mich wieder nach Jeans Stimme. Wenn ich nach dem morgendlichen Telefonat die Zeitungen austrug, blickte ich in die kleine rote Sonne am Horizont und versuchte mir darin Jeans Gesicht vorzustellen. Aber an den Häuserwänden, die immer wieder die Sichtlinie zur Sonne durchbrachen, zerbrach auch das Bild des geliebten Gesichts und ich wurde meiner unmittelbaren Umgebung wieder gewahr.
Doch sie erschien mir nicht mehr als willkommene Ablenkung, sondern wirkte plötzlich unheimlich und feindselig. Durch die noch halb in der Nacht liegenden Straßen huschten einzelne Gestalten zur Arbeit oder kehrten von der Nachtschicht oder einem Trinkgelage heim. Sie trugen Kapuzen oder hatten den Kopf tief in den hochgezogenen Schultern vergraben und schritten, die Hände in den Hosentaschen, rasch und energisch aus. Sie schreckten mich. Immer wieder suchte ich mich damit zu beruhigen, dass diese Menschen nur einem freudlosen Arbeitstag entgegengingen oder mit Trunkenheit und Übelkeit kämpften und deswegen diesen feindseligen Eindruck erweckten. Trotzdem wechselte ich zur Sicherheit stets die Straßenseite, wenn mir ein Passant entgegenschritt.
Das Geld, das ich für die ausgetragenen Zeitungen erhielt, verrauchte ich auf den morgendlichen Touren. Das Klappern der Streichholzschachtel, das Zischen des entflammenden Zündkopfs und der erste Zug einer jeden Zigarette besänftigten mich. Innerhalb der ein bis zwei Stunden, während der ich die Zeitung austrug, steckte ich zwischen vier und acht Zigaretten an.
Gerade stand ich wieder in einem Hauseingang und beobachtete den Tanz der blauen Rauchwölkchen mit den herabfallenden Tröpfchen des warmen Frühlingsregens. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lief gehetzt eine gebeugte Gestalt. Aus der Jackentasche fiel ihr ein Gegenstand, den ich aus der Entfernung nicht zu erkennen vermochte. Rasch bückte sich die Gestalt danach und schaute sich um, ob sie wohl jemand beobachtet habe. Unter der Kapuze war kein Gesicht auszumachen, aber einige Sekunden lang spürte ich einen ahnungsvollen Blick auf mir ruhen. Ich tat, als hätte ich nichts gesehen und die Gestalt hastete weiter. Tief zog ich an der Zigarette. Da schwang mit einem elektrischen Summen hinter mir die Haustür auf und ein fein gekleideter Mann mittleren Alters trat aus dem innenliegenden Flur.
Freundlich grüßte er und überprüfte seinen Briefkasten. Doch das diente nur als Täuschungsmanöver, um mich aus den Augenwinkeln betrachten zu können: Zum zweiten Mal in kürzester Zeit spürte ich die Blicke eines Fremden so deutlich auf mir wie eine Berührung auf der Haut. Doch diese fremden Blicke schienen nach etwas anderem zu suchen als die ersten. Es ist absurd und sonderbar, wie Fremde zuweilen eine — wenn auch nur kurzzeitige — Wesensveränderung in uns hervorrufen können: In einer mir ganz artfremden, koketten Regung warf ich die Haare zurück und nahm noch einen stolzen Zug von der Zigarette. In meiner Vorstellung blies ich den Rauch ringförmig in die Luft; tatsächlich stieg aber nur die übliche Dampfwolke von meinen Lippen auf. Trotzdem erzielte mein Theater seine Wirkung: Einnehmend lächelnd wandte der Mann sich mir zu. Seine Zähne waren blendend weiß, die braunen Haare nach hinten gegelt, die Lederschuhe wirkten frisch gewichst. Mir schien, ich kennte diesen Mann, doch dann fiel mir ein, dass er lediglich das reale Abbild dessen war, was ich mir immer als die Personifikation der Skrupellosigkeit, Lüsternheit und Gier, vorgestellt hatte, gegen die jeder Mensch mit Gewissen eine natürliche Abscheu empfindet. Ebendiese Abscheu faszinierte mich jetzt. Das Gleichgewicht, das sich zwischen den Gefühlen der Anziehung und Abstoßung in mir eingestellt hatte, verursachte ein unheimliches Kribbeln im Bauch: Die Ambivalenz reizte mich und ich lauschte der Stimme des Fremden, der sich André nannte und seine Rede gemäß der Art, wie er seinen Namen aussprach, mit französischen Ausdrücken spickte und mich dadurch erheiterte. Da ich kein Französisch verstand, ereiferte er sich umsonst. Doch er war vermutlich zu sehr von sich eingenommen, um es zu bemerken.
Sicherlich gehörte seine verschwendete Vornehmheit aber auch zu dem Spiel, das er trieb: Deutlich spürte ich, dass er seine Absichten verbarg und seine Worte und Gesten sehr bewusst wählte. Er stellte mir das Musterbeispiel eines Geschäftsmannes dar, und dieser Eindruck sollte sich bestätigen, denn rasch lenkte er das Gespräch auf seine unternehmerischen Erfolge als Restaurantbesitzer, bei denen ich ihm behilflich sein könne. Den letzten Hinweis ignorierend, nahm ich seine Visitenkarte entgegen und lachte laut auf, als ich den Namen seines Restaurants las: „Andrés Velvet Jardin“.
„Sie servieren deutsche, englische und französische Küche?“, fragte ich, doch Andrés unehrliches Gemüt war freilich für die Ironie dieser Frage unempfänglich.
„Finden Sie es heraus“, antwortete er zweideutig augenzwinkernd. „Eine hübsche und intelligente junge Frau wie Sie hat es doch nicht nötig, in den Hauseingängen herumzulungern. Zeigen Sie sich den Menschen! Beginnen Sie damit als Kellnerin in meinem Restaurant.“
Seine Rede ließ mich nur noch heftiger lachen. Noch kitschiger gebar er sich als die stereotypen Unternehmerfiguren in den uninspirierten Sonntagabendfilmen. André missdeutete mein Gelächter und beeilte sich, hinzuzufügen: „Sie mögen darüber lachen, aber ich versichere Ihnen: Das Kellnern hat mehr gemein mit dem Schauspielern auf der großen Bühne als Sie denken! Man lernt die Bewegungen und die Gangart, die den wichtigen Leuten auffallen werden. Großes steht Ihnen im Leben bevor, ich weiß — ich spüre es!“
Wie zum Beweis seiner Expertise in den ‚großen Dingen‘, die das Leben für diesen oder jenen bereithalten mag, stieg er, ohne eine Antwort abzuwarten, in ein vor dem Hauseingang parkendes Sportcoupé. Bevor sein Kopf in dem Wagen verschwand, wandte er sich noch einmal zu mir um und lächelte. Ich nickte ihm zu, nicht aus aufrichtiger Sympathie, sondern weil mich seine manierierte Rede so amüsiert hatte. Die lustige Stimmung ließ mich jeden Argwohn vergessen.
Ich steckte Andrés Visitenkarte in die Jackentasche, wo ich sie später am Nachmittag, da ich die morgendliche Begegnung schon beinah vergessen hatte, wiederfand. Da ich mit mir nichts rechtes anzufangen wusste — Jean war fort und an jenem Tag fand auch kein Seminar statt -, begab ich mich auf einen Spaziergang und suchte Andrés Restaurant. Mehrmals verlief ich mich, denn die Gegend war mir fremd. Auch das Restaurantgebäude erweckte einen fremdartigen, beinahe unheimlichen Eindruck. Während ich die Spiegelungen des Sonnenlichts in den schwarz glasierten Fliesen des unteren Fassadenteils betrachtete, zog ein kühler Wind auf und wehte mir flüsternd durch das Haar. Für einen Augenblick glaubte ich, tatsächlich eine nahe Stimme zu vernehmen. Sie riet mir, heimzukehren. Aber als ich mich umschaute, entdeckte ich auf der Straße niemanden, der mich angesprochen haben könnte. Ich zog den Mantel enger. Für einen Frühlingstag war es ziemlich frisch.
Über dem Eingang leuchtete rot das Schild mit dem Restaurantnamen. In der Dunkelheit würde das Leuchten sicher verlockender gewirkt haben als am Tage: Das Etablissement öffnete erst am späten Nachmittag und empfing dann bis spät in die Nacht Kundschaft. Ich war eine Stunde vor der Öffnungszeit gekommen. Unsicher stand ich vor dem von innen verhangenen, kleinen Glaseingang. Mehrmals hob ich die Hand, um anzuklopfen, ließ sie aber jedes Mal wieder sinken, bis plötzlich die Tür aufschwang und André heraustrat. An der Hand führte er mich hinein. Die Berührung war mir unbehaglich; es wäre mir lieber gewesen, er hätte mich hereingebeten und mich meinen Körper selbst durch die Gänge zwischen den hölzernen Tischen steuern lassen. Aber er besaß die Fähigkeit, Menschen in Besitz zu nehmen, ehe sie sich selbst dessen gewahr wurden. Man wollte sich gegen seine einnehmenden Blicke und seine sanften, einladenden Gesten wehren und davonlaufen, doch jeder Eigenwille zerstreute sich bald zugunsten des Bedürfnisses, André sogar zu Gefallen zu sein.
So erging es mir auch jetzt. Seltsam ergeben ließ ich mir das Restaurant zeigen, dessen eigentlich gemütliche Einrichtung unerwartet bedrückend wirkte. Die Wände waren zur Hälfte holzvertäfelt, darüber schwangen sich Blumenranken über eine dunkle Tapete. In unregelmäßigen Abständen hingen impressionistische Gemälde an den Wänden: Landschaftsmalereien nahe des Eingangsbereichs, mehr und mehr Frauengestalten im Inneren des Restaurants. Vergoldete Kerzenhalter zierten die Wände und die Tische, die mit roten Tüchern bedeckt waren. Je tiefer man in die Räumlichkeiten vordrang, umso dunkler und roter wurden die Farben, so dass man tatsächlich den Eindruck erhielt, den Schlund eines riesenhaften Lebewesens hinabzusteigen. Von seinen Innenwänden hallten Laute wider: Es dauerte eine Weile, ehe ich begriff, dass André zu mir sprach und noch länger benötigte ich, um zu begreifen, dass er mir die Bedingungen für einen Job als Kellnerin vorlas. Jetzt hielt er mir das Vertragspapier hin. Unwillkürlich nahm ich es ihm ab, ohne dabei den Blick von André zu wenden. Doch ich sah ihn gar nicht: Plötzlich war meine Umgebung verschwunden; Schwärze umgab mich und Schwärze beseelte mich auch. Es war, als sei André gänzlich in mich gedrungen und kontrollierte mich. Seine Stimme war es, die aus meinem Munde sprach: „Ich habe keinen Stift.“ Seine Hand nahm den Kugelschreiber, der aus dem Nichts vor mir erschien und der in mir unnatürlichen Schwüngen meinen Namen auf das Vertragspapier brachte.
Erst, als ich das Restaurant verlassen hatte und wieder unter freiem Himmel stand, kehrte die reale Umwelt zu mir zurück und ich begriff, dass ich von nun an abends fremden Menschen deutsch-englisch-französische Gerichte servieren würde.
8 Zwischenspiel
Meine Mutter fand es „wunderbar“, dass ich einen Job als Kellnerin angenommen hatte. Auch mein Vater nickte immerfort zufrieden, während er den gerade abgetragenen Berg Erbsen auf seinem Teller wieder aufschüttete. Meine Eltern hatten mich und ausdrücklich auch Jean zum Abendessen eingeladen, obwohl sie wussten, dass Jean zurzeit als Roadie tourte. Seine Abwesenheit gab ihnen Gelegenheit, mich rücksichtslos über ihn auszufragen und mir Ratschläge für unser Zusammenzuleben zu geben. Natürlich versäumte meine Mutter nicht, an das Schlafsofa zu erinnern, dessen wir dringend bedürften. Mein Vater gab ihr seine Zustimmung, doch nur zu dem Zweck, Jean verächtlich zu machen. Denn er war der Meinung, bestimmt würde sich auch mein „Liebhaber“, „Lover“ und „Kavalier“ freuen, wenn er sich mit mir nicht mehr das schmale Einzelbett zu teilen zu bräuchte. Mein Vater war sonst nicht so einfallsreich in der Wortwahl. Fast hatte ich den Eindruck, er entdeckte seine poetische Ader aus der Zeit wieder, da er Musiktexte schrieb. Doch es konnte mir nicht gefallen, dass er seine Kreativität missbrauchte, um Jean hinterrücks zu verspotten.
Auf Umwegen unternahm ich einen unglücklichen Versuch, Jean zu rächen und presste zwischen wütend zusammengebissenen Zähnen hervor: „Da ich jetzt als Kellnerin arbeite, werde ich den Job als Zeitungsausträgerin kündigen. Morgens und abends zu arbeiten, ist eine Zumutung.“
Langsam zerflossen die fröhlichen Gesichter meiner Eltern. Ein kleiner Sieg für mich, doch das Triumphgefühl währte nicht lange.
„Dein Vater und ich arbeiten von morgens bis abends“, empörte sich meine Mutter.
„Und, seid ihr glücklich?“ Noch während ich sprach, bereute ich die Frage. Zwar erleichterte es mich einigermaßen, dass meine Eltern die Antwort schuldig blieben, doch dem aufsteigenden Schuldgefühl war nicht abzuhelfen. Aus der Frage hatte dieselbe Taktlosigkeit gesprochen, mit der ich Jean seine alkoholkranke Mutter und seinen vagabundierenden Vater zum Vorwurf gemacht hatte. Woher rührte nur diese Neigung zur Gemeinheit? Weder in meinem Vater noch in meiner Mutter hatte ich — so übel mir ihre Ratschläge und Fragen auch aufstoßen mochten — je solche Niedertracht entdeckt. Sie ließen sich von den besten Intentionen leiten. Meine Gesinnung entbehrte dagegen jedes Edelmutes. Mit einem Mal kam ich mir sehr armselig vor. Da erlangte meine seelische Schwäche gar eine körperliche Qualität: Die Gabel glitt mir aus der Hand. Und mit ihr entglitt mir jede Selbstgewissheit. Zusammen mit den weichgekochten Kartoffeln zersprengte sie auf dem Wohnzimmerteppich und hinterließ einen ekligen, gelb-grauen Fleck. Da schienen die Teppichfasern und die Kartoffelreste in Bewegung zu geraten. Sie kontrahierten und erschlafften und setzten sich wabernd zu wechselnden Gesichtern zusammen. Zuerst erkannte ich Jean, dann meine Mutter, meinen Vater und schließlich mich selbst. Mein kleines, gelbstichiges Gesicht bewegte den Mund, aber der Schall ging nicht vom Teppich aus, sondern ertönte in meinem eigenen Innern. Worte waren nicht zu verstehen, nur ein tiefes, hässliches Gelächter, aus dem Hohn und Verzweiflung gleichermaßen sprechen mochten. Ich überlegte, welchen Sinn all die Entscheidungen, Ereignisse und Äußerungen der letzten Zeit erfüllen mochten und weshalb sie mir so bedeutungsvoll erschienen, als stünde ich in diesem Moment an einem Wendepunkt in meinem Leben.
Bislang hatte ich mir über die Zukunft keine großartigen Gedanken macht. Das Leben war mir zugestoßen, wie es den meisten Menschen zustieß: Ich hatte die Schule absolviert, studierte und liebte. Doch dann hatte sich dieses Wort in mein Leben gedrängt: Verantwortung. Und es war nicht einfach ein Wort, sondern eine Kraft, die mich auseinanderzureißen drohte, obwohl sie mir eigentlich innewohnen sollte. Plötzlich erschien es als Problem, dass ich dem Leben nur beiwohnte, statt es zu führen. Doch wie führte man ein Leben? Man hatte ja doch nicht die Chance, über sich selbst zu bestimmen, sondern man war fast vollkommen der Macht der anderen ausgesetzt: der Freunde wie der Feinde. Zuweilen war es unmöglich, sie auseinanderzuhalten und nie war man im Stande, sich ihnen und gleichzeitig sich selbst gegenüber gerecht zu verhalten.
Ich sah meine Eltern an, gegen die ich kämpfte. Ich dachte daran, wie ich gegen Jean gekämpft hatte, obwohl sie alle doch wahrscheinlich auf meiner Seite standen. Warum hatte ich nicht gegen André gekämpft, der mir im Herzen so widerlich war? Leise ahnte ich, dass ich einem schrecklichen Übel hinterdreinlief wie eine aufgezogene Marschpuppe: linkes Bein, rechtes Bein, linkes Bein, rechtes Bein,… Doch wohin der Marsch führte, das konnte ich nicht sehen.
9 Wieder vereint, und doch getrennt
Mit ohrenbetäubendem Tosen fuhr auf dem gegenüberliegenden Gleis ein Zug ein. Die Bremsen kreischten, der Zug kam zum Stillstand und ich vernahm wieder nur das regelmäßige, rasche Klopfen meines Herzens und das Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Es war, als stünde eine verkleinerte Version meiner selbst in meinem eigenen Körper und beobachtete die verschiedenen Organbewegungen. Nur der Lärm der an- und abfahrenden Züge riss das kleine Selbst gelegentlich aus mir heraus und schleuderte es gewaltsam in die Außenwelt, wo es ungeduldig nach der Bahn Ausschau hielt, aus der Jean aussteigen würde. Endlich bog sie am westlichen Ende des Bahnhofs um die Kurve und kroch langsam, unendlich gemächlich auf den Bahnsteig zu. Noch nachdem sie quietschend und knarzend zum Stehen gekommen war, dauerte es eine ewig währende Minute, ehe die Türen aufschwangen und unzählige Passagiere herausströmten. Zwischen ihnen entdeckte ich Jean, aber es war eine seltsam komprimierte, magere Form des Jean, den ich vor vier Wochen verabschiedet hatte. Seine Wangenknochen traten hervor, die Augen waren eingefallen, das Kinn spitz, die Haut grau.
Nach einer langen Umarmung und einer Unmenge an Küssen erkundigte ich mich besorgt, ob er krank sei. Er schüttelte den Kopf: Das tägliche und nächtliche Auf- und Abbauen der Bühne sei nur anstrengender gewesen, als er sich vorgestellt hatte. Er hätte nie gewusst, in welcher Stadt sie sich gerade befunden hatten, ohnehin waren sie ihm alle fremd: die Straßen, ihre Lichter und die Gesichter um ihn herum. Er hatte sich nach mir gesehnt. Und diesen Kummer konnte ich ihm nachempfinden. Endlich waren wir von ihm befreit, doch ein Zweifel überschattete die Freude über unser Wiedersehen. Wir pressten uns eng aneinander, aber ein Fremdkörper schien hart und kantig zwischen uns zu stehen. Mein einziger Rat war, ihn zu ignorieren oder vor ihm zu flüchten: Vielleicht haftete dieser Fremdkörper gar nicht Jean oder mir an, sondern gehörte zu dem von fremden, drängelnden und entnervten Menschen angefüllten Bahnsteig. An einem anderen Ort mochten wir mehr Ruhe finden, dachte ich und schlug vor, in unserem Stammcafé ein kleines Mittagessen zu uns zu nehmen. Jean schien mir einen Imbiss dringend nötig zu haben, doch er wollte sich nur zurückziehen an einen Ort, wo unsere Zweisamkeit vollkommen ungestört wäre. Also begaben wir uns ohne Umwege in meine Wohnung, wo wir uns liebten: wieder und wieder, zwischen den zerwühlten, schweißnassen Laken.
Da wurden Jeans Bewegungen auf einmal unsicher. Die Unruhe, die von ihm ausging, durchbrach unsere Verbindung. Zitternd fiel Jean neben mir auf das Bett. Ratlos und verängstigt hing ich an seinem Arm und bedeckte ihn mit besorgten und fragenden Blicken. Aber zwischen den klappernden Zähnen vermochte Jean kein Wort hervorzubringen. Unter Krämpfen entrangen sich ihm nur unartikulierte Laute. Er stöhnte, röchelte, schnappte nach Luft und zitterte in meinem Bett wie unter der Einwirkung starker Elektroschocks. Das Bett erbebte unter seiner Bewegung. Plötzlich schienen auch die Wände zu beben, langsam auf uns zuzustürzen. Ich sprang auf und stieß einen langgezogenen Angstschrei aus. Jean kroch mir hinterher. Ungelenk glitt er aus dem Bett und schlug hart auf dem Boden auf. Meine Stimme versagte, aber mein Mund blieb weit aufgerissen. Stumm schrie ich weiter, während Jean die Finger erst um die Beine des Beistelltischs und dann in den Teppich krallte, um sich zu seiner Reisetasche vorwärtszuziehen. Eine fürchterliche Minute lang tanzten seine Hände unkontrolliert um einen der Reißverschlüsse herum. Endlich zog er aus der geöffneten Tasche eine Dose hervor, aus der unter seiner zitternden Bewegung Pillen herausfielen wie grausiges Konfetti aus einem Tischfeuerwerk. In einer unmenschlichen Kopfbewegung ließ Jean sein Gesicht auf eine der auf dem Boden verstreut liegenden Pillen fallen. Er schluckte sie wohl, denn wenig später verebbte sein Anfall.
Das Zimmer lag still wie ein Friedhof. Ich war in gebeugter Haltung mit fest vor der Brust verschränkten Armen erstarrt. Jean lag reglos auf dem Boden. Nur die sachte Hebung und Senkung seines Brustkorbs verrieten, dass er lebte. Ich selbst war nicht mehr als ein Geist.
„Jean?“, fragte ich nach einer Weile.
„Ja?“, nuschelte er schwach in den Teppich hinein.
„Was war das?“
Als ich nach geraumer Zeit noch keine Antwort erhalten hatte, machte ich einen Schritt auf Jean zu, legte ihm eine Hand auf den nassen und kalten Rücken und griff mit der anderen nach der halbleeren Pillendose. Das Wort „Lorazepam“ prangte auf dem Etikett.
Lorazepam war ein Mittel gegen Schlafstörungen. Jean hatte es von einem der anderen Roadies erhalten, über dessen Absichten zu urteilen Jean sich weigerte. Gegenüber meinen Fragen, ob sein Kollege aus einer perversen Lust an der Bosheit Jean in die Abhängigkeit geführt haben mochte, stellte Jean sich taub. Nicht Arglosigkeit wohnte seiner Verweigerungshaltung inne. Jean kannte die Schlechtigkeit der Welt gut genug, doch mochte er den Fehler begangen haben, sich selbst davor gefeit zu fühlen. Weder konnte ich ihm das übelnehmen noch gänzlich verzeihen. Meine Gefühle wirbelten wild durcheinander und nur zwei der zahlreichen Gedanken, die mich durchkreuzten, erschienen mir vernünftig und richtig: „Vergiss diesen Job, Jean, ich bitte dich. Du musst gesund werden, nichts Anderes ist jetzt wichtig. Ich weiß, du wirst das hassen: Doch wir müssen zum Arzt. Du brauchst“, ich stockte, „wir brauchen Hilfe.“ Und nicht nur ärztliche, dachte ich, sondern wir bedurften noch einer Hilfe ganz anderer Art: Wir müssten lernen, uns wieder unserer selbst zu bemächtigen. Das schien mir für alle Menschen zu gelten. Wieder spürte ich den Zorn in mir aufsteigen, der so unbestimmt auf die ganze Welt zielte, dass er letztlich ins Leere traf. Ich wusste meine Wut nicht nutzbringend einzusetzen: Da war nichts, das ich hätte tun können, als Jean jetzt ins Bad zu helfen, damit er sich am Waschbecken auffrischen konnte. Das Wasser rann ihm über Gesicht und Hals. Genauso schien unser Leben zu zerrinnen. Wir konnten die Hände darunter halten, um es aufzufangen, aber es glitt uns doch durch die Finger.
10 Entwöhnung
Die Hausarztpraxis war mit niesenden, hustenden und spuckenden Menschen angefüllt. Die rücksichtsvolleren unter ihnen trugen billige Atemschutzmasken oder Tücher, mit denen sie ihre Münder und Nasen bedeckten. Trotzdem lag die von krankem Atem angereicherte Luft schwer und erstickend in dem Warteraum.
„Wer des Lebens müde ist, der gehe zum Arzt“, sagte Jean und ergänzte: „Hier holt man sich den Tod.“
„Es ist Sommer“, warf ich ein. „Bestimmt plagen sich die meisten Patienten nur mit Allergien.“
Jean quittierte meinen schwachen Beruhigungsversuch mit einem verächtlichen Schnauben und zog demonstrativ den T-Shirt-Kragen über die Nase. Bevor er noch die Kapuze seines Pullovers über den Kopf warf, sah ich den Schweiß an seinen Schläfen. Er mochte von der nervlichen Zerreibung herrühren oder von der Übelkeit und den Muskelkrämpfen, mit denen Jean zu kämpfen hatte. Sein Gesicht war leichenblass. Gelegentlich packte ein Zittern gewaltsam seinen Körper oder was davon übrig war. Schmerzhaft durchzuckte mich der Gedanke, dass er sich noch elender fühlen mochte als sein Anblick anmutete.
Endlich wurden wir aufgerufen. Der Arzt gab sich sachlich und beinahe unbeteiligt, doch gerade diese Leidenschaftslosigkeit erweckte den Eindruck, dass er Jean insgeheim verurteilte. Er hatte längst eine eigene Geschichte erdacht, die Jeans Weg in die Lorazepamabhängigkeit erklären sollte. Seine Geschichte war unnötig pathetisch und diente mehr seinem Amüsement als der Wahrheitssuche. Wäre der Arzt an den wahren Ursachen für den Zustand seines Patienten interessiert gewesen, hätte er uns wohl einige Fragen gestellt. Doch der Klang seiner eigenen Stimme gereichte ihm zur Zufriedenheit. Er wusste, dass wir seines Rates wegen gekommen waren und weder irgendeine Macht noch ein Wissen besaßen, dass uns berechtigt hätte, ihm zu widersprechen.
Also verordnete er Jean einen schleichenden Entzug über mehrere Wochen, während der Jean sich bestenfalls in einer privaten Klinik aufhielte. Diese Art der stationären Behandlung erkannten Jean und ich als Vorschlag — nicht als Anweisung -, den wir gedanklich sogleich abschlugen, aber schweigend quittierten. Zum Abschied wünschte uns der Arzt „viel Kraft“. Das schiefe Grinsen, mit dem er diesen Wunsch aussprach und die dazu vor der Brust geballten Fäuste ließen die Phrase nicht nur abgedroschen, sondern höhnisch wirken. Verdrossen verließen wir die Praxis.
„Ich werde nicht die kommenden Wochen in einer Suchtklinik verbringen“, wiederholte Jean, worauf wir uns schon auf gleichsam telepathischem Wege geeinigt hatten und fügte grimmig hinzu: „Dieser Typ ist doch ein Tunichtgut. Sitzt dort auf seinem Bürostuhl wie auf einem Thron und gibt nette Ratschläge, die nur unsere Rechnung in die Höhe treiben.“
Als Jean so sprach, überkam mich eine Flutwelle der Zuneigung und spülte mich vollkommen weich. Ich hatte Momente erlebt, in denen ich Jean überhaupt nicht verstanden hatte. Zugleich erlebte ich mit ihm — und nur mit ihm — Momente wie diesen, in dem er mir aus der Seele sprach. Und er fuhr fort. Der Arzt musste ihn tief beleidigt haben, denn mit jedem Wort verfinsterten sich Jeans Stimme und Miene: „Ich begreife nicht, was das für Menschen sind, die aus der Krankheit eines Fremden noch Profit zu schlagen verstehen. Aus dem Leben drehen sie ein Geschäft, und auch vor der Krankheit und dem Tod machen sie nicht Halt.“ Er hielt inne und sah mir in die tränenverschleierten Augen. Ich wusste selbst nicht recht, warum ich zu weinen begonnen hatte, doch etwas in Jeans Rede hatte mich tief berührt. Jean umschlang mich fest, strich mir über das Haar und flüsterte sanfte Entschuldigungen. Ich schüttelte den Kopf, denn ich zürnte Jean überhaupt nicht, aber die Tränen erstickten meine Stimme. So verharrten wir eng umschlungen auf dem Bürgersteig, bis die Gefühle wieder tief in die Magengrube herabgesunken waren, wo sie nicht so sehr störten.
11 Nachtschicht
Während Jean zu Hause sämtliches Bettzeug mit eiskaltem Schweiß tränkte, mit zittrigen Händen unzählige Gläser Wasser verschüttete und sich insgesamt der Flüssigkeit und der Nährstoffe schneller entledigte, als er sie seinem Körper wieder zuführen konnte, musste ich tagsüber die Seminare in der Universität besuchen und Einkäufe erledigen. Abends arbeitete ich in Andrés Restaurant. Aber auch in der dazwischenliegenden Zeit, da ich Jean Gesellschaft leistete, konnte ich ihm keine Hilfe sein. Meine Ohnmacht quälte mich nicht weniger als ihn die seine. Allein die körperlichen Schmerzen konnte ich ihm nicht nachempfinden.
Trotz seines schlechten Zustands blieb Jean stets fair und versicherte, dass meine bloße Anwesenheit ihn schon erbaue. Wahrscheinlich entsprach das sogar der Wahrheit. Trotzdem glaubte ich, jedes Mal auch einen Funken Erleichterung in seinen Augen zu erkennen, wenn ich die Wohnung verließ. Ich verübelte es ihm nicht: Sich selbst überlassen, konnte er sich ohne Rücksicht und ohne Scham der Erbärmlichkeit hingeben, die der Entzug einem Süchtigen antut. Wenn ich von meinen Erledigungen und Pflichten wieder heimkehrte, ignorierte ich die Gerüche und sonstigen Anzeichen der Erniedrigung und tat so, als leide Jeans Würde an nicht mehr als ein paar Kratzern, deren Blutung mit einem einfachen Pflaster zu stoppen sei.
Bis mir selbst eine Wunde geschlagen wurde, aus der das Blut in Strömen fließen und einen Teil von mir unwiederbringlich mit sich reißen sollte.
Meine Schicht im Restaurant neigte sich dem Ende entgegen. Immer wieder schielte ich nach dem älteren Pärchen, das sich von mir eine Platte mit Gemüsehäppchen als Vorspeise, für ihn ein blutiges Steak mit Bratkartoffeln und für sie einen Wolfsbarsch mit cremigem Zitronenrisotto zur Hauptspeise, und zum geteilten Dessert eine Schale Mousse au Chocolat hatte bringen lassen. Als sie das Restaurant betreten hatten, waren sie mir sympathisch erschienen, weil sie einen abgelegenen Tisch in einer dunklen Ecke am Fenster wählten — wohl, um sich von dem Gelächter und den jauchzenden Rufen der übrigen, alkoholisierten Gäste etwas abzuschotten. Derweil hatten mich ihre üppigen Bestellungen aber verdrossen und die Art, wie sie von ruhigem Gemurmel in stummes Lächeln übergingen, wenn ich mich ihnen näherte, erweckte mein Misstrauen. Wären ihre Essenswünsche weniger edel und kostspielig gewesen, hätte ich sie wohl einfach für ein nettes altes Pärchen gehalten, das seine Privatsphäre schätzte. So aber hielt ich sie für Komplizen in irgendwelchen korrupten Finanzgeschäften. Vielleicht hatte ich zu viele Filme gesehen. Vielleicht reagierte meine Fantasie aber auch nur auf den anrüchigen Odor des Restaurants, auf das Amalgam von dunklen und roten Farbtönen in der Einrichtung, auf das rotleuchtende Neonschild draußen über dem Eingang: „Andrés Velvet Jardin“. Hatte ich den Namen zuerst für komisch und sogar etwas dümmlich gehalten, wurde mir seine Bedeutung allmählich bewusst. André hatte hier tatsächlich einen Garten geschaffen, aber es gediehen darin keine Rosen, Veilchen oder gar Gänseblümchen. Das Zwielicht der Kerzen und der Pendelleuchten begünstigte vielmehr giftigen Eisenhut und Tränende Herzen.
Dazwischen spross dieses ältliche Ehepaar und ich wünschte, es würde endlich die Rechnung verlangen, damit ich meine Schicht beenden könnte. Ungeduldig beobachtete ich das Paar von dem Platz an der Theke aus, als mich plötzlich André von hinten ansprach. Eine Kollegin hatte sich krankgemeldet und würde in der Nachtschicht fehlen. Gerade in dieser Nacht bedürfe André aber der geballten Personalkraft, denn er erwartete wichtige Gäste. Alles in mir wehrte sich gegen die Vorstellung, nachts in seinem Etablissement zu arbeiten. Deswegen erklärte ich scheinbar zusammenhangslos: „André, ich kann Bestellungen aufnehmen und Teller tragen. Mehr nicht. Außerdem wartet jemand zu Hause auf mich.“
Und mit scheinbarem Interesse antwortete André: „Achso, es wartet jemand auf sie. Wie heißt denn der Glückliche?“
„Jean.“
„Ah, ein französischer Name. Wie schön.“
„Seine Eltern waren früher Romantiker“, antwortete ich und die Unterhaltung nahm immer sonderbarere Züge an.
„Das kann ich gut verstehen.“
„Seine Mutter ist Trinkerin und sein Vater zieht auf der Suche nach dem großen Glück um die Welt. Jean hat ihn seit zwölf Jahren nicht gesehen.“
„Die Welt ist voller Grausamkeiten“, erwiderte André. „Aber nicht hier, in meinem Paradiesgarten. Hier blühen noch die Blumen für die hoffnungslos Sehnsüchtigen und die Träumer.“
„Manche Menschen haben perverse Träume“, platzte ich heraus, aber André ignorierte die Bemerkung.
„Sie sind ein gutes Mädchen, Jenny. Sie sind tüchtig und klug. Und noch dazu eine Schönheit. Die Trias des Erfolgs.“
Da war er wieder, der Erfolg: das ordentliche Leben, die gute Leistung im Studium und im Beruf, das Engagement, das Mitmachen, das Ja-Sagen. So geht das Leben nun einmal.
Also fand ich mich wenig später am Telefon wieder, um Jean zu erklären, dass ich in dieser Nacht später heimkehren würde. Ich legte auf, bevor er etwas erwidern konnte. Der geringste Einwand von ihm hätte mich umgestimmt. Doch genau aus diesem Grund hätte ich auf Jeans Antwort warten sollen. Wir lernen nicht aus Fehlern. Erst hatte mein Pflichtgefühl Jean in die Tablettensucht getrieben; jetzt trieb es mich in die Fänge eines arroganten alten Anwalts, dessen Runzeln so tief waren wie seine Taschen und seine Lust. Er war ein guter Freund von André und ein noch besserer Kunde. Er kam wöchentlich, nachts, um zu speisen und sich zu vergnügen. Für sein Alter war er außerordentlich schlaksig. Hätte seine innere Verderbnis weniger stark nach außen gewirkt, hätte er fast attraktiv erscheinen können. Aber das Böse strahlte aus dem künstlichen Weiß seiner Zähne und aus seinen gierigen Blicken, denen ich immer wieder sinnlos auszuweichen versuchte. Vier Worte genügten, mich in sein Blickfeld zu zwingen, und er machte ausufernden Gebrauch von ihnen.
„Komm doch mal her“, rief er jetzt erneut, und seiner Stimme wohnte eine physische Qualität inne, als legte sie sich schleimig über meinen ganzen Körper. Langsam kroch der Blick des Alten von meinen Fußspitzen die Beine hinauf, arbeitete sich über meine Hüfte und den Bauch, dann langsam die Brust entlang und verharrte kurz an meinem Hals. Ekel schüttelte mich. Ich wollte mich abwenden, doch im Rücken spürte ich Andrés nicht minder quälende Blicke, aus denen ein klarer Befehl sprach: Ich sollte meine Arbeit erledigen; André hätte wohl noch das Wort „professionell“ gebraucht.
Wie ich mich von dem Anwalt an der Hand nehmen und tiefer und tiefer in die hintersten Winkel des Etablissements führen ließ, war aber kaum professionell zu nennen. Ungeschickt und plump stolperte ich dem Alten hinterher wie ein Kind, das in zu großen Schuhen einen unbekannten, unheimlichen Weg zu gehen gezwungen wird. Noch nie hatte ich die Hinterzimmer des Restaurants betreten. Falls ich von ihrer Existenz gewusst hatte, hatte ich diese Kenntnis tief in mein Unterbewusstsein verbannt.
Auf unserem Weg durch die Gänge schienen die geblümten Tapeten ihre Festigkeit zu verlieren und in eine wabernde Eigenbewegung überzugehen. Sie stürzten auf mich zu, ohne mich jedoch zu berühren. Wie eine Somnambule ließ ich mich von dem Anwalt führen, bis mich an der Schwelle vom Gang in das Zimmer, in das er mich ziehen wollte, die Angst aufweckte. Ich sah das große Himmelbett mit den roten Vorhängen in der Mitte des Zimmers, den schwachen Lichtschein der Wandlampen, die giftigen Blumen auf der dunklen Tapete, und hielt mich an dem Türrahmen fest, ehe all das mich verschlingen konnte. Der Anwalt hatte vor mir den Raum betreten und hielt meine Zicken für den Beginn eines Vorspiels. Seine Selbstsicherheit und Arroganz schützten ihn vor jedem Zweifel daran, dass ich mich von ihm würde besitzen lassen wollen. Ich sah nicht mehr, ob dieser Schutzwall der Realität standhielt: Mit der Kraft der Verzweiflung riss ich mich los und hastete durch den Korridor zurück in den Speisesaal, wo die Gäste mich erstaunt oder missbilligend musterten. Sie waren allesamt Kopien des Anwalts. Bewusst ignorierte ich sie sowie Andrés empörte Gesten und Rufe und stolperte hinaus auf die nächtliche Straße.
Vor meinen Augen vermischten sich die Tränen mit den Tropfen des warmen Sommerregens. In einer Pfütze spiegelte sich das Neonschild über dem Restauranteingang. Wasser spritzte nach allen Seiten und drang mir in die Schuhe, als ich energisch auf die reflektierten Lettern trat, als könnte ich damit André selbst einen Schaden antun. Rasch bog ich um die nächste Ecke und rannte durch ein paar schmale, verwinkelte Straßen in der Furcht, André könnte mir nachlaufen. Als ich mich in Sicherheit wähnte, sackte ich in einer Seitengasse zusammen und blieb, an eine Hauswand gelehnt, weinend im Regen sitzen.
Erst am frühen Morgen kehrte ich heim. Im Treppenhaus hinterließ ich kleine Pfützen auf den Stufen. Im Wohnungsflur ließ ich die vom Regenwasser durchtränkte Jacke schwer auf den Boden fallen und stand dann reglos da. Wie ich den Weg zurück gefunden hatte, wusste ich nicht mehr. Meine Beine hatten mich von selbst hierher getragen und die Kraft gefunden, die Stufen zu erklimmen. Jetzt fühlte ich mich vollkommen ausgezehrt und aufgebraucht. Und als Jean sich verwundert und besorgt aus dem Schlafzimmer schleppte, standen in meinem Flur wortlos zwei leere Hüllen, die einmal von Menschen beseelt gewesen waren, und hielten sich gegenseitig fest, als müssten sie ohne diesen Halt zerstieben.
12 Geburtstagsglück
Man behauptet, die Zeit heile alle Wunden. Aber es ist nur der Klang dieses Satzes, der oberflächlich heilsam wirkt. Tatsächlich gewöhnt sich das Gefühl schlicht an den Zustand der Depression. Diese Gewöhnung bedeutete für mich weniger Heilung als Resignation, aber eine Zeit lang stellte mich das zufrieden.
Jean erging es ähnlich. Sein Zustand besserte sich. Es kostete uns einige Mühe, dem Arzt zu erklären, dass Jean nach der Entgiftung einer zusätzlichen psychischen Behandlung nicht bedurfte. Das Lorazepam hatte er genommen, um während der Musiktouren etwas Ruhe und Schlaf zu bekommen; wahrscheinlich war das Medikament unter den Musikern und Roadies auch irgendwie modisch. Der Doktor ereiferte sich, uns einzureden, dass diese Gründe nur vorgeschoben seien und Jean sich insgeheim ‚vor dem Leben fürchte‘. Da platzte es aus mir heraus: „Natürlich fürchtet er sich. Das Leben ist ja auch zum Fürchten, verflucht, aber deswegen bin ich da, verstehen Sie? Ich bin für Jean da, und er für mich. Wir brauchen Ihre Therapien und Ihre Antidepressiva nicht oder wofür Sie sonst noch Provision erhalten!“ Noch allerhand schlimmere Wahrheiten lagen mir auf der Zunge, aber ich schluckte sie herunter, als ich des seelenlosen Blicks des Doktors gewahr wurde. Dieser Mann betrachtete sich selbst als Unternehmer und alle seine Patienten als Kunden; und weil er alles geschäftlich behandelte, konnten ihm Worte kein Leid zufügen. Allein finanzieller Verlust bekümmerte ihn. Seine Reden über die Furcht vor dem Leben waren auswendig gelernte Formeln aus den Broschüren der Psychologischen Berater, an die er Patienten wie Jean üblicherweise verwies.
Aber weder Jean noch ich waren gewillt, uns als Teil dieses ärztlichen Schachers zu betrachten. Jean nahm keine Tabletten mehr und hatte die Entzugserscheinungen überwunden: Aus unserer Sicht lief der Vertrag zwischen uns und den Ärzten damit aus. Wir waren wieder frei — wenigstens, soweit es die Gesundheit betraf.
Wie unfrei wir aber tatsächlich noch waren, führte uns bald darauf mein Geburtstag vor Augen, denn die Familientradition verlangte, dass ich an diesem Tag meine Eltern besuchte. Jean sollte mich begleiten. Und ich würde erklären müssen, dass ich nicht mehr im Restaurant arbeitete, würde einen Grund angeben müssen und wusste nicht, ob ich bereit war, meinen Eltern die Wahrheit zu sagen. Ich schämte mich des grauenvollen Erlebnisses mit dem ekelerregenden Anwalt und verspürte wenig Lust, darüber nachzudenken; noch weniger, darüber zu sprechen. Mit Jean war es einfach gewesen, denn ihm gegenüber hatte ich nicht viel erklären müssen. Er hatte allein an meiner von Regen und Tränen durchnässten Erscheinung erahnt, was vorgefallen war. Indes meine Eltern wollten gern glauben, dass die Bemühungen eines Menschen um ein ordentliches und anständiges Leben auch bewirkten, dass in seiner Umwelt Ordnung und Anstand herrschten. Zu erfahren, dass in einem äußerlich unschuldigen Restaurant nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch Mädchen serviert wurden, hätte sie entsetzt. Vielleicht hätten sie sich sogar schuldig gefühlt, weil sie mich zu der Arbeit ermutigt hatten. Aber ich wollte ihre Schuldgefühle nicht wecken. Sie hatten sich zwar gewünscht, dass ich den ‚Ernst des Lebens‘ kennenlernte, aber sie hatten mit dem Ernst wohl kaum die Verderbnis gemeint. Doch ich wusste nicht, wie ich mich meinen Eltern gegenüber gerecht verhalten konnte und grübelte den gesamten Vormittag darüber.
Da schlug Jean einen Spaziergang zur Ablenkung vor. Die frische Luft tat mir wohl. Wir schlenderten in einem nahegelegenen Park am Ufer eines kleinen Bächleins entlang. Die Sonne schien mild, Vögel sangen ihr Lied. Ab und zu störte ein vorbeifahrendes Auto die Ruhe: Jedes Stück Natur in der Stadt war von Straßen eingekreist, so dass dem leblosen Lärm des Verkehrs nie ganz zu entgehen war. Ohnehin war die Parkanlage klein und wir verließen sie bald. Anstelle der Bäume säumten nun wieder Häuser den Gehweg. Dennoch gefiel mir die Gegend nicht schlecht. Nach Beendigung der Schulzeit war ich unter anderem hierher gezogen, weil die Geschäfte klein waren und überwiegend unabhängig geführt wurden. Es gab eine familiengeführte Bäckerei, daneben einen Gemüseladen, in dem ein vietnamesisches Pärchen arbeitete, ein winziges Antiquariat und eine uralte Poststelle. Früher hatte es auch eine Fleischerei gegeben, aber sie hatte sich nicht gehalten. Ihre Räumlichkeiten standen nun leer. Die Leute, die hier wohnten, hätten ihr Fleisch den Kühlregalen in den Supermärkten entnehmen müssen, doch ich beobachtete nie jemanden, der in den Läden Fleisch erstand. In ihren Einkaufstaschen trugen die Menschen überwiegend Suppenkonserven und weiße Brötchen in ihre Wohnungen. Hier gab es nur Plattenbauten: die einzige Bauweise, die auf eine seltsame Weise an mein Herz rührte. So, wie meine Mutter in der Vorstellung von einem verheirateten Paar mit Kindern in einem Einfamilienhaus Beruhigung fand, beruhigte mich der Anblick der so einfach und hübsch angeordneten Betonplatten mit ihren regelmäßigen Farbverzierungen und Fensterreihen. Hinter jedem Fenster verbarg sich ein Leben, angefüllt von Sorgen und Freuden, von denen jeweils nur eine Handvoll Menschen auf der Welt je etwas erfahren würde.
So in Gedanken versunken, übersah ich den kleinen Lottoladen, der während der vergangenen Tage in die Räume der ehemaligen Fleischerei gezogen sein musste. Aber Jean blieb abrupt davor stehen und zog mich, da ich schon ein paar Schritte weitergegangen war, zurück.
„Wollen wir spielen?“, fragte er und wies mit dem Kinn auf den Aushang im Schaufenster.
„Lotto?“, fragte ich etwas dümmlich. Ich hielt das Spielen für keine gute Idee, nachdem Jean gerade erst die Tablettenabhängigkeit überwunden hatte. Für einen Moment beschlich mich die Ahnung, dass in ihm vielleicht doch eine Neigung zur Sucht schlummerte, die zu erkennen ich mich bislang geweigert hatte. Aber er versicherte, dass wir es nur dies eine Mal versuchen wollten — zum Spaß -, er glaube ja selbst nicht daran, dass man gewinnen könne.
Weder Jean noch ich kannten die Spielregeln. Glücklicherweise war das Prinzip nicht schwer zu begreifen, und fröhlich knobelten wir lange die Zahlen aus, die wir ankreuzen sollten, obwohl es da gar nichts zu knobeln gab. Zwei Pechvögel versuchten ihr Glück, das war alles. Trotzdem behandelten wir unser Spiel sehr wissenschaftlich, jeder kreuzte drei Zahlen an, die Superzahl bestimmten wir gemeinsam. Bei der Abgabe des Scheins bemühten wir uns, ebenso ernste Mienen aufzusetzen wie der Lottoverkäufer, aber kaum hatten wir den Laden verlassen, brachen wir schon in schallendes Gelächter aus. Da fiel Jean etwas ein. Noch einmal steckte er seinen vor Lachen hochroten Kopf in den Laden und rief den Verkäufer an: „Entschuldigen Sie, Mister Croupier! Wann werden denn die Gewinnzahlen bekanntgegeben?“
Ohne ersichtlichen Grund schaute der Befragte auf seine Armbanduhr und sagte dann: „Am Mittwoch um 18.54 Uhr. Das ist morgen“, ergänzte er. Wir hatten unsere Planlosigkeit wohl schlecht vor ihm verborgen. „Schalten Sie am Abend im Fernsehen das zweite Programm ein.“ Seine Anweisungen sprach er mit einer Monotonie, die seine Abgebrühtheit verriet. Noch der halb ironische Ton in Jeans Verabschiedung ließ ihn unbeeindruckt: „Haben Sie vielen Dank für die Auskunft, Mister Croupier!“
Ich konnte mir den Verkäufer schlecht in einem Casino vorstellen. Er war das Gegenteil eines Entertainers. Welche Erlebnisse mochten ihm diesen teilnahmslosen Ausdruck ins Gesicht gemalt haben? Woran mochte er gerade denken? An seine Frau, die sich wünschte, er würde bald einen prestigeträchtigeren Job erlangen als den eines Lottoverkäufers? An seinen Vermieter und wie er dessen Gier würde befriedigen können? An den Feierabend und das Bier, das er dann mit seinen Kameraden aus Jugendzeiten teilen würde? Nie können wir wissen, was die Menschen um uns herum bewegt. Nur wenige gestatten uns einen Blick hinter die Fassade, doch meist können wir auch dann nur einen Bruchteil von dem erfassen, was dort vor sich geht. Bei dem Lottoverkäufer stand ich vor einer massiven, aschgrauen Wand.
Aber Jean hatte mir ein kleines Fenster zu seiner Seele gezimmert. Deswegen konnte ich jetzt seine Ausgelassenheit spüren, die zwar nicht ungetrübt war, weil darunter die traurigen Erfahrungen und eine von der ungewissen Zukunft gewiegelte Rastlosigkeit schwelten. Aber sich diesen Sorgen gegenüber einmal bewusst kindisch zu verhalten und jauchzend und quiekend durch die Straßen zu rennen, wie wir es jetzt taten, wirkte heilsamer als jedes Warten darauf, dass sich unsere Wunden mit der Zeit verschlössen.
Zumal der Lauf des Lebens die Wunden immer wieder zum Bluten bringt: Am Abend saßen Jean und ich im Wohnzimmer meiner Eltern wie zwei Häftlinge, die auf ihre Anhörung warten. Der Übermut vom Nachmittag war verflogen und an seiner statt hatte sich lähmende Beklommenheit unserer bemächtigt. Jean und meine Eltern begegneten sich zum ersten Mal persönlich und ich nahm an, dass die allgemeine Anspannung unweigerlich in einer Katastrophe aufgehen würde. Aber wider Erwarten blieb das Familiendrama aus, oder vielmehr: Jean war nicht der Anlass der melodramatischen Szene, die erst später am Abend einsetzen sollte.
„Setzt euch doch schon einmal an den Tisch“, bat meine Mutter, indem sie uns von der Couch aufscheuchte. „Wir sind gleich soweit mit dem Essen. Hoffentlich habt ihr Appetit mitgebracht. Zuerst waren wir ja verwundert, Jenny, dass du unbedingt zu Hause essen wolltest. Ein Restaurantbesuch wäre deinem Vater und mir doch passender erschienen anlässlich deines Geburtstags. Aber da du es dir gewünscht hast: Dein Vater hat gekocht, als würde er ein ganzes Kinderheim versorgen wollen.“
Ich stammelte etwas Unverständliches zur Erwiderung, das etwa bedeuten sollte, mir hätte einfach die Lust zu einem Restaurantbesuch gefehlt. Verloren blickte ich Jean an, der etwas unbeholfen hinzufügte: „Wir … verbringen die Zeit momentan lieber zurückgezogen. Der Lärm und der Trubel in der Stadt können doch überwältigend wirken.“
„Und das schon in eurem Alter“, mischte sich mein Vater fröhlich ein. Aus der Küche trug er ein mit gebratenem Hähnchenfilet beladenes Tablett herein und bat: „Also Kinder, wenn ihr mir helfen wolltet, den Tisch zu decken…“
Erleichtert ergriffen Jean und ich die Möglichkeit, durch geschäftiges Hin- und Herlaufen zwischen Küche und Wohnzimmer der direkten Interaktion mit meinen Eltern zeitweilig zu entgehen. Doch sooft wir noch nach Servietten, Taschentüchern, Streichhölzern, einer fehlenden Kelle oder einem Gewürzstreuer suchen mochten, saßen wir bald mit meinen Eltern am Tisch und tauschten ahnungsvolle Blicke aus. Jean musste spüren, dass seine Zeit gekommen war: Er wurde vor Gericht geladen.
Keine der Standardfragen blieb ihm erspart: Wer seine Eltern seien, was sie machten, womit er selbst seine Zeit verbringe und — die Preisfrage — wie seine Zukunftspläne aussähen. Mit einer Berechnung, die ich an ihm weder gekannt noch erwartet hatte, erzählte Jean gerade so viel und so wenig, dass er ohne zu lügen und ohne die ganze Wahrheit über sich und seine Familie preiszugeben, meine Eltern zufriedenstellte.
Gleichzeitig erkannte ich dankbar an, dass sich meine Eltern absichtsvoll leicht zufriedenstellen ließen. Feinsinnig übergingen sie die Leerstellen in Jeans Bericht. Ein schöneres Geburtstagsgeschenk, als mit Jean weder zu streiten und noch ironische Späße zu treiben, hätten mir meine Eltern nicht bereiten können. Als Jean erzählte, dass er sich als Keyboarder in einer Band versuche, gab mein Vater sogar einer nostalgischen Regung nach und erinnerte sich an seine eigene bescheidene Musikkarriere aus einer zurückliegenden Zeit, die genauso gut in einer anderen Dimension hätte liegen können.
Doch dann war die Reihe an mir, „Neues“ aus meinem Leben zu berichten. Eltern neigen dazu, ihre Kinder wie Tageszeitungen zu verbrauchen. Ich hatte eine Schlagzeile zu bieten, die sämtliche, während der vergangenen zwei Stunden mühsam aufgebaute Harmonie rasend schnell einzureißen vermochte. Denn als ich berichten wollte, dass ich nicht mehr als Kellnerin arbeitete, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Ich weinte wie ein kleines Kind, das vom Tod seiner Lieblingsgroßmutter erfährt. Erschrocken nahm mich meine Mutter in die Arme; mein Vater zog ein finsteres Gesicht, aus dem aber weniger Zorn denn Verwunderung über meinen jähen Gefühlsausbruch sprechen mochte.
Mit erstickter Stimme versuchte ich, weiterzusprechen, aber das Atmen fiel schwer und über das Schluchzen geriet jeder meiner Sätze zu einer losen Aneinanderreihung unverständlicher Worte. Da nahm Jean wie zur Bitte um die Erlaubnis, an meiner statt berichten zu dürfen, meine Hand. Durch den Tränenschleier suchte ich seinen Blick, um ihm meine Einwilligung anzuzeigen, und er begann, sachlich zu erzählen. Nicht aus Kaltherzigkeit rekapitulierte er meine schreckliche Nacht so nüchtern, sondern aus Rücksicht vor meiner Verletzlichkeit. Bald achtete ich weniger auf den Inhalt seiner Worte als auf ihren gleichmäßigen und unaufgeregten Klang, der mich beruhigte. Meine Mutter hielt meinen unter gelegentlichen Schauern erzitternden Körper noch immer fest umschlungen und den Blick starr auf Jean gerichtet. Mein Vater stützte mit der linken Hand den Kopf und umfasste mit der rechten Faust sein Rotweinglas, als gäbe der dünne Stiehl ihm einen Halt.
„Das ist ja furchtbar“, zerriss meine Mutter keuchend die Stille, die sich nach Jeans Bericht über das Zimmer gelegt hatte. Darauf sprach eine Weile wieder niemand, bis mein Vater in bedrohlichem Crescendo schimpfte: „So ein Schwein! So ein verdammter Hund! So ein… Dass so etwas lebt!“
Den letzten Satz schrie er ungezügelt heraus. Ich wusste nicht, ob er André oder den Anwalt meinte. Vermutlich traf sein Hass aber beide oder sogar alle Menschen ihres Typus: geldgierig und skrupellos.
„Widerwärtig!“, brüllte mein Vater so rau und tief wie im Alkoholrausch und schlug ebenso brachial mit der Faust auf den Tisch, dass die Teller klirrten. Meine Mutter zuckte zusammen und sah ihn mit großen Augen an, sagte aber nichts. Eine Weile verharrten wir in diesem Tableau, bis meine Mutter sich aus der Erstarrung löste, ihre Umarmung lockerte und unbestimmt in die Runde warf, dass man André verklagen müsse, denn: „Du hast doch mit der Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag nicht auch das Einverständnis gegebenen,…“ Sie konnte nicht aussprechen, wozu ich das Einverständnis gegeben haben mochte. Mit Mühe wich ich ihren fragenden Blicken aus. Die Vertragsunterzeichnung war wie ihm Traum geschehen. In meiner Erinnerung hafteten keine Sätze, die in den Dokumenten möglicherweise standen, sondern nur verschwommene Bilder: von André, der lächelte und mir die Papiere hinhielt, von einem fremden Kugelschreiber, von meiner Unterschrift, die ohne mein Zutun auf die Papiere gekommen zu sein schien. Auch später hatte ich mir den Vertrag nicht durchgelesen. Die Einsicht in meine Fahrlässigkeit trieb mir wieder die Tränen in die Augen und schüttelte mich, so dass meine Mutter ihre Arme wieder fester um mich schlang und schwieg.
Die Stille im Zimmer dauerte an, bis ich genügend Atem und Stimmkraft gesammelt hatte für die Bitte, die gesamte Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Ich wollte nicht mehr darüber nachdenken und insbesondere nichts unternehmen, sondern mich in die Verdrängung flüchten. Sich seinen Ängsten und Problemen zu stellen, konnten nur sorglose Menschen den geplagten raten. Der Mut zur Konfrontation war ein Privileg der Starken. Ich aber fühlte mich flattrig und schwach wie ein Blättlein im Sturm, und ich wählte die Flucht.
Meine Eltern passten sich ungern meiner resignativen Haltung an. Doch schließlich gaben sie nach und kamen meinem Wunsch entgegen, den Rest des Abends unaufgeregt ausklingen zu lassen. Wir wechselten vom Esstisch auf die Couch über. Mein Vater belegte den danebenstehenden Ledersessel: Das war angenehmer als am Tisch zu sitzen, weil wir auf diese Weise mehr oder weniger in einer Reihe saßen und uns nicht direkt ansehen mussten. Noch immer kämpfte ich mit den aufsteigenden Tränen, wenn mein Blick den meiner Mutter oder meines Vaters traf. Das unsägliche Gefühl plagte mich, sie enttäuscht zu haben, weil ich dem Job im Restaurant nicht standgehalten hatte. Zugleich wusste ich, dass meine Eltern nichts als Mitleid für mich und Hass auf die Verderbnis der Welt empfanden.
Aber dies waren nicht die Gefühle, die man an einem Geburtstag hegen wollte und wir zogen uns vor ihnen in die Banalität zurück. Leider birgt auch das Banale seine Tücken: „Wie steht es eigentlich um deine Wohnung, Jenny? Habt ihr mittlerweile eine hübsche Schlafcouch für euch zwei gefunden?“ Als meine Mutter die Schlafcouch erwähnte, zuckte ich erneut zusammen. Über Jeans Gesicht jagte ein Schatten, doch er hatte das Glück, mir in dieser Situation das Reden überlassen zu können. Zähneknirschend stieß ich also hervor, dass wir noch immer in dem alten Bett schliefen. Hier fand meine Mutter endlich das Loch in Jeans und meinem Leben, das sie stopfen zu können glaubte. Den Rest des Abends verbrachte sie damit, allerhand Ratschläge und ‚Inspirationen‘ für unsere Wohnungseinrichtung hineinzuwerfen und bemerkte dabei nicht, dass sie in ein Loch ohne Boden zielte.
Unter anderen Umständen wäre ich in Ärger geraten über ihre Unfähigkeit, den Zusammenhang zu erkennen zwischen den materiellen Ansprüchen, die sie uns aufoktroyieren wollte, und dem Übel, das Jean und mir in letzter Zeit zugestoßen war. Doch an diesem Abend konnte ich nicht mehr wütend werden. Kraftlos saßen Jean und ich bis Mitternacht da und lauschten der Predigt meiner Mutter. Gelegentlich wagte mein Vater, sie zu unterbrechen und vorzuschlagen: „Lass doch die Kinder. In dem Alter hat man für solche Kleinigkeiten keinen Sinn.“ Aber meine Mutter wusste, dass die Wohnungseinrichtung keine Kleinigkeit war, denn sie hatte in einer früheren Lebensphase Fengshui studiert. Und die Lehren des Fengshui waren auch von europäischen Experten bestätigt wurden. Von diesen Experten hatte ich eine schlechtere Meinung als von den Lehren des Fengshui, die mich durchaus auch faszinierten. Meine spirituelle Veranlagung war aber verkümmert, so dass ich nicht recht an sie glauben konnte.
Dagegen war ich überzeugt, dass mich meine Mutter um den Verstand bringen würde, wenn sie weiterredete, und so erklärte ich gegen Mitternacht, dass Jean und ich nun den Heimweg anträten. Meine Eltern entließen uns erst, nachdem wir versprochen hatten, noch einmal anzurufen, sobald wir zu Hause ankämen; was wir taten, um danach in der Geborgenheit meines schmalen, uns vertrauten Bettes einzuschlafen.
Auch den darauffolgenden Tag verbrachten wir im Bett. Ich konnte mich nicht motivieren, das Mittwochsseminar an der Universität zu besuchen. Allein der Hunger war stark genug, Jean und mich ab und zu aus dem Bett in die Küche zu treiben. Am Abend schalteten wir den Fernseher ein, um zu sehen, ob unsere Lottotipps geglückt waren. Und tatsächlich: Unter unseren angekreuzten Zahlen waren vier richtige, dazu hatten wir die Superzahl getroffen. Kindisch quiekten wir über unser Glück. Indes unsere Freude galt mehr dem Sieg über die Unwahrscheinlichkeit als dem finanziellen Gewinn. Wir fassten den — wie wir fanden — wunderbar zynischen Entschluss, von dem leidigen Geld die verwunschene Schlafcouch zu kaufen, die meine Mutter sich uns so sehr wünschte.
13 Flucht
Unter größter Anstrengung wuchteten die Möbelpacker das Ungeheuer die Treppe hinauf. Wäre mir das Sofa tatsächlich etwas wert gewesen, hätte ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, mir in verzweifeltem Zorn die Haare raufen und mein Gift in Richtung der schniefenden und schnaubenden Packer versprühen müssen, denn überall eckten sie mit dem Möbelstück an: am Treppengeländer, an den Stufen, an den Wänden. Aber mir war es ganz recht, wenn die Couch schon leicht demoliert bei mir ankäme. Ihr unberührt kaltes, sauberes und sachliches Polster hätte schlecht in Jeans und mein Leben gepasst und uns vielleicht gehemmt.
Wir hatten das Modell auch nicht eigentlich gewählt. Vielmehr waren wir in das Möbelhaus zurückgekehrt, in dem wir den Verkäufer schon kannten, und hatten die erstbeste Schlafcouch zum Preis unseres Lottogewinns ausfindig gemacht. Diesmal ermunterte uns der Verkäufer nicht, noch andere Modelle auszuprobieren. Seine Professionalität half ihm zwar, sein Verkäuferlächeln nicht zu verlieren, aber es war von deutlichem Widerwillen getrübt. Jean versuchte ihn zu trösten: „Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Sehnsucht wir nach Ihnen hatten“, sagte er, indem er dem mageren Mann eine Hand auf die Schulter legte. Doch der Verkäufer reagierte darauf einzig, indem er sich energisch der Berührung entzog.
Nichts hätte Jeans Zynismus besser entsprechen können als die Art und Weise der Möbelpacker, mit der Schlafcouch umzugehen. Der Fahrstuhl hatte sich als zu klein erwiesen, so dass sie das schwere, sperrige Möbelstück die sechs Stockwerke hinauf in die Wohnung schleppen mussten. Seine Ausmaße waren auch tatsächlich absurd. Leicht hätten darauf jeweils zwei, wenn nicht sogar drei Liebespaare Platz gefunden.
Obwohl ich also mit den Packern durchaus Mitleid empfand, wurde mir unbehaglich, während sie in meiner Wohnung die Bilder von den Wänden und einige leere Bier- und zu Kerzenhaltern umfunktionierte Portweinflaschen von den Schränken rissen. Als sie sahen, dass sie erst das alte Bett würden beiseite schaffen müssen, um das Sofa zu platzieren, wurden sie noch übellauniger. Rabiat räumten sie die Möbel um. Hilf- und zugleich nutzlos hatten Jean und ich in der Küche Platz genommen und lauschten nur dem von Flüchen begleiteten Klirren und Poltern zu Boden fallender Gegenstände im Schlafzimmer. Kummervolle und zornige Zuckungen schüttelten mich dabei. Die Bilder und Flaschen waren die einzigen Gegenstände, die mir in der Wohnung etwas bedeutet hatten, denn sie waren mit Erinnerungen verbunden. Und die entnervten Arbeiter zerschlugen sie zu Scherben.
Endlich rief ein Packer nach uns, damit wir das Ergebnis ihrer Arbeit würdigten. Im Schlafzimmer trat ich in einen Haufen von Glassplittern, die mir schmerzhaft in die bloße Fußsohle schnitten. Meinen Aufschrei quittierte der Packer mit der Bemerkung, eine Baustelle solle man nie barfuß betreten.
„Ich dachte, Sie hätten die Bauarbeiten beendet“, knurrte ich.
„Tja, entschuldigen Sie das Chaos“, wich der Packer aus. „Das alte Bett ließ sich ja noch einigermaßen herausschaffen. Es steht jetzt im Treppenflur, wir nehmen es gleich mit. Aber Ihre neue Couch-“ Er überlegte: „Nun, die ist schon ein Brocken. Aber sie passt wirklich einwandfrei ins Zimmer“, fügte er eilig hinzu.
„Ja“, Jean war hinzugetreten. „Die Couch passt. Aber nichts anderes findet im Zimmer mehr Platz.“
„Was sollte denn noch hinein?“, fragte der Packer mit einer Mischung aus Drohung, Skepsis und Angst. Er fürchtete wohl, noch irgendwelche Möbelstücke durch die Gegend tragen zu müssen.
„Wir zum Beispiel“, erwiderte Jean und legte einen Arm um mich.
„Aber Sie sind doch beide schlank und schmal“, rief der Packer erleichtert aus. „Sie schieben sich einfach an der Wand entlang, so wie ich jetzt“ — er presste seinen Rücken gegen die Wand und schob sich langsam, seitlich, an der Couch vorbei zur Zimmertür — „und voilà!“ Jetzt stand er neben uns, hinter sich die Couch, die wirklich das ganze Zimmer einzunehmen schien.
„Schön“, schloss ich. „Wirklich schön. Danke.“ Mehr gab es nicht zu sagen. Mein einziger Wunsch war, die Packer würden verschwinden. Jean erriet meine Gedanken und begleitete die Männer auf die Straße. Derweil verarztete ich notdürftig meinen zerschnittenen Fuß und zog mir Socken und Schuhe an. Eine Zigarette im Mund, lehnte ich dann an dem Rahmen der Schlafzimmertür und betrachtete die neue Einrichtung.
Als ich die Streichholzschachtel aus der Hosentasche fischte, um an einem der kleinen Hölzer die Zigarette zu entzünden, durchzuckte mich eine Idee wie ein greller Blitz den mitternächtlichen Himmel. Der erste Impuls kribbelte noch in den Fingerspitzen, als es mich das zweite Mal überkam und ich, ohne mir recht darüber im Klaren zu sein, was ich eigentlich tat, das brennende Streichholz auf die Couch schnippte. Es brannte noch einige Sekunden, ehe es erlosch. Ich starrte auf den verkohlten Zündkopf und zündete das nächste Streichholz an. Verzweifelt rang in mir die Vernunft nach Aufmerksamkeit und versuchte, Herr über meine Finger zu werden. Aber die hatten sich verselbständigt und entzündeten ein Streichholz nach dem anderen, bis ich bemerkte, dass die züngelnden Flammen nicht mehr von den Hölzern, sondern von der Couch ausgingen. Ich wartete, dass mich Schrecken packen und ich dazu schreiten würde, das Feuer zu löschen. Doch stattdessen überkam mich eine irrsinnige Freude. Ich sah nicht, wie das Spiegelbild der wachsenden Flamme in meinen Augen loderte, aber ich konnte es ebenso spüren wie das verrückte Grinsen, zu dem sich jetzt mein Mund verzog.
„Jenny!“ Jeans erschrockene Stimme riss mich aus der Trance. Er zog seine Jacke aus, um damit das Feuer zu löschen, aber es war schon zu groß und Jeans Mühen vergebens. Lachend rief ich: „Lass, Jean, lass! Nimm dir ein paar Sachen, schnell. Wir verschwinden von hier.“
Entgeistert starrte er mich an: „Wohin?“
„Irgendwohin“, sagte ich. „Nur weg von hier. Mit dir. Wir nehmen deinen Wagen und fahren weit fort!“ Während ich sprach, erkannte ich, dass ich zum ersten Mal seit Wochen und Monaten wirklich meinte, was ich sagte. Es war, als hätten Gewitterwolken wochenlang meine Gedanken verhangen und verwirrt, und als verzögen sich endlich diese Wolken.
Nur Jean konnte noch nicht sehen, wie ernst es mir war. Mit ungläubigen Blicken verfolgte er, wie ich mir aus dem Kleiderschrank zwei Koffer und einen Rucksack griff und unsere Kleider, Papiere und Ausweise, die nötigsten Hygieneartikel und ein paar Essensvorräte zusammensuchte. Reglos stand Jean da, bis ich ihn am Arm packte und hastig aus der brennenden Wohnung zog.
Da schien er endlich zu begreifen, dass mein Entschluss endgültig war. Im Laufen riss er mir die Koffer aus der Hand und sprintete vor, die Straße hinunter zu seinem Wagen. Er warf die Koffer auf den Rücksitz und hatte das Auto schon angelassen, als ich kaum eingestiegen war. Noch ein letztes Mal hielt er inne, sah mir tief in die Augen, blickte in den Rückspiegel, stieß einen befreiten Schrei aus und fuhr los.
Auch ich blickte noch einmal zurück auf den mittlerweile gräulich verhangenen Himmel: Wir hatten das Schlafzimmerfenster offen gelassen. Auf der Straße sammelten sich die übrigen Mietparteien und wiesen mit den Fingern auf den aufsteigenden Rauch. Vermutlich schrien sie etwas, vermutlich rief jemand die Feuerwehr. Aber die Bewohner der brennenden Wohnung waren längst außer Gefahr.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich die Beklemmung ganz von mir abfallen. Die ungewisse Zukunft schreckte mich nicht. Ich verschwendete keinen Gedanken an sie. Ich dachte nur an Jean, der neben mir saß und den Wagen lenkte, aus der Stadt hinaus, auf die leere Straße zwischen den weiten Feldern. Am Horizont standen Windräder still. Vögel umschwirrten sie, als feierten sie ihren Triumph über die toten Konstruktionen. So kräftig wie ihre Vogelflügel schlugen unsere Herzen.
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