La hora Ecuadoriana — oder das südamerikanische Zeitgefühl
Immer eine Stunde zu spät — pünktlich auf ihre Weise Nein, unpünktlich sind die Ecuadorianer nicht. Sie kommen einfach fast immer genau…
La hora Ecuadoriana — oder das südamerikanische Zeitgefühl

Immer eine Stunde zu spät — pünktlich auf ihre Weise Nein, unpünktlich sind die Ecuadorianer nicht. Sie kommen einfach fast immer genau eine Stunde zu spät. Das ist ja auch eine Art von Pünktlichkeit. Hat man genug Zeit, ist das kein Problem — man kann sich darauf einstellen. Steht man aber unter Zeitdruck, kann es schnell zu einer Nervenprobe werden. Schon vor meinem ersten Besuch in Ecuador im Jahr 2002 hat mir eine ecuadorianische Bekannte die hora ecuatoriana so erklärt: Man geht zur Bushaltestelle und wartet. Irgendwann kommt der Bus schon. Kommt er, steigt man ein. Kommt er nicht, geht man halt zu Fuss. Kurz darauf erlebte ich es selbst: Wir hatten eine mehrtägige Dschungeltour in Baños gebucht. Am letzten Tag warteten wir am vereinbarten Treffpunkt auf unseren Fahrer. Und warteten. Stundenlang. Als er endlich kam, fragte unser Guide wutentbrannt, warum er erst jetzt auftauche. Seine Antwort: „Du hast gesagt, ich soll am Montag kommen. Es ist ja Montag.“ Auch heute hat sich diese Art zu denken nicht geändert. Fragt man einen Fahrer unterwegs, wie lange es noch bis zum Ziel dauert, lautet die Antwort fast immer: „A la vuelta“ — nur noch um die Kurve. Dass diese Kurve gerne mal eine Stunde dauert, muss man einfach hinnehmen.
Kilometer, die ewig dauern Vor Kurzem überredete uns der Bruder meiner Frau zu einem Angelausflug in den Bergen. „Nur 20 Minuten von hier“, versprach er. Nach einer halben Stunde wurde die Strasse immer holpriger, steiniger und enger. Auf unsere skeptischen Blicke hin meinte er nur gelassen: „Nur noch ein Kilometer.“ Dass ein Kilometer auf einer ecuadorianischen Bergstrasse länger dauert als auf einer Schweizer Autobahn, ist klar. Aber 45 Minuten für diesen „letzten Kilometer“ sind dann doch ziemlich lange. Auf der Rückfahrt wurden wir zudem noch zwei Stunden lang von einer Freiluftmesse samt Tanz und Fest blockiert (siehe letzte Kolumne). Die Fahrt zum Flughafen Solche Verzögerungen sind völlig in Ordnung, solange man Zeit hat. Kritisch wird es, wenn man — wie wir — pünktlich einen Flug erreichen muss. So geschehen, als Andrés, der Cousin meiner Frau, uns für den Weiterflug nach Cuenca abholte. Andrés ist Geschäftsführer, Bergführer, Philosoph und Autor — die Freundlichkeit und Herzlichkeit in Person. Wenn nur das mit der Pünktlichkeit nicht wäre. Zuerst kam er mit der gewohnten Stunde Verspätung. „Keine Sorge, wir schaffen das“, meinte er sanft lächelnd. In dem viel zu kleinen Auto sass auch seine Freundin, die uns ebenfalls auf den Flughafen begleiten wollte. Dies löste bei mir bereits die ersten Schweissausbrüche aus: Wie sollen vier Erwachsene, zwei Kinder, zwei Katzen und acht Handgepäckstücke in so ein kleines Auto gepfercht werden? Zu meiner Überraschung — und das ist auch eine ecuadorianische Fähigkeit — ging es irgendwie. Als wir uns endlich hineingedrückt hatten, mussten wir sogleich wieder raus: Andrés’ Freundin hatte ihre Handtasche verlegt. Sie suchte im Auto, ging nochmals rauf zur Wohnung, suchte nochmals im Auto … Andrés nutzte die Zeit, um seelenruhig noch ein paar Anrufe zu tätigen. Ich blickte auf die Uhr, der Schweiss stand mir auf der Stirn. Ruhig bleiben, durchatmen, nur nichts sagen. Schliesslich tat er uns mit der Fahrt auf den Flughafen ja einen grossen Gefallen. Wie war ich erleichtert, als die Tasche unter dem Rücksitz gefunden wurde und wir mit 90 Minuten Verspätung losfahren konnten. Endlich!
Die Zeit wird knapp Dann, nach nur fünf Minuten, der nächste Stopp: Der Tank war leer. Wieder eine Verzögerung. Während ich gefühlt jede Sekunde auf die Uhr blickte, nutzte Andrés die Fahrt, um mit meiner Frau in aller Ruhe über das Leben in Ecuador zu philosophieren. „Keine Sorge, wir schaffen das“, wandte er sich ab und zu an mich. Mein Herz raste. In meinem Kopf jedoch kreisten immerzu nur die gleichen zwei Gedanken: Erstens — Was, wenn wir den Flug verpassen? Und zweitens — garantiert nie mehr mit Andrés zum Flughafen fahren! Als wir dann nach einer gefühlten Ewigkeit endlich am Flughafen ankamen, reichte die Zeit nicht einmal mehr für eine Verabschiedung: Wir packten unser Gepäck, rannten zum Check-in (der zwei Minuten später geschlossen hätte) und schafften es mit letzter Not genau noch rechtzeitig zum Gate. Dann die grosse Überraschung: Dieses war geschlossen. Ironie der Geschichte — der Flug wurde, ganz ohne Vorankündigung, vor wenigen Minuten wegen technischer Probleme gestrichen. Kurz darauf klingelte mein Telefon. Andrés war dran. Sein Kommentar: „Ich habe ja gesagt, dass wir es schaffen — ecuadorianisch pünktlich.“
Weitere Berichte zum Leben in Ecuador unter www.silvanmeier.com
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