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Reichshauptstadt — privat

Kapitel 92 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Gundolf S. Freyermuth · 2026-01-11 03:47 · 9 claps · 6.4 min read
#fernsehen #berlin #stunde-null #drittes-reich #1980er
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Wiki topics: 🎬 · Film & Television

Reichshauptstadtprivat

Kapitel 92 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Reichshauptstadt der Erinnerung: Die Generation, die im Dritten Reich jung war, erinnert sich an einen mehr oder weniger Nazi- und schuldfreien Alltag, den es nie gab (Illustration: Google’s Nano Banana Pro).

Reichshauptstadt der Erinnerung: Die Generation, die im Dritten Reich jung war, erinnert sich an einen mehr oder weniger Nazi- und schuldfreien Alltag, den es nie gab (Illustration: Google’s Nano Banana Pro).

„Das Gedächtnis spielt Roulette“

Ein paar Wochen später bringt die Post eine VHS-Besprechungskopie von Reichshauptstadt — privat. Die Handlung wird aus der Perspektive jener Bundesdeutschen erzählt, die in ihrer Kindheit und Jugend Hitlerjungen und BDM-Mädchen, Flakhelfer, Soldaten, Kriegsbräute und Teenie-Kriegerwitwen waren. Mit der „Stunde Null“ begann 1945 ihr zweites Leben. Ich schaue mit zunehmender Fassungslosigkeit. Wolfgang manipuliert geschickt die Zeitebenen, die Gegenwart des Jahres 1987 und die Jahre in der Reichshauptstadt nach 1937.

Die Hauptfiguren Anna und Kurt sind Mischpersonen. In ihnen verdichten sich Schicksale und Erlebnisse mehrerer der eingeschickten Lebensgeschichten. In der Gegenwart lebt Kurt in Kanada. Er kommt nach Berlin, um Anna einen Heiratsantrag zu machen. Beide sind knapp über sechzig Jahre alt. In der Vergangenheit lernen die beiden sich auf einer Schiffsreise der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ kennen. Kurt ist angehender Architekt. Anna arbeitet in einem Berliner Modesalon. Sie führt damals ein Tagebuch, das sie nun Kurt in der Gegenwart lesen lässt. Beide verbringen bis 1942 „unbeschwerte“ Jahre in Berlin. Dann erhält Kurt seinen Einberufungsbefehl, gerät in Kriegsgefangenschaft und wird wie Zehntausende anderer deutscher Soldaten in ein kanadisches Lager verschifft. Anna hat in Berlin eine Affäre mit einem anderen jungen Mann auf Heimaturlaub. Kurt will Anna per Ferntrauung heiraten. Sie lehnt seinen Antrag in der Vergangenheit ab — und jetzt auch in der Gegenwart. Denn Kurt hat nach ihrer ersten Abweisung kurzerhand ihre beste Freundin geheiratet. Das ist der Plot.

Mehr Gewicht als auf diese rahmende Geschichte einer verpassten Liebe legt der Fernsehfilm jedoch auf die Rekonstruktion des vergangenen Alltags — Mode, Musik, Kinofilme. Die Mischung aus „erfundenen“ Spielszenen und „gefundenem“ Material führt mit jeder Minute mehr vor, wie eine Generation ihre Erinnerung abstreift. Wer unter dem nationalsozialistischen Regime aufwuchs, musste nach 1945 vergessen, was bis dato als gut und richtig gegolten hatte und nicht zu retten war. Und die meisten haben es wild entschlossen getan. Sie haben neu angefangen, aufgebaut, Karriere gemacht und wurden wieder wer.

„Das Gedächtnis spielt Roulette“, sagt Anna über das Dritte Reich ihrer Erinnerung. „Es gibt keinen Sinn.“

Doch das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Den kollektiven Geschichtsverlust, den der Film überwinden will, führt er treffend als individuelles Verdrängen vor. Als Kurt in Annas Tagebuch die Geschichte ihrer Liebe gelesen hat, wundert er sich:

„Ist alles ganz fremd! Als ob ich mit dem allen nichts zu tun gehabt hätte.“

Und Anna sagt: „Aber du hattest.“

Der Führer trägt ein Chaplin-Bärtchen

Seit den frühen sechziger Jahren haben Angehörige dieser Generation in der zweiten deutschen Demokratie das Sagen. Sie sind die Väter und Mütter, die Lehrer und Chefs, sie bestimmen die Richtlinien in Wirtschaft und Politik. Ende der achtziger Jahre aber werden sie Großmütter und Großväter und geben allmählich die Macht an Jüngere ab. Zeit, sich zu erinnern und Rechenschaft über das eigene Leben abzulegen. Solche Selbstreflexion an der Schwelle zum Alter erschwert freilich der Umstand, dass die Basis des Aufbaus der bundesdeutschen Identität gerade das Vergessenwollen war.

Für die Nachgeborenen bedeutet diese kollektive Amnesie der Eltern- und Großelterngenerationen einen irritierenden Verlust an geschichtlicher Kontinuität. 1987, als Reichshauptstadt — privat ausgestrahlt wird, kennen die meisten Bundesdeutschen die kurzen und zugleich verheerenden zwölf Jahre des tausendjährigen Reichs noch aus eigener Anschauung. Eine wachsende Minderheit aber nicht. Uns bleibt nur, die Augen zu schließen und das Gehirnkino laufen zu lassen:

Der Führer trägt ein Chaplin-Bärtchen und hat einen ruckeligen Gang, Tausende von gierigen deutschen Hälsen strecken sich ihm entgegen wie dem Vogelvater, der Nahrung bringt. Aus den Häusern hängen gestärkte Fahnen, größer als Bettlaken. Ein Geschrei liegt in der Luft, bei dem die Beatles zu ihren besten Zeiten vor Neid erblasst wären: Das sind mehr oder weniger die Geschichtsfetzen, die wir Nicht-Augenzeugen gesehen haben — die offiziellen Bilder, die von den Nazis über uns gekommen sind. Gefilmt wurden sie im Auftrag, und ihn erfüllen sie weiterhin, auch wenn ein neues Publikum sie sieht und den Kopf schüttelt. Unglauben hin und Ekel her, die Nazi-Inszenierungen klittern im Fernsehen noch die kritischste Geschichtsdarstellung.

Kreative Archäologie auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Aber bei allen guten Geistern, die Deutschland verlassen hatten: So kann es nicht jeden Tag zugegangen sein. Für dieses andere fehlt die Vorstellungskraft. Freiwillig aber gibt diese Zeit, geben ihre Bewohner wenig preis. Niemand hat eine Tonaufnahme gemacht beim Arzt, als der Volksschulrektor, der stadtbekannte Humanist, den Herrn Doktor mit einem zackigen „Heil Hitler“ begrüßte; niemand hat fotografiert auf dem Hinterhof, als die Kinder des minderwertigen Volks Senge bekamen; niemand hat gefilmt beim Bäcker, wo die Zweibeiner mit dem Stern am Mantel warten mussten, bis sich all die „deutschen“ Menschen hatten bedienen lassen. Und auch so gut wie niemand hat es aufgeschrieben.

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

Die Schubladen der Literaten enthielten, als sie in der „Stunde Null“ geöffnet wurden, null Material. Die „innere Emigration“ blieb ein Versteckspiel vor dem eigenen Gewissen. Die Literatur, traditionell für die Nachgeborenen ein wichtiger Erinnerungslieferant, hat versagt; die des Dritten Reichs in Gänze; die des Exils gezwungenermaßen. Zu fremd waren den Ausgetriebenen die Vor- und Nachkriegstrümmer des Reiches, das einmal ihre Heimat war. Die emigrierten Schriftsteller konnten nicht wirklich zurückkehren und an ihre alten Erfolge anknüpfen. Eine neue Generation von Autoren, Kriegsteilnehmer zumeist, schrieb die Literatur der Adenauer-Republik. Und in ihr kam auf das, was in den zwölf Jahren zwischen 1933 und 1945 nicht Krieg war, kaum die Rede.

Ende der 1980er Jahre bleiben daher nur Spurensuche und Rekonstruktion, die Arbeit der logischen Fantasie, um das Ausgegrabene, Schriftliches wie Mündliches, zu Geschichten zusammenzufügen, die das historische Geschehen verlebendigen. Diese Art kreativer Archäologie haben WM und Horst Königstein mit Reichshauptstadt — privat versucht — mit großem Einsatz und beeindruckendem Erfolg. Sie haben gefragt, zugehört und das Erforschte so montiert, dass immer wieder das Licht der ganz normalen Tage aufblitzt und die zwölfjährige Dunkelheit erhellt. Entstanden ist in der Gesamtheit — dem zweiteiligen Fernsehspiel, den vier Folgen des dokumentarischen Sittenspiegels und dem begleitenden Band mit dem fiktiven Tagebuch Annas, ergänzt durch 300 Zeitdokumente — ein Protokoll ihres vergeblichen Erinnerns. In der Summe auch ein sehr persönliches Werk.

„Jeder hat in seiner Familie ein verwahrtes Stück Geschichte“, erzählt Horst Königstein, geboren 1945. „Ich bin zum Beispiel aufgewachsen inmitten von Ruinen. Und ich habe mich nie gefragt, warum die da sind. Erst ganz allmählich fing das an. Da hat etwa Onkel Alex den Goebbels nachgemacht, alle haben gelacht, aber ich habe nicht gewusst, wer das ist. Dann gab es Familienfotos, wo die Verwandten Uniformen trugen. So entwickelten sich meine Fragen Stück für Stück. Und immer noch kommt was nach. Als meine Mutter von dem geplanten Film erfuhr, sagte sie plötzlich: ‚Wir hatten eine Riesenhakenkreuzfahne. Als der Amerikaner kam, hab’ ich die gegen zwei Pakete Lucky Strike eingetauscht.‘ Davon wusste ich nichts.“

Die Kritik — ratlos

Der Zweiteiler wird im Oktober 1987 im ersten Programm zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Das Publikum — man darf vermuten: vor allem das ältere — reagiert positiv. Die Kritiken hingegen fallen fast durchweg negativ aus; wenn auch mit sehr unterschiedlichen Begründungen. Barbara Sichtermann schreibt in Die Zeit unter der Überschrift „Reichsdeutsche Schlaftablette“:

„Was die Kritik befürchten muss, ist natürlich eine Apologie: Wird da etwa, wie es im ‚Historikerstreit‘ anklang, beschönigt, relativiert, abgelenkt?“ Sichtermann kann jedoch Entwarnung geben: „Was man dem aufwändigen Zweiteiler vorhalten muss, ist, dass er die Zone eines möglichen Sündenfalls, der Opferung von kritischer Haltung auf dem Altar schieren Entertainments gar nicht erreicht: weil der Film viel zu fad ist! Hätten die Nazis ihr Volk mit Unterhaltung von einem solchen Attraktivitätsgrad umworben, das Dritte Reich wäre uns erspart geblieben.“

Der Spiegel sieht dagegen einen ganz anderen, nämlich hemmungslos unterhaltenden Film. In ihm sind „die Beziehungskisten so gezimmert, dass Zeitgeschichte nur noch als leises Außengeräusch bemerkbar ist“: „So bedenkenlos wie Menge und Königstein hat das Fernsehen hierzulande noch nie NS-Realität in Seifenoper verwandelt.“

Der Neuen Zürcher Zeitung schließlich erscheint „dieses Experiment zumindest vom Konzept und dem Aufbau der Geschichte her durchaus gelungen“. Bemängelt werden jedoch am Fernsehspiel die „Manieriertheiten der Inszenierungen“ und an der vierteiligen Dokumentation, die nur in den dritten Programmen zu sehen ist, falsche Fokussierungen: „Randerscheinungen des Berliner Lebens von damals, wie etwa der Amerikafimmel swingbegeisterter Jugendlicher, werden ungebührlich aufgewertet. Den Splittern individueller Renitenz gegenüber dem herrschenden Regime verleiht das eine Bedeutung, die sie keineswegs hatte.“

Am negativsten fällt 1994 eine wissenschaftliche Einordnung aus. In seiner Überblicksstudie „Die Entsorgung des Gedächtnisses. Faschismus und Holocaust im westdeutschen Fernsehen“ bezeichnet Michael E. Geisler das Fernsehspiel als „ein alarmierendes Dokument einer Erinnerungs-Verschiebung auf generationsspezifischer Ebene“. Die Darstellung unternehme — unter Ausblendung von Verfolgung und Terror — „die nostalgische Errettung der ‚fehlenden Jahre‘ einer ganzen Generation“.

Wer Reichshauptstadt — privat heute sieht, erlebt weniger Revisionistisches: eine längst verstorbene Generation von Vergesslichen auf der Suche nach ihrer verlorenen Zeit, ein Protokoll vergeblichen Erinnerns. Das private Leben ‚unter Hitler‘ bleibt allen materiellen Zeugnissen und spielerischen Rekonstruktionen zum Trotz unvorstellbar — selbst das eigene, wie im Falle der Helden Anna und Kurt und ihres gleichaltrigen Autors.

„Irgend etwas muss kaputt gegangen sein in uns“, lässt WM gegen Ende Anna sagen, gänzlich anti-nostalgisch, „sonst könnten wir nicht so tun, als wäre nichts passiert.“

***

Vorheriges Kapitel: 91 Deutsche Helden, jenseits von Auschwitz

Nächstes Kapitel: **93 Ceterum censeo Bonarum esse delendam**

Englische Fassung auf Medium:

Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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