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Fernsehen? Nebenbei vielleicht

Kapitel 95 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Gundolf S. Freyermuth · 2026-02-01 03:29 · 0 claps · 6.2 min read
#fernsehen #1980er #öffentlich-rechtlich #vcr #parteien
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Fernsehen? Nebenbei vielleicht

Kapitel 95 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Öffentlich-rechtliche Feigheit über dem Abgrund parteipolitischer Kontrolle: WM kritisiert früh die Selbstverzwergung und bürokratische Sklerotisierung “seiner” Sender (Illustration: Google’s Nano Banana Pro).

Öffentlich-rechtliche Feigheit über dem Abgrund parteipolitischer Kontrolle: WM kritisiert früh die Selbstverzwergung und bürokratische Sklerotisierung “seiner” Sender (Illustration: Google’s Nano Banana Pro).

Vom Fernsehmacher zum Fernsehkritiker

Mitte Oktober 1989 — die Mauer steht noch. In Berlin, im fiktiven Bonarum, unseren Köpfen. Wolfgang und ich sitzen in der Klopstockstraße vor seinem denkbar großen Fernseher. Die Redaktion hat Videokassetten mit Rohschnittfassungen der ersten Baldur-Blauzahn-Folgen geschickt:

Schwager Sigurd stolpert als möhrenfressender Gesundheitsfanatiker und Waldliebhaber durchs Dorf, grün nicht nur hinter den Ohren und obendrein noch Frühchrist. Lächerlich finden die Germanen den neuen Glauben an einen Gott namens Krösus oder so ähnlich. Der ruft seine Anhänger zur Liebe des feindlichen Nächsten auf, lässt die eigenen Gegner jedoch in der Hölle schmoren.

„Und so einen nennst du einen sanften Gott?“, höhnt Heino: „Du bist ja mehr bambam, als ich dachte!“

Vieles ist gelungen, manches nicht. Wolfgang lobt und tobt. Ich schlage ihm vor, aus den Drehbüchern einen Roman zu machen. Die Idee gefällt ihm. Wir verabreden, dass ich ihm den Kontakt zu Hans-Helmut Röhring mache, dem Verleger, der gerade mein Erstlingswerk veröffentlicht hat. Nebenher diskutieren wir über die Anstalten und ihre Insassen. Wolfgang pendelt zwischen der Fernsehecke und dem Arbeitsplatz im Erker. An seinem Macintosh notiert er Ideen und Sätze. Ende Oktober soll er bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik, organisiert vom ZDF, einen Vortrag halten. Der weitläufig-ungefährliche Titel der Veranstaltung: „Toleranz, Tabu, Totalität — Die gereizte Gesellschaft“.

Die Themenstellung zeugt von freundlicher Ignoranz. Mit der Realität des Mediums um 1990 hat sie nichts zu tun. Was vermutlich Absicht ist. Denn ARD und ZDF stecken in gleich mehreren Krisen, und die Verantwortlichen sind ebenso gut dotiert wie ratlos. In der Frühzeit der Bundesrepublik, den 1950er und 1960er Jahren, vollzog sich der Aufstieg des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. In den beiden Jahrzehnten, die seitdem vergangen sind, zerbröselte seine soziale Wirkungsmacht und kulturelle Hegemonie. Der stete Niedergang hat vor allem drei Gründe: technische, politische und systemimmanente. An den ersten beiden konnten die öffentlich-rechtlichen Macher wenig ändern. Für den dritten allerdings tragen sie die volle Verantwortung.

Der Zerfall des öffentlich-rechtlichen Fernseh-Oligopols

Die Veränderungen seit 1970 sind radikal. Ende der achtziger Jahre ist nahezu nichts mehr der Fall, was das Medium Fernsehen einst auf dem Höhepunkt seiner Wirkungsmacht definierte. Damals konsumierten die Zuschauer Sendungen in Echtzeit. Wer etwas sehen wollte, musste sich nach dem vorgegebenen „Programm“ richten. Zu dem schmalen öffentlich-rechtlichen Angebot gab es nur wenige Alternativen: Schallplatten hören, Bücher lesen oder das Haus verlassen und auf ältere audiovisuelle Medien wie Kino, Theater oder Oper ausweichen. Der audiovisuelle Angebotsmangel hatte primär technische Ursachen: Die Zahl terrestrischer Frequenzen, die für Fernsehen zur Verfügung stehen, war (und ist) begrenzt. Auch in Ländern, die nicht so restriktiv operierten wie die Bundesrepublik und kommerzielle Sender zuließen, blieb die Gesamtzahl der ausgestrahlten Programme gering und ihr Empfang echtzeitig. Diesen Mangel aber haben seitdem mehrere Innovationen beendet.

Einerseits vervielfachen Kabel- und Satellitenfernsehen die Zahl der Kanäle. Internationale Angebote ergänzen die bundesdeutschen — aus Österreich und der Schweiz, den USA und Großbritannien, aber auch aus den Heimatländern bundesdeutscher „Gastarbeiter“. Auf den Dächern wachsen die Schüsseln. Wolfgang kann seine geliebten angelsächsischen Sender nun auch auf Sylt empfangen, von BBC bis CNN. Andererseits emanzipieren Videorekorder von jedwedem Programm; ob nun durch Aufzeichnung und zeitversetztes Schauen oder den Kauf von Videokassetten mit Inhalten, die im Fernsehen Tabu sind. Mitte der achtziger Jahre besitzen 22 Prozent aller bundesdeutschen Haushalte einen Videorekorder, zu Beginn der neunziger Jahre bereits 54 Prozent.

Die Kombination von Satelliten- und Kabelfernsehen mit Aufnahmegeräten bricht das Monopol des öffentlich-rechtlichen Systems technisch. Gleichzeitig wird es auch politisch aufgehoben. 1984 nehmen mit SAT.1 und RTL die ersten privaten Sender ihren Betrieb auf. Was Wolfgang im Millionenspiel imaginierte, wird bunte und laute Wirklichkeit.

Mit der wachsenden Vielfalt des Angebots zersplittert das einstige Massenpublikum des Fernsehens in immer kleinere Grüppchen — die zudem ihr eigenes Programm zusammenstellen können und daher gar nicht mehr hinschauen müssen, wenn die Geräte laufen. Das Fernsehen erleidet einen ähnlichen Bedeutungsverlust wie das Radio drei Jahrzehnte zuvor. Von einem Leitmedium industrieller Kultur, dessen Angebote bewusst und konzentriert konsumiert werden, mutiert es in der statistischen Nutzung zu einem Nebenbeimedium.

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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Dieser Wandel vollzieht sich weltweit und ist mehr oder weniger zwangsläufig, denn er wird von der Mehrheit der Menschen als Zuwachs an Freiheit empfunden. Nicht zuletzt auch von denen, die vom öffentlich-rechtlichen System leben: Wolfgangs Unterhaltungszentrum umfasst neben einem Fernseher mit dem größten und besten Bildschirm, der sich kaufen lässt, mehrere Videorekorder — VHS und Beta — sowie die nötigen Boxen für Kabel- und Satellitenempfang. Ein Händler, zu dessen besten Kunden Wolfgang zählt, richtet das alles für ihn ein. Allein die korrekte Auswahl und Bedienung der Dutzend Fernbedienungen erfordert mehrstündiges Training und einiges an Gedächtnisleistung.

Institutionelle Selbstverzwergung, Bürokratisierung, Feigheit

Überwiegend hausgemacht ist dagegen, gerade im Vergleich zu den neuen Privatsendern, der besonders steile Niedergang der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Sie büßen nicht nur Zuschauer ein, weil die sich international oder in Videoshops bedienen können — etwa jene sechs, sieben Prozent der Bevölkerung, deren Muttersprache damals nicht deutsch ist, oder andere Minderheiten, die wie Wolfgang und ich lieber Shows im Original schauen. Nein, die Masse ihrer Zuschauer verlieren die Anstalten an die neue private Konkurrenz. Die ist eigentlich im Nachteil: Sie muss sich unter denselben technischen, sozialen und kulturellen Bedingungen behaupten, ohne aber über den finanziellen Vorteil zwangsweise eingezogener Gebührengelder zu verfügen. Dennoch erobern die Privatsender in den ersten zehn Jahren nach ihrer Gründung einen Marktanteil von 60 Prozent, während ARD und ZDF auf 29,3 Prozent schrumpfen.

Für Wolfgang zeigt sich das Schwinden des öffentlich-rechtlichen Publikums in den immer geringeren Zuschaltquoten, die seine Werke erzielen. Doch das müsste so nicht sein. Die Ursache des Niedergangs der Sender, für die er arbeitet, ist unschwer zu erkennen: intellektuelle und künstlerische Selbstverzwergung gepaart mit bürokratischer Sklerotisierung und erdrosselnder Kontrolle durch die Parteien.

„An der Unverfrorenheit und Arroganz, mit der sich unsere Politiker in alles einmischen, was sie nichts angeht, geht unser ganzes Land allmählich kaputt. Für alles und jedes muss man in der richtigen Partei sein, und das nehmen die Leute hin, da verstehe ich die Welt nicht mehr!“

Wolfgang lauscht seiner Stimme nach, die ein erhebliches Volumen erreicht hat.

„Phhh“, macht er, „jetzt habe ich mich tatsächlich aufgeregt.“

Aus Angst vor der Politik hat sich in den Sendern redaktionelle Konformität ausgebreitet. Wolfgang kann das wortreich beschreiben und mit Beispielen endlos belegen: die ungeheure Wolke der Feigheit, den Dunstkreis von Rücksichtnahmen und Ängstlichkeiten, von Zurück- und Ausweichen, von Bremsen und Umkreisen, von Ranrobben und Wegkriechen, von Verschieben und Blockieren — eine subalterne Alltagswelt, in der Schweigen und vorauseilender Gehorsam zur Pflicht und Eiertänze, Bücklinge und rotierendes Schwanzwedeln zur Kür gehören. Längst schon zensiert vorauseilender Gehorsam nicht mehr nur aktuelle Informationssendungen, sondern eben auch Unterhaltungsprogramme, Satiren wie Baldur Blauzahn.

Das selbstverschuldete Versagen vor der privaten Konkurrenz

Die Attraktivität ihrer Angebote mindern ARD und ZDF aber nicht nur dadurch, dass sie sich immer tiefer in die Abhängigkeit von der Politik begeben. Mindestens ebenso fatal wirkt der Entschluss der öffentlich-rechtlichen Sender, sich mit den Privaten auf einen Wettlauf um Quoten und Reichweiten einzulassen, den sie nicht gewinnen können — schon allein dank ihrer politischen Feigheit und bürokratischen Unbeweglichkeit. Den sie aber nach Wolfgangs Ansicht auch gar nicht gewinnen sollten! Schließlich sind die Anstalten durch eine Art Zwangskulturabgabe finanziell grundversorgt. Warum setzen sie auf massenwirksame Verdummung statt auf politische Aufklärung, künstlerische Experimente, kluge Unterhaltung?!?

„Was gegenwärtig in den Sendern geschieht, ist die endgültige Machtübernahme durch inkompetente Dilettanten“, sagt Wolfgang. „Früher entschieden in künstlerischen Fragen die Redakteure, heute von den Parteien eingesetzte Vollstrecker. Und alle werden immer vorsichtiger: Hatten sie mal als Lieschen-Müller-Maßstab die Putzfrau, so hegen sie heute den Verdacht, dass ihre Putzfrauen noch viel zu intelligent sind.“

Langsam erkennt Wolfgang, dass der Verlust an Intelligenz, Bildung und Mut in den öffentlich-rechtlichen Anstalten zu verhindern droht, was er in seinen letzten Arbeitsjahren noch leisten könnte. Doch was soll er tun? Zum bitterernsten kulturpessimistischen Warner mag er sich nicht hergeben. Allerdings auch nicht zum TV-Grandseigneur und freundlichen Festredner. Seinen Vortrag bei den Mainzer Tagen der Fernsehkritik beginnt er daher mit einer arglistig-unsinnigen und von eigener Erfahrung gesättigten Frage:

„Ist Kritik erlaubt? Wenn ja, warum nicht?“

Den Ansatz präzisiert er:

„Wie kommt es zu diesem Eiertanz auf Taubenfüßen so vieler Hierarchen und Oberredakteure? Woher kommt diese Angst, in Fettnäpfe zu treten, wo tatsächlich nur eine Tasse Magermilch übergeschwappt ist?“

Und summiert:

„Je enger Fantasie und Wirklichkeit aneinandergeraten, desto rasanter verdrückt sich die ohnehin stets ängstliche Medienfreiheit.“

Der WDR bestätigt Wolfgangs theoretische Einsichten durch praktisches Handeln: Die erste Folge von Baldur Blauzahn wird auf den 23. April 1990 verschoben und dann auf West 3 ausgestrahlt, weitgehend unter Ausschluss des Publikums. Der Mauerfall, der zwischenzeitlich die Bonner Republik beendete und damit auch Bonarum einiges an Aktualität und Witz nahm, hat für diesen längst kontemplierten Akt institutioneller Feigheit einen willkommenen Vorwand geliefert.

***

Vorheriges Kapitel: 94 Armes Germanien

Nächstes Kapitel: **96 Mauerfälle**

Englische Fassung auf Medium:

Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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