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Jahresringe

Zurück bleibt Verwüstung und Trauer - eine Kurzgeschichte

Finja · 2026-02-10 09:13 · 0 claps · 6.0 min read
#baum #kurzgeschichte #nature #leben #erwachen
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Wiki topics: 🏔️ · Outdoor & Adventure

Eine Kurzgeschichte über die Zerstörung der Wildnis.

Lachend stolpert der kleine Junge über seine eigenen Füße und rennt durch den Wald. Der Vater ist ihm dicht auf den Fersen und strahlt über das ganze Gesicht. Das Lachen der beiden Menschen hallt in einer friedlichen Melodie durch die Natur. Die Sonne lässt ihre Strahlen über den moosbewachsten Boden streifen, während die Bäume sich sanft im Wind wiegen. Immer wieder hört man das Knacken von Ästen und das Rascheln von Blättern der Baumkronen, die ganz hoch oben einen Tanz vollführen zu scheinen.

Während der Vater und sein Sohn durch die unberührte Natur jagen, spüren beide die Freiheit und den Frieden, der nur an diesem Ort so ausgeglichen zu herrschen scheint. Völlig unbeschwert lassen beide das ernste Leben hinter sich und genießen das Hier und Jetzt, ohne einen Blick in die Vergangenheit oder Zukunft zu riskieren. Was zählt, ist der Augenblick.

Gelassen schlendert der Junge mit einem Pfeifen unter den Baumriesen entlang. Er ist in den letzten Jahren sehr gewachsen und beschreitet nun auch ohne seinen Vater die Erde. Auf seinem Spaziergang streift er mit den Händen die Farne leicht aus seinem Weg, welche sich danach wieder an Ort und Stelle zurückbiegen. Irgendwann kommt er zu dem größten Baum des ganzen Waldes und starrt vollkommen verzaubert auf den massiven Stamm. Etwas eingeschüchtert setzt er sich im Schneidersitz davor und betrachtet den gewaltigen Riesen, der alles andere um ihn herum zu überragen scheint. Die braune Rinde trägt tiefe Kerben und Furchen, in denen das Leben vieler Insekten stattfindet. Auch die Krone ist ein beeindruckendes Werk für sich, denn sie erstreckt sich über viele Meter hinweg über die Bäume, welche daneben stehen. Sie spendet nicht nur Schatten, sondern kühlt auch die Atmosphäre. So etwas faszinierendes hat der Junge noch nie in seinem Leben gesehen.

Mit geschlossenen Augen liegt der Jugendliche an dem Stamm des Baumes gelehnt. Die Sonne hat den ganzen Tag erbarmungslos seine Haut verbrannt. Obwohl es in Kanada relativ milde Sommer gibt, scheint es heute ein Ausnahmetag zu sein. Doch jetzt kann der Junge im Schatten des alten Baumes sich ausruhen, während der Wind die verbrannten Stellen seiner Haut ganz sanft streichelt. Sein Vater sitzt neben ihm und ist schon vor einiger Zeit eingeschlafen, eingehüllt in einen friedlichen Schlaf. Der Junge fragt sich nur, wie man diese Schönheit der Natur verschlafen kann. Aus den Baumwipfeln erklingt der typische Schrei der Weißkopfseeadler, gefolgt von den kehligen Lauten der Kolkraben. Das Knarzen des Baumes, an dessen Stamm der Junge seinen Kopf gelegt hat, fasziniert ihn dennoch am meisten. Die Wildranger sprachen von etwa 1.500 Jahren. Mit seinen eigenen 15 Jahren kann er da nicht mithalten. Was dieser Baum wohl schon alles erlebt haben mag? Wenn er sprechen könnte, dann würde er bestimmt tausend gute Geschichten parat haben.

Dieser Baum muss schon zahlreiche Unwetter erlebt haben und Dutzende Tsunamis, die für den Ostpazifik üblich sind. Er hat den Umschwung der gesamten Menschheit miterlebt. Seit 524 nach Christus ist viel passiert und nun steht neben ihm der wahrscheinlich einzig lebende Zeitzeuge. Der Junge empfindet immense Hochachtung und stellt sich vor, wie winzig sein Leben dagegen ist.

Hatte der Baum noch die wilde und unbändige Natur erlebt, bevor die Menschen alles zerstören mussten?

Hatte er die brummenden Motoren der Bomber gehört, als die gesamte Welt im Krieg war?

Wie viele Wildtiere hatte er gesehen, die es jetzt nicht mehr gab, weil sie nie dokumentiert werden konnten?

Was empfand er wohl, als das erste Flugzeug über ihn flog?

Wie viele Generationen von Tieren und Menschen hatte er in diesem Wald heranwachsen gesehen?

Und was die wohl wichtigste Frage überhaupt war, wie einsam musste sich der große, weise und alte Baum wohl fühlen?

Rundherum stand kein Baum, der jemals an sein Alter herankommen würde. Vielleicht ist dieses Alter am Ende doch nicht so schön, wenn man ganz allein bleibt. Das Mitgefühl packt den Jungen und er umarmt den Stamm vorsichtig. Seine Arme reichen nicht aus, aber der Gedanke zählt.

Regen prasselt erbarmungslos auf den Jugendlichen herein und durchnässt all seine Klamotten. Die Kälte nimmt Einzug in seine Glieder, doch dem scheint er keine Beachtung zu schenken. Er rennt weiter und weiter durch die Sturmfront, bis er bei dem großen Baum angekommen ist. Schluchzend bricht der Jugendliche zusammen und weint unzählige Tränen. Zitternd kriecht er in die schützende Höhle des Baumes und ignoriert jegliche Warnung seines Vaters. Es ist ihm egal, ob sich vielleicht ein Bär oder Wolf mit ihm in der Höhle befindet. Alles ist ihm egal. Sein Vater wird ihn nie wieder belehren können. Sein Vater wird niemals mit ihm zu diesem Ort gehen. Nie wieder. Sein Vater wird nie wieder hier sein.

Es ist so verdammt unfair, dass der Tod ihn sich geholt hat, denkt der Junge. Der geliebte Vater hätte noch so viel länger leben können, aber das Schicksal hatte ihn beraubt, um den einzigen Menschen, den er bedingungslos geliebt hatte. Sein Leben wurde beendet. Es ging alles viel zu schnell. Der Krebs war so erbarmungslos und unaufhaltsam gewesen. Der Jugendliche war nicht vorbereitet gewesen und diese Tatsache traf ihn am härtesten.

Wütend trommelt er mit den Fäusten gegen die Rinde des Baumes. Sein Vater ist weg und hat gefühlt nur einen Bruchteil von der Zeit gelebt, die dieser Baumriese hier gelebt hat. Zornig nimmt der Jugendliche sein Taschenmesser hervor und schneidet in den Stamm hinein. Er ritzt die Initialen seines Vaters mit viel Mühe und reißt die überschüssige Rinde, die ihm im Weg ist, einfach ab.

Dem Baum kann man eh nichts anhaben. Der wird eh noch 5.000 weitere Jahre hier stehen, denkt er verbittert.

Ungläubig packt der junge Erwachsene seine Sachen zusammen und fährt nach Hause. Er studiert mittlerweile an der Universität in Toronto und hat vor wenigen Stunden die Nachricht bekommen, dass im Westen die Anzahl der illegalen Abholzungen gestiegen ist und pro Tag immer mehr Quadratmeter des kanadischen Urwaldes vernichtet werden. Verzweifelt fährt er also, so schnell er kann, zu seinem Heimatort.

Doch das Grauen sieht er schon von weitem. Panisch schnappt er nach Luft, fährt das Auto an den Straßenrand und starrt in die Ferne. Farbenfrohe Kindheitserinnerungen ziehen vor seinem inneren Auge an ihm vorbei und hinterlassen bei der nun kahlen Stelle einen bitteren Geschmack. Fassungslos laufen ihm die Tränen automatisch über das Gesicht, während er auf die abgeholzte Stelle zurennt. Das war der einzige Ort, der ihn auf eine besondere Art und Weise mit seinem Vater verbunden hat. Jetzt blieb nichts mehr davon übrig. Wie von einer übernatürlichen Kraft gesteuert, klettert der junge Erwachsene über die gefällten Bäume, bis er den riesigen Stamm des alten Baumes erkennt. Gefällt und zerschnitten. Was zurückbleibt, ist der gewaltige Baumstumpf und der Schmerz.

Die mächtige Krone liegt unter Sägespänen verdeckt ganz platt auf dem Boden. Ihre Blätter sind braun und werden trostlos über die karge Landschaft in alle Richtungen verweht. Leere und Hoffnungslosigkeit erhält Einzug in die Seele des jungen Erwachsenen.

Warum muss ihn jeder verlassen?! Selbst der Baum, der so viele Jahre auf dem Buckel hatte, wie kein anderer, hat sein Leben verloren. Das Alter hat ihm so viel Weisheit und Stärke verschafft. Dennoch ist er gefallen und wird nie wieder zurückkommen.

Es ist egal, wie alt man ist, denn immun ist man vor dem Lebensende ja doch nicht. Es kann dich jetzt direkt oder auch erst in ein paar Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren befallen und aus dem Leben reißen. Doch nicht nur das! Es verändert auch die Menschen um einen herum, die ihre restliche Lebenszeit mit der Trauer leben werden.

Kichernd rollt das kleine Mädchen im Gras herum und genießt das Gefühl der Grashalme an ihren Armen. Immer wieder streicheln sie sanft über ihre weiche Haut und lösen ein unbeschreibliches Gefühl der Geborgenheit aus. Ihre Mutter schaut ihr lächelnd dabei zu, die mit ihrem Vater zusammen auf der Bank sitzt und die frische Sommerluft genießt. Der Erwachsene schaut liebevoll zu seiner kleinen Tochter und dann zu seiner Frau, die sich in der Abendröte der untergehenden Sonne an ihn schmiegt. Er empfindet großes Glück und freut sich auf jede Sekunde, die er älter wird und Zeit mit seiner wundervollen Familie verbringen kann. Seine Tochter wird er aufwachsen sehen. Das erste Wort, der erste Schritt, er wird ihr beim Älterwerden zusehen und sie begleiten. Doch nicht nur das, denn er hofft darauf, mit seiner Lebensgefährtin zusammen alt zu werden. Noch nie in seinem Leben hat er sich so sehr auf das Altwerden gefreut wie am heutigen Tag. Wenn doch nur sein Vater und der alte, weise Baum ihn jetzt sehen könnten. Die Leere und Trauer, die der Erwachsene einst mit dem Alter in Verbindung gesetzt hat, sowie dem Eintreffen des Lebensende, sind positiveren Gefühlen gewichen.

Das Mädchen setzt den kleinen Setzling vorsichtig mit ihrem Vater in das große Loch im Erdboden. Danach stopfen sie die restlichen Lücken wieder mit Erde zu. Begeistert von ihrem Werk, umarmt das Mädchen ihren Vater und verspricht für immer auf den kleinen Baum aufzupassen, bis er alt genug ist, für sich selbst zu sorgen. Ihr Vater lächelt bei diesen Worten nur und sagt, dass sie mit diesem Baum niemals alleine sein wird, selbst wenn er nicht mehr für sie da sein könnte, weil der Tod nach ihm greift.


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