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Danzig — auf den Spuren meiner Ahnen in einer bildschönen Stadt

Mit allerlei Informationen über Gdansk, der Geburtsstadt meines Vaters, im Gepäck und über meine Vorfahren im Kopf reise ich das erste Mal…

Gretas Welt · 2025-04-21 14:49 · 1 claps · 5.4 min read
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Danzig — auf den Spuren meiner Ahnen in einer bildschönen Stadt

Das Krantor in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Das Krantor in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Mit allerlei Informationen über Gdansk, der Geburtsstadt meines Vaters, im Gepäck und über meine Vorfahren im Kopf reise ich das erste Mal dorthin. Flug ab Hamburg direkt, mit meinem Mann Kai, 1 Stunde 20 Minuten. Warum habe ich das nicht schon vor zwanzig Jahren gemacht?

Im Rahmen meiner Ahnenforschung, welche ich seit einem halben Jahr betreibe, versuche ich das frühere Leben meiner Großeltern, Urgroßeltern und den Generationen davor zu verstehen und sichtbar zu machen. Dabei helfen mir zahlreiche Dokumente, die meine Großmutter Lotte bei sich trug, als sie im Januar 1945 mit drei kleinen Kindern — Großvater Felix war im Krieg — aus ihrer Heimatstadt floh und über Umwege nach Lübeck kam, wo sie ihren Mann Felix wieder traf. Zu den Dokumenten zählen auch mehrere Arbeitszeugnisse, sodass ich über sämtliche Adressen ihrer ehemaligen Arbeitsstätten verfüge.

Ich möchte dem Leben meiner Großeltern hier nachspüren und die guten und schönen Facetten dessen auftun. Da gibt es so eine Sehnsucht.

Auf den letzten Metern zu unserem Hotel durchqueren wir die Hundegasse — heute Ogarna — ehemals Sitz der Auskunftei Emil Zitelmann, Arbeitgeber von Lotte im Jahr 1925.

Hundegasse in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Hundegasse in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Wir halten inne vor Bewunderung. „Hier kann man einen Kinofilm drehen“, bemerkt Kai. Tatsächlich wirkt die Straße wie aus der Zeit gefallen. Eine ruhige Ästhetik strahlt sie aus, wie die ganze Stadt, die vollkommen ohne große Werbeschilder auskommt. Erstaunlich, wie authentisch die Stadt wieder anhand von Fotografien und alten Plänen aufgebaut wurde, nachdem sie im März 1945 zu 90 Prozent zerstört worden war.

Weiter geht’s zum direkt an der Mottlau gelegenen *Qubus Hotel*, in dem wir eine sehr gute Zeit haben mit sehr freundlichem Personal, fußläufig zur Innenstadt, mit geräumigen, schön gestalteten Zimmern und einem exzellenten Frühstück, das wirklich nichts vermissen lässt.

Durch das stattliche Grüne Tor — im Stil des niederländischen Manierismus erbaut — flanieren wir in die atemberaubend schöne LanggasseUlica Dluga, in der einst reiche Kaufleute und bedeutende Amtsträger residierten.

Langgasse in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Langgasse in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Die Bürgerhäuser mit ihren vielfältigen Ausprägungen der Giebel erinnern mich stark an meine Heimatstadt Lübeck. Wobei diese Architektur noch viel prachtvoller daherkommt. Wir lassen die Umgebung auf uns wirken, während wir köstlichen Apfelkuchen und Tee in einem der zahlreichen Cafés genießen. Die Torten- und Kuchenkultur ist in Danzig übrigens stark ausgeprägt; das sollte man sich nicht entgehen lassen. Unsere erste Station ist das *Uphagenhaus, *das uns einen Einblick in die prunkvolle Lebensweise des Danziger Bürgertums aus dem 18. Jahrhundert gewährt. Dies ist deswegen möglich, weil die Innenausstattung samt Mobiliar während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert wurde.

Weiter geht’s zur *Marienkirche*, der Ikone der Backsteingotik, von der mein Vater Zeit seines Lebens fasziniert war.

Marienkirche in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Marienkirche in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Die ‚Krone Danzigs’ ist die größte Backsteinkirche weltweit, heißt es, und sie empfängt uns mit ihrem imposanten Sternengewölbe, was mein KunsthistorikerInnen-Herz augenblicklich höher schlagen lässt.

Unweit der Marienkirche machen wir einen Schlenker in die Straße DammGrobla II — wo meine Großmutter Lotte als 15-Jährige ihre Lehrlingsausbildung als Kontoristin, Maschinenschreiberin und Stenotypistin erhielt. Was für einen schönen Arbeitsweg sie hatte, von ihrem Zuhause am Rande der Innenstadt in 10 Minuten fußläufig an der Marienkirche vorbei.

Zurück an der Mottlau wandeln wir auf dem urigen Kopfsteinpflaster durch die wunderschöne Frauengasse, die Ulica Mariacka, in der wir endlich die legendären Beischläge zu sehen bekommen, die elegant dekorierten treppenartigen Vorbauten mit Geländer, die jedes Bürgerhaus in dieser Gasse hat.

Am Ufer blicken wir auf die Landmarke der Stadt, das Krantor, und machen uns auf den Weg zum Schiff, das uns bei schönstem Sonnenschein zur Westerplatte fährt. Hier begann 1939 der Zweite Weltkrieg, als das deutsche Linienschiff Schleswig-Holstein polnische Soldaten beschoss. Die Westerplatte, die nichts anderes als eine Sandbank ist, war im 17. Jahrhundert ein Kurort inkl. Badestrand und wurde im Jahr 1924 durch den Völkerbund Polen zugesprochen. Danzig war zu der Zeit Freie Stadt (also keinem Land zugehörig) und im Zweiten Weltkrieg Teil des Deutschen Reiches. Wir sehen den Strand und das Meer; gleichzeitig sind wir sehr berührt und nachdenklich beim Besuch der Gedenkstätte.

Am zweiten Tag steht der Besuch des *Rechtstädtischen Rathauses* auf dem Plan. Wir sind angetan von der Geschichte des Rathauses.

Das Rechtstädtische Rathaus in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Das Rechtstädtische Rathaus in Danzig (Foto: Gretas Welt)

Zu meiner Überraschung sehen wir eine Ausstellung über den Maler *Reinhold Bahl*, der mich mit seiner impressionistischen Malweise und seinen Interpretationen der Stadtmotive sehr fasziniert.

Gemälde Reinhold Bahl: Alt Danziger… (Judengasse), 1922 (Foto: Gretas Welt)

Gemälde Reinhold Bahl: Alt Danziger… (Judengasse), 1922 (Foto: Gretas Welt)

Ich habe einen neuen Lieblingsmaler und entdecke zu meiner Überraschung einige Leihgaben aus dem *Haus Hansestadt Danzig *in Lübeck, das ich einige Tage zuvor in Vorbereitung auf meine Reise besucht habe. Ich freue mich regelrecht darüber, dass ich diese Gemälde in Lübeck wiedersehen kann, wenn sie zurückkehren. Dabei fällt mir wieder ein, dass man das Haus Hansestadt Danzig in Lübeck für keinen allzu hohen Betrag für Events mieten kann. Vielleicht mache ich das mal.

Weiter geht’s nun endlich zu den ehemaligen Wohnadressen meiner Vorfahren, die sich alle im Innenstadtbereich befinden, außerdem zu den Adressen weiterer Arbeitsstätten von Lotte und ich stelle mir gleichzeitig vor, wie mein Großvater Felix als Pianist mit seinen Notenblättern unterm Arm zu seinen Gastspielstätten unterwegs war.

Wir kommen auch zur *Brigittenkirche*, in der Lotte getauft wurde. Auch dieses Gotteshaus aus Backstein mit seinen drei Schiffen beeindruckt mich sehr — nicht nur durch die Weite der schönen Gewölbe, sondern auch durch den 2017 vollendeten Bernsteinaltar, eine wahrhaftig funkelnd strahlende Juwelierarbeit.

Die Brigittenkirche in Danzig mit dem Bernsteinaltar (Foto: Gretas Welt)

Die Brigittenkirche in Danzig mit dem Bernsteinaltar (Foto: Gretas Welt)

Die Brigittenkirche ist auch die Kirche der Solidarnosc, Ort des Widerstandes der streikenden Werftarbeiter.

Wir genießen während unseres Aufenthaltes allerlei Spezialitäten wie Bigos für die Sauerkrautfans, Pierogi, die mit Gemüse, Fleisch und Kartoffeln gefüllten Teigtaschen, und vor allem die Fischgerichte mit Zander und Dorsch, die man hier überall zu recht günstigen Preisen genießen kann.

Am letzten Tag besuchen wir das *Museum des Zweiten Weltkriegs*, das ein Muss für jeden ist, um sämtliche Facetten des Krieges mit seinen dramatischen Auswirkungen zu verstehen. Die KuratorInnen haben eine unfassbar beeindruckende Leistung vollbracht, die nach unserem dreieinhalb-stündigen Besuch noch heute nachwirkt.

Mit drei Erkenntnissen kehre ich zurück nach Hamburg:

  1. Erkenntnis: Ich bin sehr froh, dass meine Großeltern und ihre Kinder die Zerstörung ihrer wunderschönen Heimatstadt nicht miterlebt haben.

  2. Erkenntnis: Ich bin dankbar und stolz auf sie, dass sie die architektonisch ähnlich gestaltete Hansestadt Lübeck als neuen Lebensmittelpunkt ausgewählt haben.

  3. Erkenntnis: Meine Urgroßeltern und Großeltern waren Nachbarn des von mir neu verehrten Malers Reinhold Bahl. Sie wohnten in der Straße Langgarten Nr. 44 und Herr Bahl wohnte mit seiner Familie in der Nr. 43, was ich zufällig in der Ausstellung las. Noch so seine gute und schöne Facette. Sie werden sich sicher alle gekannt haben.

Beim nächsten Mal fahren wir zur Strandbad-Perle Zoppot.

Danke Gdansk, Du hast mein Herz erfüllt. Auf ein baldiges Wiedersehen, ganz sicher!

Und hier noch mal die Auflistung der genannten Stätten:

*Qubus Hotel*

*Uphagenhaus*

*Marienkirche*

*Rechtstädtisches Rathaus mit der Ausstellung über Reinhold Bahl*, die noch bis zum 4. Mai 2025 geht.

*Haus Hansestadt Danzig in Lübeck*

*Brigittenkirche*

*Museum des Zweiten Weltkriegs*

*Westerplatte*


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