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Clinton, Kern, Kurz und Trump

Einer der größten Unterschiede amerikanischen Wahlkämpfen und österreichischer Mentalität ist mir in der Clinton Kampagne erst so richtig…

Yussi · 2017-09-29 08:37 · 130 claps · 2.5 min read
#nrw17 #kurz #kern #clinton #trump
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Clinton, Kern, Kurz und Trump

Einer der größten Unterschiede amerikanischen Wahlkämpfen und österreichischer Mentalität ist mir in der Clinton Kampagne erst so richtig bewusst geworden: Dort gab es kein “das zahlt sich jetzt auch nicht mehr aus” Das letzte Feature auf der Website wurde vier Tage vor der Wahl gelauncht; zwei Wochen vor der Wahl haben wir noch Büros in LA, DC, SF und NY eröffnet — mit einem völlig neuen Kontaktprogramm; weniger als eine Woche vor der Wahl wurden noch Menschen aus dem HQ in die Bundesstaaten zum Türenklopfen ausgeflogen.

Und dann, nur 11 Tage vor der Wahl hat der Comey Brief das gesamte Spielfeld verändert. Langer Rede, kurzer Sinn: Es ist noch nichts in Stein gemeisselt. Der Vorsprung von Kurz ist für die Runner-Ups einholbar.

Und eines muss man der SPÖ lassen: Die Moral der WahlkämpferInnen scheint durch keinen der unzähligen Patzer — vom Prügelnden Pressesprecher, zum Verlust des Kampagnenbrains Stefan Sengl, zu Stefan Petzner, zur rot-blau Ansage, Silberstein, Gusenbauer, das Kern-kann-oder-will-argumentativ-nicht-gegen-eine-Rassistin-ankommen-Video — getrübt. Der Außenfeind ist offenbar groß genug.

Kern kann gerade für die TV Duelle einiges von Clinton lernen. In “What Happened” schreibt sie eine sehr reflektierte Analyse über sich und das emotionalisierte Elektorat: Sie hatte den Drang, auf die Wut der WählerInnen sachlich mit Lösungsvorschlägen zu antworten, statt zuerst ihre eigene Wut über Ungerechtigkeiten zu vermitteln und erst dann die Lösung zu präsentieren. Kern (und auch Lunacek) tappte in der Elefantenrunde auf Puls 4 in die selbe Falle gegen die Schreihälse Pilz, Strache, Kurz und Strolz.

Aber drei Wochen vor der Wahl scheint die Emotion in ihm zu wachsen — zumindest hat er jetzt mit dem Boykott der “Tageszeitung” Österreich erstmals eine klare Haltung und nicht den Weg des geringsten Widerstands genommen. Der Gamble ist riskant — natürlich zahlt die Reaktion direkt auf genau jenes Image ein, das vom Gusenbauer-Pressesprecher analysiert und von “Österreich” veröffentlicht wurde (und die ÖVP Bots werden nicht müde es in die Richtung zu spinnen), gleichzeitig sind Menschen sich ja durchaus bewusst was für ein Deckblatt “Österreich” ist und das Aufstehen eines Politikers gegenüber dem Boulevard zeigt Stärke und befeuert das Narrativ des “Ende der Populismusspirale” das seit Kurzem von Kern versucht wird zu etablieren.

Dass ihm das nicht gelingt, liegt vor allem an der kommunikativen Inkonsequenz, die sich durch die SPÖ Kampagne zieht.

Denn Kurz kommt mit seinem Trump Playbook (Das sage ich mit keinem Deut Übertreibung: Er will eine Mauer im Mittelmeer bauen; spinnt sich so oft es geht in die Opferrolle, er bzw. seine Bots “beschimpfen” seinen politischen Gegner als Pocahontas — ein “Spitzname” den Trump der linken Senatorin Elizabeth Warren einst gab, diverse Behauptungen, die nicht belegbar sind aber der gefühlten Wahrheit einiger vom Boulevard verblendeten Menschen entsprechen) nur durch, weil die SPÖ noch immer nicht EIN ordentliches, stringentes Gegenargument gefunden hat. Dabei bietet Kurz in der Schlussphase gerade einige Flanken, die die anderen Parteien bisher eher auslassen.

Die Geschichte, die die SPÖ über Sebastian Kurz erzählt, ist inexistent, deshalb kommt selbiger mit deinem Märchen durch, “immer schon die Wahrheit gesagt zu haben und sich nicht am gegenseitigen Anpatzen zu beteiligen”.

Kurz ist kein so genialer Kommunikator wie es scheint, er ist vor allem einfach konsequent in seiner Kommunikation.

Um eine alte Kampagnenweisheit zu bemühen: There are three things you have to do — Repeat, Repeat, Repeat. Auch hier muss Clinton eine Warnung sein: Es war ja nicht so, als hätte die Kampagne keine Lösungen präsentiert. Im Gegenteil: Es gab für alles detaillierte politische Positionen, statt sich auf wenige, klare Forderungen zu konzentrieren.

Narrative entstehen nicht drei Wochen vor der Wahl — natürlich wäre es besser gewesen, die SPÖ hätte schon vor einem Jahr mit klaren Erzählungen begonnen (und einen Weg gefunden Doskozil’s Rechtsfunken abzustellen).

Aber es ist noch Zeit, in den rund 100 Stunden Fernsehdebatten — und natürlich in Owned Media — dass Kern von den Fehler Clinton’s lernt und seine eigene Geschichte besser erzählt — und die von Sebastian Kurz.

Das Schlussargument beginnt nämlich erst jetzt.


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