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Wir haben Freiheit mit Funktionieren verwechselt

Ich habe von einer jungen Bürgermeisterin gelesen, die ihr Kind mit zur Arbeit nimmt und am Körper trägt.

Louisan Delphin (Annette Jäger) · 2026-06-28 09:11 · 0 claps · 6.5 min read
#wandel #kommunikationbewegtuns #creatività #resonanzbewegung #liebe
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Wir haben Freiheit mit Funktionieren verwechselt

Ich habe von einer jungen Bürgermeisterin gelesen, die ihr Kind mit zur Arbeit nimmt und am Körper trägt.

Und während ich das las, wurde mir etwas klar.

Eine neue Qualität im Miteinander begann nicht dort, wo Frauen endlich alles so machen wie Männer es lange gemacht haben.

Sie könnte möglicherweise da beginnen, wo wir aufhören, Bindung, Fürsorge, Körpernähe und emotionale Intelligenz aus öffentlichen Räumen herauszuschneiden.

Ich möchte dieser jungen Bürgermeisterin von Herzen danken.

Für ihren Mut. Für ihre Stärke. Für ihre Haltung.

Sie muss kein ein neues Idealbild erfüllen Das Leben wird auch nicht leichter, weil nun alle Frauen Kinder am Körper tragen und öffentliche Ämter ausüben sollen. Mutterschaft ist keine Romantik.

Dieses Bild hat mich einfach auf Gedanken gebracht, die lange nicht selbstverständlich waren:

Bindung und Verantwortung schließen sich nicht aus. Körpernähe und Kompetenz schließen sich nicht aus. Fürsorge und Führung schließen sich nicht aus.

Dieses Bild unterbricht ein altes Entweder-oder:

öffentlich oder privat. führend oder mütterlich. kompetent oder weich. politisch oder körpernah. Amt oder Bindung.

Und eventuell zeigt sich darin eine Möglichkeit, die weit über eine einzelne Frau hinausgeht.

Haben wir bis jetzt viel Gleichberechtigung mit Anpassung verwechselt?

Frauen durften in Männerwelten hinein. Aber oft zu Bedingungen, die diese Männerwelten längst gesetzt hatten.

Funktioniere. Leiste. Halte durch. Sei kompetent. Sei nicht zu emotional. Sei klar, aber nicht hart. Sei mütterlich, aber nicht unprofessionell. Sei schön, aber nicht eitel. Sei stark, aber nicht bedrohlich. Sei weich, aber nicht bedürftig.

Ein Mensch als Multifunktionsgerät mit Lippenstift und Terminkalender.

Und irgendwo dazwischen ist etwas verrutscht.

Nicht nur bei den Frauen. Bei uns allen.

Wir haben menschliche Qualitäten getrennt, bewertet, verkauft und gegeneinander ausgespielt.

Wärme wurde privat. Leistung wurde öffentlich. Fürsorge wurde selbstverständlich. Macht wurde strukturell. Emotion wurde vermarktet.

Dabei bewegen Emotionen uns wirklich.

Sie bewegen unser Handeln. Unsere Entscheidungen. Unsere Beziehungen. Unsere Kaufimpulse. Unsere Angst. Unsere Sehnsucht. Unsere Hoffnung.

Und sobald Märkte verstanden haben, dass Emotionen Menschen bewegen, wurden Emotionen nicht mehr nur gelebt.

Sie wurden bewirtschaftet.

Sehnsucht wurde marktfähig. Weiblichkeit wurde marktfähig. Freiheit wurde marktfähig. Selbstwert wurde marktfähig. Rebellion wurde marktfähig. Verletzlichkeit wurde marktfähig, sobald sie fotogen genug war.

Selbst Ausdrucksformen, die einmal Freiheit versprachen, wurden verwertbar gemacht.

Nägel. Tattoos. Markenidentitäten. Empowerment-Slogans. Körperbilder. Schönheitsversprechen. Selbstoptimierungsprogramme

Endlos viele neue Produkte für jedes Gefühl.

Es geht nicht darum, diese Ausdrucksformen abzuwerten.

Ein lackierter Nagel kann Freude sein. Ein Tattoo kann Erinnerung sein. Ein Kleidungsstück kann Kraft geben. Ein sichtbares Zeichen kann ein Stück zurückeroberter Identität sein.

Aber wir sollten ehrlich hinschauen:

Sobald ein Gefühl verkäuflich wird, besteht die Gefahr, dass es nicht mehr wirklich gefühlt, sondern gesteuert wird.

Gefühl wurde nicht ausgelöscht.

Gefühl wurde benutzt.

Und vielleicht ist genau das ein Grund, warum unsere emotionale Intelligenz nicht unbedingt gewachsen ist, obwohl überall über Gefühle gesprochen wird.

Denn emotionale Intelligenz entsteht nicht dadurch, dass wir ständig emotional angesprochen werden.

Sie entsteht dort, wo ein Gefühl nicht sofort bewertet, verwertet, beschämt oder verkauft wird.

Sie entsteht dort, wo wir wahrnehmen dürfen:

Was geschieht gerade in mir? Was geschieht zwischen uns? Was wird eng? Was wird weich? Was will sofort reagieren? Was braucht Raum?

Wie es da drin aussieht, geht nicht die ganze Welt etwas an.

Aber es geht den Menschen etwas an, der darin lebt.

Denn was wir in uns nicht wahrnehmen, verschwindet nicht.

Es spricht mit.

Durch unseren Ton. Durch Rückzug. Durch Angriff. Durch Anpassung. Durch Bewertung. Durch Erschöpfung. Durch das alte Lächeln, das eigentlich nur Frieden spielen wollte.

Innen wie außen.

War das eine der großen Überforderungen moderner Frauen?

Sie sollten beides sein.

Der gute Mann und die gute Mutter.

Stark im Außen. Warm im Inneren. Durchsetzungsfähig im Beruf. Verfügbar in der Familie. Unabhängig, aber bindungsfähig. Attraktiv, aber nicht oberflächlich. Erfolgreich, aber bitte nicht zu laut. Sanft, aber nicht schwach.

Viele haben das versucht.

Das war keine Dummheit und auch keine Eitelkeit, das war, was sie dachten es sei die neue Freiheit.

Ein Versprechen von : “Du kannst alles sein.”

Was dabei oft fehlte, war die ehrlichere Frage:

“Zu welchen Bedingungen?”

Denn wenn Freiheit bedeutet, dass ein Mensch alle Rollen gleichzeitig tragen soll, ist es keine Freiheit.

Dann ist es Überlastung mit Hochglanzbroschüre.

Nach dem Krieg haben viele Frauen getragen, was getragen werden musste.

Trümmer. Kinder. Hunger. Organisation. Alltag. Überleben.

Sie haben aufgebaut, weil aufgebaut werden musste.

Und später wurde daraus nicht automatisch eine neue Gesellschaft auf Augenhöhe.

Vieles ging zurück in die alten Formen.

Männer übernahme in historisch gewohnter Art und Weise Räume, Macht und Deutungshoheit zurück. Frauen trugen weiter das Unsichtbare: emotionale Arbeit, Beziehungspflege, Familienfrieden, Anpassung und Ausgleich.

Dann kamen neue Jahrzehnte, neue Märkte, neue Bilder.

Die Frau sollte und wollte auch nicht mehr nur fürsorglich sein.

Sie sollte zusätzlich modern sein.

Selbstbewusst. Begehrenswert. Konsumfähig. Karrierebereit. Schön. Mutig. Verfügbar. Belastbar.

Die alte Rolle wurde nicht gelöst.

Sie wurde erweitert.

Es wäre eine gute Chance gerade für Generationen, die enorme Umbrüche erlebt haben, heute zu erkennen:

Nicht jede Entwicklung, die modern wirkte, war auch heilsam.

Auch Gesellschaften können Fehler machen.

Sie können falsche Bilder von Stärke erzeugen. Sie können Fürsorge abwerten. Sie können emotionale Intelligenz vermarkten, statt sie zu schützen. Sie können Menschen einreden, Freiheit bedeute, alles gleichzeitig leisten zu können. Sie können Bindung aus öffentlichen Räumen verdrängen und sich später wundern, warum so viele Menschen vereinzeln. Sie können Nähe belächeln und Kontrolle professionalisieren.

Die wenigsten Gesellschaften lernen wirklich aus ihren Fehlern.

Aber wir haben jetzt die Chance, es zu tun.

Schuldzuweisungen dürfen verschwinden. Rückwärtsromantik trägt nicht in eine neue Zukunft. Rollenbilder mit frischem Lack sind kein Ersatz für das neue und unbekannte.

Es lohnt sich möglicherweise genauer hinzuschauen:

Was hat uns wirklich freier gemacht? Was hat uns nur besser funktionieren lassen? Was hat Verbindung gestärkt? Was hat sie aus unseren Räumen verdrängt?

Es geht nicht darum, alte Bilder von Frau und Mann einfach wieder aufzuwärmen.

Der alte Eintopf hat lange genug auf der Herdplatte gestanden.

Es geht nicht darum, Frauen wieder auf Wärme, Weichheit, Fürsorge und Mütterlichkeit zu reduzieren.

Es geht auch nicht darum, Männer weiter auf Härte, Leistung, Kontrolle und Durchsetzung zu verengen.

Die nächste Bewegung wäre eine neue und läge in der konsequent bewussten Integration.

Wenn Männer und Frauen ihre sogenannten (inneren) weiblichen und männlichen Anteile wieder ehrlicher leben dürfen, entstehen auch in bestehenden Strukturen neue Qualitäten des Miteinanders.

Gemeint sind keine starren Rollen.

Gemeint sind Qualitäten, die in jedem Menschenleben:

Klarheit und Wärme. Kraft und Empfänglichkeit. Struktur und Bindung. Schutz und Offenheit. Handlung und Gefühl.

Dann darf ein Mann weich sein, ohne seine Kraft zu verlieren. Dann darf eine Frau klar sein, ohne ihre Wärme zu verraten. Dann darf Führung fürsorglich sein. Dann darf Bindung öffentlich sichtbar werden. Dann darf Stärke wieder fühlen. Dann darf Gefühl wieder tragen.

Nicht als Ideal.

Nicht als neue Pflicht.

Nicht als nächstes Programm zur Selbstoptimierung.

Sondern als menschliche Ganzheit.

Vielleicht haben wir nicht zu viel Emotionalität.

Vielleicht haben wir zu wenig unverwertete Emotionalität.

Zu wenig Gefühl, das einfach wahrgenommen werden darf, ohne sofort zur Rolle, zur Marke, zur Diagnose, zur Strategie oder zum Verkaufsargument zu werden.

Genau deshalb berührt mich das Bild dieser jungen Bürgermeisterin mit ihrem Kind am Körper.

Weil sie zeigt:

Wir müssen Bindung nicht aus dem Raum schneiden, damit Kompetenz sichtbar wird.

Wir müssen Körperlichkeit nicht verstecken, damit Verantwortung ernst genommen wird.

Wir müssen Fürsorge nicht privatisieren, damit Öffentlichkeit funktioniert.

Und wir müssen Emotionalität nicht weiter den Märkten überlassen, damit sie Bewegung erzeugt.

Wir dürfen sie zurückholen.

Alles darf, nichts muss.

Alles darf, nichts muss.

Schluss mit Drama. Nicht als Manipulation. Nicht als Identitätsschild.

Sondern als Wahrnehmungsfähigkeit.

Als menschliche Kompetenz.

Als innere Navigation.

Als Grundlage für eine neue Qualität im Miteinander.

Wenn Menschen sich selbst in ihrer eigenen Art besser verstehen, entsteht mehr Raum.

Mehr Raum in uns ermöglicht, dass wir anders zusammen in Bewegung kommen.

Nicht gegeneinander.

Nicht aneinander vorbei.

Nicht im alten Spiel aus Härte, Anpassung, Bewertung und stiller Überforderung.

Sondern beweglicher.

Bewusster.

Klarer.

Zugewandter.

Diese Qualität ist möglicherweise gar nicht neu, weil es sie noch nie gegeben hätte.

Wir kennen das längst.

Aus Momenten, in denen niemand etwas beweisen musste. Aus Gesprächen, die nicht sofort bewertet haben. Aus Begegnungen, in denen Nähe nicht peinlich war. Aus Augenblicken, in denen Wärme einfach da sein durfte.

Neu ist vielleicht, dass wir beginnen, diese Qualität bewusst erfahrbar zu machen.

Nicht als Rückzug aus der Welt.

Nicht als Guru-Raum.

Nicht als weitere Methode, die uns erklärt, wer wir sind.

Sondern als Raum, in dem wir wahrnehmen können, was in uns geschieht, während wir einander begegnen.

Innen wie außen.

Aus dieser Frage ist Creativita entstanden:

als Raum, in dem Emotionalität nicht weiter verwertet wird, sondern Wahrnehmung, Zufriedenheit und neue Beweglichkeit wachsen dürfen.

Zufriedenheit nicht als Stillstand.

Sondern als innerer Boden, aus dem wieder Kreativität und authentische Lebendigkeit entstehen kann.

Denn wer zufriedener wird, wird nicht automatisch unbeweglich.

Vielleicht wird er anders beweglich.

Er kennt seine Bedürfnisse, braucht dafür weder Erklärungen noch Beweise und fürchtet sich nicht länger vor Fehlern.

Nicht mehr aus Angst, nicht zu genügen.

Sondern aus Selbstkontakt.

Aus Wahrnehmung.

Aus Resonanz.

Gesellschaftliche Veränderung könnte genau dort passieren:

Nicht mit dem nächsten großen Versprechen.

Sondern mit der stillen, unbequemen, befreienden Frage:

Was haben wir eigentlich mit unseren Gefühlen gemacht?

Haben wir sie gelebt?

Oder haben wir gelernt, sie zu verstecken, zu verwerten, zu vermarkten, zu beschämen oder als Rollenleistung einzusetzen?

Und was wäre möglich, wenn wir damit aufhören?

Vielleicht würden wir endlich genauer fühlen.

Nicht alles nach außen tragen.

Aber nach innen schauen.

Nicht alles erklären.

Ehrlicher wahrnehmen.

Nicht alles verkaufen.

Innere Ruhe und Kraft schöpfen.

Denn wie es da drin aussieht, geht nicht jeden etwas an.

Aber es geht uns selbst etwas an.

Und von dort aus beginnt dann eine andere Bewegung.

Eine Bewegung, in der das Leben wieder als Chance zum Besseren erfahrbar wird.

Nicht perfekt.

Nicht fertig.

Nicht als neues Ideal.

Sondern als Möglichkeit, uns im Miteinander neu und anders zu bewegen.

Mit mehr Raum in uns.

Mit mehr Bewusstsein füreinander.

Mit mehr Mut, aus gesellschaftlichen Fehlern zu lernen.

Und mit tiefer Dankbarkeit für alle Menschen, die durch ihre Haltung zeigen:

Es geht auch anders.

Zusammen.

Im Wir und Jetzt.


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