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Wie ich mich selbst verloren habe, und es erst bemerkte, als alles andere auch verschwand

Eine Geschichte über Depression, Identitätsverlust, Selbstzerstörung und die schmerzhafte Erkenntnis, dass man manchmal erst alles…

kaiserpauli · 2026-06-01 11:38 · 0 claps · 5.3 min read
#depression #selbstfindung #identitätskrise #beziehungsprobleme #trennung
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Wiki topics: PSY · Mental Health & Psychiatry 📰 · Journalism & News

Wie ich mich selbst verloren habe, und es erst bemerkte, als alles andere auch verschwand

Eine Geschichte über Depression, Identitätsverlust, Selbstzerstörung und die schmerzhafte Erkenntnis, dass man manchmal erst alles verlieren muss, bevor man erkennt, dass man sich selbst schon viel früher verloren hat.

Die meisten Menschen glauben, Depression bedeutet Traurigkeit.

Man liegt im Bett. Man weint. Man hat keine Energie. Man sieht keinen Sinn mehr.

Zumindest dachte ich lange, dass sich Depression so anfühlen müsste.

Bei mir war es anders.

Für mich fühlte es sich an, als würde langsam die Person verschwinden, die ich einmal war.

Nicht von heute auf morgen.

Nicht mit einem Knall.

Sondern so langsam, dass ich es selbst lange nicht bemerkte.

Von außen sah alles normal aus.

Ich ging arbeiten.

Ich machte Karriere.

Ich traf Freunde.

Ich plante Reisen.

Ich machte Sport.

Ich funktionierte.

Wenn jemand gefragt hätte, wie es mir geht, hätte ich wahrscheinlich sogar “gut” gesagt.

Doch innerlich begann etwas zu zerbrechen.

Jahrelang war Product Management nicht einfach nur mein Beruf gewesen. Es war ein Teil meiner Identität.

Ich liebte es, Produkte zu bauen.

Probleme zu lösen.

Dinge zu verbessern.

Teams zu unterstützen.

Strategisch zu denken.

Es war eine Leidenschaft, die mich viele Jahre begleitet hatte.

Nach Jahren im Startup-Umfeld wechselte ich in ein großes Unternehmen.

Auf dem Papier war das ein logischer Schritt.

In der Realität begann dort etwas an mir zu nagen.

Ich hatte das Gefühl, mein Potenzial nicht ausschöpfen zu können.

Viele Entscheidungen fühlten sich langsamer an.

Viele Themen fühlten sich kleiner an.

Ich hatte das Gefühl, weniger gestalten zu können als früher.

Gleichzeitig begann ich immer mehr Artikel, Frameworks und Expertenmeinungen über Product Management zu konsumieren.

Jeder schien genau zu wissen, wie ein guter Product Manager arbeiten sollte.

Jeder hatte Regeln.

Jeder hatte Prinzipien.

Jeder hatte die perfekte Antwort.

Und anstatt mich weiterzuentwickeln, begann ich mich mit jeder dieser Antworten mehr zu hinterfragen.

Bin ich gut genug?

Mache ich meinen Job richtig?

Verstehe ich Product Management überhaupt wirklich?

Bin ich vielleicht gar nicht so gut, wie ich immer dachte?

Diese Fragen wurden mit der Zeit lauter.

Immer lauter.

Bis sie irgendwann jeden freien Gedanken einnahmen.

Anfang 2024 erreichte dieser Zustand seinen Höhepunkt.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich kein Ziel mehr vor Augen.

Keinen klaren nächsten Schritt.

Keine Vision.

Kein Gefühl von Richtung.

Und was zunächst wie Orientierungslosigkeit wirkte, entwickelte sich langsam zu etwas Dunklerem.

Zu Leere.

Zu Antriebslosigkeit.

Zu Selbstzweifeln.

Zu einer tiefen Unzufriedenheit mit mir selbst.

Doch da war noch etwas anderes.

Eine Frage, die ich lange nicht auszusprechen wagte.

Ich war 19 Jahre alt, als ich in meine Beziehung kam.

Fünfzehn Jahre später war ich 34.

Fast mein gesamtes Erwachsenenleben hatte ich mit derselben Person verbracht.

Und obwohl ich diese Beziehung liebte und sie immer mein Zuhause gewesen war, begann ich mich immer öfter zu fragen:

War das schon alles?

Nicht die Beziehung.

Das Leben.

Ich hatte gegründet.

Karriere gemacht.

Ziele erreicht.

Von außen lief vieles genau so, wie man es sich wünschen würde.

Und trotzdem entstand das Gefühl, auf der Stelle zu treten.

Als würde jeder Tag dem nächsten gleichen.

Arbeiten.

Wochenende.

Urlaub.

Arbeiten.

Wochenende.

Urlaub.

Ein ewiges Hamsterrad.

Nicht schlecht genug, um auszubrechen.

Aber auch nicht erfüllend genug, um glücklich zu sein.

Heute glaube ich, dass ich damals nicht nach etwas Neuem gesucht habe.

Ich habe nach Sinn gesucht.

Doch weil ich diesen Unterschied nicht verstand, begann ich die falschen Fragen zu stellen.

Und wer die falschen Fragen stellt, findet oft auch die falschen Antworten.

Rückblickend erkenne ich, dass ich nicht vor meiner Beziehung weglaufen wollte.

Ich wollte vor dem Gefühl weglaufen, festzustecken.

Vor dem Gefühl, nicht mehr zu wachsen.

Vor dem Gefühl, die Kontrolle über die Richtung meines eigenen Lebens verloren zu haben.

Das Tragische daran ist, dass ich begann, die Symptome mit der Ursache zu verwechseln.

Heute glaube ich, dass genau dort ein Teil meines Absturzes begann.

Denn sobald ich mit meinen Gedanken alleine war, wurde es unerträglich.

Arbeit half.

Reisen halfen.

Sport half.

Videospiele halfen.

Serien halfen.

Alles half.

Zumindest für ein paar Stunden.

Jede Ablenkung war willkommen.

Nicht weil sie mir Freude machte.

Sondern weil sie mich davon abhielt, mit mir selbst alleine zu sein.

Das Perfide daran ist, dass Depression nicht immer dazu führt, dass man stehen bleibt.

Manchmal führt sie dazu, dass man ständig in Bewegung bleibt.

Weil jede Pause bedeutet, wieder mit den eigenen Gedanken konfrontiert zu werden.

Ich entwickelte Verhaltensweisen, die rückblickend nichts anderes waren als Flucht.

Flucht vor Schmerz.

Flucht vor Selbstzweifeln.

Flucht vor Verantwortung.

Flucht vor mir selbst.

Sogar Dinge, die kurzfristig Erleichterung verschafften, wurden Teil dieser Flucht.

Nicht weil sie Probleme lösten.

Sondern weil sie mich für einen Moment vergessen ließen.

Für einen Moment musste ich nicht nachdenken.

Für einen Moment musste ich nicht fühlen.

Für einen Moment musste ich nicht ich selbst sein.

Dabei war die Depression nicht das Einzige.

Seit vielen Jahren litt ich unter Migräne.

Mit zunehmendem psychischen Druck wurden die Anfälle häufiger und stärker.

Der Schmerz wurde zu einem ständigen Begleiter.

Die körperlichen Beschwerden verstärkten die psychischen.

Die psychischen verstärkten die körperlichen.

Ein Kreislauf, aus dem ich keinen Ausweg fand.

Irgendwann schaltete ich innerlich auf Autopilot.

Das klingt harmlos.

War es aber nicht.

Denn auf Autopilot trifft man Entscheidungen nicht mehr aus Klarheit.

Man trifft sie aus Schmerz.

Aus Verzweiflung.

Aus Erschöpfung.

Aus dem Wunsch heraus, den nächsten Tag irgendwie zu überstehen.

Rückblickend fühlt es sich an, als hätte ich die Kontrolle über mein eigenes Leben Stück für Stück abgegeben.

Nicht an eine andere Person.

Sondern an eine Version von mir selbst, die ich heute kaum wiedererkenne.

Eine Version voller Selbsthass.

Voller Flucht.

Voller Selbstzerstörung.

Das Schwierigste daran ist nicht, zu akzeptieren, was passiert ist.

Das Schwierigste ist zu akzeptieren, wem man dabei wehgetan hat.

Menschen, die einen liebten.

Menschen, die einen unterstützten.

Menschen, die da waren.

Während man selbst immer weiter verschwand.

Heute weiß ich, dass ich viel früher Hilfe hätte suchen müssen.

Ich hätte zur Psychotherapie gehen müssen.

Ich hätte offen über meine Gedanken sprechen müssen.

Ich hätte aufhören müssen zu glauben, dass man alles alleine schaffen muss.

Denn genau das ist eine der größten Lügen, die Depression einem erzählt:

Dass man einfach stärker sein müsste.

Mehr Disziplin haben müsste.

Mehr kämpfen müsste.

Dabei braucht man oft nicht mehr Stärke.

Sondern Hilfe.

Eine weitere Erkenntnis hat lange gebraucht.

Depression nimmt einem nicht nur die Freude.

Sie verändert die Art, wie man denkt.

Wie man fühlt.

Wie man Entscheidungen trifft.

Viele Menschen verstehen das nicht.

Sie sehen die Entscheidungen.

Sie sehen die Fehler.

Sie sehen die Konsequenzen.

Aber sie sehen nicht den Nebel, in dem diese Entscheidungen getroffen wurden.

Und nein, dieser Nebel entschuldigt nichts.

Er macht aus falschen Entscheidungen keine richtigen.

Er nimmt niemandem den Schmerz, den man verursacht hat.

Aber er erklärt, warum man irgendwann Dinge tut, die so weit von dem Menschen entfernt sind, der man einmal war.

Erst dieses Jahr begann sich dieser Nebel langsam zu lichten.

Es war kein magischer Moment.

Keine plötzliche Heilung.

Es fühlte sich eher an, als würde nach langer Zeit wieder Licht in einen dunklen Raum fallen.

Gedanken wurden klarer.

Zusammenhänge wurden sichtbarer.

Dinge ergaben plötzlich wieder Sinn.

Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich wieder erkennen, wie weit ich mich von mir selbst entfernt hatte.

Und vielleicht ist genau das die schmerzhafteste Erkenntnis dieser ganzen Geschichte.

Nicht, was ich verloren habe.

Sondern dass ich mich selbst schon lange vorher verloren hatte.

Heute würde ich meinem jüngeren Ich nur eine einzige Sache sagen:

“Hör auf zu warten, bis alles explodiert. Such dir Hilfe. Sofort.”

Nicht weil Hilfe alle Probleme löst.

Sondern weil sie verhindert, dass man jahrelang alleine gegen einen Gegner kämpft, den man selbst nicht einmal richtig erkennt.

Vielleicht beginnt Heilung nicht in dem Moment, in dem der Schmerz verschwindet.

Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem man ehrlich genug wird, sich selbst anzusehen.

Ohne Ausreden.

Ohne Schuldzuweisungen.

Ohne Flucht.

Und zum ersten Mal zu sagen:

Da war ein Mensch, den ich einmal kannte.

Dann habe ich ihn verloren.

Und jetzt versuche ich, ihn wiederzufinden.


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