Wir-Gefühl
“Weißt du, was mich an anderen Menschen gerade am meisten aufregt?” Ich reiche ihm ein Glas Wein, während sein Blick hinaus über die…
Wir-Gefühl
“Weißt du, was mich an anderen Menschen gerade am meisten aufregt?” Ich reiche ihm ein Glas Wein, während sein Blick hinaus über die Dachterrasse gleitet. Es ist unweigerlich schneller dunkel geworden. “Ihre Menschlichkeit?” Seine Worte spiegeln sich an der Glasscheibe der Terrassentür in den Raum hinein. Ein sarkastisches Schmunzeln zieht sich in meine linke Gesichtshälfte. “Wenn du es so nennen willst.” Welch großartiger Gedanke, denke ich. “Aber nein”, bewegen meine Worte und ich mich in seinem Rücken, “es ist diese unsägliche Affektiertheit und dieses diffundierende Wir: “Wir haben ein Problem.”, “Wir sind dafür verantwortlich.”, “Wir müssen einen gemeinsame Lösung finden.”, et cetera.” “Einen Scheiß müssen wir.” Ich nicke. Wir verstehen uns. “Aber es ist viel einfacher, wenn jeder immer nur von “man” oder “wir” spricht”, füge ich hinzu. “Ein moralischer Imperativ, der einen selbst wunderbar aus der Gleichung nimmt. Die anderen werden es schon richten, müssen es sogar.” “Weil wir ja von wir sprechen.” Ich nicke. “Und es verhindert ja, dass wir Gefahr laufen mit unserer Meinung alleine im Raum zu stehen”, sagt er und lacht. “Wenn man sich alleine hinstellt, kann es ja sein, dass einem keiner zustimmt.”
Ich liebe es, wie er mit den von uns kritisierten Punkten spielt und kokettiert.
“Also, was machen wir jetzt mit den ganzen Idioten”, dreht er sich zu mir um und grinst mich an. “Oh, ich hasse dich dafür, dass du es so auf die Spitze treibst”, entgegne ich ihm entwaffnet. “Du meinst. Wir hassen uns dafür, dass wir es so auf die Spitze treiben.” “Ich finde es eigentlich ziemlich klasse”, sage ich und schnalze mit der Zunge. “Ich auch”, bekräftigt er, was ich bereits weiß.
Nichts geht über eine gesunde Aufteilung: “Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich.” Aus Dirty Dancing geklaut, aber nicht minder effektiv. Und eine wunderbare Grundlage um zu schauen, inwieweit es ein “Wir” dazwischen gibt. Ich würde sogar sagen “die”.
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