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Rolle Gott — Rolle Mensch

im Buch Exodus und in den Evangelien

Burkhard Genser · 2023-07-26 20:05 · 0 claps · 33.0 min read
#bibelinterpretation #interaktion #buch-exodus #rollen-jesu #verfasserfrage
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Rolle Gott — Rolle Mensch

im Buch Exodus und in den Evangelien

Zusammenfassung Mose wird als Begründer der israelitischen Nation angesehen. Mose war in ständiger In­teraktion mit Gott. Das kanonische Buch Exodus wurde in und nach dem Babylonischen Exil verfasst, d.h. im 6. und 5. Jh. v.Chr.. Seine Verfasser hatten Vorstellungen von der Rolle Mose’s und von der Rolle Gott. Sie haben Gott dem Herrn und Mose die Worte in den Mund gelegt. Ein Modell, wie diese wörtlichen Aussagen zustande gekommen sein könnten, ist die aus der Psychotherapie stammende Methode des Rollen­spiels bzw. des “leeren Stuhls”. − Jesus von Nazareth hatte Vorstellungen von der Rolle Gott, er sah Gott als “Part­ner” und fühlte sich von ihm ge­sandt und beauftragt. Die Nachfolger Jesu entwi­ckelten weitere Vorstellungen von der Rolle Jesu Christi. Auch hier kann das o.g. Modell angewendet werden.

  1. Einleitung

Wie kann die Beziehung Mensch-Gott lebendig und im Alltag wirksam ge­staltet werden? Der schwedische Psychologe Hjalmar Sundén (1908–1993) überträgt das Konzept der In­teraktion zwischen zwei Personen, die aufeinander bezogene Rollen einnehmen, z.B. Schüler-Lehrer, auf die Beziehung Mensch-Gott. Danach bilden Mensch und Gott ein “in­teraktionelles System” (Sundén 1982, 37). “Es sind die konkreten Situationen der Bibel, die ihm [dem Glaubenden] konkrete Rollen anbieten, die seine Welt umstrukturieren und ihn das Geschehen als Gottes Handeln er­fahren (Hervorhebung BG) lassen” (Sundén 49).

In der Bibel werden viele Begegnungen von Mensch und Gott lebensnah berichtet. Die Le­serin, die sich mit dem geschilderten Menschen identifiziert, hat dann Gott als “Rolle” vor sich und richtet ent­sprechende Erwartungen an Gott. Der Leser hat kognitive und emotionale “Muster”, mit denen er einzelne Wahrnehmungen in seinem Alltag als Gottes Anwesenheit oder Gottes Wir­ken erlebt und interpretiert. Gott wird für ihn zum “Partner”. Die “Rolle Gott” be­steht aus den Handlungsweisen Gottes, von denen ein Mensch durch Verkün­digung und religiö­se Sozialisation Kenntnis hat (Sundén 48).

Beispielhaft wird in Psalmen ersichtlich, dass die betende Person in Interaktion mit Gott tritt, dass sie eine Vorstellung hat von der “Rolle Gott” und dessen Verhalten. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meiner Rettung, den Wor­ten meiner Klage? […] Du hast mich erhört« (BG; Psalm 22; 2, 22; zit. n. der Zürcher Bi­bel 2007). Sie erwartet eine “Erhörung” auch für sich. − Eine glaubende Person erkennt im Alltag Gottes Wirken. Sie schreibt Alltagsereignissen, z.B. einer von Mitmenschen erhaltenen Hilfeleis­tung Gottes Wirken zu (Genser 2022).

Im folgenden wird das Konzept “Rolle Gott” erweitert: “Gottes” Handeln wird als Rollen­handeln erläu­tert. Die Bibel-Autoren übernehmen beim Verfassen der Texte die Rolle Gott (li­terarische Rollenübernahme). Andererseits wird in der Bibel viel­fach die Rolle Mensch for­muliert, in Geboten, Verboten, Anforderungen und Verheissun­gen.

2. Rolle und Rollen-Anteile

“Als eine Rolle kann man eine in sich zusammenhängende Verhaltenssequenz defi­nieren, die auf die Verhaltenssequenzen anderer Personen abgestimmt ist” (Hofstätter 1964, 36). “Soziale Rolle [wird definiert] als die Ausübung von Rechten und Pflichten, die mit ei­nem bestimmten Status [bzw. einer sozialen Position] verknüpft sind” (Goffman 1983, 18). Eine soziale Rolle ist ein kulturelles Modell, wie eine Person sich in einer bestimm­ten Situa­tion und sozialen Position verhalten soll (Soziale Rolle, Wikipedia). Eine Rolle umfasst Zie­le und Verhaltensweisen, Werte und Aufgaben, Pflichten und Rechte. In der Regel sind sozia­le Po­sitionen aufeinan­der bezogen; ent­sprechend bestehen wechselseitige Rollen und Er­wartungen, z.B. Ehe­mann — Ehefrau, Lehrer — Schü­ler, Patient — Arzt. Ziel allen sozia­len Handelns ist es, von den In­teraktionspartnern “beantwortet zu werden und sich als wirk­sam zu erfahren” (Willi 2007).

Die eigene Rolle kennen heisst, man weiss, welches Verhalten in einer konkreten Situation die Interaktionspartner von einem erwarten, sowie welches Verhalten man von diesen er­warten kann. Soziale Entwick­lung im ge­samten Lebenslauf bedeutet unendlichen Rollen­erwerb. Der Partner muss nicht beständig anwesend sein. Die untergebene Person weiss, was sie zu tun hat, auch wenn die vorgesetzte Person physisch nicht anwesend ist. Die Verkäuferin hat viel zu ar­beiten, bevor die Kundin den Laden betritt. − Es sind sieben Rollen-Anteile wirksam.

(1) Rollenkenntnis und Rollenerwerb. Man lernt eine Vielzahl von Rollen und sozialen Positio­nen kennen. Man lernt sie durch Belehrung und Unterweisung, Erzählungen und Klatsch so­wie durch Beobachtung und Vor­bild in realen Situationen, im Fernsehen und in Filmen (Modellernen). Rollenverhalten unterliegt gegenseitigem Feedback. Ein Teil dieses Feed­backs sind Sanktionen, d.h. Belohnungen und Bestrafungen, die ein Beteiligter einem In­teraktionspartner zukommen lässt. Die “Rolle Gott” kennt man durch Vorbild, Riten und Unterweisungen in der Familie sowie aus Religionsunterricht und Gottesdiensten, aus Bü­chern und aus der bildenden Kunst. Die auf “Gott” bezogenen Rollen des Menschen sind Geschöpf, Beschenkter, Diener, Sünder, Adressat von Of­fenbarung, Opfernder uam.

(2) Rollenantritt. Eine Person hat Kenntnis von einer Position und Rolle sowie entspre­chende Zukunfts­vorstellungen. Sie entschei­det sich für diese Rolle und macht die Ausbil­dung; sie erhält einen Auftrag und die entsprechende Legitimation. In anderen Fällen beauf­tragt eine Person sich selber, z.B. in freien Berufen oder als Schriftsteller (Selbstbe­auftragung). Nach der Taufe durch Johannes wird Jesus legitimiert durch »eine Stim­me aus dem Him­mel« (Mk 1; 11).

(3) Rollengestaltung und Rollenhandeln in der sozialen Realität. Eine Person hat eine Posi­tion inne; als Agierende gestaltet sie die Rolle. Sie übt die Rolle aus in Interaktion mit den Rollen-Partnern. Sie hat definierte Rechte und und unterliegt Pflich­ten. Sie wird von den Interaktionspartnern beantwortet und nimmt Sanktionen ent­gegen. Sie hat einen gewissen Spielraum für ihr Verhalten in der Rolle; sie interpretiert ihre Rolle.

(4) Rollenzuweisung (role sending). Ein Akteur in einer definierten Position weist ei­nem Interak­tionspartner eine Rolle bzw. Aufgabe zu. Der Vorgesetzte weist seinen Untergebe­nen die Arbeitseinsätze zu. Rollenzuweisung erfolgt oft schriftlich, z.B. bei der Gesetzge­bung. Rollenzuweisende Personen und Institutionen haben Vorstel­lungen von den Adres­saten, d.h. von den Personen in der komplementären Position. Jesus beruft und beauftragt die Fischer am See Genezareth (Mt 4; 18–22). Jesus trifft viele Aussagen über den »Vater« und dessen Handlungen.

(5) Perspektivenübernahme (role taking, Rollenübernahme im Sinne des Symboli­schen In­teraktionismus, Fischer & Wiswede 2009, 484 ff). Eine Person versetzt sich in einen Rol­len-/ Inter­aktionspartner und stellt sich dessen Absichten, Gefühle, Fähigkeiten und Res­sourcen vor (Empa­thie). Sie kommt zu einer Einschätzung, wie dieser sich in der gegebe­nen Situation wohl entscheiden oder handeln wird; ob er Hil­fe benötigt uam. Als Radfahrer auf einer Vorfahrtsstrasse achte ich dar­auf, ob ein Autofahrer, der in meine Strasse einbie­gen will, in meine Richtung geblickt hat. — Jesus sieht die Not der Kranken, Bettler und Zöll­ner (Mk 2; 3 ff).

(6) Literarische, vorgestellte **Rollenübernahme **(ohne reales Handeln). Ideen, Wertvor­stellungen oder Konzepte sowie Ich-Zustände können personalisiert, d.h. als Person oder Rolle vorgestellt wer­den. Im Psychodrama (Stadler & Kern 2010, 123 ff) und in der Ge­stalttherapie (Strümpfel 2006, 134 ff) werden Personenanteile sowie Konzepte durch leere Stühle repräsentiert. Die Klientin setzt sich auf den dem je­weiligen Konzept entsprechenden “lee­ren Stuhl” und formuliert Handlungen und Lösun­gen, die diesem Konzept genügen wür­den. In einem Rollentausch kann sie die ver­schiedenen Konzepte in einen “Dialog” treten las­sen. Ein Vater kleiner Kinder kann so be­rufliche Ambitio­nen, Vater-Ideale und Freizeit-Wünsche in Worte bringen und verhandeln (s.a. “inneres Team”, Schulz von Thun 1998, 16 f).

(7) Rollenspiel und Rollentausch (übende Rollenübernahme). Die Teilnehmer eines Rol­lenspiels nehmen unter Leitung des Spielleiters jeweils eine definierte Rolle ein und han­deln in der definierten sozialen Situation. Ein Erwach­sener kann sich wie ein Kind ver­halten, eine Untergebene wie ihre Chefin. Es handelt sich um Probehandeln in einer Als-ob-Situa­tion. Beim Rollentausch übernimmt ein Teilnehmer die Rolle eines Interaktionspart­ners, z.B. ein Ehemann die Rolle seiner Ehefrau. Im Rollenspiel er­leben die Teilnehmer bewusst ihre Gefühle und können neue Handlungsweisen er­proben (Rollen­erfahrung). “Im Rollenspiel [in der Psychotherapie] kann mit den verschiedenen Gottesbil­dern direkt ge­sprochen werden” (Moser 2003).

2.1 Rollenübernahme in der Vorstellung

Oft übernimmt man die Rolle einer Person nur in der Vorstellung oder in einer Darstel­lung. Auf der Grundlage von Medienbe­richten, Erzählungen und Bildern kennt man nicht wenige mächti­ge oder bedeutungsvolle Person. In der Vorstellung übernimmt man deren Rolle, etwa: ‘Wenn ich der Präsident der USA wäre, würde ich … ‘.

Schriftsteller nehmen vorgestellte bzw. literarische Rollenübernahmen vor. Sie erfinden Fi­guren mit ihren Fähigkeiten, Ge­fühlen und Zielen und übernehmen deren Perspektiven und Rollen. Eine Autorin formuliert Vorstellungen, was die Figur in der jeweiligen Rolle und Si­tuation anstreben und wie sie handeln würde. Wenn der Autor einen Dialog schreibt, übernimmt er wechselnd die bei­den Rollen. Als Modell stelle ich mir vor, die Autorin sitzt zwei leeren Stühlen gegenüber, die die Dialog-Partner repräsentieren. Sie setzt sich abwechselnd auf die Stühle und spricht in der jeweiligen Rolle. Der Autor hört sich in den Rollen sprechen. Er schöpft aus dem Fundus seiner Lebenserfahrungen sowie der gehör­ten und ge­lesenen Erzählungen. − Schriftsteller übernehmen die Rolle “Gott” bzw. die Rolle Jesu Christi, so der Apostel Paulus, die Ver­fasser des Evangeli­ums nach Jo­hannes, Au­gustinus, der Autor eines Passions­spiels, Jack Mi­les (1996), Nürnber­ger (2005).

Als Leserin, Zuschauerin oder Zuhörer eines Textes, der von fiktiven oder realen Personen handelt, versetzt man sich in der Vorstellung in die Rolle je­weils einer Figur und verbindet diese mit den eigenen Erfahrungen. Man vollzieht die Erlebnisse der Figur nach. Man er­lebt sich in der Vorstellung, man würde in der Rolle handeln (ex­perience taking) oder/und man wäre Adressat der vorgestellten Partnerfi­gur.

Mit der Veröffentlichung seines Textes übernimmt der Autor zudem die Rolle des Publizis­ten: Sein Text soll gelesen und gekauft werden; die Autorin möchte eine Wirkung bei den Le­sern er­zielen. Das Recht der Meinungsfreiheit berechtigt sie zur Publikation. Autoren un­terliegen Pflich­ten, u.a. Ehrverletzungen und Gewaltaufrufe zu unterlassen.

Helden und Vorbilder sind besondere Rollen. Sie sind lebende oder historische Menschen oder legendäre Figuren. Man hat eine Beziehung zu einem Vorbild, man “interagiert” mit ihm; man übernimmt die Perspektive der Vorbild-Person oder fragt sich, wie diese sich in der eigenen Situation ver­halten würde (Rollenübernahme).

In Psalm 50 (Psalm Asafs) werden verschiedene Rollenanteile ausgedrückt: Gott spricht: »Höre, mein Volk, ich will reden, Israel, ich will dich ermahnen. Ich bin Gott, dein Gott. […] Und rufe zu mir am Tag der Not, ich will dich erretten, und du wirst mich ehren. […] Das hast du getan, und ich sollte schweigen? Denkst du, ich sei wie du? Nun klage ich dich an und halte es dir vor Augen« (Psalm 50; 7, 15, 21). Der Verfasser des Psalms übernimmt die Rolle Gott (vor­gestellte Rollenübernahme) und spricht die betende Person an; die be­tende Person wird »angeklagt« und aufgefordert zur Umkehr (Rollenzu­weisung). Der Ver­fasser handelt in der Rolle des Kritikers und Publizisten (Rollenhan­deln). Betende erleben die Worte »Gottes« direkt an sich gerichtet (Rollenzuwei­sung). Sie entscheiden, ob sie die Rolle als »Angeklagte« annehmen (Rollenantritt).

2.2 Von Gott sprechen

Christentum und Islam sind “absolut theozentrisch”. Gott ist der “persönliche Weltregierer”, allmächtig, eine “wollende Persönlichkeit”; er ist der “»Schöpfer« aller Din­ge. […] Gott als das absolute Wesen [hat] die Welt durch sein blosses Willensgebot ins Da­sein gerufen. […] Eine tiefe und unüberbrückbare Kluft trennt den Schöpfer von allem Ge­schaffenen, er allein ist unvergänglich” (von Glasenapp 2001, 217 f). Das gilt auch für die israelitische Religion.

Wie kann man “von und über Gott sprechen”? Dalferth (2021) un­terscheidet einerseits “Gottesverständ­nisse — [das sind] Gottesvorstellungen, Gottesbilder, Gotteskonstrukte, Konzeptionen des Gött­lichen” − und andererseits Gott als Existenz. “Gott [ist] nicht nur ein Konstrukt” (98 f). Dalferth äussert die Über­zeugung, dass Gott mehr ist als “Gott”, mehr als die — menschlichen — Gottesverständnis­se. Gott kann jenseits der Got­tesverständnisse erfahren werden.

“Wie können wir von Gott anders reden als in Gleichnissen und Bildern? Wie soll der Mensch auf Gottes Offenbarung anders antworten als in menschenförmiger Rede? Das zweite Gebot konfrontiert uns mit der grundsätzlichen Verlegenheit jeden menschlichen Redens von Gott. Der heikle Punkt ist die Unverfügbarkeit Gottes. […] In Bildern von Gott reden heisst daher, das Unsagbare trotzdem zu sagen versuchen” (Zahrnt 1992, 105).

In einer empirischen Studie wurden die studentischen Teilnehmer gebeten, sich eine An­sprache an “Gott” und eine Ant­wort von “Gott” vorzustellen. Alle Teilnehmer, die auf Frage ein “religiös-spiri­tuelles Ringen” angegeben hatten, kamen dieser Bitte nach. Sie haben die Perspektive und Rolle “Got­t” eingenommen (li­terarische Rollenübernahme). Die vorge­stellten “Gottes”-Antworten drückten Verbun­denheit aus: “Gott” antworte vorwiegend durch den “Aus­druck bedingungsloser Liebe” und die “Bereitstellung persönli­cher Unterstüt­zung” (Wilt ua 2021).

Im Religionsunterricht im 5. Schuljahr wurde Schülern der Impuls vorgetragen “Wenn ich Gott wäre …”. Die Schüler hatten keine Mühe, darauf zu antworten. Sie übernahmen die “Rolle Gott” (Zirker 1980). − In einem Gedanken-Experiment sollten die Teilneh­mer, die ei­nem christli­chem Glauben anhängen, sich überlegen, wie Gott Menschen in der Katastro­phensituation eines Schiffsunter­gangs hel­fen würde. Die Teilnehmer äusserten, Gott wür­de ein­greifen, in­dem er an­dere Menschen zu einem Verhalten beein­flusst, das hilfreich ist, nicht aber — obwohl er als allmächtig an­gesehen wird — durch Einwirkung auf biologi­sche oder physika­lische Pro­zesse (Barrett 2000).

Wie kann über religiösen Glauben und religiöses Erleben ge­sprochen werden? Ein “Be­schreibungsversuch [des religiösen Erlebens] wird überhaupt erst möglich durch die vor­herige und häufig auch abschliessende Rahmung mithilfe des Hinweises auf die Unbe­schreiblichkeit” (Herbrik & Kanter 2020, 323). “Durch die Versicherung der Unbeschreib­barkeit [wird] gerade das Sprechen über das Un­beschreibliche ermöglicht, indem [sie] das Schei­tern der Beschreibung vorwegnimmt und [diese] damit von einem Perfektionsan­spruch entlastet” (335).

Gott wird auch in der Rolle der “Höheren Macht” erfahren. In der Selbsthilfe-Gemeinschaft der Anony­men Alkoholiker wird “Gott wie wir ihn verstehen” als “Höhere Macht” geglaubt; sie wird sowohl per­sönlich als auch unper­sönlich erlebt. Für Alkoholkranke ist es der 2. Schritt ihrer Gesun­dung, das Wirken der Hö­heren Macht anzuerkennen (Anonyme Alkoholiker deut­scher Sprache 1980, 23). Das Wirken einer Höheren Macht wahrzunehmen ist Anlass zu Dankbarkeit. − Gott kann weiterhin als Personifizierung von Numinosem und Unverfügba­rem gedeutet wer­den. (Moser 2003).

3. Rolle Gott und Rolle Mose in der Tora

In den Büchern der Tora (Fünf Bücher Mose) nimmt Gott der Herr eine Vielfalt von Rollen ein. Genesis und Exodus enthalten die Grundlagen der Beziehung des israeliti­schen Got­tes mit dem Volk Is­rael. Das Buch Genesis handelt u.a. von der Schöpfung der Welt und des Menschen, der Vertrei­bung aus dem Paradies, der Zerstörung durch die Sintflut und Rettung. “Die Urgeschichte spricht ei­nerseits von den Schwierigkeiten, die die Lebenswelt der Menschheit prägen, aber auch von der Gnade Gottes, dank derer sie überhaupt beste­hen bleibt. […] Die Erz­elterngeschichte hat ein durchgehendes Thema: das der Verheis­sung. Gott sagt Abraham, Isaak und Jakob und ihren Nachkom­men zu, dass sie sich zu ei­nem grossen Volk entfal­ten und dass sie das Land Kanaan be­sitzen werden” (Zürcher Bi­bel 2007, 5 f).

Das Buch Exodus “erzählt vom Auszug der Israeliten aus Ägypten und von dem, was ih­nen auf dem Weg durch die Wüste ins verheissene Land widerfährt.” Es beginnt mit der Schilderung der Knechtschaft Israels in Ägypten. Gott erscheint Mose und beruft ihn. Gott “befreit Israel” durch zehn Plagen und durch das “Meerwunder, das die Israeliten entkom­men lässt, den Ägyptern aber den Tod bringt”. Am Sinai gibt Gott Mose “eine Vielzahl von rechtlichen und kultischen Bestimmungen”. Gott schliesst den Bund mit Israel, nachdem das Volk diesem zugestimmt hat (Zürcher Bi­bel 75 f).

Der Ägyptologe J. Assmann (2015) stellt die Überlieferungs- und Gedächtnisgeschichte der Ex­odus- und Mo­se-Erzählung dar bis in die Zeit nach dem Babylonischen Exil (597–539 v.Chr.). Er fragt “nach der Be­deutung der Über­lieferung” für die jeweiligen Generatio­nen. Wie wur­den Ereignisse “erin­nert, das heisst wann, warum, von wem, für wen, in wel­chen Formen wurde diese Vergan­genheit wichtig”? (55). “Für die hebräische Literatur des 10. bis 4. Jahrhunderts v.Chr. ist die Bibel so gut wie das einzige Zeugnis” (79).

Mose erscheint als “der Inbegriff eines charismatischen Herrschers” (Assmann 225). “In­dem Mose die Tora schuf, hat er das Volk geschaffen” (232). “Der Sinai-Bund […] verbin­det mit der Zusage der Treue zugleich die Offenbarung einer kollektiven Verfassung, Le­bensordnung und Kultorganisation” (234). Mose ist zentral für das Zustandekommen des Sinai-Bundes zwischen Gott JHWH und dem Volk Israel, und durch sein Handeln wird die­ser Bund Realität für die Nation und im Alltag. Im Buch Exodus haben folgende Themen “den Status höchster Autorität und Verbindlich­keit gewonnen: […] Auszug, Erwählung, Bund, Gesetz und Gottesnähe” (80 f) sowie “Revoluti­on und Befreiung, Bund und Erwäh­lung, moralische und juridische Geset­ze, Sün­de und Versöhnung” (96). Dazu kommt die Erwartung eigenen Landes (115).

Miles (1996) betrachtet die hebräische Bibel (Tanach) in der dort überlieferten Reihung der Bücher als literarisches Werk. Er schreibt eine “Biografie Gottes”. Gott der Herr nimmt im Verlauf abwechselnd verschiedene Rollen ein, Miles spricht von Persönlichkeiten. Die­se waren ursprünglich, d.h. vor der Entstehung der Tora, als selbständige Gottheiten ge­glaubt worden. “In der Gestalt Gottes des Herrn sind verschiedene Persönlichkeiten verschmol­zen” (458). Im Monotheismus wird “Göttliches als Eines konzipiert und imaginiert, in dem mehrere Persönlichkeiten koexistie­ren” (468).

Rollen Mose’s. Gott der HERR und Mose interagieren vielfältig in verschiedenen Rollen. Wie sich diese Interaktion konstituiert, kann in vier Szenarien gedacht werden.

● Szenario 1. Gott beauftragt Mose. ● Szenario 2. Mose sieht sich von Gott beauftragt. ● Szenario 3. Die Mose-Erzählung wird nach dem Exil zum politischen Programm. ● Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert worden.

Szenario 1. Gott beauftragt Mose. Mose’s Rollen werden betrachtet, wie sie im Text des Buches Exodus dargestellt werden, und zwar unter der Annahme, dass Mose eine historische Person war.

Im Buch Exodus werden häufige Begegnungen von Gott und Mose geschildert; sie finden jeweils ohne Zeugen statt. Berufung und erste Beauftragung von Mose erfolgen vor dem Brennenden Dornbusch. »Da erschien ihm [Mose] der Bote des HERRN in einer Feuer­flamme mitten aus dem Dornbusch. […] Dann sprach er [Gott der HERR]: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Ja­kobs. Da verhüllte Mose sein Angesicht, denn er fürch­tete sich, zu Gott hin zu blicken. Und der HERR sprach: […]. Und nun geh, ich sende dich zum Pha­rao. Führe mein Volk, die Is­raeliten, heraus aus Ägypten. […] Und weiter sprach Gott zu Mose: […] Geh und ver­sammle die Äl­testen Israels und sprich zu ihnen: […] Ich will euch aus dem Elend Ägyp­tens hinaufführen in das Land der Kanaaniter, […] in ein Land, wo Milch und Honig fliessen. Und sie [die Is­raeliten] werden auf deine Stimme hören« (Ex 3; 2–18). Mose wird die Rolle zugewiesen. Mose zögert, er fürchtet, das Volk Israels werde ihm nicht glauben. »Gott der HERR« gibt Mose Verhaltensanweisungen, wörtlichen Text und wirkt für Mose zwei Wunder (Ex 4; 1–7). Mose entscheidet sich und tritt die Rolle an.

Die weiteren Begegnungen, auf dem Berg Zion und mehrfach im Bundeszelt, sind dem Volk bekannt, aber sämtlich ohne Ohrenzeugen. Die 70 Ältesten »schauten und sahen Gott« (Ex 24; 9–11), hörten ihn aber nicht. Mose kann Gott nicht sehen (Ex 33; 20). In den ers­ten vier Büchern der Tora werden Gottes Aussa­gen wörtlich wiedergegeben: »Und der HERR sprach zu Mose …«. Mose ist Offenbarungsmittler. Moses verkün­det vor dem Volk, was der HERR ihm gesagt hatte, und handelt entsprechend der jeweiligen Rolle: Er baut die staatli­chen und kultischen Institu­tionen sowie Zivil- und Strafrecht auf und führt das Gemeinwe­sen. Im 5. Buch der Tora werden Mose’s Reden an das Volk wörtlich wiederge­geben, immer mit dem Hinweis »wie der HERR es mir gesagt hat­te« (Deut 1; 1). »Ich stand damals [am Berg Choreb] zwischen dem HERRN und euch, um euch die Worte des HERRN zu ver­künden, denn ihr habt euch vor dem Feuer gefürchtet und seid nicht auf den Berg gestie­gen« (Deut 5; 5).

Mose schreibt auf, was Gott ihm verkündet: »Da sprach der HERR zu Mose: Schreibe dies zum Gedächtnis in ein Buch und lass es Josua hören« (Ex 17; 14). »Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe dir diese Worte auf, denn mit diesen Worten schliesse ich einen Bund mit dir und mit Israel. […] und er [Mose] schrieb auf die Tafeln die Worte des Bun­des, die zehn Worte« (Ex 34; 27–28. Begründung der Schriftreligion).

Die vom HERRN verkündeten »Rechtssatzungen« (Ex 21–23) betreffen: »Schutz der Sklaven, Totschlag und Menschenraub, Körperverletzung, Ersatzleistung [Schadenser­satz], Verführung einer Jungfrau, Verbrechen mit Todesstrafe, Schutz der Schwachen, [mate­rielle] Pflichten gegenüber Gott, gerechtes Verhalten; Sabbatjahr und Sabbat«. Wei­terhin wird alle sieben Jahre ein »Schuldenerlass« vorgeschrieben (Dtn 15; 1–2). Es sollen Gesetze gelten für Zusammenle­ben und Kult nach den Prinzipien Freiheit (für die freien Männer), Rechte für alle, Verant­wortung und Haftung.

Als Mose 40 Tage auf dem Berg Zion vor dem HERRN ist (Ex 24; 18), beten die Is­raeliten das »Goldene Kalb« an. Der HERR will das Volk »vernichten. Da besänftigte Mose den HERRN, seinen Gott …« (Ex 32; 10 ff). Mose befiehlt den Leviten, die anbeten­den Männer umzubringen (Selbstbeauftragung); er bezieht sich dabei auf den HERRN: »Er [Mose] aber sprach zu ih­nen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Es lege sich ein jeder das Schwert an die Hüfte. […] So fielen vom Volk an je­nem Tag an die dreitausend Mann« (Ex 32; 26 ff).

Im Bundesschluss »sprach der HERR zu Mose: […] Halte, was ich dir heute gebiete. Sieh, ich vertreibe vor dir die Amoriter und die Kanaaniter und die Hetiter und die Pe­rissiter und die Chiwwiter und die Jebusiter. Hüte dich davor, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schliessen, damit sie nicht zu einem Fallstrick werden in deiner Mitte. Vielmehr sollt ihr ihre Altäre nieder­reissen, ihre Mal­steine zerschlagen und ihre Ascheren umhauen« (Ex 34; 1. 11–13). “Ascheren” sind die Kultsymbole der kanaanitischen Göttin Aschera (Aschera, Zürcher Bibel, Glossar 10).

Mit ständigen Hinweisen auf Gott legitimiert Mose seine Autorität, die er gegenüber dem Volk Israel in 40 Jahren beansprucht. Frei umschrieben sagt Mose zum Volk: ‘Gott der Herr ist mir mehrfach erschienen. Er hat zu mir gesagt, er wird uns befreien; er bietet Bund, Schutz und Landbesitz an. Wenn ich euch be­fehle, so hat es Gott euch be­fohlen. Wenn ich euch Gesetze gebe, so hat Gott sie euch gege­ben.’ − In einer Analogie ausge­drückt nimmt Mose die Rolle des Vize-Präsidenten ein: Er ist Regent und Staats­führer in Vertretung des Präsidenten, der abwesend ist. Er sei instruiert über dessen Regierungs­vorhaben.

Im Buch Exodus nimmt Mose folgende Rollen ein: ● Offenbarungsmittler, Bote Gottes , Prophet, ● Staatsgründer, Volks­führer, Vizepräsident, Regent, ● Kultgründer und Kultgestalter, ● Richter (keine Gewaltenteilung), ● Notar (verschriftet die Tora), ● Heerführer.

Rolle Mensch Im Buch Exodus werden verschiedene Menschenbilder ausgeführt. Den Men­schen wer­den folgende Rollen zugeschrieben: ● Sklaven in Ägypten, ● befreite Sklaven, Volk Gottes, rechtsfähig und verantwortungsfähig, ● Nomaden, Viehhalter, Familienmenschen, die in Gemeinschaften, Sippen und Stämmen leben, ● zur Landnahme berechtigt, gegenüber anderen Völkern privilegiert, ● Sünder, Murrende, einsichtsfähig, ● Im 6. Jh v.Chr.: Besiegte, Unterworfene, zuvor Untertanen Assurs, dann Babylons.

Szenario 2. Mose sieht sich von Gott beauftragt. Mose betont immer wieder, dass er wiedergibt, was der HERR ihm diktiert hat. Gott gibt Re­gie-Anweisungen, wie Mose Mitarbeit und Compliance des Volkes er­reichen soll. Es gibt keine Zeugen der Interaktion Mose’s mit Gott. Mose könnte die Aussagen und Auffor­derungen “Gottes” und die Rahmenhandlungen auch selber erdacht haben.

Der Publizist C. Nürnberger (2005) räumt ein: “Wir [der Autor Nürnberger] wissen nicht, wie wir uns das Geschehnis [am Brennenden Dornbusch] vorstellen sollen. […] Es ist gut mög­lich, dass sich alles nur (BG) in Moses Kopf abgespielt hat” (91). “Was damals wirklich ge­schah in Ägypten, und danach in der Wüste, wissen wir nicht” (98). Nürnber­ger glaubt an Mose’s Beauftragung: “Leider ist Gott meistens ohnmächtig. Er kann ja nur durch Men­schen handeln” (89).

Wenn die Begegnungen mit “Gott” sich “nur in Moses Kopf abgespielt” haben, dann hat Mose die Rolle “Gott” übernommen (vorgestellte Rollenübernahme) und hat Zuweisungen an die Rolle “Gott” vorgenommen. Er selbst hat dann die Rolle des von “Gott” persön­lich Beauf­tragten eingenommen und als eine Art Vizepräsident regiert.

“Die historische Bedeutung von Moses liegt darin, dass er seinem Volk einen Gott gab, dem es ausschliesslich dienen sollte. Dadurch hat er bewirkt, dass sich für die ganze Zu­kunft der ganze religiöse Trieb der Israeliten auf Jahve konzentrierte. […] Moses hat aber nicht nur einen Volksgott, sondern auch ein Volk geschaffen; durch den Bund Israels mit Jahve hat er die von Natur aus auseinanderstrebenden Nomaden zu einer festen Ein­heit verschmolzen” (von Glasenapp 225). “Moses scheint […] um 1250 v.Chr. gelebt zu haben” (224).

Szenario 3. Die Mose-Erzählung wird nach dem Exil zum politischen Programm. Es ist ungewiss, ob Mose tatsächlich gelebt hat. Mehrheitlich wird angenommen, dass Mose keine historische Person war (Mose, RGG Bd 5 2002, 1434 ff). Die Erzählungen des israeliti­schen Volkes über Mose beruhen dann auf Le­genden. Die bis heute überlieferte kanoni­sche Fassung von Genesis und Exodus wurde schriftlich festgehalten während und nach dem Ba­bylonischen Exil in der Zeit von etwa 550–450 v.Chr. auf der Grundlage vor­hergehender schriftlicher Über­lieferungen; sie entstand also mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem legendären Mose (Assmann 81 ff; von Glasenapp 224).

Die Verfasser entwickeln und formulieren die vielfältigen Regelun­gen für das Gemeinwe­sen, das Rechtswesen und den Kult; sie übernehmen die Rolle Gott. Sie publizieren quasi unter einem Pseudonym (literarische Rollenübernahme und Rollenhandeln als Publizis­ten). Sie übernehmen auch die Rollen Mose’s, also die Rollen als Empfän­ger von Gottes Wei­sungen und als politischer Führer. Sie schrei­ben ihre Geschichte Israels wie ei­ne his­torische Darstellung, d.h. in einer Folge von Szenen mit wörtlicher Rede zwi­schen Gott und Menschen.

Die Ein-Gott-Vorstellung ist einzigartig und revolutionär (Miles). Die Zehn Gebote (Ex 20; 2–17) sind eine von Menschen erbrachte geistige Schöpfung von grösster Tragweite; ebenso der Mo­notheismus und die Gesetze und Regeln für das Zu­sammenleben der Men­schen. Gottes Wort wurde “Gott” von Menschen in den Mund gelegt. Das obige Zitat (Nürnberger 91) wäre dann abzuändern: Das Geschehen hat sich in den Köpfen der Ver­fasser und Redakto­ren abgespielt. Mose erscheint somit als legendärer Staatsgründ­er, Präsident und Volks­führer.

Im kanonischen Alten Testament wird die Landnahme “als Prozess der militärischen Er­oberung (BG) Palästinas durch die zwölf Stämme Israels beschrieben. […] Dieses bibli­sche Bild ist historisch-kritisch in Frage gestellt. […] die Stämme Israels siedelten zu­nächst auf dem dünn besiedelten mittelpalästinensischen Gebirge Ephraim und Juda, nicht aber in den fruchtbaren Ebenen, die von Stadtstaaten beherrscht wurden, so dass die Landnahme im Kern ein Prozess des friedlichen Einsickerns (BG) von Kleinviehzüch­tern aus dem palästinensischen Steppengürtel war” (Landnahme, RGG Bd 5 2002, 63–64).

“In der im Exil verfassten Tora haben wir eine Form zu sehen, in der sich die Gruppe der Deportierten ein Gedächtnis macht, das sie als Gruppe zusammenhält und ih­nen auch in der Fremde eine Identität sichert” (Assmann 239). Diesem Ziel dient auch die häufige Re­kapitulation der Geschichte Israels, z.B. in Deuteronomium oder in Psalmen wie Psalm 106. “Hinter der Semantik der Gewalt (BG) stand der unbedingte Wille zur kulturell-religiösen Selbsterhal­tung unter dem Druck der assyrischen und babylonischen Unterdrückung” (280).

“Jetzt [nach dem Untergang], als sich sowohl die priesterliche als auch die deuteronomisti­sche Schule daran machten, in der Situation der Katastrophe nach dem völligen Scheitern des heilsge­schichtlichen Projekts aus einer umfassenden Rekonstruktion (BG) der Ver­gangenheit Sinn, Hoffnung und Orientierung zu gewinnen, ging es um die Schuldfrage. Auf keinen Fall konnte die Schuld am Untergang Israels bei JHWH liegen; seine Treue und Gerechtigkeit galt es unter allen Umständen zu retten. Nicht Gott, sondern das Volk hatte den Bund ge­brochen” (Assmann 386). Im und nach dem Exil “treten Gott und Volk in die Leerstelle, die der Verlust von Staat, Kö­nigtum und Souveränität geschaffen” hatte. Der “Untergang des Königtums […] wurde theologisch verarbeitet” (394). — Der 587 v.Chr. durch Babylon zerstörte Tempel in Jerusalem wurde nach dem Exil wieder errichtet in den Jahren 517–515 v.Chr. (Jerusalemer Tempel, Wikipedia).

Kurz vor Mose’s Tod sprach der HERR zu ihm »Sieh, du legst dich nun zu deinen Vorfah­ren, und dieses Volk wird sich erheben und wird den fremden Göttern inmitten des Lan­des, in das es kommt, nachhuren, und es wird mich verlassen und meinen Bund brechen, den ich mit ihnen geschlossen habe« (Deut 31; 16). Mose spricht dann zu den Leviten: »[…] denn ich kenne deinen Ungehorsam und deine Halsstarrigkeit. Seht, schon heute, wo ich noch unter euch lebe, habt ihr euch dem HERRN widersetzt − wie viel mehr nach meinem Tod« (Deut 31; 27). Die Verfasser legen dem HERRN und Mose in der Vergangenheit als Zukunftsvorhersage in den Mund, was sie an Unglück in ihrer Gegenwart erleben.

Die Verfasser der Tora handeln in der Rolle von Volksführern (Rollenhandeln). Sie streben eine po­litische Ord­nung an, indem sie religiöse Deutungen und Institutionen initiieren. Sie bauen ein Geschichts-Narrativ auf, das eine soziale und politische Identität bereitstellt, die Le­gitimation durch einen monotheistischen Gott beinhaltet und eine offene Zukunft erklärt. Dazu übernehmen die Verfasser die Rolle “Gott der HERR” (literarische Rollenübernahm­e), der Anweisun­gen gibt und Wunder wirkt. Kult und Rechtsordnung sowie Innenpolitik und Aussenp­olitik waren ineinander verschach­telt und sämtlich auf “Gott” bezogen. Gleichzeitig defin­ieren sie die Rolle Mensch durch die Gesetze und Vor­schriften.

Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert. Nach der Überzeugung der “Verbalinspiration” wird “jedwede menschliche Mitwirkung am Zustandekommen [von sakralen Texten] ausgeschlossen. Entweder sind sie oder Teile davon bereits präexistent bei der Gottheit als Folge der Präexistenz des Wortes Gottes, oder [sie] werden dem Propheten direkt von der Gottheit in den Mund gelegt. Ausgehend von Ex 24; 12 […] wird insgesamt die schriftliche Tora als Mose auf dem Berg übergeben angesehen. Daher ist die Tora präexistent” (Verbalinspiration, RGG Bd 8 2005, 934–935).

Wenn Mose keine historische Person war, dann waren die Empfän­ger der In­spiration die Menschen, die die Erzählungen mündlich überliefert hatten, sowie die Verfas­ser im 6. und 5. Jh. v.Chr.. Die Texte sind durch Inspiration in die Köpfe gelangt; sie haben sich in den Köpfen der Verfasser be­funden und sind dann von diesen aufgeschrieben wor­den. Verbal­inspiration ist eine Erklärung der Entstehung der Tora-Texte.

4. Rolle Gott, Rollen Jesu in den synoptischen Evangelien

Christentum und Islam sind “absolut theozentrisch”. Gott ist der “persönliche Weltregierer”, allmächtig, eine “wollende Persönlichkeit”; er ist der “»Schöpfer« aller Din­ge. […] Gott als das absolute Wesen [hat] die Welt durch sein blosses Willensgebot ins Da­sein gerufen. […] Eine tiefe und unüberbrückbare Kluft trennt den Schöpfer von allem Ge­schaffenen, er allein ist unvergänglich” (von Glasenapp 2001, 217 f). Das gilt auch für die israelitische Religion.

Dem christlichen Gott wird als Rolle zugeschrieben: “Gott ist ein persönli­ches Geist­wesen, unermesslich, allgegen­wärtig, allwis­send, allweise, allmächtig, der Schöpfer der Welt und der Urheber ihrer Ord­nung, ihr Gesetzgeber und Richter. Gott ist gerecht, indem er nach Verdienst belohnt und bestraft. Er ist aber auch gütig und barmher­zig” (von Gla­senapp 287). − Jesus wird u.a. folgende Rolle zugeschrieben: “Das Christentum unterscheidet sich von al­len anderen grossen Religionen dadurch, dass es seinen Stifter in viel höherem Masse als diese in den Mittelpunkt seiner gesam­ten Leh­re stellt, indem es ihm eine für das ganze kosmische Geschehen entscheidende Bedeu­tung beimisst” (237).

Die schriftlichen Texte des Neuen Testaments entstanden Jahrzehnte nach Jesu Tod. Das Evangelium nach Markus wird als das früheste “auf die Zeit unmittelbar nach 70 n.Chr. datiert”; die drei anderen Evangelien sind jünger (Zürcher Bibel, Neues Testament 55). Das Verhalten Jesu wird in der Rückschau beschrie­ben. Am historischen Jesus besteht kein Zweifel. Die Be­richte in den synopti­schen Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas kommen dem Handeln und Verkündigen des historis­chen Jesus am nächsten. Sie enthal­ten einerseits mutmasslich authentische Aussagen und Handlungen Jesu (“zuverlässig überlieferte Her­renworte”; Lohfink 2011, 14), und an­dererseits Erzählungen, die nach dem Ostererlebnis in den christlichen Ge­meinden ent­standen waren. Die Verfasser der Evangelien haben lite­rarisch die Rolle Jesu übernom­men.

Die Erzählungen über Jesu Verkünden und Handeln können vier Szenarien zugeordnet werden. Es werden Stellen aus den Evangelien vorgestellt und mithilfe des Konzepts Rolle und Rollenanteil erläutert. Als Analogie nehme ich die Rollen Untergebener und Vorgesetzter.

● Szenario 1. Jüdische Glaubensvorstellungen zur Zeit Jesu. ● Szenario 2. Jesus steht in Interaktion mit Gott Vater und gestaltet seine Rolle. ● Szenario 3. Jesu Lehre wird zu einem theologischen Programm erweitert. ● Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert worden.

Szenario 1. Jüdische Glaubensvorstellungen zur Zeit Jesu. ■ Jesus hatte eine religiöse Sozialisation und sehr umfassende Kenntnis des Tanach und der Überlieferun­gen und zitiert oft daraus (Jesus Christus, RGG Bd 4 2001, 456 ff). Jesus kennt die Rolle “Gott” und das Verhalten “Gottes” (Rollenkenntnis). Gott als Schöp­fer, Richter, Rettung Verheissender, Vater. “Je­sus hat wie kein anderer gewusst, wer Gott ist. […] Er hat die Welt erschaffen, damit sie an ihm Anteil habe und erfüllt sei von seiner Lie­be” (Lohfink 151).

»Kundtun will ich den Beschluss des HERRN: Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt. Bitte mich, so gebe ich dir die Nationen zum Erbe und die Enden der Erde zum Eigentum« (Psalm 2; 7–8). − Jesus: »Lass die Toten ihre Toten begraben« (Lk 9; 60). Jesus kennt das 4. Gebot der Tora. Seine Aussage widerspricht jedoch diesem Gebot. Analogie: Der — mir persönlich unbekannte — Chef hat dieses gesagt und jenes angekünd­igt und verspro­chen; das gebe ich an euch weiter.

■ Jesus kennt die Rollen Prophet, Messias, Menschensohn (Rollenkennt­nis). Er hat Vorbil­der aus dem Tanach. Die Propheten im Tanach erhalten eine Botschaft Gottes ohne ihr eigenes Zutun. “Prophe­ten betonen in ihrem Selbstverständnis das Prinzip des unausweichlichen göttlichen Auf­trags, die Rolle als »Sprachrohr« Gottes. Diese Aufgabe wird — u.U. gegen erste Wider­stände — angenommen und dann mit Charisma erfüllt” (Prophet/ Prophetin/ Prophetie, RGG Bd 6 2003, 1693).

Als Messias “wird im Tanach vor allem der rechtmässige, von Gott eingesetzte König der Juden bezeichnet. […] Seit dem Ende des israelitischen Königtums (586 v. Chr.) [ent­stand] die Erwar­tung eines künftigen Messias, der JHWHs Willen endgültig verwirklichen, alle Juden zu­sammenführen, von Fremdherrschaft befreien, ein Reich der Gerechtigkeit und Freiheit herbeiführen werde” (Messias Wikipedia; Messias/ Messianismus RGG Bd 5 2002, 1143). − Zu Jesu Zeit bestand bei den Israeliten ein eschatologischer Glaube: Die Ankunft des Messias stehe bevor; es komme das Gericht, und ewiges Leben schliesse sich an (von Glasenapp 249 f).

Der Menschensohn repräsentiert die zukünftige Gottesherrschaft. Diese wird in Daniel 7; 13 ff verheissen. “Der Menschensohn ist eine Figuration des wahren, allein dem Gott der Väter dienenden Israel unter der dann endgültig offenbaren Gottesherrschaft. Das wahre Israel und die dann offenbare Gottesherrschaft sind nicht voneinander zu trennen” (Lohfink 270). − Jesus wählt diesen Ausdruck für sich und spricht von sich oft in der dritten Per­son als der Menschensohn.

Weitere Rollen: Sohn Gottes war im Alten Orient eine Auszeichnung für Herrscher. “Mit Sohn Gottes o.ä. wird verbreitet göttliche Autorisierung von Herrschern ausgedrückt. […] Der irdische Jesus sprach von sich nie als Sohn Gottes. Doch verstanden die Jünger sei­ne Vater-Anrede an Gott als markanten Ausdruck seiner Gottesbeziehung” (Got­tes Sohn, RGG Bd 7 2004, 1415 ff). − In den Psalmen sind häufig die Rollen Gerechte, Unge­rechte und Fein­de vertreten. Pharisäer als Gruppe bzw. Rolle werden von Jesus oft kritisiert.

Szenario 2. Jesus steht in Interaktion mit Gott Vater und gestaltet seine eigenen Rol­len. Jesus entscheidet sich, eine eigene Lehre zu entwickeln und zu verkünden, und wirkt in der Öffentlichkeit. Der historische Jesus nimmt in den synoptischen Evangelien verschie­dene Rollen ein: ● Wan­derprediger, Lehrer, ● Verkündiger, Religionsreformer, Gesandter Gottes, ● Anführer einer Bewegung, Heiler.

In entfernter Analogie kann man Jesu Aussagen übersetzen: Mitarbeiter sagt zum Vorges­etzten: Gib mir den Auftrag zu … . Mitarbeiter sagt zu Untergebenen: Der Chef hat mich eingesetzt und beauftragt. Ich sage euch, was er mir gesagt hat und was ihr tun sollt.

■ Jesus macht neue Aussagen über das Tun und Wirken “Gottes”. Für ihn ist die Rolle “Gott Vater” prominent (Rollenzuweisung) . “Mit dem Vater-Namen für Gott wird das Gottesverhältnis des Menschen entscheidend als Vertrau­en bestimmt” (Zahrnt 155). “Un­ser Vater im Himmel — [das] ist der Inbe­griff seiner ei­genen [Jesu] Got­teserfahrung” (169).

Jesus nimmt Rollenzuweisungen an Gott Vater vor. »Ich aber sage euch: Liebt eure Fein­de und betet für die, die euch verfolgen, so wer­det ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel; denn er lässt (BG) seine Sonne aufge­hen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (Mt 5; 44–45. Zahrnt 221).

Jesus: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmli­scher Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird auch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben« (Mt 6;14–15. Rollenzuweisung).

■ Jesus entschei­det sich, zum Volk zu predigen (Rollenantritt). »Nachdem man Johannes gefangen genommen hatte, kam Jesus nach Galiläa und ver­kündigte das Evangelium Gottes« (Mk 1; 14). »Jesus war etwa dreissig Jahre alt, als er zu wirken begann« (Lk 3; 23). Nach 40 Tagen in der Wüste, wo er »vom Teufel versucht« worden war, kehrte Jesus »in der Kraft des Geis­tes nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Umge­bung. Und er lehrte in ihren Synagogen und wurde von allen gepriesen« (Lk 4; 1–2, 14–15).

■ Jesus sieht sich als von Gott »gesandt« (Rollengestaltung). Jesu “Thema ist das anbrechende Reich Gottes. […] Er selbst versteht sich als von Gott bevollmächtigter Repräsentant dieses Reichs, das eine radikale Veränderung des Lebens mit sich bringt” (Jesus, Zürcher Bibel, Glossar 65). Lohfink übersetzt “Reich Gottes” mit “Gottes­herrschaft”, die von Jesus “proklamiert” wird (21).

Jesus zu den Jüngern, die er aussendet: »Wer euch hört, hört mich; und wer euch verach­tet, verachtet mich. Wer aber mich verachtet, verachtet den, der mich gesandt hat« (Lk 10; 16). Im “jüdischen Botenrecht” gilt: “Der Gesandte repräsentiert den Sendenden, er tritt in des­sen Auto­rität auf, er vertritt ihn vollgültig, ja er macht ihn geradezu gegenwärtig. Das gilt zunächst für die Zwölf, die Jesus in aller Form ausgesandt hat. Es gilt jedoch genau­so von Jesus. Er ist von Gott aus­gesandt, er repräsentiert ihn und macht ihn gegenwär­tig. Er re­det und handelt an der Stelle Gottes. Wer ihn hört, hört Gott. Wer ihn aufnimmt, nimmt Gott auf” (Lohfink 99).

Jesus stellt sich als Gesende­ten vor. Er übernimmt die Rolle Gott und weist sich die Rolle als Bote Gottes zu. In seinem Handeln (Rollenhandeln) nimmt er die Legitimation als Bote Gottes in Anspruch; als Ge­sendeter und als Stellvertreter Gottes sendet er die Jün­ger aus. Der Bote hat Kompetenzen, er bleibt aber als Bote erkennbar. Jesus bleibt Mensch. Analogie: Wenn ich der Chef wäre, würde ich mir den Auftrag geben.

■ Jesus erklärt in Selbstaussagen seine eigenen Rollen (Rollengestaltung). Jesus: »Ich sage euch aber: Zu jedem, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, wird sich auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes« (Lk 12; 8). “Jesus hat wirklich vom ›Menschensohn‹ gesprochen — und er hat sich selbst damit gemeint”. Jesus spricht vom gegenwärtigen und vom zukünftigen Wirken des Men­schensohns (Rollen­übernahme; Lohfink 266). Dabei nimmt Jesus eine Modifikation gegenüber der Überliefe­rung vor: »Denn auch der Men­schensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu las­sen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mk 10; 45). “Die Selbstaussagen Jesu bleiben auf diese Weise chiffriert. Die Rede vom Menschen­sohn wahrt die Zurückhaltung” (Lohfink 272; Rollen­gestaltung).

Jesus: »Wenn ich jedoch durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gelangt« (Lk 11; 20). Jesus verkündet das nahe Ende: »Himmel und Erde werden vergehen, meine (BG) Worte aber wer­den nicht verge­hen« (Lk 21; 33).

Jesus fragt seine Jünger: »Für wen haltet ihr mich? Petrus antwortet ihm: Du bist der Mes­sias! Da schärfte er ihnen ein, niemandem etwas über ihn zu sagen« (Mk 8; 29–30. Mt 16; 20). − Der Hohepriester: »Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten? Da sprach Jesus: Ich bin es, und ihr werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wol­ken des Himmels « (Mk 14, 61–62).

Bei Matthäus heisst es: »Und der Hohe Priester sagte zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, uns zu sagen, ob du der Messias bist, der Sohn Gottes. Da sagt Jesus zu ihm: Du sagst es« (Mt 26; 63–64). »Jesus aber wurde vor den Statthalter gebracht, und der Statthalter fragte ihn. Du bist der König der Juden? Jesus sprach: Das sagst du!« (Mt 27; 11). − *‘Du sagst es’ hat zwei Bedeutungen, je nach Betonung: ‘Du sagst es − ich sage es nicht’; und ‘Du sagst es − so ist es’ (pers. Mitteilung C.F.).*

“Nach allem, was wir von Jesus wissen, [kann] es kaum zweifelhaft sein, dass er sich selbst für den Messias gehalten hat, der von den heiligen Schriften (Daniel 7, 13 ff) als der Endiger der Leiden des jüdischen Volkes verheissen worden war und zu seiner Zeit von vielen sehn­lichst erwartet wurde. [… Es ist anzunehmen, dass Jesus] erst allmählich in diese Rolle (BG) hin­eingewachsen” ist (von Glasenapp 237). “Jesus hielt sich selber für den erwarteten Messias und ver­hiess seinen Jüngern, dass sie an seiner Herrlichkeit An­teil haben wür­den” (250).

Jesus nimmt gegenüber der jüdischen Messias-Vorstellung Distanz ein: “Der Verzicht auf Gewalt ist für ihn fundamental. Jesus hätte nie und nimmer verkündet, Jerusalem müs­se »von den Hei­den gereinigt werden« [Psalm Salomos 17]”. Lohfink fasst zusammen: “So bleibt aufs Ganze gesehen die Reserve Jesu gegenüber dem gängigen Messiasbild beste­hen” (282). − Es handelt sich somit mehrere Deu­tungen, ob bzw. wie Jesus die Rolle des Mes­sias übernommen hat (Rollengestaltung).

■ Jesu Handeln, Verkünden und Verheissen (eigenes Rollen­handeln). Jesus handelt in direkten Interaktionen ge­genüber Jüngern, dem Volk, Kranken, Sündern, Pharisäern und Politikern.

»Und er [Jesus] zog in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen, verkündigte das Evangeli­um vom Reich und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen im Volk. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in ganz Syrien« (Mt 4; 23–24). Jesus: »Wenn ich jedoch durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch ge­langt« (Mt 12; 28. Rollenhandeln). Jesus: »Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird ins Himmelreich hineinkommen, son­dern wer den Willen meines Va­ters im Himmel tut« (Mt 7; 21).

»Da sagte Jesus zu ihm [Oberzöllner Zachäus]: Heute ist diesem Haus Heil wider­fahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und zu ret­ten, was verloren ist« (Lk 19; 9–10. Rollenhandeln). − “Wir stehen hier m.E. vor dem »me­thodischen Ansatz« der Seelsorge Jesu: Er verän­dert Menschen gerade dadurch, dass er sie annimmt, wie sie sind” (Haa­cker 2010, 187).

■ Jesu beauftragt seine Jünger (eigenes Rollen­handeln). Jesus stellt an Apostel und Jünger konkrete Anforderungen und Aufträge . Er beansprucht Legitimation durch Berufung auf Gott Vater. Er weist den Jüngern ihre Rolle zu.

Jesus: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen […] Ich wer­de dir die Schlüssel des Himmelreichs geben, und was du auf Er­den bindest, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein (Mt 16; 18–19. Rollenhandeln).

Jesus: »Kommt ihr in eine Stadt, wo man euch aufnimmt, so esst, was euch vorgesetzt wird, und heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Nahe gekommen ist das Reich Gottes, bis zu euch« (Lk 10; 8–9). Die Jünger “kommen nicht nur im Auftrag Jesu, sondern sie kommen stellver­tretend für ihn” (Loh­fink 89). Nach dem Botenrecht sind die Jünger Stellvertreter Jesu.

■ Rolle Mensch aus Jesu Sicht (die Aufzählung ist unvollständig): ● Untertanen Roms; gleiche Rechte für alle, ● Kinder Gottes, im Bund mit Gott, ● Sünder, erlösungsfähig durch Gnade und durch eigene Anstrengungen.

Szenario 3. Jesu Lehre wird zu einem theologischen Programm erweitert. ■ Die Verfasser des Neuen Testamentes schreiben Jesus folgende Rollen zu und über­nehmen die Rolle Jesu (Rollenzuweisung): ● Prophet, Messias, ● von Gott gesandt, ● Opfer, Auferstandener, Erlöser, ● Gottes Sohn, fleischgewordenes Wort Gottes, ● Gott (durch das Konzil von Nicäa).

Nach Jesu Tod haben die Apostel und Jünger seine Lehre verkündet. Dabei haben sie die Rolle Jesu übernommen. Ihre Jesus-Zitate wurden teilweise beeinflusst vom Auferstehungserleben und vom Pfingstereignis. Mit dem Tode Jesu und der verkündigten Auferstehung wurde seine Rolle als “Gesalbter” (hebräisch Messias), als “Christus” prominent. “Zu einer geschichtlichen Macht wurde Christus aber vor allem dadurch, dass seine Jünger von ihm mit Bestimmtheit behaupteten, er sei aus dem Grabe auferstanden, verschiedenen Personen zu verschiedenen Malen erschienen und schliesslich vor ihren Augen gen Himmel gefahren (von Glasenapp 238).

Nach Lohfink sind die 70 “wichtigsten Worte Jesu” sämtlich in den drei synoptischen Evangelien enthalten, nicht jedoch im Evangelium nach Johannes und in den Briefen (s. Übersicht 5–8). Im Evangelium nach Johannes wird in einer freien Erzählung von Jesu Wirken berichtet. Die Jesus-Figur spricht in grossem Umfang in wörtlicher Rede. Diese Selbstaussagen wurden der Jesus-Figur von den Verfassern in den Mund gelegt. Die Verfasser nehmen neue Rollenzuweisungen vor bezüglich Jesus als Christus und bezüglich Gott (literarische Rollenübernahme). Sie handeln in den Rollen von Verkündigern und Publizisten.

“Im Zentrum des Johannesevangeliums steht die Botschaft, dass Jesus [von Nazareth] der Sohn Gottes sei” (Evangelium nach Johannes Wikipedia) “Das Evangelium nach Johan­nes ist der Niederschlag vieler Dis­kussionen und Auseinan­dersetzungen in der johannei­schen Gemeinde. […] Das Evangelium nach Johannes fragt […]: Wer ist der Christus? Und es antwortet, indem es von Jesus erzählt. Oder mit den Worten des Prologs formu­liert: Wer ist derjenige, der untrennbar zu Gott gehört und als Logos der Welt das Gepräge gab?” Die Verfasser des 4. Evangeliums sind unbekannt (Zürcher Bibel, Neues Testa­ment 143).

Im Evangelium nach Johannes spricht Jesus wiederholt von seiner Sendung durch den Vater. Diese Rollenzuweisung ist für die Verfasser zentral. Jesus: »Die Werke, die ich im Namen meines Vaters tue, sie legen Zeugnis ab für mich. […] Was mein Vater mir gege­ben hat, ist grösser als alles, und niemand kann es der Hand des Vaters entreis­sen. Ich und der Vater sind eins (BG)« (Joh 10; 25, 29–30). Jesus zu Thomas: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich (BG)« (Joh 14; 6).

Jesus zu den Jüngern am ersten Wo­chentag nach der Grablegung: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20; 21). Betont werden Jesu engste Bindung an Gott Vater und seine unauflös­bare Legitimation durch Gott Vater. Je­sus: »Und worum ihr in meinem Namen bitten werdet, das werde ich (BG) tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht werde« (Joh 14; 13). Als Einschränkung sagt Jesus dann: »[…] denn der Vater ist grösser als ich« (Joh 14; 28).

Die Verfasser des Evangeliums nach Johannes handeln ähnlich wie die Verfasser der Fünf Bücher Mose nach dem Babylonischen Exil. Diese hatten die Rollen von Gott dem Herrn und von Mose über­nommen und eine Erzählung erstellt, die das Überleben der Israeliten als Volk zum Ziel hatte. Die Verfasser des Evangeliums nach Johannes hatten möglicher­weise ein vergleichbares Motiv, nämlich die frühen christlichen Gemeinden ge­gen Chris­tenverfolgung zu unterstüt­zen.

■ Verkündigung durch Kirche und Priester. Die Kirche sieht sich als Stellvertreter Jesu Christi. Sie nimmt in ihrer Lehre eine unbe­grenzte Rollen­zuweisung an und Rollenübernah­me von “Gott” vor. Sie han­delt in den Rol­len als Lehrende und Gesetzgeber sowie als Priester gegenüber den Gläu­bigen mit Ge­horsamsforderung (Rollenzuweisung, Rollenhandeln).

Im 1. Konzil von Nicäa 325 n.Chr., das vom römischen Kaiser Konstantin einberu­fen wor­den war, bestand eine lebhafte Kontroverse, ob Jesus Gott sei (Athanasius) oder ob er ein besonderer Mensch sei (Arius). Mit der Entscheidung gegen Arius wurde Jesus die Rolle als wesenseins mit Gott (“homoousios”) zugewiesen (Nicäa, Konzil von 325, RGG Bd 6 2003, 277–280). Mit ihrer Aussage nah­men die siegreichen Teilnehmer für sich literarisch die Rolle “Gott” in An­spruch.

Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert worden. Nach der Inspirationslehre wurden die Heiligen Schriften unmittelbar von Gott eingegeben; die Bi­bel wurde bis in den Wortlaut hinein von Gott inspiriert. “An einigen Stellen [des Neu­en Testaments] wird ausdrücklich formuliert, dass Gott direkt in der Schrift redet.” Für das Verhältnis zwischen göttlichem Ursprung und menschlicher Verfasserschaft “wird auf den (heiligen) Geist als vermittelnde Instanz verwiesen” (Inspiration, RGG Bd 4 2001, 168). Danach legte der Hl. Geist den Verfassern die Worte in den Mund.

Eine theologische Erklärung: “Bedingung aller Verkündigung ist die Selbstoffenbarung Gottes, die durch das Wort der Predigt be­zeugt wird. Diese ist nicht nur menschliche Rede, sondern das verkündigte Wort Gottes, das seiner­seits an die Bibel als geschriebe­nes Wort Gottes rückgebunden (BG) ist” (Verkündigung, RGG Bd 8 2005, 1025).

5. Schluss

Mit der sozialpsychologischen Fragestellung nach den Rollenvorstellungen im Buch Ex­odus habe ich “Gottesvorstellungen” (Dalferth) beschrieben. Die Verfasser der Tora ha­ben während und nach dem Babylonischen Exil gehandelt und in der Rolle eines “charis­matischen Herrschers” (Assmann) umfassend die Texte für die Gründung eines Staatswe­sens schriftlich niederlegt; sie waren dabei in einer Position der vollständigen politischen Machtlosigkeit. Sie haben eine Vorstellung von der “Rolle Gott” sowie kultische Regeln und Institutionen geschaffen; gleichzeitig haben sie politische Ziele (eigener Staat in eige­nem Land), zivil- und strafrechtliche Gesetze sowie soziale Normen formuliert.

Der Auszug aus Ägypten wird bis in die Gegen­wart gelesen als Narrativ von Befreiung aus Sklaverei und Revolution. Der Auszug hat vor allem mit der Verheissung eigenen Landes politische Wirkung entfal­tet. − Die Erzählun­gen im Buch Exodus sind geistige Umwälzun­gen, die bis heu­te grundlegend sind: Freiheit, Gleichheit, Brüder­lichkeit; Befreiungsbewe­gung der Unter­drückten/ Sklaven; Monotheis­mus; Sabbat als ar­beitsfreier Tag; abstraktes, bildloses Den­ken. Das Buch Exodus hat eine “Revolution der alten Welt” in Gang gesetzt (Assmann).

Jesus hat mit Gott als Vater eine “Rolle Gott” verkündigt, die die persönliche stützende Zu­wendung Gottes an die Glaubenden betont. »Euer Vater weiss, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet« (Mt 6; 6 f). Jesus hat besonders die Randständigen seiner Zeit beachtet. Je­sus verlängert das Leben der individuellen Person über den Tod hinaus; erst dann werde das Gericht stattfinden, das ein Urteil über das diesseitige Leben spreche und das Beloh­nung bzw. Be­strafung in Ewigkeit zur Folge haben werde (Mk 10; 17 ff). − Jesu Nachfol­ger haben die “Rolle Gott” weiterentwickelt und seine Verkündigung zu einer Weltreligion geführt mit geistiger und politischer Macht­entfaltung.

Meine Untersuchung hat mich sensibilsiert für die Frage, wo Gott den Menschen Worte in den Mund legt und wo Menschen “Gott” Worte in den Mund gelegt haben. Schlussendlich steht jeder Mensch vor der Glaubensfrage. − Interaktionspartner haben in der Regel ei­nen Spielraum zur Interpretation ihrer Rollen, in der Formung ihrer Erwartungen an ihr Ge­genüber und in ihrem eigenen Verhalten. Beim Beten haben glaubende Personen indivi­duelle Vorstellungen von ihrer eigenen Rolle und von der “Rolle Gott”: welche Anliegen sie aussprechen, welche Antworten sie erhoffen. Die Bibel-Texte werden als feststehend an­gesehen (Probleme bestehen bei den Überlieferungen und den Übersetzungen); eine Textpassage zu verstehen ist mit einer Interpretationsleistung verbunden. Das Rollenkonzept be­tont die Interpretationsbedürftigkeit der Texte. Die verschiedenen christlichen Konfessio­nen haben zu unterschiedlichen “Rollen Gott” gefunden.

Der Theologe Heinz Zahrnt lädt in seinem “Katechismus” ein, an den Gott Jesu zu glau­ben. “Gott also geschieht zwischen den Menschen — aber es ist Gott, der zwischen den Men­schen geschieht” (1992, 207). “Die Welt gläubig sehen heisst Gott weltlich und die Welt gött­lich sehen. Ausserhalb der Welt gibt es kein Heil” (210). Im Vorwort erklärt Zahrnt: “Wer Gottes gewiss werden will, muss ‒ wie auch auch sonst im Leben ‒ auf etwas set­zen, was er vorher nicht weiss. Er muss glauben, denken und handeln ‒ »als ob es Gott gibt«. Allein so wird er erfahren, ob es ihn gibt. Gott wohnt nur dort, wo man ihn einlässt” (13).

6. Literatur

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