Rolle Gott — Rolle Mensch
im Buch Exodus und in den Evangelien
Rolle Gott — Rolle Mensch
im Buch Exodus und in den Evangelien
Zusammenfassung Mose wird als Begründer der israelitischen Nation angesehen. Mose war in ständiger Interaktion mit Gott. Das kanonische Buch Exodus wurde in und nach dem Babylonischen Exil verfasst, d.h. im 6. und 5. Jh. v.Chr.. Seine Verfasser hatten Vorstellungen von der Rolle Mose’s und von der Rolle Gott. Sie haben Gott dem Herrn und Mose die Worte in den Mund gelegt. Ein Modell, wie diese wörtlichen Aussagen zustande gekommen sein könnten, ist die aus der Psychotherapie stammende Methode des Rollenspiels bzw. des “leeren Stuhls”. − Jesus von Nazareth hatte Vorstellungen von der Rolle Gott, er sah Gott als “Partner” und fühlte sich von ihm gesandt und beauftragt. Die Nachfolger Jesu entwickelten weitere Vorstellungen von der Rolle Jesu Christi. Auch hier kann das o.g. Modell angewendet werden.
- Einleitung
Wie kann die Beziehung Mensch-Gott lebendig und im Alltag wirksam gestaltet werden? Der schwedische Psychologe Hjalmar Sundén (1908–1993) überträgt das Konzept der Interaktion zwischen zwei Personen, die aufeinander bezogene Rollen einnehmen, z.B. Schüler-Lehrer, auf die Beziehung Mensch-Gott. Danach bilden Mensch und Gott ein “interaktionelles System” (Sundén 1982, 37). “Es sind die konkreten Situationen der Bibel, die ihm [dem Glaubenden] konkrete Rollen anbieten, die seine Welt umstrukturieren und ihn das Geschehen als Gottes Handeln erfahren (Hervorhebung BG) lassen” (Sundén 49).
In der Bibel werden viele Begegnungen von Mensch und Gott lebensnah berichtet. Die Leserin, die sich mit dem geschilderten Menschen identifiziert, hat dann Gott als “Rolle” vor sich und richtet entsprechende Erwartungen an Gott. Der Leser hat kognitive und emotionale “Muster”, mit denen er einzelne Wahrnehmungen in seinem Alltag als Gottes Anwesenheit oder Gottes Wirken erlebt und interpretiert. Gott wird für ihn zum “Partner”. Die “Rolle Gott” besteht aus den Handlungsweisen Gottes, von denen ein Mensch durch Verkündigung und religiöse Sozialisation Kenntnis hat (Sundén 48).
Beispielhaft wird in Psalmen ersichtlich, dass die betende Person in Interaktion mit Gott tritt, dass sie eine Vorstellung hat von der “Rolle Gott” und dessen Verhalten. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meiner Rettung, den Worten meiner Klage? […] Du hast mich erhört« (BG; Psalm 22; 2, 22; zit. n. der Zürcher Bibel 2007). Sie erwartet eine “Erhörung” auch für sich. − Eine glaubende Person erkennt im Alltag Gottes Wirken. Sie schreibt Alltagsereignissen, z.B. einer von Mitmenschen erhaltenen Hilfeleistung Gottes Wirken zu (Genser 2022).
Im folgenden wird das Konzept “Rolle Gott” erweitert: “Gottes” Handeln wird als Rollenhandeln erläutert. Die Bibel-Autoren übernehmen beim Verfassen der Texte die Rolle Gott (literarische Rollenübernahme). Andererseits wird in der Bibel vielfach die Rolle Mensch formuliert, in Geboten, Verboten, Anforderungen und Verheissungen.
2. Rolle und Rollen-Anteile
“Als eine Rolle kann man eine in sich zusammenhängende Verhaltenssequenz definieren, die auf die Verhaltenssequenzen anderer Personen abgestimmt ist” (Hofstätter 1964, 36). “Soziale Rolle [wird definiert] als die Ausübung von Rechten und Pflichten, die mit einem bestimmten Status [bzw. einer sozialen Position] verknüpft sind” (Goffman 1983, 18). Eine soziale Rolle ist ein kulturelles Modell, wie eine Person sich in einer bestimmten Situation und sozialen Position verhalten soll (Soziale Rolle, Wikipedia). Eine Rolle umfasst Ziele und Verhaltensweisen, Werte und Aufgaben, Pflichten und Rechte. In der Regel sind soziale Positionen aufeinander bezogen; entsprechend bestehen wechselseitige Rollen und Erwartungen, z.B. Ehemann — Ehefrau, Lehrer — Schüler, Patient — Arzt. Ziel allen sozialen Handelns ist es, von den Interaktionspartnern “beantwortet zu werden und sich als wirksam zu erfahren” (Willi 2007).
Die eigene Rolle kennen heisst, man weiss, welches Verhalten in einer konkreten Situation die Interaktionspartner von einem erwarten, sowie welches Verhalten man von diesen erwarten kann. Soziale Entwicklung im gesamten Lebenslauf bedeutet unendlichen Rollenerwerb. Der Partner muss nicht beständig anwesend sein. Die untergebene Person weiss, was sie zu tun hat, auch wenn die vorgesetzte Person physisch nicht anwesend ist. Die Verkäuferin hat viel zu arbeiten, bevor die Kundin den Laden betritt. − Es sind sieben Rollen-Anteile wirksam.
(1) Rollenkenntnis und Rollenerwerb. Man lernt eine Vielzahl von Rollen und sozialen Positionen kennen. Man lernt sie durch Belehrung und Unterweisung, Erzählungen und Klatsch sowie durch Beobachtung und Vorbild in realen Situationen, im Fernsehen und in Filmen (Modellernen). Rollenverhalten unterliegt gegenseitigem Feedback. Ein Teil dieses Feedbacks sind Sanktionen, d.h. Belohnungen und Bestrafungen, die ein Beteiligter einem Interaktionspartner zukommen lässt. Die “Rolle Gott” kennt man durch Vorbild, Riten und Unterweisungen in der Familie sowie aus Religionsunterricht und Gottesdiensten, aus Büchern und aus der bildenden Kunst. Die auf “Gott” bezogenen Rollen des Menschen sind Geschöpf, Beschenkter, Diener, Sünder, Adressat von Offenbarung, Opfernder uam.
(2) Rollenantritt. Eine Person hat Kenntnis von einer Position und Rolle sowie entsprechende Zukunftsvorstellungen. Sie entscheidet sich für diese Rolle und macht die Ausbildung; sie erhält einen Auftrag und die entsprechende Legitimation. In anderen Fällen beauftragt eine Person sich selber, z.B. in freien Berufen oder als Schriftsteller (Selbstbeauftragung). Nach der Taufe durch Johannes wird Jesus legitimiert durch »eine Stimme aus dem Himmel« (Mk 1; 11).
(3) Rollengestaltung und Rollenhandeln in der sozialen Realität. Eine Person hat eine Position inne; als Agierende gestaltet sie die Rolle. Sie übt die Rolle aus in Interaktion mit den Rollen-Partnern. Sie hat definierte Rechte und und unterliegt Pflichten. Sie wird von den Interaktionspartnern beantwortet und nimmt Sanktionen entgegen. Sie hat einen gewissen Spielraum für ihr Verhalten in der Rolle; sie interpretiert ihre Rolle.
(4) Rollenzuweisung (role sending). Ein Akteur in einer definierten Position weist einem Interaktionspartner eine Rolle bzw. Aufgabe zu. Der Vorgesetzte weist seinen Untergebenen die Arbeitseinsätze zu. Rollenzuweisung erfolgt oft schriftlich, z.B. bei der Gesetzgebung. Rollenzuweisende Personen und Institutionen haben Vorstellungen von den Adressaten, d.h. von den Personen in der komplementären Position. Jesus beruft und beauftragt die Fischer am See Genezareth (Mt 4; 18–22). Jesus trifft viele Aussagen über den »Vater« und dessen Handlungen.
(5) Perspektivenübernahme (role taking, Rollenübernahme im Sinne des Symbolischen Interaktionismus, Fischer & Wiswede 2009, 484 ff). Eine Person versetzt sich in einen Rollen-/ Interaktionspartner und stellt sich dessen Absichten, Gefühle, Fähigkeiten und Ressourcen vor (Empathie). Sie kommt zu einer Einschätzung, wie dieser sich in der gegebenen Situation wohl entscheiden oder handeln wird; ob er Hilfe benötigt uam. Als Radfahrer auf einer Vorfahrtsstrasse achte ich darauf, ob ein Autofahrer, der in meine Strasse einbiegen will, in meine Richtung geblickt hat. — Jesus sieht die Not der Kranken, Bettler und Zöllner (Mk 2; 3 ff).
(6) Literarische, vorgestellte **Rollenübernahme **(ohne reales Handeln). Ideen, Wertvorstellungen oder Konzepte sowie Ich-Zustände können personalisiert, d.h. als Person oder Rolle vorgestellt werden. Im Psychodrama (Stadler & Kern 2010, 123 ff) und in der Gestalttherapie (Strümpfel 2006, 134 ff) werden Personenanteile sowie Konzepte durch leere Stühle repräsentiert. Die Klientin setzt sich auf den dem jeweiligen Konzept entsprechenden “leeren Stuhl” und formuliert Handlungen und Lösungen, die diesem Konzept genügen würden. In einem Rollentausch kann sie die verschiedenen Konzepte in einen “Dialog” treten lassen. Ein Vater kleiner Kinder kann so berufliche Ambitionen, Vater-Ideale und Freizeit-Wünsche in Worte bringen und verhandeln (s.a. “inneres Team”, Schulz von Thun 1998, 16 f).
(7) Rollenspiel und Rollentausch (übende Rollenübernahme). Die Teilnehmer eines Rollenspiels nehmen unter Leitung des Spielleiters jeweils eine definierte Rolle ein und handeln in der definierten sozialen Situation. Ein Erwachsener kann sich wie ein Kind verhalten, eine Untergebene wie ihre Chefin. Es handelt sich um Probehandeln in einer Als-ob-Situation. Beim Rollentausch übernimmt ein Teilnehmer die Rolle eines Interaktionspartners, z.B. ein Ehemann die Rolle seiner Ehefrau. Im Rollenspiel erleben die Teilnehmer bewusst ihre Gefühle und können neue Handlungsweisen erproben (Rollenerfahrung). “Im Rollenspiel [in der Psychotherapie] kann mit den verschiedenen Gottesbildern direkt gesprochen werden” (Moser 2003).
2.1 Rollenübernahme in der Vorstellung
Oft übernimmt man die Rolle einer Person nur in der Vorstellung oder in einer Darstellung. Auf der Grundlage von Medienberichten, Erzählungen und Bildern kennt man nicht wenige mächtige oder bedeutungsvolle Person. In der Vorstellung übernimmt man deren Rolle, etwa: ‘Wenn ich der Präsident der USA wäre, würde ich … ‘.
Schriftsteller nehmen vorgestellte bzw. literarische Rollenübernahmen vor. Sie erfinden Figuren mit ihren Fähigkeiten, Gefühlen und Zielen und übernehmen deren Perspektiven und Rollen. Eine Autorin formuliert Vorstellungen, was die Figur in der jeweiligen Rolle und Situation anstreben und wie sie handeln würde. Wenn der Autor einen Dialog schreibt, übernimmt er wechselnd die beiden Rollen. Als Modell stelle ich mir vor, die Autorin sitzt zwei leeren Stühlen gegenüber, die die Dialog-Partner repräsentieren. Sie setzt sich abwechselnd auf die Stühle und spricht in der jeweiligen Rolle. Der Autor hört sich in den Rollen sprechen. Er schöpft aus dem Fundus seiner Lebenserfahrungen sowie der gehörten und gelesenen Erzählungen. − Schriftsteller übernehmen die Rolle “Gott” bzw. die Rolle Jesu Christi, so der Apostel Paulus, die Verfasser des Evangeliums nach Johannes, Augustinus, der Autor eines Passionsspiels, Jack Miles (1996), Nürnberger (2005).
Als Leserin, Zuschauerin oder Zuhörer eines Textes, der von fiktiven oder realen Personen handelt, versetzt man sich in der Vorstellung in die Rolle jeweils einer Figur und verbindet diese mit den eigenen Erfahrungen. Man vollzieht die Erlebnisse der Figur nach. Man erlebt sich in der Vorstellung, man würde in der Rolle handeln (experience taking) oder/und man wäre Adressat der vorgestellten Partnerfigur.
Mit der Veröffentlichung seines Textes übernimmt der Autor zudem die Rolle des Publizisten: Sein Text soll gelesen und gekauft werden; die Autorin möchte eine Wirkung bei den Lesern erzielen. Das Recht der Meinungsfreiheit berechtigt sie zur Publikation. Autoren unterliegen Pflichten, u.a. Ehrverletzungen und Gewaltaufrufe zu unterlassen.
Helden und Vorbilder sind besondere Rollen. Sie sind lebende oder historische Menschen oder legendäre Figuren. Man hat eine Beziehung zu einem Vorbild, man “interagiert” mit ihm; man übernimmt die Perspektive der Vorbild-Person oder fragt sich, wie diese sich in der eigenen Situation verhalten würde (Rollenübernahme).
In Psalm 50 (Psalm Asafs) werden verschiedene Rollenanteile ausgedrückt: Gott spricht: »Höre, mein Volk, ich will reden, Israel, ich will dich ermahnen. Ich bin Gott, dein Gott. […] Und rufe zu mir am Tag der Not, ich will dich erretten, und du wirst mich ehren. […] Das hast du getan, und ich sollte schweigen? Denkst du, ich sei wie du? Nun klage ich dich an und halte es dir vor Augen« (Psalm 50; 7, 15, 21). Der Verfasser des Psalms übernimmt die Rolle Gott (vorgestellte Rollenübernahme) und spricht die betende Person an; die betende Person wird »angeklagt« und aufgefordert zur Umkehr (Rollenzuweisung). Der Verfasser handelt in der Rolle des Kritikers und Publizisten (Rollenhandeln). Betende erleben die Worte »Gottes« direkt an sich gerichtet (Rollenzuweisung). Sie entscheiden, ob sie die Rolle als »Angeklagte« annehmen (Rollenantritt).
2.2 Von Gott sprechen
Christentum und Islam sind “absolut theozentrisch”. Gott ist der “persönliche Weltregierer”, allmächtig, eine “wollende Persönlichkeit”; er ist der “»Schöpfer« aller Dinge. […] Gott als das absolute Wesen [hat] die Welt durch sein blosses Willensgebot ins Dasein gerufen. […] Eine tiefe und unüberbrückbare Kluft trennt den Schöpfer von allem Geschaffenen, er allein ist unvergänglich” (von Glasenapp 2001, 217 f). Das gilt auch für die israelitische Religion.
Wie kann man “von und über Gott sprechen”? Dalferth (2021) unterscheidet einerseits “Gottesverständnisse — [das sind] Gottesvorstellungen, Gottesbilder, Gotteskonstrukte, Konzeptionen des Göttlichen” − und andererseits Gott als Existenz. “Gott [ist] nicht nur ein Konstrukt” (98 f). Dalferth äussert die Überzeugung, dass Gott mehr ist als “Gott”, mehr als die — menschlichen — Gottesverständnisse. Gott kann jenseits der Gottesverständnisse erfahren werden.
“Wie können wir von Gott anders reden als in Gleichnissen und Bildern? Wie soll der Mensch auf Gottes Offenbarung anders antworten als in menschenförmiger Rede? Das zweite Gebot konfrontiert uns mit der grundsätzlichen Verlegenheit jeden menschlichen Redens von Gott. Der heikle Punkt ist die Unverfügbarkeit Gottes. […] In Bildern von Gott reden heisst daher, das Unsagbare trotzdem zu sagen versuchen” (Zahrnt 1992, 105).
In einer empirischen Studie wurden die studentischen Teilnehmer gebeten, sich eine Ansprache an “Gott” und eine Antwort von “Gott” vorzustellen. Alle Teilnehmer, die auf Frage ein “religiös-spirituelles Ringen” angegeben hatten, kamen dieser Bitte nach. Sie haben die Perspektive und Rolle “Gott” eingenommen (literarische Rollenübernahme). Die vorgestellten “Gottes”-Antworten drückten Verbundenheit aus: “Gott” antworte vorwiegend durch den “Ausdruck bedingungsloser Liebe” und die “Bereitstellung persönlicher Unterstützung” (Wilt ua 2021).
Im Religionsunterricht im 5. Schuljahr wurde Schülern der Impuls vorgetragen “Wenn ich Gott wäre …”. Die Schüler hatten keine Mühe, darauf zu antworten. Sie übernahmen die “Rolle Gott” (Zirker 1980). − In einem Gedanken-Experiment sollten die Teilnehmer, die einem christlichem Glauben anhängen, sich überlegen, wie Gott Menschen in der Katastrophensituation eines Schiffsuntergangs helfen würde. Die Teilnehmer äusserten, Gott würde eingreifen, indem er andere Menschen zu einem Verhalten beeinflusst, das hilfreich ist, nicht aber — obwohl er als allmächtig angesehen wird — durch Einwirkung auf biologische oder physikalische Prozesse (Barrett 2000).
Wie kann über religiösen Glauben und religiöses Erleben gesprochen werden? Ein “Beschreibungsversuch [des religiösen Erlebens] wird überhaupt erst möglich durch die vorherige und häufig auch abschliessende Rahmung mithilfe des Hinweises auf die Unbeschreiblichkeit” (Herbrik & Kanter 2020, 323). “Durch die Versicherung der Unbeschreibbarkeit [wird] gerade das Sprechen über das Unbeschreibliche ermöglicht, indem [sie] das Scheitern der Beschreibung vorwegnimmt und [diese] damit von einem Perfektionsanspruch entlastet” (335).
Gott wird auch in der Rolle der “Höheren Macht” erfahren. In der Selbsthilfe-Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker wird “Gott wie wir ihn verstehen” als “Höhere Macht” geglaubt; sie wird sowohl persönlich als auch unpersönlich erlebt. Für Alkoholkranke ist es der 2. Schritt ihrer Gesundung, das Wirken der Höheren Macht anzuerkennen (Anonyme Alkoholiker deutscher Sprache 1980, 23). Das Wirken einer Höheren Macht wahrzunehmen ist Anlass zu Dankbarkeit. − Gott kann weiterhin als Personifizierung von Numinosem und Unverfügbarem gedeutet werden. (Moser 2003).
3. Rolle Gott und Rolle Mose in der Tora
In den Büchern der Tora (Fünf Bücher Mose) nimmt Gott der Herr eine Vielfalt von Rollen ein. Genesis und Exodus enthalten die Grundlagen der Beziehung des israelitischen Gottes mit dem Volk Israel. Das Buch Genesis handelt u.a. von der Schöpfung der Welt und des Menschen, der Vertreibung aus dem Paradies, der Zerstörung durch die Sintflut und Rettung. “Die Urgeschichte spricht einerseits von den Schwierigkeiten, die die Lebenswelt der Menschheit prägen, aber auch von der Gnade Gottes, dank derer sie überhaupt bestehen bleibt. […] Die Erzelterngeschichte hat ein durchgehendes Thema: das der Verheissung. Gott sagt Abraham, Isaak und Jakob und ihren Nachkommen zu, dass sie sich zu einem grossen Volk entfalten und dass sie das Land Kanaan besitzen werden” (Zürcher Bibel 2007, 5 f).
Das Buch Exodus “erzählt vom Auszug der Israeliten aus Ägypten und von dem, was ihnen auf dem Weg durch die Wüste ins verheissene Land widerfährt.” Es beginnt mit der Schilderung der Knechtschaft Israels in Ägypten. Gott erscheint Mose und beruft ihn. Gott “befreit Israel” durch zehn Plagen und durch das “Meerwunder, das die Israeliten entkommen lässt, den Ägyptern aber den Tod bringt”. Am Sinai gibt Gott Mose “eine Vielzahl von rechtlichen und kultischen Bestimmungen”. Gott schliesst den Bund mit Israel, nachdem das Volk diesem zugestimmt hat (Zürcher Bibel 75 f).
Der Ägyptologe J. Assmann (2015) stellt die Überlieferungs- und Gedächtnisgeschichte der Exodus- und Mose-Erzählung dar bis in die Zeit nach dem Babylonischen Exil (597–539 v.Chr.). Er fragt “nach der Bedeutung der Überlieferung” für die jeweiligen Generationen. Wie wurden Ereignisse “erinnert, das heisst wann, warum, von wem, für wen, in welchen Formen wurde diese Vergangenheit wichtig”? (55). “Für die hebräische Literatur des 10. bis 4. Jahrhunderts v.Chr. ist die Bibel so gut wie das einzige Zeugnis” (79).
Mose erscheint als “der Inbegriff eines charismatischen Herrschers” (Assmann 225). “Indem Mose die Tora schuf, hat er das Volk geschaffen” (232). “Der Sinai-Bund […] verbindet mit der Zusage der Treue zugleich die Offenbarung einer kollektiven Verfassung, Lebensordnung und Kultorganisation” (234). Mose ist zentral für das Zustandekommen des Sinai-Bundes zwischen Gott JHWH und dem Volk Israel, und durch sein Handeln wird dieser Bund Realität für die Nation und im Alltag. Im Buch Exodus haben folgende Themen “den Status höchster Autorität und Verbindlichkeit gewonnen: […] Auszug, Erwählung, Bund, Gesetz und Gottesnähe” (80 f) sowie “Revolution und Befreiung, Bund und Erwählung, moralische und juridische Gesetze, Sünde und Versöhnung” (96). Dazu kommt die Erwartung eigenen Landes (115).
Miles (1996) betrachtet die hebräische Bibel (Tanach) in der dort überlieferten Reihung der Bücher als literarisches Werk. Er schreibt eine “Biografie Gottes”. Gott der Herr nimmt im Verlauf abwechselnd verschiedene Rollen ein, Miles spricht von Persönlichkeiten. Diese waren ursprünglich, d.h. vor der Entstehung der Tora, als selbständige Gottheiten geglaubt worden. “In der Gestalt Gottes des Herrn sind verschiedene Persönlichkeiten verschmolzen” (458). Im Monotheismus wird “Göttliches als Eines konzipiert und imaginiert, in dem mehrere Persönlichkeiten koexistieren” (468).
Rollen Mose’s. Gott der HERR und Mose interagieren vielfältig in verschiedenen Rollen. Wie sich diese Interaktion konstituiert, kann in vier Szenarien gedacht werden.
● Szenario 1. Gott beauftragt Mose. ● Szenario 2. Mose sieht sich von Gott beauftragt. ● Szenario 3. Die Mose-Erzählung wird nach dem Exil zum politischen Programm. ● Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert worden.
Szenario 1. Gott beauftragt Mose. Mose’s Rollen werden betrachtet, wie sie im Text des Buches Exodus dargestellt werden, und zwar unter der Annahme, dass Mose eine historische Person war.
Im Buch Exodus werden häufige Begegnungen von Gott und Mose geschildert; sie finden jeweils ohne Zeugen statt. Berufung und erste Beauftragung von Mose erfolgen vor dem Brennenden Dornbusch. »Da erschien ihm [Mose] der Bote des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. […] Dann sprach er [Gott der HERR]: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Angesicht, denn er fürchtete sich, zu Gott hin zu blicken. Und der HERR sprach: […]. Und nun geh, ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, heraus aus Ägypten. […] Und weiter sprach Gott zu Mose: […] Geh und versammle die Ältesten Israels und sprich zu ihnen: […] Ich will euch aus dem Elend Ägyptens hinaufführen in das Land der Kanaaniter, […] in ein Land, wo Milch und Honig fliessen. Und sie [die Israeliten] werden auf deine Stimme hören« (Ex 3; 2–18). Mose wird die Rolle zugewiesen. Mose zögert, er fürchtet, das Volk Israels werde ihm nicht glauben. »Gott der HERR« gibt Mose Verhaltensanweisungen, wörtlichen Text und wirkt für Mose zwei Wunder (Ex 4; 1–7). Mose entscheidet sich und tritt die Rolle an.
Die weiteren Begegnungen, auf dem Berg Zion und mehrfach im Bundeszelt, sind dem Volk bekannt, aber sämtlich ohne Ohrenzeugen. Die 70 Ältesten »schauten und sahen Gott« (Ex 24; 9–11), hörten ihn aber nicht. Mose kann Gott nicht sehen (Ex 33; 20). In den ersten vier Büchern der Tora werden Gottes Aussagen wörtlich wiedergegeben: »Und der HERR sprach zu Mose …«. Mose ist Offenbarungsmittler. Moses verkündet vor dem Volk, was der HERR ihm gesagt hatte, und handelt entsprechend der jeweiligen Rolle: Er baut die staatlichen und kultischen Institutionen sowie Zivil- und Strafrecht auf und führt das Gemeinwesen. Im 5. Buch der Tora werden Mose’s Reden an das Volk wörtlich wiedergegeben, immer mit dem Hinweis »wie der HERR es mir gesagt hatte« (Deut 1; 1). »Ich stand damals [am Berg Choreb] zwischen dem HERRN und euch, um euch die Worte des HERRN zu verkünden, denn ihr habt euch vor dem Feuer gefürchtet und seid nicht auf den Berg gestiegen« (Deut 5; 5).
Mose schreibt auf, was Gott ihm verkündet: »Da sprach der HERR zu Mose: Schreibe dies zum Gedächtnis in ein Buch und lass es Josua hören« (Ex 17; 14). »Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe dir diese Worte auf, denn mit diesen Worten schliesse ich einen Bund mit dir und mit Israel. […] und er [Mose] schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die zehn Worte« (Ex 34; 27–28. Begründung der Schriftreligion).
Die vom HERRN verkündeten »Rechtssatzungen« (Ex 21–23) betreffen: »Schutz der Sklaven, Totschlag und Menschenraub, Körperverletzung, Ersatzleistung [Schadensersatz], Verführung einer Jungfrau, Verbrechen mit Todesstrafe, Schutz der Schwachen, [materielle] Pflichten gegenüber Gott, gerechtes Verhalten; Sabbatjahr und Sabbat«. Weiterhin wird alle sieben Jahre ein »Schuldenerlass« vorgeschrieben (Dtn 15; 1–2). Es sollen Gesetze gelten für Zusammenleben und Kult nach den Prinzipien Freiheit (für die freien Männer), Rechte für alle, Verantwortung und Haftung.
Als Mose 40 Tage auf dem Berg Zion vor dem HERRN ist (Ex 24; 18), beten die Israeliten das »Goldene Kalb« an. Der HERR will das Volk »vernichten. Da besänftigte Mose den HERRN, seinen Gott …« (Ex 32; 10 ff). Mose befiehlt den Leviten, die anbetenden Männer umzubringen (Selbstbeauftragung); er bezieht sich dabei auf den HERRN: »Er [Mose] aber sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: Es lege sich ein jeder das Schwert an die Hüfte. […] So fielen vom Volk an jenem Tag an die dreitausend Mann« (Ex 32; 26 ff).
Im Bundesschluss »sprach der HERR zu Mose: […] Halte, was ich dir heute gebiete. Sieh, ich vertreibe vor dir die Amoriter und die Kanaaniter und die Hetiter und die Perissiter und die Chiwwiter und die Jebusiter. Hüte dich davor, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schliessen, damit sie nicht zu einem Fallstrick werden in deiner Mitte. Vielmehr sollt ihr ihre Altäre niederreissen, ihre Malsteine zerschlagen und ihre Ascheren umhauen« (Ex 34; 1. 11–13). “Ascheren” sind die Kultsymbole der kanaanitischen Göttin Aschera (Aschera, Zürcher Bibel, Glossar 10).
Mit ständigen Hinweisen auf Gott legitimiert Mose seine Autorität, die er gegenüber dem Volk Israel in 40 Jahren beansprucht. Frei umschrieben sagt Mose zum Volk: ‘Gott der Herr ist mir mehrfach erschienen. Er hat zu mir gesagt, er wird uns befreien; er bietet Bund, Schutz und Landbesitz an. Wenn ich euch befehle, so hat es Gott euch befohlen. Wenn ich euch Gesetze gebe, so hat Gott sie euch gegeben.’ − In einer Analogie ausgedrückt nimmt Mose die Rolle des Vize-Präsidenten ein: Er ist Regent und Staatsführer in Vertretung des Präsidenten, der abwesend ist. Er sei instruiert über dessen Regierungsvorhaben.
Im Buch Exodus nimmt Mose folgende Rollen ein: ● Offenbarungsmittler, Bote Gottes , Prophet, ● Staatsgründer, Volksführer, Vizepräsident, Regent, ● Kultgründer und Kultgestalter, ● Richter (keine Gewaltenteilung), ● Notar (verschriftet die Tora), ● Heerführer.
Rolle Mensch Im Buch Exodus werden verschiedene Menschenbilder ausgeführt. Den Menschen werden folgende Rollen zugeschrieben: ● Sklaven in Ägypten, ● befreite Sklaven, Volk Gottes, rechtsfähig und verantwortungsfähig, ● Nomaden, Viehhalter, Familienmenschen, die in Gemeinschaften, Sippen und Stämmen leben, ● zur Landnahme berechtigt, gegenüber anderen Völkern privilegiert, ● Sünder, Murrende, einsichtsfähig, ● Im 6. Jh v.Chr.: Besiegte, Unterworfene, zuvor Untertanen Assurs, dann Babylons.
Szenario 2. Mose sieht sich von Gott beauftragt. Mose betont immer wieder, dass er wiedergibt, was der HERR ihm diktiert hat. Gott gibt Regie-Anweisungen, wie Mose Mitarbeit und Compliance des Volkes erreichen soll. Es gibt keine Zeugen der Interaktion Mose’s mit Gott. Mose könnte die Aussagen und Aufforderungen “Gottes” und die Rahmenhandlungen auch selber erdacht haben.
Der Publizist C. Nürnberger (2005) räumt ein: “Wir [der Autor Nürnberger] wissen nicht, wie wir uns das Geschehnis [am Brennenden Dornbusch] vorstellen sollen. […] Es ist gut möglich, dass sich alles nur (BG) in Moses Kopf abgespielt hat” (91). “Was damals wirklich geschah in Ägypten, und danach in der Wüste, wissen wir nicht” (98). Nürnberger glaubt an Mose’s Beauftragung: “Leider ist Gott meistens ohnmächtig. Er kann ja nur durch Menschen handeln” (89).
Wenn die Begegnungen mit “Gott” sich “nur in Moses Kopf abgespielt” haben, dann hat Mose die Rolle “Gott” übernommen (vorgestellte Rollenübernahme) und hat Zuweisungen an die Rolle “Gott” vorgenommen. Er selbst hat dann die Rolle des von “Gott” persönlich Beauftragten eingenommen und als eine Art Vizepräsident regiert.
“Die historische Bedeutung von Moses liegt darin, dass er seinem Volk einen Gott gab, dem es ausschliesslich dienen sollte. Dadurch hat er bewirkt, dass sich für die ganze Zukunft der ganze religiöse Trieb der Israeliten auf Jahve konzentrierte. […] Moses hat aber nicht nur einen Volksgott, sondern auch ein Volk geschaffen; durch den Bund Israels mit Jahve hat er die von Natur aus auseinanderstrebenden Nomaden zu einer festen Einheit verschmolzen” (von Glasenapp 225). “Moses scheint […] um 1250 v.Chr. gelebt zu haben” (224).
Szenario 3. Die Mose-Erzählung wird nach dem Exil zum politischen Programm. Es ist ungewiss, ob Mose tatsächlich gelebt hat. Mehrheitlich wird angenommen, dass Mose keine historische Person war (Mose, RGG Bd 5 2002, 1434 ff). Die Erzählungen des israelitischen Volkes über Mose beruhen dann auf Legenden. Die bis heute überlieferte kanonische Fassung von Genesis und Exodus wurde schriftlich festgehalten während und nach dem Babylonischen Exil in der Zeit von etwa 550–450 v.Chr. auf der Grundlage vorhergehender schriftlicher Überlieferungen; sie entstand also mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem legendären Mose (Assmann 81 ff; von Glasenapp 224).
Die Verfasser entwickeln und formulieren die vielfältigen Regelungen für das Gemeinwesen, das Rechtswesen und den Kult; sie übernehmen die Rolle Gott. Sie publizieren quasi unter einem Pseudonym (literarische Rollenübernahme und Rollenhandeln als Publizisten). Sie übernehmen auch die Rollen Mose’s, also die Rollen als Empfänger von Gottes Weisungen und als politischer Führer. Sie schreiben ihre Geschichte Israels wie eine historische Darstellung, d.h. in einer Folge von Szenen mit wörtlicher Rede zwischen Gott und Menschen.
Die Ein-Gott-Vorstellung ist einzigartig und revolutionär (Miles). Die Zehn Gebote (Ex 20; 2–17) sind eine von Menschen erbrachte geistige Schöpfung von grösster Tragweite; ebenso der Monotheismus und die Gesetze und Regeln für das Zusammenleben der Menschen. Gottes Wort wurde “Gott” von Menschen in den Mund gelegt. Das obige Zitat (Nürnberger 91) wäre dann abzuändern: Das Geschehen hat sich in den Köpfen der Verfasser und Redaktoren abgespielt. Mose erscheint somit als legendärer Staatsgründer, Präsident und Volksführer.
Im kanonischen Alten Testament wird die Landnahme “als Prozess der militärischen Eroberung (BG) Palästinas durch die zwölf Stämme Israels beschrieben. […] Dieses biblische Bild ist historisch-kritisch in Frage gestellt. […] die Stämme Israels siedelten zunächst auf dem dünn besiedelten mittelpalästinensischen Gebirge Ephraim und Juda, nicht aber in den fruchtbaren Ebenen, die von Stadtstaaten beherrscht wurden, so dass die Landnahme im Kern ein Prozess des friedlichen Einsickerns (BG) von Kleinviehzüchtern aus dem palästinensischen Steppengürtel war” (Landnahme, RGG Bd 5 2002, 63–64).
“In der im Exil verfassten Tora haben wir eine Form zu sehen, in der sich die Gruppe der Deportierten ein Gedächtnis macht, das sie als Gruppe zusammenhält und ihnen auch in der Fremde eine Identität sichert” (Assmann 239). Diesem Ziel dient auch die häufige Rekapitulation der Geschichte Israels, z.B. in Deuteronomium oder in Psalmen wie Psalm 106. “Hinter der Semantik der Gewalt (BG) stand der unbedingte Wille zur kulturell-religiösen Selbsterhaltung unter dem Druck der assyrischen und babylonischen Unterdrückung” (280).
“Jetzt [nach dem Untergang], als sich sowohl die priesterliche als auch die deuteronomistische Schule daran machten, in der Situation der Katastrophe nach dem völligen Scheitern des heilsgeschichtlichen Projekts aus einer umfassenden Rekonstruktion (BG) der Vergangenheit Sinn, Hoffnung und Orientierung zu gewinnen, ging es um die Schuldfrage. Auf keinen Fall konnte die Schuld am Untergang Israels bei JHWH liegen; seine Treue und Gerechtigkeit galt es unter allen Umständen zu retten. Nicht Gott, sondern das Volk hatte den Bund gebrochen” (Assmann 386). Im und nach dem Exil “treten Gott und Volk in die Leerstelle, die der Verlust von Staat, Königtum und Souveränität geschaffen” hatte. Der “Untergang des Königtums […] wurde theologisch verarbeitet” (394). — Der 587 v.Chr. durch Babylon zerstörte Tempel in Jerusalem wurde nach dem Exil wieder errichtet in den Jahren 517–515 v.Chr. (Jerusalemer Tempel, Wikipedia).
Kurz vor Mose’s Tod sprach der HERR zu ihm »Sieh, du legst dich nun zu deinen Vorfahren, und dieses Volk wird sich erheben und wird den fremden Göttern inmitten des Landes, in das es kommt, nachhuren, und es wird mich verlassen und meinen Bund brechen, den ich mit ihnen geschlossen habe« (Deut 31; 16). Mose spricht dann zu den Leviten: »[…] denn ich kenne deinen Ungehorsam und deine Halsstarrigkeit. Seht, schon heute, wo ich noch unter euch lebe, habt ihr euch dem HERRN widersetzt − wie viel mehr nach meinem Tod« (Deut 31; 27). Die Verfasser legen dem HERRN und Mose in der Vergangenheit als Zukunftsvorhersage in den Mund, was sie an Unglück in ihrer Gegenwart erleben.
Die Verfasser der Tora handeln in der Rolle von Volksführern (Rollenhandeln). Sie streben eine politische Ordnung an, indem sie religiöse Deutungen und Institutionen initiieren. Sie bauen ein Geschichts-Narrativ auf, das eine soziale und politische Identität bereitstellt, die Legitimation durch einen monotheistischen Gott beinhaltet und eine offene Zukunft erklärt. Dazu übernehmen die Verfasser die Rolle “Gott der HERR” (literarische Rollenübernahme), der Anweisungen gibt und Wunder wirkt. Kult und Rechtsordnung sowie Innenpolitik und Aussenpolitik waren ineinander verschachtelt und sämtlich auf “Gott” bezogen. Gleichzeitig definieren sie die Rolle Mensch durch die Gesetze und Vorschriften.
Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert. Nach der Überzeugung der “Verbalinspiration” wird “jedwede menschliche Mitwirkung am Zustandekommen [von sakralen Texten] ausgeschlossen. Entweder sind sie oder Teile davon bereits präexistent bei der Gottheit als Folge der Präexistenz des Wortes Gottes, oder [sie] werden dem Propheten direkt von der Gottheit in den Mund gelegt. Ausgehend von Ex 24; 12 […] wird insgesamt die schriftliche Tora als Mose auf dem Berg übergeben angesehen. Daher ist die Tora präexistent” (Verbalinspiration, RGG Bd 8 2005, 934–935).
Wenn Mose keine historische Person war, dann waren die Empfänger der Inspiration die Menschen, die die Erzählungen mündlich überliefert hatten, sowie die Verfasser im 6. und 5. Jh. v.Chr.. Die Texte sind durch Inspiration in die Köpfe gelangt; sie haben sich in den Köpfen der Verfasser befunden und sind dann von diesen aufgeschrieben worden. Verbalinspiration ist eine Erklärung der Entstehung der Tora-Texte.
4. Rolle Gott, Rollen Jesu in den synoptischen Evangelien
Christentum und Islam sind “absolut theozentrisch”. Gott ist der “persönliche Weltregierer”, allmächtig, eine “wollende Persönlichkeit”; er ist der “»Schöpfer« aller Dinge. […] Gott als das absolute Wesen [hat] die Welt durch sein blosses Willensgebot ins Dasein gerufen. […] Eine tiefe und unüberbrückbare Kluft trennt den Schöpfer von allem Geschaffenen, er allein ist unvergänglich” (von Glasenapp 2001, 217 f). Das gilt auch für die israelitische Religion.
Dem christlichen Gott wird als Rolle zugeschrieben: “Gott ist ein persönliches Geistwesen, unermesslich, allgegenwärtig, allwissend, allweise, allmächtig, der Schöpfer der Welt und der Urheber ihrer Ordnung, ihr Gesetzgeber und Richter. Gott ist gerecht, indem er nach Verdienst belohnt und bestraft. Er ist aber auch gütig und barmherzig” (von Glasenapp 287). − Jesus wird u.a. folgende Rolle zugeschrieben: “Das Christentum unterscheidet sich von allen anderen grossen Religionen dadurch, dass es seinen Stifter in viel höherem Masse als diese in den Mittelpunkt seiner gesamten Lehre stellt, indem es ihm eine für das ganze kosmische Geschehen entscheidende Bedeutung beimisst” (237).
Die schriftlichen Texte des Neuen Testaments entstanden Jahrzehnte nach Jesu Tod. Das Evangelium nach Markus wird als das früheste “auf die Zeit unmittelbar nach 70 n.Chr. datiert”; die drei anderen Evangelien sind jünger (Zürcher Bibel, Neues Testament 55). Das Verhalten Jesu wird in der Rückschau beschrieben. Am historischen Jesus besteht kein Zweifel. Die Berichte in den synoptischen Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas kommen dem Handeln und Verkündigen des historischen Jesus am nächsten. Sie enthalten einerseits mutmasslich authentische Aussagen und Handlungen Jesu (“zuverlässig überlieferte Herrenworte”; Lohfink 2011, 14), und andererseits Erzählungen, die nach dem Ostererlebnis in den christlichen Gemeinden entstanden waren. Die Verfasser der Evangelien haben literarisch die Rolle Jesu übernommen.
Die Erzählungen über Jesu Verkünden und Handeln können vier Szenarien zugeordnet werden. Es werden Stellen aus den Evangelien vorgestellt und mithilfe des Konzepts Rolle und Rollenanteil erläutert. Als Analogie nehme ich die Rollen Untergebener und Vorgesetzter.
● Szenario 1. Jüdische Glaubensvorstellungen zur Zeit Jesu. ● Szenario 2. Jesus steht in Interaktion mit Gott Vater und gestaltet seine Rolle. ● Szenario 3. Jesu Lehre wird zu einem theologischen Programm erweitert. ● Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert worden.
Szenario 1. Jüdische Glaubensvorstellungen zur Zeit Jesu. ■ Jesus hatte eine religiöse Sozialisation und sehr umfassende Kenntnis des Tanach und der Überlieferungen und zitiert oft daraus (Jesus Christus, RGG Bd 4 2001, 456 ff). Jesus kennt die Rolle “Gott” und das Verhalten “Gottes” (Rollenkenntnis). Gott als Schöpfer, Richter, Rettung Verheissender, Vater. “Jesus hat wie kein anderer gewusst, wer Gott ist. […] Er hat die Welt erschaffen, damit sie an ihm Anteil habe und erfüllt sei von seiner Liebe” (Lohfink 151).
»Kundtun will ich den Beschluss des HERRN: Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt. Bitte mich, so gebe ich dir die Nationen zum Erbe und die Enden der Erde zum Eigentum« (Psalm 2; 7–8). − Jesus: »Lass die Toten ihre Toten begraben« (Lk 9; 60). Jesus kennt das 4. Gebot der Tora. Seine Aussage widerspricht jedoch diesem Gebot. Analogie: Der — mir persönlich unbekannte — Chef hat dieses gesagt und jenes angekündigt und versprochen; das gebe ich an euch weiter.
■ Jesus kennt die Rollen Prophet, Messias, Menschensohn (Rollenkenntnis). Er hat Vorbilder aus dem Tanach. Die Propheten im Tanach erhalten eine Botschaft Gottes ohne ihr eigenes Zutun. “Propheten betonen in ihrem Selbstverständnis das Prinzip des unausweichlichen göttlichen Auftrags, die Rolle als »Sprachrohr« Gottes. Diese Aufgabe wird — u.U. gegen erste Widerstände — angenommen und dann mit Charisma erfüllt” (Prophet/ Prophetin/ Prophetie, RGG Bd 6 2003, 1693).
Als Messias “wird im Tanach vor allem der rechtmässige, von Gott eingesetzte König der Juden bezeichnet. […] Seit dem Ende des israelitischen Königtums (586 v. Chr.) [entstand] die Erwartung eines künftigen Messias, der JHWHs Willen endgültig verwirklichen, alle Juden zusammenführen, von Fremdherrschaft befreien, ein Reich der Gerechtigkeit und Freiheit herbeiführen werde” (Messias Wikipedia; Messias/ Messianismus RGG Bd 5 2002, 1143). − Zu Jesu Zeit bestand bei den Israeliten ein eschatologischer Glaube: Die Ankunft des Messias stehe bevor; es komme das Gericht, und ewiges Leben schliesse sich an (von Glasenapp 249 f).
Der Menschensohn repräsentiert die zukünftige Gottesherrschaft. Diese wird in Daniel 7; 13 ff verheissen. “Der Menschensohn ist eine Figuration des wahren, allein dem Gott der Väter dienenden Israel unter der dann endgültig offenbaren Gottesherrschaft. Das wahre Israel und die dann offenbare Gottesherrschaft sind nicht voneinander zu trennen” (Lohfink 270). − Jesus wählt diesen Ausdruck für sich und spricht von sich oft in der dritten Person als der Menschensohn.
Weitere Rollen: Sohn Gottes war im Alten Orient eine Auszeichnung für Herrscher. “Mit Sohn Gottes o.ä. wird verbreitet göttliche Autorisierung von Herrschern ausgedrückt. […] Der irdische Jesus sprach von sich nie als Sohn Gottes. Doch verstanden die Jünger seine Vater-Anrede an Gott als markanten Ausdruck seiner Gottesbeziehung” (Gottes Sohn, RGG Bd 7 2004, 1415 ff). − In den Psalmen sind häufig die Rollen Gerechte, Ungerechte und Feinde vertreten. Pharisäer als Gruppe bzw. Rolle werden von Jesus oft kritisiert.
Szenario 2. Jesus steht in Interaktion mit Gott Vater und gestaltet seine eigenen Rollen. Jesus entscheidet sich, eine eigene Lehre zu entwickeln und zu verkünden, und wirkt in der Öffentlichkeit. Der historische Jesus nimmt in den synoptischen Evangelien verschiedene Rollen ein: ● Wanderprediger, Lehrer, ● Verkündiger, Religionsreformer, Gesandter Gottes, ● Anführer einer Bewegung, Heiler.
In entfernter Analogie kann man Jesu Aussagen übersetzen: Mitarbeiter sagt zum Vorgesetzten: Gib mir den Auftrag zu … . Mitarbeiter sagt zu Untergebenen: Der Chef hat mich eingesetzt und beauftragt. Ich sage euch, was er mir gesagt hat und was ihr tun sollt.
■ Jesus macht neue Aussagen über das Tun und Wirken “Gottes”. Für ihn ist die Rolle “Gott Vater” prominent (Rollenzuweisung) . “Mit dem Vater-Namen für Gott wird das Gottesverhältnis des Menschen entscheidend als Vertrauen bestimmt” (Zahrnt 155). “Unser Vater im Himmel — [das] ist der Inbegriff seiner eigenen [Jesu] Gotteserfahrung” (169).
Jesus nimmt Rollenzuweisungen an Gott Vater vor. »Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, so werdet ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel; denn er lässt (BG) seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (Mt 5; 44–45. Zahrnt 221).
Jesus: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird auch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben« (Mt 6;14–15. Rollenzuweisung).
■ Jesus entscheidet sich, zum Volk zu predigen (Rollenantritt). »Nachdem man Johannes gefangen genommen hatte, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium Gottes« (Mk 1; 14). »Jesus war etwa dreissig Jahre alt, als er zu wirken begann« (Lk 3; 23). Nach 40 Tagen in der Wüste, wo er »vom Teufel versucht« worden war, kehrte Jesus »in der Kraft des Geistes nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Umgebung. Und er lehrte in ihren Synagogen und wurde von allen gepriesen« (Lk 4; 1–2, 14–15).
■ Jesus sieht sich als von Gott »gesandt« (Rollengestaltung). Jesu “Thema ist das anbrechende Reich Gottes. […] Er selbst versteht sich als von Gott bevollmächtigter Repräsentant dieses Reichs, das eine radikale Veränderung des Lebens mit sich bringt” (Jesus, Zürcher Bibel, Glossar 65). Lohfink übersetzt “Reich Gottes” mit “Gottesherrschaft”, die von Jesus “proklamiert” wird (21).
Jesus zu den Jüngern, die er aussendet: »Wer euch hört, hört mich; und wer euch verachtet, verachtet mich. Wer aber mich verachtet, verachtet den, der mich gesandt hat« (Lk 10; 16). Im “jüdischen Botenrecht” gilt: “Der Gesandte repräsentiert den Sendenden, er tritt in dessen Autorität auf, er vertritt ihn vollgültig, ja er macht ihn geradezu gegenwärtig. Das gilt zunächst für die Zwölf, die Jesus in aller Form ausgesandt hat. Es gilt jedoch genauso von Jesus. Er ist von Gott ausgesandt, er repräsentiert ihn und macht ihn gegenwärtig. Er redet und handelt an der Stelle Gottes. Wer ihn hört, hört Gott. Wer ihn aufnimmt, nimmt Gott auf” (Lohfink 99).
Jesus stellt sich als Gesendeten vor. Er übernimmt die Rolle Gott und weist sich die Rolle als Bote Gottes zu. In seinem Handeln (Rollenhandeln) nimmt er die Legitimation als Bote Gottes in Anspruch; als Gesendeter und als Stellvertreter Gottes sendet er die Jünger aus. Der Bote hat Kompetenzen, er bleibt aber als Bote erkennbar. Jesus bleibt Mensch. Analogie: Wenn ich der Chef wäre, würde ich mir den Auftrag geben.
■ Jesus erklärt in Selbstaussagen seine eigenen Rollen (Rollengestaltung). Jesus: »Ich sage euch aber: Zu jedem, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, wird sich auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes« (Lk 12; 8). “Jesus hat wirklich vom ›Menschensohn‹ gesprochen — und er hat sich selbst damit gemeint”. Jesus spricht vom gegenwärtigen und vom zukünftigen Wirken des Menschensohns (Rollenübernahme; Lohfink 266). Dabei nimmt Jesus eine Modifikation gegenüber der Überlieferung vor: »Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mk 10; 45). “Die Selbstaussagen Jesu bleiben auf diese Weise chiffriert. Die Rede vom Menschensohn wahrt die Zurückhaltung” (Lohfink 272; Rollengestaltung).
Jesus: »Wenn ich jedoch durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gelangt« (Lk 11; 20). Jesus verkündet das nahe Ende: »Himmel und Erde werden vergehen, meine (BG) Worte aber werden nicht vergehen« (Lk 21; 33).
Jesus fragt seine Jünger: »Für wen haltet ihr mich? Petrus antwortet ihm: Du bist der Messias! Da schärfte er ihnen ein, niemandem etwas über ihn zu sagen« (Mk 8; 29–30. Mt 16; 20). − Der Hohepriester: »Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten? Da sprach Jesus: Ich bin es, und ihr werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels « (Mk 14, 61–62).
Bei Matthäus heisst es: »Und der Hohe Priester sagte zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, uns zu sagen, ob du der Messias bist, der Sohn Gottes. Da sagt Jesus zu ihm: Du sagst es« (Mt 26; 63–64). »Jesus aber wurde vor den Statthalter gebracht, und der Statthalter fragte ihn. Du bist der König der Juden? Jesus sprach: Das sagst du!« (Mt 27; 11). − *‘Du sagst es’ hat zwei Bedeutungen, je nach Betonung: ‘Du sagst es − ich sage es nicht’; und ‘Du sagst es − so ist es’ (pers. Mitteilung C.F.).*
“Nach allem, was wir von Jesus wissen, [kann] es kaum zweifelhaft sein, dass er sich selbst für den Messias gehalten hat, der von den heiligen Schriften (Daniel 7, 13 ff) als der Endiger der Leiden des jüdischen Volkes verheissen worden war und zu seiner Zeit von vielen sehnlichst erwartet wurde. [… Es ist anzunehmen, dass Jesus] erst allmählich in diese Rolle (BG) hineingewachsen” ist (von Glasenapp 237). “Jesus hielt sich selber für den erwarteten Messias und verhiess seinen Jüngern, dass sie an seiner Herrlichkeit Anteil haben würden” (250).
Jesus nimmt gegenüber der jüdischen Messias-Vorstellung Distanz ein: “Der Verzicht auf Gewalt ist für ihn fundamental. Jesus hätte nie und nimmer verkündet, Jerusalem müsse »von den Heiden gereinigt werden« [Psalm Salomos 17]”. Lohfink fasst zusammen: “So bleibt aufs Ganze gesehen die Reserve Jesu gegenüber dem gängigen Messiasbild bestehen” (282). − Es handelt sich somit mehrere Deutungen, ob bzw. wie Jesus die Rolle des Messias übernommen hat (Rollengestaltung).
■ Jesu Handeln, Verkünden und Verheissen (eigenes Rollenhandeln). Jesus handelt in direkten Interaktionen gegenüber Jüngern, dem Volk, Kranken, Sündern, Pharisäern und Politikern.
»Und er [Jesus] zog in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen, verkündigte das Evangelium vom Reich und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen im Volk. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in ganz Syrien« (Mt 4; 23–24). Jesus: »Wenn ich jedoch durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gelangt« (Mt 12; 28. Rollenhandeln). Jesus: »Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird ins Himmelreich hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut« (Mt 7; 21).
»Da sagte Jesus zu ihm [Oberzöllner Zachäus]: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Lk 19; 9–10. Rollenhandeln). − “Wir stehen hier m.E. vor dem »methodischen Ansatz« der Seelsorge Jesu: Er verändert Menschen gerade dadurch, dass er sie annimmt, wie sie sind” (Haacker 2010, 187).
■ Jesu beauftragt seine Jünger (eigenes Rollenhandeln). Jesus stellt an Apostel und Jünger konkrete Anforderungen und Aufträge . Er beansprucht Legitimation durch Berufung auf Gott Vater. Er weist den Jüngern ihre Rolle zu.
Jesus: »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen […] Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben, und was du auf Erden bindest, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein (Mt 16; 18–19. Rollenhandeln).
Jesus: »Kommt ihr in eine Stadt, wo man euch aufnimmt, so esst, was euch vorgesetzt wird, und heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Nahe gekommen ist das Reich Gottes, bis zu euch« (Lk 10; 8–9). Die Jünger “kommen nicht nur im Auftrag Jesu, sondern sie kommen stellvertretend für ihn” (Lohfink 89). Nach dem Botenrecht sind die Jünger Stellvertreter Jesu.
■ Rolle Mensch aus Jesu Sicht (die Aufzählung ist unvollständig): ● Untertanen Roms; gleiche Rechte für alle, ● Kinder Gottes, im Bund mit Gott, ● Sünder, erlösungsfähig durch Gnade und durch eigene Anstrengungen.
Szenario 3. Jesu Lehre wird zu einem theologischen Programm erweitert. ■ Die Verfasser des Neuen Testamentes schreiben Jesus folgende Rollen zu und übernehmen die Rolle Jesu (Rollenzuweisung): ● Prophet, Messias, ● von Gott gesandt, ● Opfer, Auferstandener, Erlöser, ● Gottes Sohn, fleischgewordenes Wort Gottes, ● Gott (durch das Konzil von Nicäa).
Nach Jesu Tod haben die Apostel und Jünger seine Lehre verkündet. Dabei haben sie die Rolle Jesu übernommen. Ihre Jesus-Zitate wurden teilweise beeinflusst vom Auferstehungserleben und vom Pfingstereignis. Mit dem Tode Jesu und der verkündigten Auferstehung wurde seine Rolle als “Gesalbter” (hebräisch Messias), als “Christus” prominent. “Zu einer geschichtlichen Macht wurde Christus aber vor allem dadurch, dass seine Jünger von ihm mit Bestimmtheit behaupteten, er sei aus dem Grabe auferstanden, verschiedenen Personen zu verschiedenen Malen erschienen und schliesslich vor ihren Augen gen Himmel gefahren (von Glasenapp 238).
Nach Lohfink sind die 70 “wichtigsten Worte Jesu” sämtlich in den drei synoptischen Evangelien enthalten, nicht jedoch im Evangelium nach Johannes und in den Briefen (s. Übersicht 5–8). Im Evangelium nach Johannes wird in einer freien Erzählung von Jesu Wirken berichtet. Die Jesus-Figur spricht in grossem Umfang in wörtlicher Rede. Diese Selbstaussagen wurden der Jesus-Figur von den Verfassern in den Mund gelegt. Die Verfasser nehmen neue Rollenzuweisungen vor bezüglich Jesus als Christus und bezüglich Gott (literarische Rollenübernahme). Sie handeln in den Rollen von Verkündigern und Publizisten.
“Im Zentrum des Johannesevangeliums steht die Botschaft, dass Jesus [von Nazareth] der Sohn Gottes sei” (Evangelium nach Johannes Wikipedia) “Das Evangelium nach Johannes ist der Niederschlag vieler Diskussionen und Auseinandersetzungen in der johanneischen Gemeinde. […] Das Evangelium nach Johannes fragt […]: Wer ist der Christus? Und es antwortet, indem es von Jesus erzählt. Oder mit den Worten des Prologs formuliert: Wer ist derjenige, der untrennbar zu Gott gehört und als Logos der Welt das Gepräge gab?” Die Verfasser des 4. Evangeliums sind unbekannt (Zürcher Bibel, Neues Testament 143).
Im Evangelium nach Johannes spricht Jesus wiederholt von seiner Sendung durch den Vater. Diese Rollenzuweisung ist für die Verfasser zentral. Jesus: »Die Werke, die ich im Namen meines Vaters tue, sie legen Zeugnis ab für mich. […] Was mein Vater mir gegeben hat, ist grösser als alles, und niemand kann es der Hand des Vaters entreissen. Ich und der Vater sind eins (BG)« (Joh 10; 25, 29–30). Jesus zu Thomas: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich (BG)« (Joh 14; 6).
Jesus zu den Jüngern am ersten Wochentag nach der Grablegung: »Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch« (Joh 20; 21). Betont werden Jesu engste Bindung an Gott Vater und seine unauflösbare Legitimation durch Gott Vater. Jesus: »Und worum ihr in meinem Namen bitten werdet, das werde ich (BG) tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht werde« (Joh 14; 13). Als Einschränkung sagt Jesus dann: »[…] denn der Vater ist grösser als ich« (Joh 14; 28).
Die Verfasser des Evangeliums nach Johannes handeln ähnlich wie die Verfasser der Fünf Bücher Mose nach dem Babylonischen Exil. Diese hatten die Rollen von Gott dem Herrn und von Mose übernommen und eine Erzählung erstellt, die das Überleben der Israeliten als Volk zum Ziel hatte. Die Verfasser des Evangeliums nach Johannes hatten möglicherweise ein vergleichbares Motiv, nämlich die frühen christlichen Gemeinden gegen Christenverfolgung zu unterstützen.
■ Verkündigung durch Kirche und Priester. Die Kirche sieht sich als Stellvertreter Jesu Christi. Sie nimmt in ihrer Lehre eine unbegrenzte Rollenzuweisung an und Rollenübernahme von “Gott” vor. Sie handelt in den Rollen als Lehrende und Gesetzgeber sowie als Priester gegenüber den Gläubigen mit Gehorsamsforderung (Rollenzuweisung, Rollenhandeln).
Im 1. Konzil von Nicäa 325 n.Chr., das vom römischen Kaiser Konstantin einberufen worden war, bestand eine lebhafte Kontroverse, ob Jesus Gott sei (Athanasius) oder ob er ein besonderer Mensch sei (Arius). Mit der Entscheidung gegen Arius wurde Jesus die Rolle als wesenseins mit Gott (“homoousios”) zugewiesen (Nicäa, Konzil von 325, RGG Bd 6 2003, 277–280). Mit ihrer Aussage nahmen die siegreichen Teilnehmer für sich literarisch die Rolle “Gott” in Anspruch.
Szenario 4. Die Verfasser waren von Gott inspiriert worden. Nach der Inspirationslehre wurden die Heiligen Schriften unmittelbar von Gott eingegeben; die Bibel wurde bis in den Wortlaut hinein von Gott inspiriert. “An einigen Stellen [des Neuen Testaments] wird ausdrücklich formuliert, dass Gott direkt in der Schrift redet.” Für das Verhältnis zwischen göttlichem Ursprung und menschlicher Verfasserschaft “wird auf den (heiligen) Geist als vermittelnde Instanz verwiesen” (Inspiration, RGG Bd 4 2001, 168). Danach legte der Hl. Geist den Verfassern die Worte in den Mund.
Eine theologische Erklärung: “Bedingung aller Verkündigung ist die Selbstoffenbarung Gottes, die durch das Wort der Predigt bezeugt wird. Diese ist nicht nur menschliche Rede, sondern das verkündigte Wort Gottes, das seinerseits an die Bibel als geschriebenes Wort Gottes rückgebunden (BG) ist” (Verkündigung, RGG Bd 8 2005, 1025).
5. Schluss
Mit der sozialpsychologischen Fragestellung nach den Rollenvorstellungen im Buch Exodus habe ich “Gottesvorstellungen” (Dalferth) beschrieben. Die Verfasser der Tora haben während und nach dem Babylonischen Exil gehandelt und in der Rolle eines “charismatischen Herrschers” (Assmann) umfassend die Texte für die Gründung eines Staatswesens schriftlich niederlegt; sie waren dabei in einer Position der vollständigen politischen Machtlosigkeit. Sie haben eine Vorstellung von der “Rolle Gott” sowie kultische Regeln und Institutionen geschaffen; gleichzeitig haben sie politische Ziele (eigener Staat in eigenem Land), zivil- und strafrechtliche Gesetze sowie soziale Normen formuliert.
Der Auszug aus Ägypten wird bis in die Gegenwart gelesen als Narrativ von Befreiung aus Sklaverei und Revolution. Der Auszug hat vor allem mit der Verheissung eigenen Landes politische Wirkung entfaltet. − Die Erzählungen im Buch Exodus sind geistige Umwälzungen, die bis heute grundlegend sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit; Befreiungsbewegung der Unterdrückten/ Sklaven; Monotheismus; Sabbat als arbeitsfreier Tag; abstraktes, bildloses Denken. Das Buch Exodus hat eine “Revolution der alten Welt” in Gang gesetzt (Assmann).
Jesus hat mit Gott als Vater eine “Rolle Gott” verkündigt, die die persönliche stützende Zuwendung Gottes an die Glaubenden betont. »Euer Vater weiss, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet« (Mt 6; 6 f). Jesus hat besonders die Randständigen seiner Zeit beachtet. Jesus verlängert das Leben der individuellen Person über den Tod hinaus; erst dann werde das Gericht stattfinden, das ein Urteil über das diesseitige Leben spreche und das Belohnung bzw. Bestrafung in Ewigkeit zur Folge haben werde (Mk 10; 17 ff). − Jesu Nachfolger haben die “Rolle Gott” weiterentwickelt und seine Verkündigung zu einer Weltreligion geführt mit geistiger und politischer Machtentfaltung.
Meine Untersuchung hat mich sensibilsiert für die Frage, wo Gott den Menschen Worte in den Mund legt und wo Menschen “Gott” Worte in den Mund gelegt haben. Schlussendlich steht jeder Mensch vor der Glaubensfrage. − Interaktionspartner haben in der Regel einen Spielraum zur Interpretation ihrer Rollen, in der Formung ihrer Erwartungen an ihr Gegenüber und in ihrem eigenen Verhalten. Beim Beten haben glaubende Personen individuelle Vorstellungen von ihrer eigenen Rolle und von der “Rolle Gott”: welche Anliegen sie aussprechen, welche Antworten sie erhoffen. Die Bibel-Texte werden als feststehend angesehen (Probleme bestehen bei den Überlieferungen und den Übersetzungen); eine Textpassage zu verstehen ist mit einer Interpretationsleistung verbunden. Das Rollenkonzept betont die Interpretationsbedürftigkeit der Texte. Die verschiedenen christlichen Konfessionen haben zu unterschiedlichen “Rollen Gott” gefunden.
Der Theologe Heinz Zahrnt lädt in seinem “Katechismus” ein, an den Gott Jesu zu glauben. “Gott also geschieht zwischen den Menschen — aber es ist Gott, der zwischen den Menschen geschieht” (1992, 207). “Die Welt gläubig sehen heisst Gott weltlich und die Welt göttlich sehen. Ausserhalb der Welt gibt es kein Heil” (210). Im Vorwort erklärt Zahrnt: “Wer Gottes gewiss werden will, muss ‒ wie auch auch sonst im Leben ‒ auf etwas setzen, was er vorher nicht weiss. Er muss glauben, denken und handeln ‒ »als ob es Gott gibt«. Allein so wird er erfahren, ob es ihn gibt. Gott wohnt nur dort, wo man ihn einlässt” (13).
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