Ein Hoch auf die Lindorisierung des Schweizer Films!
Die formelhafte Musicalromanze «Ewigi Liebi» ist ein unfreiwilliges Manifest zur Ablehnung der Halbierungsinitiative
Ein Hoch auf die Lindorisierung des Schweizer Films!

Filmstill aus «Ewigi Liebi» von Pierre Monnard
In weniger als einem Monat stimmt die Schweiz zum zweiten Mal über ihr Verhältnis zur Schweizerischen Rundfunkgesellschaft SRG ab. Vor acht Jahren wurde eine Initiative, die die jährliche Rundfunkgebühr komplett abschaffen wollte, deutlich abgeschmettert. Die Initiant*innen haben aus ihren Fehlern gelernt und fordern mit der neuen «Halbierungsinitiative» «nur» noch eine Reduktion der jährliche Rundfunkgebühr von 335 Franken (ab 2029 300 Franken) auf 200 Franken, sowie die Abschaffung der Gebühr für Unternehmen. Am 8. März kommt es somit zur Abstimmung.
Dass es den bürgerlichen Kräften hinter der «Halbierungsinitiative» weniger um das Portemonnaie der Bevölkerung geht, sondern eher um die Schwächung eines kritischen Journalismus und einer lebendigen Kulturszene — ganz nach dem Vorbild ausländischer Autokraten — , sollte offensichtlich sein. Und dennoch haben die Befürworter*innen reelle Chancen auf einen Erfolg — aktuelle Hochrechnungen sehen eine Patt-Situation zwischen den beiden Lagern.
Wenn die SRG-Finanzierung in ihrem heutigen Umfang wegfällt, trifft das auch das Schweizer Filmschaffen hart. Insbesondere jene Filme, die widerspenstig und ungemütlich sind, und wohl auch nicht allzu lukrativ. Die wirklich interessanten Schweizer Filme, eben. Der freie Markt wird sie wohl kaum auffangen. Man muss daher fast schon von Glück reden, dass nun, rund einen Monat vor diesem Abstimmungstermin ein hochpolierter Film in die Kinos kommt, der aufzeigt, wie das Schweizer Filmschaffen bei einer Annahme dieser verheerenden Initiative wohl aussehen könnte. Ein unfreiwilliges Manifest zur Ablehnung der SRG-Halbierung, quasi.
«Ewigi Liebi» heisst diese romantische Komödie, die unter der Regie von Pierre Monnard entstanden ist. Monnard, der «Platzspitzbaby» und «Hallo Betty» umgesetzt hat, ist zusammen mit Petra Volpe und Michael Steiner einer der wenigen zeitgenössischen Schweizer Regisseure, die Publikumserfolg an Publikumserfolg reihen. «Ewigi Liebi» also soll nun der nächste monnard’sche Gassenhauer werden, ein Film, der dermassen, um «Hallo Betty» zu zitieren, gelingsicher, inszeniert ist, dass einem fast schlecht wird — und der damit genau aufzeigt, wie grässlich sich der Schweizer Film verbiegen muss, wenn er in einer Schweiz post Halbierungsinitiative-Ja überleben will.
Bei der Suche nach der Erfolgsformel hilft der Blick über den grossen Teich, denn Monnards Musical macht nichts, was man nicht schon aus Hollywood kennt: Weshalb mühsam neue Stoffe ausdenken, wenn man auch bestehende intellectual properties nehmen kann, also bekannte Marken und Stoffe? Wie schon «Hallo Betty» basiert auch dieser Film auf einer solchen IP — dem Schweizer Musical «Ewigi Liebi» von Roman Riklin und Dominik Flaschka. Dieses verwebte 2007 erstmals zahlreiche Schweizer Pophits von Polo Hofer bis Züri West mit der Liebesgeschichte eines jungen Pärchens, und brach damit sämtliche Rekorde in der Schweiz.
Diese gefeierte Geschichte erzählen Pierre Monnard und Drehbuchautor Urs Bühler nun mit filmischen Mitteln nach, von «Nimm mich i Arm und drück mich fescht a dich» bis «tüt tüt tüt het si gseit tüt tüt». Im beschaulichen Postkartendörfchen Trueb im Emmental lebt und liebt das junge Pärchen Heidi und Daneli, gespielt von Elena Flury und Luca Hänni. Ein Missverständnis, ein Seitensprung und ein von Baschi erwartbar schlecht gespielter Hitproduzent tragen dazu bei, dass sich die beiden entfremden — als unglückliche Erwachsene (nun gespielt von Susanne Kunz und Pasquale Aleardi) erhalten sie drei Jahrzehnte später die Gelegenheit, die Vergangenheit zu korrigieren.

Filmstill aus «Ewigi Liebi» von Pierre Monnard
Wer sich bei dieser Prämisse auf eine launige und bunte und vor allem selbstironische Angelegenheit freut, wird enttäuscht. Monnards Romanze ist ein formelhaftes, Film gewordenes müdes Lächeln. Diese «Ewigi Liebi» schwelgt höchstens in Erinnerungen an eine bessere Zeit (mutig: die Neunziger), und kratzt dabei immer wieder die konservative Vergangenheitsverklärung unter diesem scheinheiligen Nostalgie-Lack hervor. Oder anders gesagt: In der Welt von «Ewigi Liebi» stört es keinen, wenn der einzige schwule Charakter ein Antagonist ist oder die einzige Schwarze Figur WCs repariert.
Hauptsache, uns wird während hundert Minuten in empathieloser Galaxus-Ästhetik von einer Liebe erzählt, die so auf der Leinwand nie zu spüren ist. Das ist nur in Teilen die Schuld der Schauspielerinnen — aber auch. Denn «Ewigi Liebi» setzt beim Casting auch eine andere Hollywood-Lektion um: Wozu talentierte Schauspielerinnen engagieren, wenn man auch einen Mega-Promi wie Luca Hänni haben kann?
Der DSDS-Gewinner und Schweizer ESC-Teilnehmer kann ganz bestimmt singen, schauspielerisch ist er der Rolle des Daneli aber nicht gewachsen — und das will in Anbetracht der Eindimensionalität sämtlicher Figuren in diesem Film etwas heissen. Aber er ist damit nicht alleine. Einzig die beiden Heidis, Elena Flury und Susanne Kunz, können hin und wieder durchblicken lassen, dass es in dieser Welt der Ewigen Liebe an und für sich erlaubt wäre, gute Laune zu haben. Überhaupt: Wo bleiben die grossen Gesangsnummern, wo bleibt die Freude?
Wenn die SRG-Finanzierung für Schweizer Filme dereinst also wirklich ausfallen sollte, dann kommt die Kohle eben von anderswo. «Ewigi Liebi» zeigt schon einmal, wie das aussehen könnte: Artig werden hier die Lindt-Schoggikügelchen und Rivella-Fläschchen positioniert, immer und immer wieder — mit einer Werbewirksamkeit, bei der selbst einem Meister des plumpen product placement wie James Bond die Schamesröte ins Gesicht schösse. Obendrauf gibt es auch noch passende Werbevideos für die Geldgeber, mit denen der Film auch ausserhalb der Kinosäle seine Produkte anpreisen kann.
Ein Hoch auf die Lindorisierung des Schweizer Films!

Daneli aus «Ewigi Liebi» bewirbt teure Schokolade
Nun wurde «Ewigi Liebi» sehr wohl von der SRG finanziell unterstützt, das Schweizer Fernsehen ist als Koproduzent beteiligt. Man kann sich also nur ausmalen, wie sehr diese IP-Ausquetschung und Produkteplatzierung im Schweizer Film erst einmal vorangetrieben wird, sobald die SRG das Filmemachen nicht mehr mitfinanzieren kann. Bekommen wir dann Michael Steiners Familienkomödie über Finn den Wichtel? Oder DJ Bobo als Ovomaltine trinkender Tatortkommissar?
Das Gute daran: Wem vor «Ewigi Liebi», dem Zukunftsszenario, das der Film zeichnet — oder beidem — graut, weiss nun zumindest, was es am 8. März bei der «Halbierungsinitiative» abzustimmen gilt.
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