← Back to list

Limina

Eine Poolcore-Story.

Nathalie Mierse · 2026-06-17 16:01 · 0 claps · 40.1 min read
#kurzgeschichte #liminal-space #poolcore #backroom #fiction
Open on Medium ↗
Wiki topics: LIT · Literature & Writing 🔭 · Astronomy & Space ✍️ · Writing & Creative

Limina

Bild generiert mit Bing Image Creator

Bild generiert mit Bing Image Creator

Eine Poolcore-Story.

Übel. Ihr war übel. Sie brauchte eine Weile, um das Gefühl zu identifizieren, das sie anfangs für einen dumpfen Schmerz im Brustkorb gehalten hatte. Immerhin wäre es logisch. Bei dem Sturz. Doch es war Übelkeit, die sich langsam in ihr breitmachte. Wie damals, als sie in einem halb ausgetrockneten Bach auf einem vermoosten Stein ausgerutscht war. Wie alt war sie da? Acht? Ihr Knöchel schmerzte und beim Anblick der aufgebrachten Mienen um sie herum, war Panik in ihr hochgekrochen, zusammen mit einem Schwall unverdauter Erdbeermarmelade. Rote Marmelade auf giftgrünem Kies. Komisch, woran man sich so erinnert. Ihre Lider hielt sie geschlossen. Sie hatte sich noch nicht getraut, dem Ausmaß der Katastrophe ins Auge zu blicken. Sie lag bäuchlings auf dem gekachelten Boden, so viel stand fest. Wie das? Das war ein gutes Zeichen. Sie besaß keine weitgehenden anatomischen Kenntnisse, konnte sich jedoch denken, dass ein Sturz aus dieser Höhe besser vom Bauch, als vom Rücken abgefedert wird. Beide Arme waren im rechten Winkel von ihr ausgestreckt, in einer fast ehrfürchtigen Stellung, der Pose eines Büßers. Müsste sie nicht boshaftes Gelächter hören? Oder ein besorgtes „Alles ok“? Das Einzige, was sie um sich herum vernahm, war ein regelmäßiges Tropfen. Ein beinah metallischer Klang. Und noch etwas nahm sie wahr, den Geruch von Chlor. Jetzt fiel ihr wieder ein, wo sie sich befand. Erlebnisbad Tropical Beach, „May your dreams come true“. „Das wird ein Spaß“, hatte Mark gesagt, „fünfzehn Hektar Badeparadies und dreißig unterschiedliche Rutschen. Da reicht er ganzer Tag nicht aus, um jedes Abenteuer auszuprobieren“ und, weil sie nicht sofort einen Freudentanz veranstaltet hatte: „Mach dich mal locker!“ Ein Spruch, den er gerne nutzte, um sie zu etwas zu überreden, das sie nicht wollte. Wo war Mark überhaupt? Sachte zog sie den linken Arm an ihren Körper heran, dann den Rechten. Gut, sie ließen sich bewegen. Ihre Arme glitten widerstandslos über den gefliesten Boden. Kleine, glatte Kacheln, eingerahmt von porösen Fugen. Das tropfende Geräusch hielt an, nervenaufreibend wie ein defekter Wasserhahn, den mal längst hatte reparieren wollen. Na los, Bunny, du kannst nicht weglaufen. Nicht damals und nicht jetzt. Okay? Die Augenlider öffnen ist keine schwere Aufgabe. Tue es. Sie öffnete die Augen. Aus dem Blickwinkel war nicht viel zu sehen. Mithilfe ihrer Hände robbte sie um die eigene Achse. Wie erwartet war sie umgeben von gefliesten Wänden. Sie lag in dem leeren Auffangbecken einer mit Flammen bemalten Röhrenrutsche, die anderthalb Meter über dem Boden ragte. Das offene Maul eines Fabelwesens klaffte wie eine Drohgebärde in ihre Richtung auf. Allmählich kamen Erinnerungen an die letzten Ereignisse hoch. Hier lag sie nun, am Fuße der Drachenrutsche, die Mark ihr aufgeschwätzt hatte, obwohl das Betreten „wegen Sperrung untersagt“ war. „Mit dem Kopf zuerst macht es mehr Spaß!“ Schöne Scheiße. Mit der rechten Hand stützte sie sich, so gut es ging, ab. Ihr Stöhnen hallte durch das Becken, als sie ihren Oberkörper aufrichtete. Sie zog ihre zitternden Beine an und stand auf. In dem Moment durchstach ein brennender Schmerz ihr Genick, eine Welle glühender Hitze durchflutete ihren Körper und verflüchtigte sich wieder. Die Übelkeit hatte zum Glück nachgelassen. Mit der rechten Hand ertastete sie die Stelle an ihrem Nacken, die so unvermittelt gebrannt hatte. Sie fühlte sich immer noch warm an, aber weich und schmerzfrei. Der Arzt würde sich das ansehen müssen. Doch erst, wenn sie Mark die Leviten gelesen hatte. Mit wachsamen Augen suchte sie die Umgebung nach Ausgängen ab. Sie sah keine. Ein leeres Schwimmbecken in einem an drei Wänden schneeweiß gefliesten Raum. Am gegenüberliegenden Rand führten ein paar Stufen aus dem Becken heraus. Ihre Mundhöhle füllte sich allmählich mit einer salzigen Flüssigkeit. Voller Ekel spukte sie einen Schwall Blut aus. Ihre Zunge tastete ihren Mundraum nach fehlendem Zahnmaterial ab, aber sie spürte keine Veränderung. Gott sei Dank. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte sie, gegen wen sie ihren aufkommenden Zorn richten sollte, wenn sie erstmal hier herausgefunden hätte. Gegen Mark? Der sie immer wieder zu lächerlichen Mutproben anstachelte, als befände er sich in einer nie endenden Pubertät? Gegen sich selbst und ihr Unvermögen, ihm ein entschiedenes Nein entgegensetzen? Oder gegen die Betreiber dieses Hallenbads, die eine am Rutscheingang heruntergerissene, rotweiße Banderole mit dem Schriftzug „Sperrung“ für einen ausreichenden Schutz hielten? Reiß dich zusammen. Das ist momentan zweitrangig. Sie musste sich auf das Jetzt konzentrieren und den Anflug von Klaustrophobie unterdrücken, der beim Anblick der nackten Wände unweigerlich in ihr heranwuchs. Wie zum Teufel kam man hier heraus? Gerade, als sie die Beckenstufen ansteuerte, hörte sie ein dumpfes Rufen aus dem Drachenmaul. „Sarah?“ Sie näherte sich der Rutsche und steckte den Kopf in dessen Öffnung. „Mark?“ „Sarah! Hörst du mich?“ Seine Stimme klang erschrocken und undeutlich, wie aus weiter Ferne. „Mark! Ich bin hier unten! Ich habe mir nichts gebrochen! Mir geht es gut!“, rief sie so laut wie möglich. „Sarah! Halt meine Hand fest!“ War er übergeschnappt? „Mark, ich stecke nicht in der Rutsche fest. Ich bin hier ganz unten ziemlich hart gelandet!“ Sie sah sich erneut um. „Ich befinde mich in einer Art verlassenem Raum, in einem Auffangbecken.“ „Sarah? Sarah?“, hörte sie ihn leise rufen. „Mark?“ „Sarah?“ Es hatte keinen Zweck. „Sarah! Ich hole Hilfe!“ Sie atmete auf. Wenn der tollpatschige Mark das Personal um Unterstützung bat, gab es eine Chance, hier unversehrt herauszukommen. „Ich warte hier unten!“, rief sie in die gähnenden Leere des Drachenmauls, erhielt aber keine Antwort. Sie kehrte dem Drachen den Rücken, widerstrebend. Vielleicht aus der leisen Hoffnung heraus, Mark würde sich erneut melden. Obendrein ließ man einem feuerspeienden Fabelwesen besser nicht aus den Augen. Diesmal ging sie mit vorsichtigen Schritten auf die Stufen zu. Unter ihren nackten Füßen fühlten sich die Kacheln glitschig an. Aus der Rutsche floss das bisschen Wasser, das sie durch die Röhre befördert hatte, verschwand aber dann rasch durch einen in den Boden eingelassenen Auslass. Der Raum schien schon eine ganze Weile sich selbst überlassen. Um so erfreulicher, dass die Heizung nicht gänzlich abgeschaltet war. Noch spürte sie trotz ihres feuchten Badeanzugs eine mollige Wärme. Sie würde hier am Beckenrand sitzen und warten müssen. Sie schaute auf ihre Uhr. Das smarte wasserdichte Wunder hatte den Aufprall überlebt. Selbst die digitalen Zeiger bewegten sich noch. Neun Uhr dreißig. Wie lange würde es dauern, bis sie anfangen würde, zu frieren? Sie musste in Bewegung bleiben. Sie sah sich nochmals aufmerksam um. Das Becken war von einem schmalen Weg mit einem Überlaufgitter umrandet. Der Weg führte unter die Rutschenröhre hindurch. Sie entschied sich für den rechten Rand und lief ein paar Schritte. Die Rutsche ragte aus der hinteren Betonwand heraus, wie ein gewaltiger Sandwurm, der die Erdkruste durchbohrt. Als sie um die Kurve bog, lüftete der Riesenwurm sein Geheimnis. Erst jetzt war die Öffnung zu sehen, die sich an der Wand unter der roten Kunststoffröhre verbarg. Dieser Ort war also keine Sackgasse, wie sie befürchtet hatte. Zögernd näherte sie sich dem Ausgang. Sonderlich einladend war er nicht. Ein schmaler Gang, der von dem lichtdurchfluteten Raum, in dem sie sich befand, ins Lichtlose führte. Absolute Schwärze. Vermutlich war der Kontrast zum strahlenden Weiß der Wände zu groß und die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Von hier aus war der klirrende Laut des Tropfens noch deutlicher zu vernehmen. Und es gab einen leichten Durchzug, der sie frösteln ließ. Ersticken würde sie hier aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Sie überlegte, ob sie den Raum auf eigene Faust verlassen sollte. Wenn sie hierblieb, würde sie bald frieren und wer weiß wie lange das Personal bräuchte, um sie da heraus zu holen. Ihre Baustellen schienen sie nicht sonderlich im Griff zu haben, wo sie schon nicht in der Lage waren, sanierungsbedürftige Rutschen ordnungsgemäß zu versperren. Auf der anderen Seite, könnte sie mit Mark, zugegeben mehr schlecht als recht, über die Röhre kommunizieren. Oder mit wem auch immer ihr Anweisungen erteilen würde. Sicher war sicher. Widerwillig drehte sie sich um und kehrte zu den Stufen zurück. Sie setzte sich auf die Oberste und schlang die Arme um ihren Körper.

Erst dreißig Minuten waren vergangen, seit sich Sarah für das Warten entschieden hatte. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit. Zwischendurch war sie vor lauter Langeweile im engen Raum hin und her gelaufen. Eine Viertelstunde lang, bis sie selbst dazu keine Lust mehr hatte. Regelmäßiges Tropfen aus der Ferne. Sarah bemühte sich, das Geräusch zu ignorieren. Erneut sah sie auf ihr Armgelenk. Der Sekundenzeiger ihrer Uhr bewegte sich unbeirrt fort, als würde er im Takt des tropfenden Wasserhahns tanzen. Wie lange noch? Sie stand auf, lief auf die Röhre zu, und rief auf gut Glück in sie hinein „Hallo???“ Nichts. Was blieb ihr übrig, als auf der obersten Stufe zu verharren und der Rutsche entgegen zu starren? Sie erwischte sich dabei, wie sie beim Sitzen die Zehen im Rhythmus des Tropfens abwechselnd anspannte und wieder losließ. Das half gegen Nervosität. Von wem sie das bloß hatte? Ach ja. Das. Eine Tür unerreichbar weit oben, die sich langsam schließt und nur einen dünnen Streifen Licht übrig lässt, wie eines Messers Schneide. Sam, ich bitte dich! Sie fegte den Gedanken beiseite und fokussierte ihren Blick auf die Röhre. Der Drache schwieg, fixierte sie mit seinen durchdringenden Augen. Das hatte etwas Hypnotisches. Sie unterdrückte ein Gähnen, blickte ein Mal mehr auf ihre Smartwatch. Ihre Augenlider fühlten sich schwer an. Jetzt einzuschlafen ist eine ganze dumme Idee, Bunny. Sie greifen an, wenn man nicht wachsam ist, weiß Du noch? Halt die Klappe. Das ist mindestens zwanzig Jahre her. Und das Warten ist ermüdend. Beim Ablaufen des Raumes hatte sie vorhin, etwas weiter von den Stufen entfernt, eine Stelle des Bodens entdeckt, unter dem sie eine Wasserleitung mit Warmwasser vermutete. Die Fliesen dort waren wärmer. Höchstens ein Quadratmeter, aber groß genug, um es sich in der Fötusstellung gemütlich zu machen. Sie legte sich hin und zog die Beine an, den Kopf auf ihre ausgestreckte Hand ruhend. Wie ein eifriges Metronom tickte der Wassertropfen sie schließlich in den Schlaf.

Sam, ich bitte dich! Tue ihr das nicht an! Sie hat Angst! Es ist doch nur zu ihrem Guten, Schatz.

Bald verschwindet die Sonne. Der Lichtspalt unter der Tür wird verblassen. Dann kommen sie und knabbern an deinen Füßen, Dummerchen. Spann schon mal die Zehen an!

Nein! Sie schreckte auf, kroch wieder in sich zusammen, tauchte langsam aus den Eingeweiden ihres Alptraums auf. Ihr Badeanzug fühlte sich feucht an, von Wasser, möglicherweise von Schweiß. Nicht von Urin, wie sie feststellte. Ihre Blase drückte unangenehm. Hoffentlich dauerte es nicht zu lange, bis Rettung kam. Diesen Traum hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt. Das letzte Mal vor zwei Jahren. Im kurzen Intermezzo zwischen ihrem Ex und Mark. Schwerfällig erhob sie sich vom Boden. Sie musste pinkeln, und zwar dringend. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie über eine Stunde geschlafen hatte. Wie konnte das sein? Entweder, man hatte sie hier unten vergessen oder die Bergung stellte sich als herausfordernd heraus. In beiden Fällen keine erfreulichen Aussichten. Die Blase drückte weiter. Das Überlaufgitter rund um das Becken kam ihr verlockend vor. Sie brauchte den Badeanzug nicht auszuziehen, nur den Stoff an der richtigen Stelle beiseitezuschieben. Und dann? Was, wenn die Rettungskräfte im entscheidenden Moment durch den versteckten Eingang hinter der Rutsche herausplatzten? Sie hockend am Beckenrand erwischten? Verdammt nochmal, ja, sie hatte die Absperrung ignoriert und war gestürzt, sie war müde und steif aber das letzte Bisschen Würde wollte sie sich heute noch erhalten. Entschieden bewegte sie sich auf das Drachenmaul zu und streckte sich zum Loch hin. „Mark? Hallo?“ Nichts. „Ich benötige Hilfe!“ Tropf. Tropf. „Hört mich jemand? Also ich habe einen Ausgang entdeckt und werde aus dem Raum herausgehen. Hallo? Ich werde jetzt gehen.“ Die Stille war beklemmend. Zeit, diesen unseligen Raum zu verlassen. Sie würde sich in den dunklen Gang begeben und nach einem Ausgang suchen. Und wenn sie sich nicht vorzeitig in die Hose machte, eine Toilette aufsuchen.

Der Gang, den sie hinter der Rutsche entdeckt hatte, hätte man als Eiertunnel bezeichnen können. Sie hatte den ersten Schritt in den Schacht gewagt, gegen ihre Klaustrophobie ankämpfend und nun musste sie sich entscheiden. Zwischen ihrem Kopf und dem gewölbten Bogen gab es kaum Abstand. Aber schlimmer als die Höhe war die Enge. Zwanzig Zentimeter links und rechts von ihrem Körper. Keine Möglichkeit, im Zweifelsfall kehrtzumachen. Sollte sie sich geirrt haben und sich der Schacht als Sackgasse entpuppen, würde sie rückwärts gehen müssen. Welcher Architekt dachte sich so etwas aus? Sie atmete tief ein und wagte sich einen weiteren Meter in den Tunnel, ohne seine Wände zu berühren. Anders als im Raum hinter ihr waren sie mit smaragdgrünen Mosaiksteinchen gepflastert, die das Licht gierig aufsaugten. Noch ein Schritt. Die Reflexionen auf den Steinchen wurden blasser. Noch ein Schritt. Sie konnte das Muster an den Wänden kaum noch erahnen. Ihr leuchtendes Grün in ein fahles Grau übergegangen. Noch ein Schritt, noch einer und noch einer. Finsternis. Zu gerne hätte sie sich umgedreht, um mit einem Blick auf den Rutschenraum nach frischem Licht zu schnappen. Reflexartig versuchte sie eine Wendung, spürte die feuchte Oberfläche der linken Wand. Ihr Puls schnellte hoch und sie unterdrückte einen Schrei. Augen zu und durch Bunny, im wahrsten Sinne des Wortes. Darin hast du doch Übung. Atme ein und aus. Sie schloss die Augen, um der Finsternis zu entkommen, und atmete tief ein. Ein und aus. Immer schön aus dem Bauch heraus. Ein und aus, ein paar wertvolle Sekunden, bis sich ihr Puls beruhigt hatte. Auf ihrem Körper bildete sich eine Gänsehaut. Im Tunnel war es kühler als im Rutschenraum. Sie spürte wieder diesen leichten Durchzug auf ihrer nassen Haut und ein Hauch von Hoffnung überkam sie. Ohne die Augen zu öffnen, tastete sie sich weiter in den Gang hinein. Das Mosaik an den Wänden stellte etwas dar, das erkannte sie an der körnigen Struktur und der unregelmäßigen Anordnung der Steine. Ein stilisierter Fisch vielleicht? Wozu ein Bild erschaffen, an einem Ort, das in Dunkelheit getaucht war? Das war absurd. Aber mit der Frage wollte sie sich jetzt nicht auseinandersetzen. Mit jedem Schritt ein Atemzug, das war das einzig Wichtige. Die Luft um sie herum kühlte weiter ab, der Durchzug verstärkte sich. Das war erfreulich. Und noch etwas. Täuschte sie sich, oder wurde das tropfende Geräusch allmählich lauter? Ein paar Meter noch vielleicht? Ein Schritt. Einatmen. Ein Schritt. Ausatmen. Wie viele Minuten war sie jetzt schon unterwegs? Noch ein paar Schritte und plötzlich wandelte sich das Schwarze hinter ihren Augenlider in ein dunkles Grau. Einatmen. Ausatmen. Das Grau erhellte sich weiter. Einatmen. Zum Grau mischte sich eine gelbliche Note. Ausatmen. Sarah schlug die Augen auf. Tatsächlich. Ein paar Meter von ihr entfernt, leuchtete ihr der ersehnte Ausgang entgegen. Mit der Erleichterung machte sich ihre Blase wieder bemerkbar. Mit forscheren Schritten bewegte sie sich zum Licht. Sekunden später hatte sie den Ausgang erreicht. Während sich ihre Augen nur zaghaft an das künstliche Licht gewöhnten, blinzelte sie in ihre neue Umgebung. Vor ihr erstreckte sich eine rechteckige Halle, deren weiß marmorierten Säulen, ein weiteres, mit schimmerndem Wasser gefülltes Becken umsäumten. Wie ein Atrium. Kreisrunde Wandleuchten warfen steriles Neonlicht in den ansonsten fast erhabenen Ort. Kein Ort jedenfalls, den man im baufälligen Kellergeschoss einer hochmodernen Therme erwartete. Sogar der Chlorgeruch war einer angenehmen Duftmischung aus Zedernholz und Bergamotte gewichen. Darüber und über einiges mehr, zum Beispiel warum es hier verdammt nochmal so leer war, würde sie sich hinterher Gedanken machen, nachdem sie eine Toilette gefunden hätte. Ihre Augen suchten die Halle nach einem Ausgang ab. An der linken Wand, ein paar Meter entfernt, ragte eine mannshohe Abtrennung aus Marmorstein hervor, hinter der sie eine Dusche und, wenn sie Glück hatte, auch eine Toilette vermutete. Während sie sich der Abtrennung näherte, nahm das Tropfgeräusch zu. Vorsichtig lugte sie hinter die Trennwand, als müsste sie jederzeit mit dem empörten Blick einer nackt duschenden Rentnerin rechnen. Sie fand den Duschbereich leer vor, ein paar aneinander gereihten Duschen mit glänzenden Armaturen und drei Duschköpfen, von denen einer mit der Genauigkeit einer Schweizer Uhr auf den Bodenauslass tropfte. Na wer sagt’s denn, der Spuk hat ein Ende, und wenn Du jetzt noch eine Toilette findest… Sie drehte den Wasserhahn mit aller Kraft zu. Wie ein sterbender Schwan gab die Dusche einen Seufzer von sich und eine benommene Stille kehrte in die Halle ein. Sarah war sich plötzlich uneinig, ob sie sich erleichtert fühlen sollte. Doch das ändert sich, als sie den mit WC beschrifteten Durchgang hinter der Duschwand entdeckte.

Nein. Das kann nicht sein. Das ist unmöglich. Dort hatte er sich befunden, der eiförmige Tunnel. Es gab überhaupt keinen Zweifel daran. Sie hatte die Duschen und den WC-Raum an der linken Seite des Atriums entdeckt und war rechts abgebogen, um sie wieder zu verlassen. Alles, was sie vor sich hatte, war eine ebenmäßige Wand aus weißem Marmor. Mit zittrigen Händen untersuchte sie die Stelle, an der sie den Schacht erwartet hätte. Sie war glatt und kühl. Nirgends spürte sie Fugen oder einen Riss irgendeiner Art. Bunny, du spinnst. Du gehörst in die Klapse, weißt du das? Mochte sein, dass sie sich mit dem Sturz eine ernsthafte Verletzung zugezogen hatte, aber verrückt war sie nicht. Der Eingang war hier gewesen. Tropf Tropf. Jetzt hörst du auch noch Phantom-Geräusche. Das war keine Einbildung. Der Wasserhahn meldete sich wieder aus der Ferne. Verdammte Sanitäranlage, Funktionsunfähigkeit in Edelstahloptik. Getrieben von einer plötzlichen Eingebung, machte sie auf dem Absatz kehrt und lief abermals auf die Dusche zu. Das verchromte Ungetüm tropfte ihr hämisch entgegen. Dir mache ich den Garaus. Mit einer Hand griff sie zum Brausekopf, mit der Anderen packte sie den Schlauch und schraubte beide Teile entschieden auseinander, als drehte sie dem Schwan den Hals um. Der widerspenstige Vogel spukte einen letzten Schwall Wasser aus seinen Lungen, dann hatte Sarah den abgetrennten Duschkopf in der Hand. Mit einem unerklärlichen Gefühl des Triumphs lief sie zur vermeintlich vermauerten Öffnung zurück. Mit dem Duschkopf klopfte sie die Stelle ab, als würde sie das Knie eines Patienten mit dem Reflexhammer testen. Das behelfsmäßige Werkzeug lockte der Wand einen dumpfen Ton hervor, der ihre Hoffnung auf einen gesunden Verstand zunichtemachte. Es sei denn? Sie versuchte es einen Meter weiter rechts und da war es. Das Klopfgeräusch hatte sich verändert, war in ein leichtes Hallen übergegangen, das auf einen Hohlraum hindeutete. Ein winziger Tonunterschied, kaum wahrnehmbar und doch deutlich genug, sie erschauern zu lassen. Oh Gott. Was geschieht hier? In einem Anflug von Panik hämmerte Sarah an die Wand. „Hilfe! Ich bin hier eingeschlossen, hört mich jemand!“ Keine Reaktion. Natürlich. Sie hämmerte weiter, bis sich der Raum um sie verdunkelte. Angst. Sie hatte es bis zur obersten Kellerstufe geschafft und trommelte wie eine Wilde an der Tür. Der Spalt am unteren Rand strahlte ihr entgegen, wie eine Aura der Erlösung. Ich will hier raus! Biiittteee! Ein Flüstern. Bald mein Hase. Nur noch fünf Minuten, bis er weg ist. Halte durch. Der Raum hellte wieder auf, doch die Erinnerung blieb an ihrer Seele haften wie Sekundenkleber an ungeübten Fingern. „Hilfe!!!“ Mit beiden Händen ergriff sie den Duschkopf und versetzte der Wand einen kräftigen Schlag. Und noch einen. Und noch einen. Bis ihr improvisierter Streitkolben an der der glatten Fläche abrutsche. Sie lies den Duschkopf fallen, glitt vor der Wand auf den Boden und grub ihr Gesicht in die Hände, um sich vor dem Alptraum zu verstecken. Wie ein Kleinkind, das sich selbst und seine Umgebung als Einheit betrachtet. Bunny! Lass den Kopf nicht hängen. Luzides Träumen, weißt du noch? Wenn das ein Hirngespinst ist, kannst du es kontrollieren. Sie erinnerte sich. Als Jugendliche hatte sie sich über Internet-Videos in die Geheimnisse der Wachträume eingearbeitet, hatte geübt, an den entscheidenden Momenten aufzuwachen und in einen Halbschlaf zurückzugleiten, der ihr ermöglichte, als Superheldin durch die Lüfte zu gleiten. Wenn das hier echt war, musste sie etwas unternehmen und sich aus ihrer passiven Starre heraus zwingen. Wenn es ein Traum war, musste sie die Kontrolle zurückerlangen. So oder so musste sie sich mit einem kühlen Kopf aus dieser verstrickten Lage ziehen. Sie zwang sich, aufzustehen. Den nutzlosen Duschkopf ließ sie am Boden liegen. Wenn Gott eine Tür schließt, öffnet er woanders ein Fenster. So sagt man doch? Nun, dann manifestier dich in deiner ganzen Macht. Zeig mir ein Fenster. Sie sah sich abermals um und schlug diesmal den rechten Weg am Beckenrand ein. Es war durchaus möglich, dass die zahlreichen Säulen, die Sicht auf einen Ausgang versperrten. Sie wäre am liebsten gerannt, doch der Boden fühlte sich ölig an und sie war barfuß. Einen weiteren Sturz konnte sie sich nicht leisten. Hinter der dritten Säule verbarg sich tatsächlich eine milchige Glastür, über dem sie mit Erleichterung den Schriftzug „Saunawelt“ entdeckte. Danke dir! Ich werde nie wieder an dir zweifeln! „Welt“, das bedeutete mehr als eine Sauna, möglicherweise ein finnisches Saunadorf mit einem Außenbereich? Freier Himmel? Sie dachte an den Eiertunnel und fröstelte. Als sie die Tür öffnete, umhüllte sie augenblicklich eine wohlige feuchte Wärme. Ein Dampfbad. Obendrein noch in Betrieb. Sie hatte keine Ahnung, wie groß der Raum war, den sie eben betreten hatte. Dichter, weißer Dunst umgab sie. Ein paar Meter neben ihr konnte sie die Umrisse einer gefliesten Sitzbank erkennen, sonst nichts. Der Dampf legte sich um sie wie eine wärmende Decke. Sie musste wachsam bleiben, trotz dieser ätherischen Wolke, die ihr ein trügerisches Gefühl des Wohlbefindens vermittelte. Halte dir dein Ziel vor Augen, Bunny. Finde einen Durchgang zu den anderen Saunen. Sie tastete sich an die Sitzbank heran, um sich von ihr als Bezugspunkt durch den Raum führen zu lassen. Der heiße Dampf zischte durch die Leitungen heraus, als würde der Ort von wispernden Stimmen erfüllt sein. Ein paar Minuten wirst du ja noch schaffen, oder? Bitte! Spann die Zehen an! Sie hatte sich schon ein paar Meter durch den duftenden Nebel bewegt, der Raum war tiefer als gedacht. Doch bald entdeckte sie ein Schild mit einem Pfeil über der Bank, an der sie sich entlang angelte. Sie war also richtig unterwegs? Den Blick herabgesenkt, ging sie in die vom Pfeil angegebene Richtung weiter. Sie konnte nur etwa bis zu einem Meter von ihr Konturen erfassen. Das Nächste, was sie zu erkennen hoffte, war eine Tür. Ein paar Meter noch. Da war sie. Eine Holztür. Und links von ihr ein Detail, das ihr trotz 45 Grad molliger Wärme einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Sie war nicht allein. Er (oder sie?) saß auf der gegenüberliegenden Bank. Sie erkannte die Badeschlappen und sogar die Inschrift auf dem Verschluss, „Tropical Beach“, Eigenmarke. Sein Bademantel hing schlaff über seine Füße. Der Rest dieser hageren Gestalt löste sich wie ein Geist im Nebel auf. Beruhige dich Bunny. Es gibt keine Gespenster. Ach ja? Warum sagt der Typ nichts? Meine Güte, du bist doch nicht zum ersten Mal in der Sauna. Da hält man keine Schwätzchen. Kapierst du das nicht? Da sitzt ein Mensch und entspannt sich. Wenn das zur Abwechslung mal keine gute Nachricht ist. Du kommst hier raus! Das stimmte. Wenn die Sauna besucht wurde, dann hatte das ganze Drama hier ein Ende. Sie würde das merkwürdige Eiertunnel-Erlebnis als vorübergehenden Wahn hinter sich lassen und diesem Ort endlich den Rücken kehren. Sie fasste sich ein Herz und fragte: „Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir sagen, ob diese Holztür zum Ausgang führt?“ Ihre Stimme klang unbeholfen, die Frage lächerlich. Aber das war jetzt irrelevant. Die einzige Antwort, die sie erhielt, was das Röcheln des Dampfes, der durch die Rohre strömte. „Hallo? Haben Sie mich verstanden?“ Keine Reaktion. Konnte es sein, dass der Mann eingeschlafen war? Sie würde sich ihm nähern, ob sie es ihr gefiel oder nicht, wenn sie die Holztür erreichen wollte. Falls er eingeschlafen war, würde sie das Personal alarmieren, sobald sie sich selbst geholfen hatte. Und falls nicht, dann bestand immer noch die Möglichkeit, dass er sie nicht verstand. Oder, und das war die gruseligste Alternative, er verhielt sich absichtlich so. Schweigsamkeit als Drohgebärde. Wie krank war das? Vorsichtig schritt sie weiter gen Tür, die Schuhe der Gestalt fest im Blick, bereit zu sprinten, wenn er sich in irgendeiner Weise regen sollte. Jetzt waren es nur noch achtzig Zentimeter bis zur Tür. Der Mann regte sich nicht. Unmöglich, dass jemand dermaßen magere Beine hatte. Ein Greis vielleicht. Es sei denn? Sie schaute nochmals genauer hin. Weiße Badeschuhe mit dem berühmten Schriftzug und dem Palmenlogo, Größe 38, schätzte sie. Und keine Füße drin. Scheiße, Bunny, Du siehst wirklich Gespenster. Sie schritt bis zur Tür und dann weiter zu gegenüberliegenden Bank. Eine Hälfte des Bademantels baumelte lustlos über die Plastiklatschen. Die Andere lag zerwühlt auf dem Sitzbereich, durchnässt und herrenlos. Sie hatte sich geirrt. Und sie war mutterseelenallein.

Behutsam zog sie die Tür hinter sich, als wolle sie niemanden stören. Die Rückseite der Tür war ein Kunstwerk aus Holzschnitzereien mit andalusisch anmutenden Symbolen. Sie befand sich in einer Art Ruheoase, beleuchtet in roséfarbenen Pastelltönen. Sechs Rattanliegen reihten sich um einen Elektrokamin aneinander. Links von ihr entdeckte sie einen Barbereich mit aufgestapelten Gläsern und einer Wasserkaraffe, die mit Orangenscheiben befüllt war. Rechts von ihr, ein weiteres Wunder, eine Regalwand mit frischen Bademänteln, Tüchern und in Plastikfolie eingewickelten Pantoffeln. Schräg gegenüber eine nicht weniger prunkvolle Holztür. Durch die volle Blase vorhin und die Aufregung hatte sie nicht bemerkt, wie durstig sie mittlerweile war. Das Wort Oase bekam hier eine ganze neue Bedeutung. Sie musste trinken, auftanken, bevor sie sich weiter durch diese prachtvolle, aber menschenleere Öde kämpfte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie die Hoffnung beinah aufgegeben, dass Rettungskräfte sie borgen würden. Schon jetzt trieb die Einsamkeit ihre Spielchen mit ihr. Die verwaisten Badelatschen waren ein untrügliches Zeichen dafür. Ihr war seltsam zumute, ihre Gefühle wie von der Realität abgerückt, und eine unerbittliche Gewissheit schlich sich in ihr ein. Dass sie auf sich alleine gestellt war. Wie damals. Nur anders als damals, konnte sie sich wehren. Sie konnte trinken und dafür sorgen, dass sie bei Kräften blieb. Sie konnte erleuchtete Räume nach einem Ausgang erkunden. Sie schob die Frage beiseite, wie alt das Wasser in der Karaffe war, schenkte sich das Getränk in eins der sauberen Gläser ein und trank den Inhalt in einem Zug aus. Dann fischte sie eine der Orangenscheibe aus dem Krug heraus und steckte sie in den Mund. Sie schmeckte nach Pappe. Während sie lustlos auf der Haut herumkaute, überlegte sie, dass sie sich diesen Standort merken musste. Es gab Trinkwasser und obendrein Bademäntel. Wenn nötig, bat er eine Übernachtungsmöglichkeit. Sie konnte es sich mit Badetüchern auf einem dieser Korbsessel vor der künstlichen Wärme des Kamins bequem machen. Trotz der unerfreulichen Aussicht hatte sie zumindest einen Plan B. Plan A wäre ihr lieber, ein baldiges nach Hause fahren. Ohne Mark. Sie wandte sich von der Theke ab, um sich dem gegenüberliegenden Regal zu widmen. Sie griff nach dem erstbesten Bademantel und zog ihn sich rasch über. Das samtige Material hatte etwas Tröstendes, wie ein nach frischer Honigmilch duftender Babystrampler. Danach packte sie ein paar Pantoffeln aus ihrer Plastikfolie und schlüpfte hinein. Am liebsten hätte sie sich hier eingenistet und wider besseren Wissens gewartet, bis Hilfe kam. Beweg deinen Hintern und mach dich auf den Weg. Ja, ich gehe ja schon. Sie schritt zur zweiten Holztür, zog sie entschieden auf und ging durch sie hindurch.

Seltsam, dass sie das tosende Geräusch aus dem Ruheraum nicht vernommen hatte. Zwei gewaltige Wasserfälle prasselten aus zehn Metern Höhe in ein weiteres Becken, diesmal kreisförmig und bar von Stufen. Unaufhaltsam strömte das Wasser aus den Mündern einer, im puristischen Weiß lackierten Skulptur. Sie bestand im Wesentlichen aus einem Hals, den sich zwei kahle Menschenköpfen mit weit ausgerissenen Augen teilten. Auf ihren Stirnen schienen Symbole eingraviert zu sein, weiß auf weiß. Aus der Ferne vermochte sie nicht zu entziffern. Sarah kam es vor, als würden sie sich ihre entsetzliche Angst aus dem Leibe würgen. Wenn es eine Hommage an den Expressionismus war, dann eine Misslungene. Sie wickelte sich fester in ihren Bademantel ein und steuerten einen Ausgang an, der hinter den Wasserfällen herauslugte. Der weiße Rausch, der sie umgab, war weit besser als die bisherige Stille. Man konnte sich wenigstens einbilden, dass das freudige Kreischen Hunderter Kinder vom brausenden Wasser übertönt wurde. Der Durchgang ähnelte dem Eiertunnel, der sich, metaphysischen Umständen oder ihrem schwindenden Verstand geschuldet, ins Nichts aufgelöst hatte, doch es gab keine Alternative zu diesem Gang. Immerhin war er breiter und nicht in vollkommene Dunkelheit getaucht. Als sie ihn betrat, spürte sie erneut kühle Luft den Tunnel durchströmen und freute sich über ihren Bademantel. Die Innenwände waren hell gefliest. Aus der Ferne, an der rechten Wand, erahnte sie ein Muster aus dunklen Mosaiksteinen. Der Durchgang war länger, als es den Anschein hatte. Um einen weiteren Anflug von Panik zu vermeiden, wandte sie sich um. Diesmal war der Weg breit genug, um bei Bedarf zurückzukehren, ohne rückwärts gehen zu müssen. Vor ihr stürzte das Wasser zuverlässig weiter. Kein sich auf magische Weise verengender Tunnel, der nur darauf wartete, sie zu erdrücken, wie eine Müllpresse auf einer Weltraumstation. Sie wandte sich wieder um und lief in großen Schritten gen Ausgang. Am Mosaik angelangt, hielt sie an, um das abgebildete Muster zu betrachten. Zwei griechische Buchstaben hoben sich in mattem Schwarz von der Wand ab. Ihre Griechischkenntnisse stammten aus ihrer Schulzeit, aber diese Zeichen kannte ja wirklich jeder: Alpha und Omega. Was hatte das zu bedeuten? Tropical Beach, Alpha und Omega. Das passte nicht zusammen. Doch irgendwie kam ihr die Abbildung bekannt vor. Wie von einer plötzlichen Intuition geleitet, schloss sie ihre Augen und ließ ihre Hand über die Stelle mit den Buchstaben streichen. Ein Muster, das sich anfühlte wie ein stilisierter Fisch… Das gleiche Bild, das sie in der Dunkelheit des Eiertunnels nicht hatte entschlüsseln können. Womöglich handelte es sich hier um eine Art Beschilderung, ähnlich den Wanderzeichen, die Spaziergänger durch den Wald helfen, sich zu orientieren. Nur dass es hier kein Wald ist, sondern ein stinknormales Erlebnisbad. Ein Erlebnisbad, das voller vergnügter Badegäste sein sollte, voller herumliegender, bunter Styropornudeln, mit Umkleidekabinen und dröhnenden Föhn-Geräten und einem Kassenbereich mit Drehkreuzen und einer automatischen Glastür, die dich verdammt nochmal nach draußen führen. Was soll’s? Dann steht da halt statt Notausgang ein Alpha und ein Omega, und? Besser als gar nichts. Setz dich in Gang, Bunny. Lauf weiter. Beweg deinen … Sie setzte ihren Weg fort, bemühte sich, ihren Geist zu leeren, um all den unbequemen Fragen zu entkommen, die unermüdlich an ihr nagten. Was war das für ein seltsamer Ort, dessen mit kryptischen Zeichen verzierten Gängen kein Ende nehmen wollten? Wo waren die Rettungskräfte? Und der Zweifel, der sich unnachgiebig wie eine Zecke in ihren Verstand festgebissen hatte: Hatte sie einen Fehler gemacht, indem sie den Raum mit der Drachenrutsche verlassen hatte? Der Ausgang, der ihr gerade noch so furchtbar weit vorgekommen war, gab plötzlich den Blick auf ein Treppenhaus frei, dessen Stufen sich abwärts in einen zum Teil überfluteten Bereich verloren. Sie spürte den Mut aus ihrem rissigen Selbstvertrauen heraus sickern. Szenen eines sinkenden Schiffes zogen vor ihrem geistigen Auge vorbei, und einer jungen Rose, die sich mit einer Axt in der Hand durch die Fluten durchkämpfte, im flackernden Licht eines dem Untergang geweihten Korridors. Im Morgenmantel, wie sie selbst. Sie jagte das Bild von sich und konzentrierte sich auf ihre Umgebung. Das Treppenhaus endete hier. Eine weitere Etage nach oben gab es nicht. Sie lief die Wände entlang, streifte mit ihrer Hand an deren Oberfläche, auf verborgene Nischen hoffend, auf irgendwelche Geheimgänge. Es gab keine. Man konnte sich nur ins Untergeschoss begeben. (In den Keller) Sie kehrte zur Treppe zurück und streckte den Kopf übers Geländer aus, spähte nach unten in den Gang hinein. Das Kellergeschoss schien nicht vollständig überflutet zu sein. Von ihrer Warte aus erblickte sie jetzt einen weißen Plastikstuhl, dessen Füße nur bis zur halben Höhe im Wasser standen. Ein dicker, pinker Schwimmreifen, der Assoziationen von glasierten Donuts in ihr aufweckte, schwamm ziellos um den Stuhl herum. Eine Strömung war nicht zu erkennen. Es kostete vermutlich nichts, eine kurze Erkundungstour zu unternehmen. Wenn es kein Durchkommen gab oder sie ein plötzliches Ansteigen des Wasserpegels feststellte, könnte sie immer noch kehrtmachen, den Ruheraum mit dem künstlichen Kamin ansteuern und dort Orangenwasser schlürfend auf den Rettungsdienst warten. Mit einem Hauch von Bedauern entledigte sie sich ihrer Pantoffeln und ihres Bademantels, den sie an einen naheliegenden, in der Wand angeschraubten Kleiderhaken aufhängte. Sie stieg die ersten, noch trockenen Treppenstufen hinab, bis sie eine Stufe vom unteren Geschoss entfernt war. Dann machte sie halt und tunkte vorsichtig ihren rechten Zeh in das Wasser, das den Boden überflutete. Überraschenderweise war es warm, fast auf Badetemperatur gebracht. Das würde ihre Suche nach einem Ausgang erleichtern. Sie tauchte den ganzen Fuß ein, dann den anderen und berührte schließlich den Boden des unteren Stockwerks. Das Wasser floss angenehm um ihre Waden. Selbst, wenn sie sich im ausreichenden Tempo durch die Fluten bewegte, würde ihr Badeanzug höchstwahrscheinlich trocken bleiben. Ein kleiner Trost, der ihr ein Lächeln auf dem Gesicht zauberte. Obendrein war der Korridor weitläufig und wider Erwartung lichtdurchflutet. In schweren Zeiten, und diese hier betrachtete sie zweifelsohne als herausfordernd, griff sie gerne nach jedem Strohhalm, den ihr das Schicksal entgegen reichte. Um sie herum strahlte alles im glänzenden Weiß. Den aufgeblasenen Donut schob sie beiseite, während sie zielstrebig nach vorne watete, den Ausgang ansteuerte, der mit einem nach oben spitz zulaufenden Bogens an das Portal einer gotischen Kathedrale erinnerte. „Hallo? Ist hier jemand?“, hörte sie sich flüstern, obwohl sie keineswegs mit einer Antwort rechnete. „Hallo? Hallo? Hallo? Hallo? Hallo?“, schallte es aus allen Richtungen zurück. Selbst von oben fiel das Echo ihrer Worte auf sie herab. Unwillkürlich legte sie den Kopf in den Nacken, um die Decke zu begutachten, die einen solchen Widerhall auslöste und der Anblick, der sich ihr anbot, ließ sie erschaudern. Ist es denn möglich? Es gab keine Decke. Ein tiefblaues Himmeldach spannte sich scheinbar meterhoch über die gesamte Länge des Korridors. Ein in Tinte getünchter Alptraum. Du träumst. Das hier ist nicht real. Luzides Träumen. Wach auf, Bunny. Ruckartig wandte sie ihren Blick von der nicht vorhandenen Decke, taumelte seitwärts und hielt sich in letzter Sekunde an einen der Plastikstühle fest, die an beiden Seiten des Korridors Spalier standen. Mein Gott, ich muss hier raus. Sie fing sich wieder, richtete sich auf und stürzte sich in die Flut. Von überall her hallte ihr gehetzter Atem zurück, ein zeitversetztes Hecheln, wie der Schatten eines Ungeheuers, das ihr auf den Fersen war. Nur noch 5 Minuten, es gibt keine Monster, das weißt du doch? Mama, bitte öffne die Tür! Gleich mein Schatz, wenn dein Vater außer Haus ist. Er ist nicht mein Vater! Schhh, sei still! Sarah bemühte sich, die Erinnerung außer Acht zu lassen, die unermüdlich an ihre innere Tür klopfte. Dieser Ort hier ist verflucht. Er war wie ein Kontrastmittel, das die Umrisse ihrer längst vergangenen Dämonen schärfte, ihnen Kontur gab, sie aus der Farblosigkeit befreite. Vielleicht war es das strahlende Weiß, das sich in der Luft brach und ein Kaleidoskop von Farben an den hohen Mauern der Scheinkathedrale projizierten. Oder du bist im Begriff, den Verstand zu verlieren. Denn mittlerweile vernahm sie Klänge, während sie sich mühsam Richtung Ausgang schleppte. Du hörst Stimmen? Nein, keine Stimmen. Klänge. Es waren Klänge. Es war eindeutig ein Orchester zu hören, mit einem Klavier und Streichern. Swing im Stile von Duke Ellington. Eine Bigband in einer Therme. Es wurde immer skurriler. Je näher sie an den Ausgang kam, desto lauter wurde die Musik. Wo musiziert wird, sind Menschen! Menschen, die einem helfen! Die hoffende Sarah meldete sich zurück. Sarah erhöhte das Tempo, ein paar Meter trennten sie vom Spitzbogen und dem ersehnten Ausgang. Die Klänge wurden lauter, aber nicht unbedingt klarer. Sie waren jetzt von einem Knistern begleitet, das sie links und rechts vom Spitzbogentor umgab und Sarah an alte Radiogeräte aus den dreißiger Jahren erinnerte. Von einem plötzlichen Verdacht geleitet, hob sie den Kopf an, nicht zu hoch. Auf keinen Fall wollte sie die schwindelerregende Himmelsdecke erneut anblicken. Ihr Blick wanderte sorgsam die linke Wand ab und wurde fündig. Synkopierte Akkorde fanden ihren Weg aus einem weißen Lautsprecher, der sich kaum von der Wandfarbe abhob. Gegenüber bat ihm ein zweiter Lautsprecher in Stereo Paroli. Es gibt kein Orchester. Duke Ellington ist tot. Und wenn du nicht bald hier herausfindest, bist du es auch. Sarah schüttelte die Warnrufe von sich ab. Sie erreichte die Stufen, die zum Ausgangstor führten, und lief sie paarweise empor. Wo sie nun stand, war der Boden wenigstens frei von Wasser. Ihr Blick wagte sich zunächst in die dunkle Leere vor ihr. Der Ausgang gab nicht preis, was sie als Nächstes zu bewältigen hatte. Nichts Gutes, so viel war sicher. Zögernd wandte sie sich um. Noch konnte sie ihre Meinung ändern und den Rückweg antreten. Doch beim Anblick des Korridors breitete sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen aus. Und diesmal war es keine Übelkeit: Der Wasserpegel war gestiegen. Von dem Treppenhaus auf der anderen Seite war kaum etwas zu sehen. Die Plastikstühle schwammen überall umher, wie eine Menschenmenge, die sich nach einem Spektakel in alle Windrichtungen zerstreute. Unübersehbar und grausam offenbarte sich ihr die Wahrheit: Es gab keine Wiederkehr. Sie unterdrückte ein Schluchzen, während sie sich wieder dem Ausgang zuwandte, ein weiterer Schritt von der totalen Finsternis entfernt. Hilfe, hier unten sie Ratten, Sam! Das sind Silberfische Dummerchen. Wenn du die Zehen anspannst, greifen sie nicht an. Die Zehen anspannen, was war das für ein Unsinn. Die Arme fest um sie geschlossen, trat sie in den Schatten. Augenblicklich ummantelte sie die kühle Luft, als wollte sie sich an ihrem lebendigen Körper aufwärmen. Ein eisiger Luftzug strömte durch ihr Haar, beißend wie der Nordwind, der auf einen lauen Sommertag folgt. Sie schritt dennoch weiter, umgeben von absolutem Schwarz, dem heulenden Wind ausgeliefert. Bunny, gib nicht auf. Jede Nacht geht ein Mal zu Ende. (Selbst die im Keller) Sie beschleunigte, verschloss ihren Geist, um der wehenden Klage des Windes zu entkommen. Noch ein paar Schritte, dann verstummte und und sie vernahm, wie das tiefe Schwarz vor aschgrauen Schatten zurückwich. Sie hatte den Durchgang überwunden und sah sich mit prüfenden Blick um. Sie befand sich in der Empore einer Halle, von kühler Feuchte durchdrungen und nicht weniger unheimlich, als der Gang, den sie gerade bewältigt hatte. Die Galerie, die den Raum von allen Seiten umgab, ragte mindestens fünf Meter in der Höhe, so dass man die Halle vollständig umrunden konnte. Unter ihren nackten Füßen war der Boden geschmeidig und uneben zugleich, wie aus Schieferplatten. Sie blickte über das Gelände hinab. Der Raum hatte imposante Ausmaße. An seinen Wänden flackerten Wandleuchten mit künstlichem Licht. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein weiterer Ausgang. Der nächste Meilenstein auf ihrem kuriosen Ausflug. Unten sah sie eine Leine, die sich von einem Ende der Halle zum anderen über die Leere spannte und an der etwas schaukelte, was sie zunächst nicht einordnen konnte. Ein Gegenstand bewegte sich dort, ähnlich einem Pendel. Sie hörte die Luft regelrecht schwingen. Hier sollte eine echte Bigband spielen. Die Akustik ist bestimmt toll. Keine Band, kein Radio, aber ein unverwechselbarer Klang schwang mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms durch die Halle, tief und ohrenbetäubend. Warum kann es kein Wassertropfen sein? Ein penetranter, nervenaufreibender Wassertropfen. Ich werde mich umdrehen und feststellen, dass ich vor einem Tunnel stehe, einem Gang, der meine Klaustrophobie herausfordert und meinen Mut auf die Probe stellt, eng und oval geformt, wie ein Eiertunnel. Das wird mich eine Menge Überwindung kosten, aber ich werde mich durchzwängen. Und wenn ich ihn bis zum Ende durchgehe, stoße ich auf eine gewundene Rutsche, einen Drachen, der seine Badegäste wie Ungeziefer ausspuckt. Und noch etwas Rotes wird es geben, lauter erschöpft aber erleichtert aussehende Gesichter in Feuerwehr-Overalls, mit Seilen, Taschenlampen und anderem Werkzeug in den Händen. Einige werden sogar jubeln. Nur Mark nicht. Mark wird mich mit bedröppelter Miene aus der hintersten Ecke des Raums anstarren. Er wird wissen, dass es vorbei ist. So leid es mir tut Liebster, aber ab jetzt mache ich nicht mehr mit. Lass die Träumerei Bunny, mach dich nicht lächerlich. Du kennst das Geräusch. Du weißt ganz genau, was das ist. Natürlich wusste sie das, die unverwechselbare Klangfarbe einer Glocke. Sie beugte sich über das Geländer, um das bronzene Ungetüm zu betrachteten, das sich träge aber kraftvoll durch den Raum schwang. Die Glocke pendelte ihr gerade entgegen. Aus ihrem Blickwinkel war der Klöppel nicht sichtbar. Dafür sah sie die Verzierungen der Haube klar und deutlich vor sich, vorrangig das überdimensionierte A, das sich ihr langsam näherte. Bevor der Gong erneut ertönte, verschloss sie ihre Ohren mit ihren Hände und trottete in den rechten Teil der Galerie zum gegenüberliegenden Ausgang hin. Sie erreichte ihn, als die Glocke auf der halben Strecke zu ihr zurück pendelte. Sie brauchte nicht lange, um das kurvige Zeichen zu entziffern, das auf sie zuschwang. Omega. Natürlich. Mach dich aus dem Staub.

Die Enge war ihr zuwider. Doch die Finsternis war furchteinflößender. Erneut schloss sie ihre Augen, um sich der Realität zu entziehen, sich der Illusion zu ergeben, dass alles in bester Ordnung war. Vergebens. Der Schrecken saß ihr im Nacken und ließ sich nicht verjagen. All die Jahre hatte sie ihn verdrängt, solange ignoriert, bis er sich zurückgezogen hatte. Vorübergehend, das war ihr mittlerweile klar. Vollkommen verschwunden war er nie, sondern er hatte sich auf die Lauer gelegt, den richtigen Moment abgewartet. Und jetzt, wo sie sich blind und fast nackt durch den Schacht bewegte, war er erwacht, um sie zu zerfleischen.

Der Schrecken war alt, mindestens zwanzig Jahre. Damals tauchte er im wöchentlichen Rhythmus auf. Und er bestand aus dem modrigen Geruch eines feuchten Kellergeschosses und wurde mit dem immer gleichen Satz eingeleitet: „Es ist wieder so weit Dummerchen.“ Was ihre Mutter betraf, Sarah hatte sie als Kind naturgemäß vergöttert, ungeachtet ihres fragwürdigen Männergeschmacks. Sam war groß, mindestens ein Meter neunzig, mit breiten Schultern und ein ebenso breites wie ungerechtfertigtes Ego. Das hatte gereicht, um ihre Mutter an die Angel zu nehmen. Dachte sie, ihr käme nichts Besseres mehr über den Weg, als Witwe und alleinerziehende Mutter? Sam war nicht von Anfang an auf die Idee gekommen, seine Stieftochter mit wöchentlichen Keller-Sitzungen im Dunklen abzuhärten. Angefangen hatte es eines Nachts, nachdem Sarah zum dritten Mal von einem bösen Traum aufgeschreckt war und in Sams und Mutters Bett gekrochen war. Es roch nach der zart-blumigen Pflegecreme ihrer Mutter und nach etwas, das Sarah erst Jahre später einordnen konnte: nach Whiskey. In dieser Nacht war Sam ausgerastet.

Sarah lief weiter, die Augen fest zusammengepresst. Auch hier waren die Wände gekachelt. Leichte Erhebungen im Fliesenbild ließen vermuten, dass sich das aus griechischen Buchstaben bestehende Muster wiederholte, unendlich und sinnbefreit. Spätestens seit dem Durchwaten des überfluteten Kirchenschiffs empfand sie eine tiefe Müdigkeit und ihre Füße taten weh, wie nach einem langen Weg in engen Wanderschuhen. Allmählich fühlte sich das Gehen jedoch leichter an, als hätte sie die Nordwand eines Gipfels erreicht und stiege endlich die Rückwand des Berges hinunter, den sie so mühsam erklommen hatte. Täuschst du dich oder geht es inzwischen abwärts? Sie täuschte sich nicht. Mit jedem Schritt spürte sie ein geringfügiges Gefälle. Es war nicht viel, höchstens ein paar Grade über mehrere Meter. Besorgnis erweckend war es dennoch. Wenn der Schacht nach unten führte, würde sie womöglich zu einem weiteren überschwemmten Bereich gelangen. Was, wenn der Wasserpegel überall anstieg und sie sich endgültig verirrt hatte, in diesem sinkenden Labyrinth aus Wasserbecken und dubiosen Engen? Hatte der Wellness-Konzern die alte Badelandschaft überbaut? Vielleicht lief das Areal langsam mit Grundwasser voll und es war den zuständigen Personen nicht bewusst? Oder… sie wussten ganz genau, was vor sich ging, dass der gesamte Komplex zusammenzubrechen drohte. Und …, ein Schauder lief ihr über den Rücken, und sie hatten gar kein Interesse daran, dass der Baupfusch an die Öffentlichkeit gelang… Am wenigstens durch eine aufwändige und spektakuläre Rettungsaktion. Sarahs Beine drohten zu versagen. Verschwörungstheorien? Im Ernst, Bunny? Öffnungen mauern sich hinter dir zu, unsichtbare Raumdecken entblößen die Tiefen des Universums, Glocken schwingen grundlos im Nichts hin und her? Nein, gib es zu! Was? Dass Du spinnst, den Verstand verlierst, nicht mehr alle Tassen im Schrank hast, was man eben so sagt… Eine Träne rollte über Sarahs Wange. Denkbar war es. Sie mochte halluzinieren, weil sie dehydrierte, weil sie nicht weit davon entfernt war, in Panik auszubrechen. Oder schlimmer, weil sie ihren Sturz doch nicht so abgefangen hatte, wie sie dachte und ihr Gehirn erste paranoide Fantasiegebilde von sich gab. Ein kleiner Vorgeschmack auf ihre ganz persönliche, maßgeschneiderte Gedankenhölle, wer wusste das schon. Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Weiterlaufen. Sie setze sich wieder in Bewegung und tastete sich an den Wänden entlang. Nur noch fünf Minuten, Schatz! Immerzu hörte sie die Stimme ihrer Mutter, eingeschüchtert und machtlos. Mehrfach hatte sie Sarah erst befreit, als Sam das Haus Richtung Kneipe verlassen hatte, oder wenn er auf der Couch eingeschlafen war. Wieso bloß? Bis zum heutigen Tage hatte sie nur selten Gedanken an das dunkle Kapitel ihrer Kindheit verschwendet, ein paar unbequeme, in Sepia getauchte Erinnerungen. Vergilbte Zeiten, zu denen man selbst keinen persönlichen Bezug hat. Doch jetzt gab es nirgends Ablenkung. Nichts, durch das man hätte diese Erlebnisse zurückdrängen können. Ungehindert manifestierten sich die verhassten Bilder hinter ihren geschlossenen Lider, scharf und bunt wie ein 35mm-Farbfilm. Die goldfarbenen Augen ihrer Mutter, von Trauer durchtränkt, die verlebte, olivgrüne Couch, auf der ein vom Alkohol narkotisierter Sam schnarchte. Die zitronengelbe Wandfarbe des Kellers, die verblasste, sobald sich die Kellertür schloss. Yep, Bunny, das ist, was sich hinter dem zugezogenem Bühnenvorhang deiner Augen abspielt, das wahre Leben. Das Schauspiel ist vorbei. Sie lief weiter, während sie mit Besorgnis die zunehmende Bodenneigung unter ihren nackten Füßen wahrnahm. Sie musste sich beeilen, falls das Grundwasser stieg. Sie beschleunigte ihren Gang. Immer hastiger tastete sie sich an den Wänden voran. Plötzlich stieß sie einen Schmerzschrei aus und griff fluchend ihren rechten Zeh. Wider Erwarten war ihr Fuß gegen eine Steinmauer geprallt. Sie öffnete die Augen, konnte aber die Mauer nicht erkennen, die ihr scheinbar den Weg versperrte. Oh Gott, lass es bitte keine Sackgasse sein. Ein Mal mehr schloss sie ihre Augen. In vollkommener Finsternis half ihr Sehsinn nicht. Das verstörende Bild eines Grottenolms mit zurückgebildeten Augenhöhlen kam ihr in den Sinn. Wie lange musste man in der Dunkelheit einer Höhle verweilen, um zu erblinden? Konzentriere dich! In Ordnung. Kein einziges Mal hatte sie sich während ihres unfreiwilligen Spaziergangs gewendet und sie hatte sich eingeschärft, ihre Hände an den Wänden links und rechts von ihr zu streifen. Sie konnte sich also nicht aus Versehen in die verkehrte Richtung gedreht haben. Es gab überhaupt keinen Zweifel, dass sie geradeaus gelaufen war. Der Gang führte nicht weiter nach vorne. Bemüht, ihre flachen Atemzüge unter Kontrolle zu halten, spielte sie gedanklich ihre Chancen durch. Sie konnte kehrtmachen, den langen Rückmarsch auf sich nehmen, und jenseits des Glockenraums einen Tauchgang durch den überfluteten Korridor wagen. Die Vorstellung, sich unter Wasser durch eine Horde von treibenden Plastikstühlen durchzukämpfen, war furchteinflößend. Der einzige Vorteil dieser Option war, dass Tageslicht (auf welche Weise auch immer) den Ort erleuchtete. Aber sie machte sich hinsichtlich der Zeit, die sie ohne Sauerstoff aushielt, keine Illusionen. Sie konnte es in der Glockenhalle versuchen und sich auf eine Kletterpartie nach unten einstellen. Mit ein bisschen Glück würde ihr ein Sprung auf die schwingende Glocke gelingen. Oder sie würde abstürzen und sich das Genick brechen … Die naheliegendste Lösung war, die Wände um sich herum zu inspizieren und nach Rissen und Spalten zu suchen, die ihr durch das bloße Streifen ihrer Hände entgangen waren. Also gut, das war der Plan. Sie legte beide Hände auf die Mauer, die ihr Fortkommen verhinderte und untersuchte sie mit gespreizten Fingern. Wenn sie eine Stelle mit einer Hand abgetastet hatte, entfernte sie sie erst dann, wenn sie die Andere in unmittelbarer Nähe platziert hatte. Bei Tageslicht wäre sie sich vermutlich wie ein Pantomime vorgekommen, der mit grazilen Handbewegungen nach einem Ausweg aus einem unsichtbaren Käfig sucht. Eine Hand, dann die andere, Zentimeter für Zentimeter, bis mit dem Arm plötzlich ins Leere griff. Mit klopfendem Herz näherte sie sich der Stelle, an der sie auf fehlenden Widerstand gestoßen war. Tatsächlich, hier endete das Hindernis, unweit davon gab es eine Öffnung. Mit der Hand fuhr Sarah auf der Höhe der Wand entlang, um ein Gefühl für die Breite zu bekommen. Die Seitenwand an ihrer Rechten war keine hundert Zentimeter weit entfernt. Ein Meter. Das war alles. Mit Sicherheit handelte es sich wieder um einen dieser Klaustrophobie auslösenden Gänge, in denen man sich nicht umdrehen konnte. Aber hatte sie überhaupt eine Wahl? Erst jetzt fiel ihr mit Entsetzen auf, dass ihre Füße nass waren. Warum hatte sie es nicht früher bemerkt? Sie spürte ein leises Rieseln, wie ein Rinnsal, der von ihren Fersen aus zu ihren Zehen hinfloss. Verzweiflung fraß sich durch ihre Magengrube. Mach dich vom Acker, Bunny, sonst ertrinkst du. Ohne einen weiteren Gedanken an die herrschende Dunkelheit zu verlieren, öffnete sie die Augen, zwang sich durch die enge Öffnung und sprintete los. Ein Meter, zwei Meter, schnell, schneller. Sie gewann an Geschwindigkeit. Mehrfach gerieten ihre Schultern an den immer näher kommenden Seitenwänden. Sie ignorierte den flüchtigen Schmerz, verarzten konnte sie sich später. (Wenn es überhaupt ein Später gibt). Ein weiterer Meter. Noch einer. Langsam ging ihr die Puste aus. Sie blieb abrupt stehen, um ihre brennende Lunge zu beruhigen. Sie atmete tief ein. Es war keine Einbildung, bei jedem Atemzug breitete sich ein Schmerz in ihrem Rumpf aus, wie … … an einem kalten Wintertag. Im Freien! Hoffnung durchströmte ihren Körper. In ihrer Panik hatte sie nicht bemerkt, dass es hier abermals einen Durchzug gab. Und nicht nur das war erfreulich. Sie spürte kein Wasser mehr um ihre Füße. Hier war der Untergrund angefeuchtet, sonst nichts. Schneller als das Wasser konnte sie nicht gelaufen sein. Das konnte nur auf einen leichten Anstieg des Bodens hinweisen. Sie setzte sich wieder in Bewegung, die Augen weit geöffnet. Allmählich gewöhnten sie sich an die Dunkelheit. Die Decke hing flach und tief über ihr. Der Gang hatte nur noch eine Breite von rund sechzig Zentimetern, durch die sie sich quetschen konnte. Doch in der Ferne schien er sich wieder auszuweiten, wenn sie die dunklen Umrisse ein paar Meter vor ihr richtig deutete. Im gleichmäßigen Tempo zog sie weiter. Schritt für Schritt. Plötzlich lenkte etwas ihre Aufmerksamkeit vom Tunnel ab. Sarah. Die innere Stimme, die sie von Kindheit an begleitete, vertraut und unentwegt, kam ihr auf ein Mal fremd vor. Sarah. Das entscheidende Detail fiel ihr wie Schuppe von den Augen. Die Kleinigkeit, die diese Stimme zu einer unheimlichen Begegnung machte. Die Stimme hatte sie nicht Bunny genannt, sondern Sarah. Hier war jemand in der Nähe. Jemand, der ihren Kosenamen nicht kannte. Oder jemand, und das war weit furchterregender, der ihn nie hatte nutzen wollen. Sarah. Das Wispern näherte sich von hinten an, leise, durchdringend. „Hallo? Ist hier jemand?“, fragte sie mit kaum vernehmbarer Stimme. Schweigen. Die Stille war allgegenwärtig. Weder der tiefe Gong der Alpha-Omega-Glocke, noch das bedrohliche Plätschern von Wasser waren zu hören. Nichts. Sarah. Das Flüstern war jetzt deutlicher, etwas näher herangerückt, als würde sich jemand an sie heranpirschen. Sarah. Dummerchen. Übelkeit. Irgendetwas hing plötzlich in der Luft. Etwas Abscheuliches. Sarah versuchte, sich gegen den fauligen Geruch zu wehren, der ihr in die Nase zog. Es war ein Gestank, der Erinnerungen aus der tiefsten Ebene ihres Bewusstseins heraufbeschwor, die Verkörperung eines Kindheitstraumas. Eine widerliche Mischung aus Mundgeruch und Whiskey. Der Atem eines Betrunkenen. „Nein!“, schrie sie, „du bist tot!“ So kann man sich täuschen Dummerchen. Kein freudiges Wiedersehen? Das Flüstern war zu einem drohenden Raunen gewachsen. Der Geruch umzingelte sie nun, zog immer engere Kreise um sie. Es ist wieder Zeit, Dummerchen. Ab in den Keller. Nur eine harmlose Abhärtung. Damit du dich endlich aus dem Bett meiner Frau fernhältst, du schisseriges Gör. Sarah drehte sich zur Richtung hin, aus der sie gekommen war und breitete ihre Arme tastend um sie herum. Ihren Händen begegnete nichts als unheimliche Leere. Sie schärfte ihren Blick, doch es war keine Gestalt zu entdecken, nur die verschwommenen Konturen der Wände. Es ist ein Alptraum, Bunny. Wach auf! Aber es gab kein Erwachen. Das war ihr klar. Sie legte die Hände um die Ohren und brüllte heraus: „Lass mich in Ruhe. Du existierst nicht, nicht mehr. Ich habe dich vernichtet.“ Der enge Raum verschluckte ihren Schrei, als wollte er ihr Geheimnis wahren. Ja, das hast du, du kleine Pissnelke. Und jetzt bist du dran. Hast du ernsthaft geglaubt, du kommst mir davon? Ja, das hatte sie. All die Jahre. Willst du es sehen, Dummerchen? Willst deinen Triumph nochmal genießen? „Nein“, erwiderte sie in einem Schluchzen. Dann sank sie auf den Boden, ließ ihre Ohren los, unfähig, sich vor der Wahrheit zu schützen.

Bunny hatte sich ausgeweint. Das hielt immer eine Viertelstunde an, bis ihre Tränen versiegten. Oben hatte es einen heftigen Streit gegeben, dann war unheilvoll Ruhe eingetreten. Seitdem kauerte sie in der gewohnten Ecke und spannte die Zehen an. Sam hatte gelogen, als er sie vor den Silberfischen gewarnt hatte. Hier gab es weder Ratten noch Silberfische. Und Zehenanspannen half nicht gegen Ungeziefer. Mittlerweile war es ihr klar. Jetzt, wo sie groß war. Und mit neun Jahren war man ja fast erwachsen. Aber das Zehenanspannen konnte sie sich aus unerklärlichen Gründen nicht abgewöhnen. Im Gegensatz zum Rest des Kellers war es unter der Treppe warm. Mama hatte gesagt, dass die Wand am Heizungskeller grenzte. Und dann gab es Wuffis Hundekörbchen. Wuffi war vor ein paar Monaten in den Hundehimmel gekommen, aber er hatte sie nicht allein gelassen. Mama hatte weder das Körbchen noch die Unterlage weggeworfen. Und selbst Wuffis Tennisball war noch da. Wuffis Geruch war überall, ein würziger Geruch von Leder und Wolle, nicht unbedingt unangenehm, sondern eher beruhigend. Wuffi war groß gewesen. Und sein Körbchen war es auch, groß genug, um darin hockend zu warten, dass Sam die Tür öffnete. Doch heute brauchte er besonders lange, um sie zu befreien. Vielleicht schlief er seinen Rausch aus? Unwahrscheinlich, sonst wäre Mama gekommen und hätte die Kellertür aufgesperrt. Bunny schlang die Arme fester um sich. Um diese Uhrzeit ging die Sonne unter. Bald würden die Gegenstände um sie herum in vollkommene Dunkelheit tauchen. Der Lichtschalter war für sie außer Reichweite, außerhalb des Kellers, hinter der Tür, die Sam wie immer abgeriegelt hatte. Sie sah sich gierig um, solange sie dazu noch in der Lage war. An der gegenüberliegenden Wand hingen die Kindergarten-Zeichnungen, die Mama trotz Sams Proteste eingerahmt hatte. Links ging es den Flur entlang zur Waschküche. Rechts zu einem Vorratsraum. Als sie ein Kleinkind war, hatte es dort immer nach Zimt und Zucker gerochen, bis Sam den Raum für sich und seine Flaschen beansprucht hatte. Hinter ihr, an der Wand, stand die alte Schneiderpuppe ihrer Mutter, die sie früher immer für einen ausgestopften Untoten gehalten hatte, und direkt daneben hing der Verteilerkasten. Noch fünf Minuten vielleicht. Sie versuchte, eine bequeme Position einzunehmen, aber in letzter Zeit wurde es zunehmend schwierig. Ich wachse, dachte sie. Ich werde groß. Ein paar Jahre, dann bin ich weg. Ich nehme Mama mit. Davor zahle ich es Sam heim. Der Gedanke hatte etwas Unheimliches. Süß, verboten, verheißungsvoll. Wer weiß, wo Mama war. Es war vielleicht gut, dass Bunny ihre Stimme nicht hören konnte. Das hieß, dass Sam sie in Ruhe ließ. Oder etwa nicht? Erneut brach sie in Tränen aus. „Halt deine verdammte Klappe!“, brüllte eine Männerstimme. Der Befehl donnerte aus dem Erdgeschoss trotz der Betondecke zu ihr hindurch. Bunny unterdrückte ihr Schluchzen. Ihre Hand hob den alten Tennisball im Hundekörbchen auf, der noch immer nach Wuffi roch. Dann fügte Sam mit einer lallenden Stimme hinzu: „Ich kümmere mich jetzt erstmal um deine Mom. Hab‘ wohl etwas heftig angepackt.“ Bunnys Herz machte einen Satz und Verzweiflung schnürte ihr die Kehle zu. Er wird sie umbringen. Und dann bin ich ihm ausgeliefert. NIEMAND wird mir helfen. Der Gedanke zerriss ihre Seele wie ein Stück Seidenpapier. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Es ist passiert, dachte sie. Gerade eben ist es passiert, das Ende der Kindheit. Fieberhaft überlegte sie, wie sie sich und ihre Mutter aus dieser Hölle heraushelfen konnte. In ihrer Not krallte sie ihre Fingernägel in den Tennisball. Sie sah Wuffi, wie er fröhlich den Ball durch die Wohnung rollen ließ und hatte eine Eingebung. Sollte sie wirklich? Es ist Notwehr, Bunny, flüsterte eine aufmunternde Stimme in ihr Ohr. Notwehr, ja. Niemand wird dich dafür verurteilen. Lautlos richtete sie sich auf, zog ihre Ballerinas aus und trat aus dem Körbchen. Sie spürte die Kälte der Fliesen unter ihren nackten Füßen, aber das war jetzt unwichtig. Wichtig war, dass ihr Gedächtnis sie gleich nicht im Stich ließ. Darüber hinaus musste sie sich beeilen, bevor der letzte Rest Licht durch die Dämmerung heruntergeschluckt wurde. Sie hatte nur diese eine Chance. Sie machte einen Schritt zum Verteilerkasten hin. Sie untersuchte den Kasten und fand den Griff, den sie gesucht hatte. Sachte drehte sie ihn und zog die Abdeckung einen Spalten weit auf, nur soweit, dass sie mit ihren kleinen Händen die Schalter anfassen und umlegen konnte. Die Beschriftungen waren bei zunehmender Dunkelheit kaum noch zu entziffern, aber auch hier wurde sie fündig. Der Schalter befand sich da, wo sie ihn in Erinnerung hatte. Ganz links. Im Gegensatz zu den anderen war er farblich umrandet. Als ein sturzbetrunkener Sam vor einem Jahr auf die Idee gekommen war, den Toast mit einer Gabel zu malträtieren, weil ihm ein Stück Waffel abhandengekommen war, hatte Mama schweigend den Stecker gezogen. Später, als Sam auf der Arbeit war, hatte sie Bunny an die Hand genommen, sie bei hellem Licht in den Keller begleitet und ihr den Hauptschalter gezeigt. „Den hier drückst du mit aller Kraft, wenn jemand einen Stromschlag bekommt, ok?“ Sie hatte nicht „Sam“ gesagt, aber Bunny hatte genickt. Dann hatte Mama ergänzt: „Wenn du das tust, gehen alle Lichter aus, also… es ist kein Spielzeug Bunny, verstehst du?“ Ein harmloses Gespräch, so unbedeutend, so schwerwiegend. OK. Also ganz links. Sie entfernte sich vom Verteilerkasten und stahl sich zum Vorratsraum. Dort hatte Sam seinen Whiskey-Vorrat, mindestens zwanzig Flaschen voller flüssiger Gewalt. Sie griff zur nächstbesten, wandte sich leise um und steuerte, den Ball fest in der linken Hand, den Whiskey in der Rechten, auf das Treppengeländer zu. Die Treppe war ein Ungetüm aus grauem Waschbeton mit spitzen Kanten. Die restlichen Treppen des Hauses waren aus Holz und knarrten bei jeder Berührung. Wenigstens würde man sie nicht hören. Sie schaute empor. Ein dünner Streifen elektrischen Lichts durchdrang den Spalt der Kellertür. Sie stieg die Stufen bis zur Zweithöchsten hoch. Mit einem Hauch Nostalgie hielt sie Wuffis Ball an ihrer Nase und schnupperte an dem beruhigenden Geruch. Dann legte sie den Ball auf die Stufe und ging die Treppe rückwärts wieder hinunter. Unten angelangt, stellte sie sich vor den Verteilerkasten. Jetzt musste sie bis zum Einbruch der Dunkelheit warten. Heute ist Neumond, dachte sie. Die perfekte Nacht. Ein paar Minuten später war es so weit. Sie stieß einen gellenden Schrei aus. „Du verzogenes Gör! Hast du sie noch alle?“, meldete sich Sam aus der Ferne. Sie schrie erneut. „Sam, hier sind Ratten!“ „Halt’s Maul!“, keifte er zurück. „Wirklich, ich kann sie hören. Sam, bitte!!!“ „Schnauze“, erwiderte er. „Ich verjage sie mit einer deiner Flaschen.“, rief sie, so laut sie konnte. Sie holte mit der rechten Hand aus und warf das Projektil in hohem Bogen Richtung Vorratsraum. Die Flasche zerschellte am Regal und riss weitere Whiskeyflaschen krachend mit sich. „Hast du sie noch alle, du kleine Hure?“, tobte Sam, nun schon deutlicher zu vernehmen. Durch die Decke hörte Sarah, wie er sich taumelnd der Kellertür näherte. Sie lauschte dem Geräusch eines Schlüssels, der sich durch das Schloss dreht. Dann ging das Kellerlicht an. Jetzt! „Warte, bis ich dich erwische, du verzogenes…“ Sarah betätigte den Hauptschalter. Augenblicklich erloschen alle Lichter im Haus. Dem folgte ein überraschtes Fluchen, dann das schallende Geräusch eines Metallgeländers, nach dem vergebens gegriffen wird und ein entsetzter, schmerzvoller Schrei. Sams massiver Körper donnerte kopfüber die Treppe herunter und landete mit einem furchterregenden Knackgeräusch auf den Fliesen. Der Ball rollte durch den Flur bis zu Sarahs Füßen. Dann war es still.

Es war tatsächlich still. Sarah kniete immer noch auf dem Boden, den ganzen Körper von den Nachwehen ihres Traumas zusammengekrümmt. Aber sie waren weg. Die Dämonen, oder Sarahs Schuldgefühle — was es war, war vollkommen egal — hatten sich in Luft aufgelöst. Übrig blieb eine nüchterne Feststellung. Du bist eine Mörderin, Bunny. Mama hätte das nicht gewollt. Bist du dir da sicher? Ihre Mutter war schwach gewesen, aber keinesfalls dumm. Nie hatte sie Sarah gefragt, was wirklich geschehen war. Stattdessen hatte sie den schützenden Mantel des Schweigens um ihre Tochter gelegt und trotz ihrer Blessuren eine perfekte Show abgeliefert, als zunächst der Rettungswagen, später die Polizei an ihre Tür klopften. Sarah richtete sich schwerfällig auf, die Gedanken weiterhin in ihrer Vergangenheit verharrend. Nach dem Vorfall hatte Mutter das Haus zugunsten einer kleinen Dachwohnung verkauft, ihrer Tochter das große Schlafzimmer mit dem Schwingfenster überlassen und mit vier Nachtlichtern eingerichtet, eins für jede Ecke. Sie hatte ihre Dating-Apps gelöscht, hatte an die Anonymen Alkoholiker gespendet und endlich wieder gelebt. Es waren gute Jahre gewesen. Die Erinnerung hatte etwas Tröstendes. Die Stille, die Sarah jetzt umgab, hatte nichts Bedrohliches mehr. Klare, frische Luft strömte durch den Tunnel, wie von Sarahs Katharsis reingewaschen. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und blinzelte der hellen Aura entgegen, die einen baldigen Ausgang aus der Dunkelheit verhieß. Es waren sogar zwei Lichter. Rund und leuchtend wie kleine Monde. Wie ferngesteuert schleppte sie sich in ihre Richtung, erst langsam, dann immer zügiger. Der Tunnel weitete sich schnell aus. Es kam ihr vor, als würden ihre Füße den Boden kaum berühren. Besser noch, als würde er wie ein Band unter ihr vorbeifließen. In Rekordgeschwindigkeit erreichte sie die Lichtquellen. Der Gang endete hier, mit zwei leuchtenden Ausgängen, deren Umrisse wie Aureolen aus weißem Gold schimmerten.

Sie hätte eine herbe Enttäuschung empfinden müssen, dass sie wieder ein Mal vor einem Scheideweg stand, einer weiteren Etappe in diesem unheimlichen Irrgarten aus Geheimgängen, Schwimmbecken, Dunkelheit und Stimmen. Merkwürdigerweise tat sie es nicht. Es war unmöglich, zu erkennen, was sich hinter dem weißen Licht, das aus beiden Öffnungen strahlte, verbarg. Die Ausgänge unterschieden sich nur in den griechischen Symbolen, die an deren Schwelle auf dem Boden eingraviert waren. Alpha und Omega. Alpha und Omega. Der Anfang und das Ende. Mein Gott. Mit einem Schlag wurde alles klar. Ihr Sturz, doch nicht so harmlos. Ihre Irrungen durch die bizarre Pool-Landschaft, ein Intermezzo, eine Verzögerung des Unvermeidlichen. Dumm gelaufen. Sie streichelte ihr gebrochenes Genick, das nie mehr schmerzen würde. Armer Mark. Tut mir leid Bunny, aber die Reise endet hier. Du warst echt schwer von Begriff. Das macht nichts, ich habe ja jetzt Zeit. Welchen Pfad wirst du wählen? Sarah überlegte einen Moment lang. Keiner der Ausgänge sah bedrohlich aus, im Gegenteil. Sie spürte ihre Anziehungskraft und die Gewissheit, dass beide Wege sicher waren. Alpha, der Anfang. Omega, das Ende. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Der Vers entlockte ihr ein Lächeln. Sie tat einen Schritt und trat über die Alpha-Schwelle.

Schmerz. Kälte. Furchtbare Einsamkeit. Grelles Licht. Sie drohte zu ersticken. Sie stieß einen kraftvollen Schrei aus und ihre Lunge füllte sich mit der lebensbringenden Luft. Sie kämpfte mit ihren schwindenden Erinnerungen. Dann empfand sie wohltuende Wärme und ergab sich der Gegenwart. In der Ferne hörte sie ein glückliches Lachen und Laute, die sie sofort wieder vergaß: „Gratuliere, ein Mädchen!“

ENDE

Das Setting dieser Kurzgeschichte ist inspiriert von der surrealen Poolcore-Atmosphäre des meisterhaften PC-Spiels POOLS (mit freundlicher Genehmigung von Tensori). Die Geschichte ist eine Hommage an tief sitzende, von mir fast vergessenen Film- und Bucherinnerungen aus meiner Jugend.


메타데이터
post_id
4258bb9c4ba6
slug
limina-4258bb9c4ba6
url
https://medium.com/@nathalie_27268/limina-4258bb9c4ba6
canonical_url
https://medium.com/@nathalie_27268/limina-4258bb9c4ba6
author_url
https://medium.com/@nathalie_27268
status
ok
fetched_at
2026-07-24 09:38:12