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20:49

7905 Tage lebe ich nun auf diesem Planeten, auf dieser Erde. Die meiste Zeit davon in meinem Zuhause, in meiner Heimatstadt. 7905…

Findus · 2026-04-04 21:25 · 0 claps · 4.0 min read
#life #crisis #questions
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20:49

7905 Tage lebe ich nun auf diesem Planeten, auf dieser Erde. Die meiste Zeit davon in meinem Zuhause, in meiner Heimatstadt. 7905 Sonnenaufgänge und ebenso viele Sonnenuntergänge sind seit meiner Geburt an mir vorbeigezogen. Manche habe ich bewusst erlebt, andere blieben verborgen hinter dichten Wolken. Einige habe ich verpasst, weil mein Blick in den Augen Anderer verloren ging, und andere, weil das Leben selbst zu viel Raum eingenommen hat, und ich beschäftigt war, und ich funktionieren musste, und ich weitergehen musste.

Und während die Tage weiterziehen, und die Wochen ineinander verschwimmen, wie die Wolken mit der Dunkelheit der Sommernacht, und die Jahre plötzlich schneller werden, merke ich, wie sich alles stapelt: Erwartungen und Möglichkeiten und Zweifel und dieses ständige Gefühl, dass ich irgendwo sein müsste, etwas tun müsste, jemand werden müsste.

Doch nun frage ich mich, was ich will. Ist es meine Quarterlifecrisis oder ist es die aktuelle Situation auf dem gesamten Globus, die mich fragen lässt, wo der Sinn hinter meiner Existenz liegt? Und nein, nein, ich lasse mich hier nicht mit einfachen Antworten abspeisen. Denn zehn Menschen geben mir zehn Antworten auf die Frage „Was ist mein Sinn?“, und obwohl sie vielleicht einen wahren Kern haben, liegen sie grösstenteils daneben, weil niemand von ihnen mein Leben wirklich kennt. Weil mein Leben die meiste Zeit abseits ihrer Realität geschieht.

In deinen Zwanzigern musst du dich fortbilden und funktionieren und dich entscheiden und dich festlegen und dich beweisen. Mach eine Ausbildung und geh studieren und sammle Erfahrung und baue dir etwas auf und geh reisen, aber nicht zu lange, sonst verlierst du den Anschluss, und komm rechtzeitig zurück, und sei produktiv dabei, und wachse daran, und mach etwas daraus. Man braucht Leute mit Arbeitserfahrung und junge, motivierte Leute und flexible Leute und belastbare Leute. Aber ich bin nicht einfach nur ‚Leute‘. ich bin ich, und ich trage ein kleines Stück Narzissmus in mir. Denn ich erkenne meine eigenen Stärken, folge meinem eigenen Massstab und lasse mich nicht vollständig in fremde Erwartungen pressen.

Ich will den Kilimanjaro hochklettern und mit zehn Fremden durch die Arktis segeln und den Acatenango in Guatemala besteigen und den Inca Trail in Peru laufen, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Ich will Fallschirmspringen über Australien und lernen, selbst Fallschirm zu springen, und die Galápagosinseln mit eigenen Augen sehen, und in Kirgistan mit Pferden durch die endlose Weite reiten, und in Patagonien wandern, und durch Südwestasien Backpacken, und Gorillas sehen, in Kamerun und Ruanda und Uganda.

Ich will in London leben, wie im Film, und den Jakobsweg gehen, und die Chinesische Mauer entlanglaufen, von Anfang bis Ende, und in Marokko surfen und Sanddünen hochklettern und mit zerkratzten Skiern wieder herunterfahren. Ich will Nordlichter in Schweden sehen und die Antarktis betreten, und nach Kolumbien und Ghana und Bolivien und Grönland und auf die Färöer-Inseln, nach Island und Mexiko und Rumänien über Albanien nach Griechenland und Serbien und in die Türkei.

Und ich will im Dschungel im Regen übernachten und ich will Tickets buchen und Routen planen und mich verlaufen und neu anfangen und Grenzen überschreiten und Ängste spüren und sie überwinden und Menschen treffen und wieder gehen und Erinnerungen sammeln und sie verlieren und neue schaffen.

Und das alles festhalten, mit meiner Kamera, mit meinen Worten, mit meinen Gedanken. Eine Dokuserie über mein Leben veröffentlichen und ein Buch darüber schreiben, und am besten alles, bevor ich 30 werde.

Ich will Spanisch lernen und mich mit den Locals in Barcelona über die beste Paella unterhalten und ihre Geschichten hören und für einen kurzen Moment einfach nur dazugehören, ohne zu suchen. Ich will ohne Geld um die Welt reisen aber trotzdem Geld verdienen, weil irgendwann wird das alles ja vorbei sein und ich muss wieder zurück ins normale Leben und leben und funktionieren und leisten und Steuern zahlen und morgens aufstehen und abends müde sein und das alles wieder von vorne und der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Aber was ist dieses normale Leben überhaupt für mich? ist “das normale Leben” definiert?

Ich merke, wie ich mich zu oft vergleiche, mit der Vergangenheit und mit dem, was war, was ich war und mit Versionen von mir, die es so vielleicht nie wieder geben wird. Und während ich zurückschaue und festhalte und nicht loslasse, vergesse ich nach vorne zu schauen, auf das, was sein könnte, auf das, was noch offen ist, auf das, was ich noch werden kann.

Und irgendwo zwischen all dem frage ich mich:

Vergleiche ich mich zu sehr mit dir und mit meinen Eltern und mit Freunden und mit Fremden und mit Influencern und mit Promis und mit all denen, die es noch werden wollen? Und verliere ich mich dabei Stück für Stück selbst?

Ein Rennfahrer sagte einmal: Wenn du jemanden überholen willst, darfst du nicht den gleichen Weg gehen wie die Person vor dir, sonst wirst du immer hinter ihr bleiben.

Doch will ich überhaupt jemanden überholen? Oder will ich einfach nur Seite an Seite mit ihnen durchs Leben treiben, ohne Ziel, ohne Ziellinie, ohne dieses ständige Gefühl, schneller sein zu müssen?

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, alles zu schaffen. Nicht darum, jeden Ort zu sehen und jede Erfahrung mitzunehmen und jede Version von mir selbst zu werden. Vielleicht geht es nicht darum, schneller zu sein oder weiter oder besser, sondern freier. Freier im Kopf von der Angst etwas tun zu müssen. Denn tief in meinem Herzen strebe ich einfach nur nach Erfüllung, in meinem Leben und in dem, was ich tue.

Vielleicht ist dieses „normale Leben“, vor dem ich irgendwie weglaufe, gar kein Ort, zu dem ich zurück muss, gar kein physischer Ort, sondern den Drang nach Erfüllung den ich im Moment nicht ausleben kann. Ein Gefühl, das mich innerlich zerdrückt, weil ich mein volles Potenzial noch nicht ausschöpfen kann.

Vielleicht liegt die Freiheit nicht darin, wählen zu müssen, sondern darin, meinen Weg zu gehen, meinen eigenen. Nicht eine Auswahl aus bestehenden Optionen, sondern meine eigenen Möglichkeiten zu erschaffen.

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, ich starte ja nicht bei null. Ich weiß nicht, wie viele Schritte noch vor mir liegen. Ich weiss nur, dass ich es nicht weiss. Noch nicht, aber immerhin besser als vorhin.

Und vielleicht reicht das für jetzt.

Vielleicht reicht es, den nächsten Schritt zu gehen, nicht den perfekten, nicht den endgültigen, sondern einfach nur einen Schritt.

Und dann noch einer. Einen Schritt.

Und dann noch einer.

Und noch einer.


메타데이터
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2026-07-11 12:56:19