Auf der Straße des Erfolgs
Kapitel 60 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk
Auf der Straße des Erfolgs
Kapitel 60 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Deutscher Meister — aber nicht im Stabhochsprung: Krimi-Spezialist WM knüpft in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre an seine kabarettistischen Radio-Jahre an und schreibt Komödien für Film und Fernsehen
Dabei sein ist alles
Das erste Fernsehspiel aus der 1967er Auftragsflut, das gedreht und gesendet wird, ist Der deutsche Meister. Die Komödie erzählt die Geschichte eines Stabhochspringers aus der fiktiven deutschen Provinzstadt Hinterwang, der an Leichtathletik-Meisterschaften teilnehmen will. Er und sein Trainer entschließen sich unbedachterweise, mit dem Zug zum großstädtischen Austragungsort zu fahren. Die fünf Meter lange Sprungstange, ein altmodischer Bambusstab, passt selbstverständlich nicht ins Abteil. Der Sportler muss sie aus dem Fenster halten. Mit vorhersehbaren Folgen: Die Durchfahrt durch einen Tunnel verkürzt das Gerät auf unbrauchbare 50 Zentimeter.
Ersatz lässt sich auf die Schnelle nicht beschaffen. Ohne Stab aber kein Stabhochspringen. Doch: „Dabei sein ist alles!“ Der Trainer überredet seinen Schützling, stattdessen bei den Sprintern anzutreten. Beide ahnen nicht, dass das Rennen, das gerade startet, ein Marathonlauf ist …
Fernseh-Routinier Rolf von Sydow dreht Der deutsche Meister Anfang August 1967 in der realistischen Kulisse der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, die im Stuttgarter Neckarstadion stattfinden. Der bekannte Fernseh-Sportreporter Heinz Maegerlein parodiert sich selbst.
Als die ARD die Komödie am 28. April 1968, einem Sonntag, ab 20:25 Uhr ausstrahlt, ist die Sehbeteiligung mit 37 Prozent gut. Auch die Zuschauerbewertung fällt positiv aus. Die Fernsehkritik urteilt gemischt.
Die Funkuhr äußert Begeisterung: „Das tolle Gerenne der beiden Träumer trieb Lachtränen in die Augen. Ein Spaß für Leute, die Spaß verstehen.“
Die Hörzu hingegen klagt: „Das Leichte, Heitere ist eine schwere Kunst. Auch ein so versierter Autor wie Wolfgang Menge musste das erfahren. Sein satirisch-buntes Filmchen erweckte nur sporadisch Lacher.“
WM ist zur Abwechslung mal nicht witzig
Im Radio der 1950er Jahre war WM kabarettistisch etabliert. Auch die meisten seiner Drehbücher zu Stahlnetz und Kinokrimis zeichnen sich durch Wortwitz aus. Das Genre der Komödie jedoch ist für ihn neu. Mit Der deutsche Meister gelingt ihm ein Achtungserfolg. Ein zweiter Versuch fürs Kino, Der Partyfotograf, hingegen gerät zur Katastrophe.
Das Drehbuch orientiert sich an der wahren Geschichte eines Hamburger Skandalfotografen und will die journalistische Begleitung der Aufklärungs- und Sexwelle parodieren. Gedreht wird im Sommer 1968. Regie führt Hans D. Bove, der auch mitgeschrieben hat. Die Besetzung ist durchaus prominent, u.a. Ralf Zacher, Werner Finck, Barbara Valentin, Brigitte Mira sowie eine junge, noch unbekannte Ingrid Steeger. Die Uraufführung findet am 29. November 1968 statt.
Der Eintrag im Lexikon des internationalen Films resümiert den zeitgenössischen Tenor: „Eine einfältige Verwechslungsgeschichte als Aufhänger für Striptease-Nummern und billige Witze.“
Der Partyphotograph ist Hans D. Boves zweiter Spielfilm als Regisseur. Er wird auch sein letzter sein. Für WM hingegen bleibt das Drehbuch für viele Jahre der letzte Misserfolg. Gleich der nächste Film, bei dem er mitarbeitet, wird vielfach preisgekrönt: die Adaptation des Romans Die Unberatenen von Thomas Valentin. Beim Erscheinen des Buchs 1963 lobte der Spiegel:
„Mit viel Wohlwollen und noch mehr Fantasie beschreibt der 41-jährige Autor und ehemalige Lehrer Valentin in seinem dritten Roman Jugend von heute. Valentins Pennäler sagen ‚hay‘, quasseln über Kafka und Jewtuschenko, gehen abends ins Bordell und hören nachts den DDR-Rundfunk. Ihre Studienräte sind durchweg Ignoranten, die über das ‚Dritte Reich‘, die Juden und den Spiegel (‚destruktiv!‘) palavern. Vollends unberaten und verkalkt sind die Eltern. Der intelligenteste und frühreifste Schüler, Faun genannt, klebt Kafka-Zitate an die Schultüren und entflieht nach Polen.“
Im Bannkreis der Revolte
Bei diesem Projekt hat WM es nicht nur mit einer besseren Vorlage als bei vorherigen Adaptationen zu tun, sondern auch mit intelligenteren Partnern. Das Drehbuch erarbeitet er gemeinsam mit Peter Zadek und Robert Muller. Zadek, zwei Jahre nach WM als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren und in Großbritannien aufgewachsen, ist seit seiner Rückkehr in die Bundesrepublik im Jahr 1958 das viel bewunderte Enfant terrible der Theaterszene. Valentins Roman hat er bereits für die Bremer Bühne bearbeitet und 1966 auch fürs Fernsehen. Nun soll daraus sein erster Spielfilm werden: eine unterhaltsame Auseinandersetzung mit der Jugend- und Studentenrevolte, die in den frühen 1960er Jahren in den meisten westlichen Industrienationen einsetzte.

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version
Der dritte im Bunde ist ebenfalls ein Mann der Britishness: Robert Muller, Sohn eines deutsch-jüdischen Filmemigranten. Geboren wurde er 1925 in Hamburg. Wie Zadek hat er die Nazi-Zeit in Großbritannien überlebt. Seinen Ruf verdankt er dem TV-Dreiteiler Die Gentlemen bitten zur Kasse (1966). Die Drehbücher über den spektakulären britischen Postzugraub schrieb er auf Basis der stern-Serie von Henry Kolarz und zeichnete damit für einen der erfolgreichsten Mehrteiler der bundesdeutschen Fernsehgeschichte verantwortlich.
Das Autorenteam verwandelt 1968, im Schlüsseljahr der Revolte, um die es geht, den bereits multimedial ausgewerteten Stoff — Literatur, Theater, Fernsehen — in die Vorlage für einen höchst ungewöhnlichen Pop-Protestfilm. Die Handlung folgt dem Alltag einer Bremer Oberschulklasse in ihrem letzten Jahr: dem veralteten Unterricht, dem die Gymnasiasten ausgesetzt werden, ihren spielerischen Protesten, ihren privaten Problemen. Zentrale Figur ist der Schüler und politische Aktivist Rull. In seinem Widerstand gegen die herrschende Ordnung — der Schule, der Gesellschaft — spiegeln sich die Tumulte der sechziger Jahre. Als er schließlich das Gymnasium mit einem Hakenkreuz versieht, droht ihm der Verweis. Seine Mitschüler planen Solidaritätsaktionen. Doch Rull verlässt die Schule freiwillig.
Seinem Film über die Genese und das Milieu der Jugendrevolte gibt Peter Zadek den ironisch-subversiven Titel Ich bin ein Elefant, Madame; in Anspielung auf den Zwanziger-Jahre-Tango-Schlager „Ich küsse Ihre Hand, Madame“. Damit bestimmt er den „Ton“ seiner experimentellen Regie. Er engagiert Schüler als Darsteller, kombiniert dokumentarische mit fiktiven Elementen, realistische mit surrealen Szenen.
„Zadek benutzte meine Dialoge zu 100 Prozent“, erinnerte sich Wolfgang. „Aber mit anderen Leuten. Was für eine Lehrerin gewesen war, mussten Männer hersagen. Das war ihm ganz egal. Er hat sich nicht für die Figuren interessiert. Aber es war lustig.“
Das Ergebnis ist „ein komödiantischer Pop-Essay und ein wahrhaft anarchistisches Feuerwerk über das verkrustete deutsche Schulsystem“, wie es in der Ankündigung des Films im Rahmen einer WM-Werkschau heißt. Aus der historischen Distanz gesehen gibt der Film ein schillernd-verzerrtes Spiegelbild der individuellen Reaktionen und Anpassungsleistungen auf die sich wandelnden Werte und Denkweisen. Einen ähnlichen Eindruck schildert Bernd Graff 2010 unter der Überschrift „Er war ein Elefant, Madame“ in seinem Nachruf auf Peter Zadek:
„Zu den nervösen Riffs von I Am Waiting For My Man, dem Song über einen Junkie, der (immer viel zu lange) auf seinen Dealer mit dem nächsten Schuss warten muss, sah man in Zadeks Ich bin ein Elefant, Madame eine Bremer Schulklasse, die Ende der 1960er Jahre den Aufstand gegen ihre Lehrer probt. Zadek dokumentiert einen Generationenkonflikt, der das vergangenheitsvergessene Altdeutschland mit einem jugendlichen Willen zu Freiheit und Fortschritt konfrontiert, der absolut ist — auch absolut in seinem Recht. Aus diesem Wissen um die Notwendigkeit und — ja, historische — Unausweichlichkeit des Wandels speist sich der selbstsichere Stil und eine geradezu obszöne Ruhe, die das Alte, Überwundene, das, was man in den Sechzigern ‚Establishment‘ nannte, getrost auflaufen lässt gegen den von den Altvorderen nie begriffenen individualistischen élan vital einer obsiegenden Jugend.“
Der Elefant im Raum
Seine Kinopremiere erlebt der Film am 6. März 1969. Der WDR hat die Produktion mit einer Millionen Mark kofinanziert, um sich eine frühe Fernsehausstrahlung für 1970 zu sichern. Gleichzeitig wird Ich bin ein Elefant, Madame zur Berlinale eingeladen, die Ende Juni stattfindet. Auf dem Filmfestival läuft Zadeks Erstling mit großem Erfolg. Der Regisseur gewinnt einen Silbernen Bären „für die eigenwillige, intelligente und treffsichere Regie“. Die Zeremonie, bei der Bundesinnenminister Ernst Benda die Preise verleiht, beschreibt der Spiegel ironisch:
„Filmen, die ‚gegen die Gesellschaft‘ gedreht seien, müsse die ‚Anerkennung der Gemeinschaft versagt bleiben‘, sagte der Minister; dann zeichnete er einen Film aus, in dem die Revolution in den Anfängen steckenbleibt. Peter Zadek bekam einen Regie-Preis für sein Lichtspiel über einen Schüleraufstand.“
WM behält die Zusammenarbeit als angenehme Erfahrung in Erinnerung. Zudem wird sie von einigem Erfolg gekrönt. Der allerdings fällt primär Peter Zadek zu. Auch der Bundesfilmpreis des Jahres zeichnet die Regie aus, mit einem Filmband in Gold.
Zadek ist Theatermacher. Im Gegensatz zu vielen, die in der Filmbranche das Sagen haben, versteht er, was Autorschaft ist, und respektiert Menschen, die schreiben können. Insofern gibt es kein böses Blut. Gleichzeitig ist er aber neben Peter Stein und Claus Peymann ein entscheidender Wegbereiter des post-dramatischen Regietheaters. Bei seinem ersten Film hat er sich nicht anders verhalten als bei seinen Bühnenarbeiten. Was im Drama oder Drehbuch steht, nimmt er nicht als Handlungsanweisung, sondern als Rohmaterial, eine Verfügungsmasse, die sich nach Belieben rearrangieren lässt.
Insofern verlangt diese Zusammenarbeit in WMs Augen nicht nach Wiederholung.
Ein Jahrzehnt muss vergehen, bis er noch einmal — ein allerletztes Mal — fürs Kino arbeitet; mit einem Regisseur, der Ende der sechziger Jahre zu den wichtigsten neudeutschen Jungfilmern zählt, Ende der 1970er Jahre allerdings nicht mehr so jung und nicht mehr so wichtig ist.
***
Vorheriges Kapitel: 59 Die öffentlich-rechtliche Erfindung der Langsamkeit
Nächstes Kapitel: **61 Fragestunde**
Englische Fassung auf Medium:
Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version
메타데이터
- post_id
- 535ddc55cc4f
- slug
- auf-der-straße-des-erfolgs-535ddc55cc4f
- url
- https://medium.com/@gundolffreyermuth/auf-der-stra%C3%9Fe-des-erfolgs-535ddc55cc4f
- canonical_url
- https://medium.com/@gundolffreyermuth/auf-der-stra%C3%9Fe-des-erfolgs-535ddc55cc4f
- author_url
- https://medium.com/@gundolffreyermuth
- status
- ok
- fetched_at
- 2026-06-28 10:39:35