Klopstockstraße — ein Zuhause nun auch in Berlin
Kapitel 81 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk
Klopstockstraße — ein Zuhause nun auch in Berlin
Kapitel 81 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

WM hat die Absicht, eine Mauer zu bauen: Um Nachtschlaf zu finden, verwandelt er heimlich die Veranda seines Hauses in ein Zimmer für sein chinesisches Prachtbett (Illustration: Googles DeepMind Imagen)
Briten in Berlin I: Eingeladen
Den finanziellen Durchbruch erlebt WM in den frühen siebziger Jahren. Dem stern erklärt er im Sommer 1973 „hinter Pfeifenrauch“:
„Nächstes Jahr hab’ ich ein gutes Jahr, da werden fünf Tatorte wiederholt, und eine elfteilige Serie läuft. Da komme ich auf 250 000 Mark.“
Fraglich ist, ob WM die Einnahmen aus seinem Bestseller Der verkaufte Käufer schon eingerechnet hat. Dessen Taschenbuchausgabe erscheint im Juni 1973 bei Rowohlt und erlebt kontinuierliche Nachdrucke. Das Exemplar, das ich besitze, besagt: „36–45. Tausend: September 1974“. Mit Sicherheit aber fehlt in WMs Viertelmillion das Einkommen, das Marlies als Zeit-Journalistin nach Hause bringt. Dem Steuerberater der Menges entgeht der wachsende Wohlstand seiner Klienten nicht.
„Der sagte uns irgendwann“, erinnert sich Marlies, „wir hätten genug, um uns ein Haus zu kaufen, statt so viel Miete in der Dubrowstraße zu bezahlen. Wir sollten unser vorhandenes Geld zusammenlegen und für den Rest einen Kredit aufnehmen. Dann hätten wir die gleiche Belastung, aber irgendwann würde uns das Haus gehören.“
Bei der Suche nach einem geeigneten Objekt wird WM gleich um die Ecke fündig: Von der Dubrowstraße 14, in der die Familie seit 1966 wohnt, sind es nur drei Autominuten oder eine knappe Viertelstunde Fußweg bis zur Klopstockstraße 19. Und doch wechselt man architektonisch aus Berlin-Zehlendorf nach Großbritannien. Denn das Gebäude, das sich die Menges 1973 ausgucken, hat die Anmutung eines zweistöckigen englischen Landhauses.
Erbaut hat es 1909 der britische Architekt John Archibald Campbell in Kooperation mit seinem deutschen Schüler Eduard Pfeiffer. Campbell wirkte vor dem Ersten Weltkrieg als Vermittler englischer Architektur in Deutschland. Das „Haus Schickedanz“, wie es zunächst nach dem ursprünglichen Auftraggeber hieß, entstand als erstes Wohnhaus in dem damals noch weitgehend unbebauten Teil Zehlendorfs. Campbell entwarf es zwar in der Tradition englischer Landhäuser, modernisierte aber sowohl die äußere Gestalt wie die Innenarchitektur. Die Details seines ungewöhnlichen Werks veröffentlichte er ein Jahr nach der Fertigstellung in der Zeitschrift Kunst und Dekoration.
Die Britishness, die das Landhaus von außen wie innen ausstrahlt, zieht WM unmittelbar an. Er erwirbt die Immobilie 1974. Nach monatelangen Renovierungen zieht die Familie ein. WM wohnt dort bis zu seinem Tod, Marlies bis heute. Viele historische Details und Zufälle, die sich mit dem Haus und seinem Architekten verbinden, aber sind WM in den frühen Siebzigern — und wohl auch in späteren Jahren — nicht bekannt.
„Aber er war stolz drauf, dass es ein Baudenkmal war. Er sprach immer von einem schottischen Architekten, wahrscheinlich weil er ihn mit dem älteren John Archibald Campbell verwechselte“, sagt Jakob. „An dem Kaufvertrag hängt hinten auch die Zeichnung von Campbell und dem deutschen Kollegen mit dran.“
Briten in Berlin II: Eingesperrt
Beide Campbells waren Architekten und hatten dieselben Vornamen, waren aber nicht miteinander verwandt. Der ältere, ein Schotte, lebte von 1859 bis 1909. Der jüngere war Engländer und lebte von 1878 bis 1948. Mit Sicherheit wusste WM also nicht, dass jener John Archibald Campbell, der 1909 das „Haus Schickedanz“ erbaute, fünf Jahre später als „feindlicher Ausländer“ verhaftet und in einem Internierungslager im Ruhlebener Radstadion gefangen gehalten wurde, nur 14 Kilometer von der Klopstockstraße entfernt. In demselben Lager saßen auch der britische Professor Frederick Sefton Delmer, seine Frau Isabella und ihre Kinder fest, die neunjährige Margaret und der zehnjährige Sefton — eben der Sefton Delmer, dem WM 1947 seinen ersten Job beim German News Service verdankt.
John A. Campbell schrieb über seine Internierung: „Im Jahre 1914 wurde ich als Professor an die Kunstgewerbeschule berufen, da kam der Krieg. — Schweigen wir alle. — Vier Jahre habe ich als Pferd gelebt, oder als indischer Priester — wie man’s nimmt.“
Dass John A. Campbells Wirken und Schicksal heute besser erforscht sind als in den 1970er Jahren, ist Norbert Hanenbergs Leistung. Der Architekt und Architekturhistoriker hat sich ausführlich mit Campbell beschäftigt. Irgendwann um 2010 besuchte er auch die Klopstockstraße und machte Fotos von der Nummer 19 — vermeintlich unauffällig, von der anderen Straßenseite aus. Doch Marlies Menges journalistischer Aufmerksamkeit entging er nicht. Sie stellte ihn zur Rede. So kam es, dass Hanenberg — ein Professor von vertrauenerweckender Erscheinung — noch zu Wolfgangs Lebzeiten die Klopstockstraße 19 auch von innen besichtigen konnte.
Das besondere Erlebnis beginnt schon, sagt er, an der Pforte. Das Haus liegt zwei Meter höher als die Straße. Vom Bürgersteig aus muss man mehrere Stufen steigen. Sie führen allerdings nicht gerade auf das Haus zu, sondern schlagen einen Winkel nach links. Der ungewöhnliche, leicht desorientierende Effekt ist, dass man von der Straße die Gartenpforte kaum sieht und von der Treppe vor der Pforte dann nicht den Hauseingang. Kommt jemand aus dem Haus, um die Pforte zu öffnen — wie es Wolfgang Hunderte von Malen für mich tat —, dann taucht diese Person recht unvermittelt vor einem auf.
Wer bei WM ein und aus geht
„Die Bewegung zum Haus, von der Straße bis hinein in den Garten“, beschreibt Norbert Hanenberg das Erlebnis, „wird durch ihre diagonale Streckung und die permanenten Richtungswechsel zu einem szenischen Spiel und Erlebnis.“
Betritt man das Haus, liegt vor einem die Diele mit offenem Treppenhaus. Nach links gehen WC, Bad und Küche ab. Rechts neben der Eichentreppe, die in den ersten Stock führt, öffnet sich eine Tür zu einem kleineren Raum. Im Entwurf von 1909 wird er als Studierzimmer geführt. Durch ihn hindurch geht man zu einem zweiten, etwas größeren Raum. Wolfgang benutzte beide als Büro und Bibliothek. Geradeaus gelangt man ins Speisezimmer. Seine Besonderheit beschreibt Campbell:
„Der Esstisch, statt wie gewöhnlich in der Mitte des Zimmers, ist in einer besonderen Nische untergebracht und an drei Seiten von einer eingebauten Bank umgeben. Die beiden seitlichen Teile sind zum Aufklappen gerichtet, damit man die hintere Bank bequem erreichen kann. Das etwas umständliche Erreichen der Plätze ist durch die intime Gemütlichkeit der Plauderecke mehr wie ausgeglichen.“

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Die ursprüngliche Einrichtung bestand nicht mehr, als ich 1987 dort zum ersten Mal saß. Die eingebaute Sitzecke war rustikal und verzichtete auf Klappbänke. Sollte man hinten sitzen, musste man gelenkig sein, war dann aber auch gefangen genug, um beim Rein- und Raustragen von Geschirr und Speisen nicht mehr mithelfen zu können. Und wer alles im Laufe der Jahrzehnte in diese Essnische kroch — von Arthur Miller, Peter Ustinov und Manfred Krug abwärts. In guter Erinnerung geblieben sind mir die Abendessen mit Christine und Jurek Becker, Katharina und Hans Magnus Enzensberger, Pieke Biermann und Thomas Wörtche, Beate und Otto Rehhagel, Klaus und Evelyn Bresser, Will Tremper, Marianne Heuwagen, Gisela Marx, Lutz Hachmeister, Regina Ziegler, Jürgen Engert, Regine Sylvester, Wolfgang Kohlhaase, Henryk M. Broder … Spannend, auch aufregend war es immer. Laut wurde es oft. Streit aber gab es selten. Wolfgangs Essen war einfach zu gut.
Stand man auf, um sich die Beine zu vertreten, führte vom Esszimmer eine Glastür auf die überdachte Gartenterrasse hinter dem Haus.
„Die ganze Fläche ist als ununterbrochener Rasen angelegt“, schreibt Campbell. „Rings um den Rasen ist ein schmaler Streifen von bunten Blumen gepflanzt. Zugleich als wirkungsvoller Hintergrund für die bunten Blumen dient eine hohe rote Mauer, welche das Grundstück abschließt.“
Zurück im Esszimmer gelangt man durch eine große Flügeltür, die der Nische gegenüberliegt, in das weitläufige Wohnzimmer. Campbell spricht von Klapptüren: „Wenn beide Klapptüren etwas geöffnet sind, sieht man in weiter Perspektive die anheimelnden Flammen vom Kamin.“ Links neben dessen Mauerwerk platzierte der Architekt eine besondere Attraktion: „ein großes, in einem Anbau untergebrachtes Vogelhaus, in dem die frei herumfliegenden Vögel durch eine große Glasscheibe vom Zimmer aus beobachtet werden können“.
Wie und mit wem WM gerne schläft
Als WM das Haus 1974 übernimmt, existiert das Vogelhaus nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich eine offene Veranda. Für sie werden die Menges bald andere Verwendung finden.
Will man das Haus wieder durch die Diele verlassen, läuft man auf die Treppe zu, die ins erste Stockwerk führt. Dort befinden sich fünf weitere Zimmer, in Campbells Plan als Schlaf-, Gäste- und „Mädchenzimmer“ gekennzeichnet. Und natürlich ein zweites Bad. Die Menges verwenden zwei der Räume als Kinderzimmer für David und Jakob, geben eins an das Kindermädchen und schlafen selbst in getrennten Schlafzimmern — wie es WM vorzieht, seit er 1954 in sein Berliner Atelier eine entsprechende Trennwand einbauen ließ.
„Ich schlafe gern allein“, sagt er. „Ich lese abends im Bett, und ich will Zeit haben und für mich allein sein. Ich will aufstehen können, ohne jemanden zu stören oder zu wecken. Und ich will auch nicht geweckt werden, das ist noch ekliger.“
Aber nicht nur er schläft lieber allein.
„Es war ungemütlich, mit Wolfgang in einem Bett zu liegen“, sagt Marlies, „weil er dauernd irgendetwas aß und Krümel um sich herum verteilte.“
Für sein getrenntes Schlafzimmer schafft sich WM ein luxuriöses chinesisches Bett an. Auch für chinesische Verhältnisse ist es exotisch.
„Das ließ sich wie ein komplettes Wohnzimmer benutzen“, sagt Marlies, spöttisch. „Unter dem Bett standen offene Holzbehälter, in denen das Bettzeug tagsüber lag. Zu dem Bett gehörte ein kleiner Tisch, aus demselben Holz wie das Bett, der am Tag in der Mitte des Bettes stand, an dem dann zwei Personen Tee trinken konnten.“
Auch die getrennten Schlafzimmer bewahren WM im Obergeschoss allerdings nicht vor den Störungen des Nachtschlafs, den er benötigt, um sein übergroßes Schreibpensum zu bewältigen.
„Wir haben es ziemlich bald so geteilt, dass Wolfgang unten, ich oben schlief“, sagt Marlies. „Nämlich mit erst noch ziemlich kleinen Kindern, dann mit solchen, die früh aufstehen müssen, um pünktlich zur Schule zu kommen.“
Der Autor als Hausmann
Im Erdgeschoss allerdings fehlt der Raum für ein Schlafzimmer. Eine Erweiterung ist nötig. Die Veranda, die einst ein Vogelhaus war, bietet sich dafür an. Genehmigungen für Anbauten — und dann noch von Baudenkmälern — sind nicht leicht zu erhalten. WMs Tricksen ist einmal mehr gefordert, im Verein mit seinen beachtlichen handwerklichen Fähigkeiten.
„Als wir einzogen, war der Anbau eine offene Veranda“, erinnert sich Marlies. „Wolfgang hat sie später zu einem geschlossenen Raum umgebaut. Er bastelte überhaupt gern im Haus herum.“
WM mauert die Wände selbst und verlegt sein chinesisches Bett in den Eigenbau hinter dem Wohnzimmer. Dieser Umzug ist der erste Schritt zur späteren Trennung der Lebensbereiche: Marlies oben, WM unten. Doch das wird erst in den 1980er Jahren geschehen. Vorerst bilden sich neue Alltagsroutinen aus. Marlies ist „viel für Die Zeit unterwegs“.
„Wir haben all die Jahre zusammen gefrühstückt, solange die Kinder im Haus waren“, sagt sie, „und dabei den Tag besprochen. Was für Wolfgang vor allem bedeutete, was er kochen würde. Er fuhr gern ins KaDeWe, um dafür einzukaufen.“
„Wenn ich aus der Schule kam“, erzählt Jakob, „hatte er gekocht. Er war der große Kochkünstler in der Familie, der sich gerne zuarbeiten ließ. Machte man es nicht richtig und schnell genug, beschimpfte er einen aber auch.“
„Er hat gekocht und gearbeitet“, stimmt David zu. „Es war nicht so, dass er sich in seinem Arbeitszimmer eingesperrt und gesagt hat, jetzt will er nicht gestört werden, auf keinen Fall. Man hat es halt nur nicht getan.“
Von Amerika lernen
Abends sehen WM und die beiden Jungs dann meist fern. WMs Vorliebe für Angelsächsisches prägt die Programmauswahl.
„Wir sind groß geworden mit AFN“, sagt Jakob. „Mit Komikern wie W.C. Fields und Dave Allen und mit vielen Krimis: Kojak, The Rockford Files, Starsky and Hutch, The Streets of San Francisco.“
American Forces Network, der US-Soldatensender in West-Berlin, verleiht der Stadt einen Vorteil an Lebensqualität, den WM auf Sylt vermisst — bis er in den 1980er Jahren Satellitenfernsehen haben wird. Denn AFN erlaubt WM nicht nur, Filme und Serien im Original zu sehen und so die verfälschenden deutschen Synchronisierungen zu umgehen. Der Sender zeigt auch Genres, die es im deutschen Fernsehen der siebziger Jahre kaum gibt, insbesondere Sitcoms und Talkshows. WM schaut AFN als berufliche Fortbildung — er sucht und findet Inspirationen für die eigene Arbeit.
Marlies jedoch kann AFN nur schwer ertragen. Als beide in den frühen achtziger Jahren die Trennung ihrer Lebensbereiche diskutieren, schreibt sie an WM:
„Es tut mir manchmal heute noch weh, wenn ich nach Hause komme, und Du siehst amerikanisches Fernsehen — was mir aus unerklärlichen Gründen fast physisch gegen den Strich geht — anstatt mit mir zu reden.“
Auf AFN aber studiert WM The Dick Cavett Show und Johnny Carsons The Tonight Show. Sie bereiten ihn auf seinen nächsten Karrieresprung vor: vom Starautor, dessen Werke Millionen sehen, dessen Gesicht aber so gut wie niemand kennt, zu einem Fernsehstar, der sich Autogrammkarten drucken lassen muss. Und der, wie Wolfgang mir um 1990 klagte, nicht mal mehr bei Rot über die Ampel gehen kann, weil das sonst am nächsten Tag in der Bild-Zeitung steht.
„Stört dich deine Prominenz?“, frage ich nach.
„Nein, sie macht mir eigentlich Spaß.“
***
Vorheriges Kapitel: 80 Der hässliche Deutsche
Nächstes Kapitel: **82 Von “III nach 9” zu “Leute”**
Englische Fassung auf Medium:
Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

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메타데이터
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- 2026-07-16 04:20:45