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Barrierefreiheit beim Karlsruher SC: (Nicht nur) eine Frage des Neubaus

Der KSC hat das Privileg eines Neubaus und dennoch ist die erlebte Barrierefreiheit hier nicht nur eine Frage der Baumaßnahme…

Nickfried - BehindertNichtDenFußball · 2024-11-24 12:12 · 0 claps · 9.3 min read
#fussball #bundesliga #inklusion #barrierefreiheit #behindertnichtdenfußball
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Barrierefreiheit beim Karlsruher SC: (Nicht nur) eine Frage des Neubaus

Der KSC hat das Privileg eines Neubaus und dennoch ist die erlebte Barrierefreiheit hier nicht nur eine Frage der Baumaßnahme…

Ich bin Tyll, Fußballfan und Rollstuhlfahrer und dokumentiere hier meine Reise vom Besuch aller 36 Fußballstadien der 1. und 2. Bundesliga in 24 Monaten.

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Karlsruhe ist wettbewerbsübergreifend schon meine 14. Station in diesem Projekt, nach München, Düsseldorf, Braunschweig, Magdeburg, Köln, 3x Hamburg und Berlin (beides EM) sowie Hannover 96, Münster, Kiel und Elversberg (hier gibt es alle Beiträge).

Getestet wurde am Sonntag, 10. November 2024 im Mittagsspiel der zweiten Bundesliga gegen Preußen Münster, Endstand 1:1.

Zu Karlsruhe habe ich eigentlich keine großartigen Erwartungen oder Vorkenntnisse. Ich war vor ein paar Jahren mal in der Stadt und bin dort auch an dem im Bau befindlichen Stadion vorbei gelaufen. Ansonsten jedoch habe ich nur wenig Vorwissen. Eine Woche vorher wurde ich in den TikTok-Kommentaren mit @denjokarlsruhe verbunden, ein inklusiver KSC-Influencer. Über solche Verbindungen freue ich mich immer besonders, hierfür ist Social-Media wahrlich gemacht.

Infos im Vorfeld

Wie eigentlich immer startet meine Recherche mit Begriffen wie „Karlsruher SC Inklusion“ oder „KSC KarlsruheBarrierefreiheit“. So geschehen, stelle ich fest: bei keinem anderen Verein gab es bisherso viele passende Suchtreffer, wie hier:

Auf der Seite „INKLUSION — BARRIEREFREIER WILDPARK“ findet man relevante Infos zur Situation vor Ort und der Ticketbuchung, sowie wichtige Hinweise zu den Plätze (so seien die Rolliplätze noch überdacht, bei entsprechender Witterungslage jedoch könnte man hier leicht nass werden). Ehrliche und relevante Infos, die mir selbst die Wahl lassen, ob ich das auf mich nehmen will, oder nicht, so wünsche ich mir das (natürlich würde ich mir auch wünschen, dass Rolliplätze buchbar wären, die niemals nass werden könnten, aber das wird an anderer Stelle entschieden…). Insofern freue ich mich, dass hier der Ist-Zustand transparent kommuniziert wird.

Hier findet man ebenso Infos für sehbehinderte & gehörlose Personen sowie Plätze für Personen, die nicht in diese o.g. Kategorien fallen, aber einen erhöhten Betreuungsbedarf haben.

Außerdem gibt es hier Hinweise zur Parksituation und die Kontaktdaten der Fanbeauftragten für Inklusion. Hier findet man sogar eine Verlinkung zu barrierefreien Orten in Karlsruhe; ein weiterer toller Service.

Daneben gibt es auch die Seite „Fans mit Behinderung beim KSC“. Dort finden sich Infos zu Fanbetreuung, der BuLi-Reiseführer-App, Stadionbegleitungen und Fahrdiensten, Sehbehindertenradio und Infos für Gästefans mit Behinderung (z.B. 6 Rolliplätze im Stehplatz-Gästebereich).

Außerdem gibt es eine Seite zur „BEHINDERTENFANBETREUUNG“ samt Kontaktdaten.

Zusätzlich gibt es das Projekt „KSC TUT GUT.-STADIONBEGLEITUNG“ welches mit externen Partnern kooperativ umgesetzt wird und eine Sadionbegleitung für Menschen mit Assistenzbedarf ermöglichen will.

So findet man einige Infos, auch, dass die Tickets (dazu unten mehr) online zu buchen sind und dass es in der Vergangenheit einen Inklusionsspieltag gab, wird auf Vereinsseiten oder externen Medien berichtet. Das Engagement für das Thema ist also glaubhaft.

Auch im Bundesligareiseführer der DFL sind die Infos des Vereins gut aufbereitet, jede Gruppe hat ihren eigenen Stadionplan.

Wollte man das Haar in der Suppe suchen, dann, dass es nicht „die“ inklusive Webseite gibt, die auf alles andere verlinkt oder die Infos bündelt.

Dennoch schön zu sehen, dass der Verein in verscheidenden Teilbereichen aktiv ist, dort Infos bereitstellt und nur flankierend auf den Reiseführer hinweist, diesen aber nicht ausschließlich verwendet. Alle Kritik, die ich an anderen Vereinen geäußert habe, treffen somit auf den KSC nicht zu.

Die Webseite verfügt über das Tool von DigiAccess und ermöglicht so auch eine weitestgehend barrierefreie Nutzung der Webseite.

Volle Punktzahl.

Ticketkauf

Der Ticketkauf gliedert sich hier in drei wesentliche Teilschritte:

  1. Zuerst muss man sich an die Fanbetreuung mit einer Kopie des Behindertenausweises wenden. Sodann bekommt den Link zu einem Bewerbungsportal. Die Rückmeldung hierfür hatte ich innerhalb eines Tages. Laut Infos auf Vereinsseite müsste man dieses Prozedere einmal pro Saison durchlaufen.
  2. Dann kann man sich für Spiele in einem Office-Forms bewerben (4–2 Wochen vor dem Spiel). Übersteigt die Anfrage die vorhandenen Plätze, wird gelost. Spätestens eine Woche vorher soll man die Absage erhalten (bei Besuchen von ferner her ist das ziemlich knapp; warum auch besteht diese eine Woche Puffer zwischen dem Ende der Bewerbung und der Zusage?), bei meiner ersten Anfrage inkl. Absage habe ich die Absage jedoch bereits 10 Tage im Vorfeld bekommen.
  3. Hat man jedoch Glück, so wie bei dieser Bewerbung, bekommt man ebenfalls rund 10 Tage vorher Bescheid und wird mit einer ausführlichen Liste zum Ablauf der finalen Buchung versorgt. In dem Portal, in dem man sich dann anmelden muss, sind die Tageskarten bereits reserviert und man kann sie darüber kaufen und bezahlen. Das funktioniert und ist sicherlich nur beim ersten Mal etwas langwieriger, da man sich hier und dort freischalten und registrieren muss.

Leider wird nicht kommuniziert, wie der allgemeine Bewerbungsstand ist.

Das System funktioniert zwar und ermöglicht einen automatischeren Ablauf, als anderswo. Auch, dass man hier selbstständig bezahlen und die Übermittlung der Tickets (digital oder print@home) wählen kann, ist ein Fortschritt. Gänzlich gleichbehandelt, wie beispielsweise in Elversberg oder Braunschweig, fühlt man sich jedoch nicht. Und zumindest beim einmaligen oder erstmaligen Kauf hat man hier ähnlich viele Emails, wie bei einer rein manuellen Buchung, die man schreiben, bekommen und verwalten muss.

4 Punkte.

Barrierefreiheit

Klar, es handelt sich hier um einen Neubau und die Fans, mit denen ich mich im Nachgang unterhalten haben, sind stolz darauf, das „neueste Stadion“ in Deutschland zu haben, da das „konkurrierende“ Stadion in Freiburg ein paar Monate vorher fertiggestellt wurde.

An dieser Stelle muss ich historische Stadien mit solchen vergleichen, die gänzlich neu gebaut wurden. Was ich aber auch hier festgestellt habe: einige der Aspekte der Barrierefreiheit ließen sich auch anderswo umsetzen:

So befindet sich beispielsweise am zentralen Eingang auf das Stadiongelände, von dem aus auch der barrierefreie Stadioneingang erfolgt, ein kleines Häuschen. In diesem so bezeichneten „I-Punkt”, befindet sich eine “Toilette für Alle“, diese lässt sich mit dem Euroschlüssel öffnen. Daneben ein kleiner Ticketschalter, an welchem man auch am Spieltag noch Karten kaufen könnte, heute aber ein großes Schild „Ausverkauft“ prangert — auch das ein hilfreicher Hinweis.

Immer wieder kamen Menschen des „Team Barrierefrei“ aus diesem Häuschen, während ich auf den Einlass wartete, es besteht also an Spieltagen aus einem kleinen Team, welches direkt ansprechbar ist, an einer zentralen Stelle positioniert ist und für Rückfragen zur Verfügung steht.

Warum die “Toilette für Alle” hier positioniert ist, kann ich nicht sagen, die Ticketkontrolle hat im Stadion stattgefunden, aber ich gehe hier stark davon aus, dass Personen, die auf diese Toilette angewiesen sind, hier auch nach dem Einlass noch Gebrauch von dieser sanitären Einrichtung machen könnten.

Ebendort fand ich auch einen Stadionplan mit Hinweisen zum barrierefreien Eingang.

Zum Stadion-Eingang muss man hoch, ich orientierte mich also an der Rampe, die dort hinführte, wurde aber sogleich zum Fahrstuhl geleitet, mit dem man die selbe Höhe mit wesentlich weniger Anstrengung in einem Bruchteil der Zeit überwinden konnte. Hierfür eben ist ein Neubau hervorragend.

Oben angekommen ist es sehr breit, ausreichend Platz vor den Buden und zu den Blöcken, wenngleich ich niemandem, der nicht muss, während der Halbzeitpause eine Exkursion hier hin empfehlen würde, da es schlichtweg doch sehr voll wird.

Aufgefallen ist mir dort auch das taktile Leitsystem, welches zwar nicht im ganzen Stadion vorhanden zu sein scheint, aber immerhin den Weg vom Fahrstuhl zum entsprechenden Block für Personen mit Blindenstock deutlich vereinfachen sollte.

Toiletten habe ich hier, auf der Gegengerade, zwei Stück gesehen, beide bewacht von einem Sicherheits-Menschen. Dort hinein gelassen finden sich jedoch je vier barrierefreie Toilettenkabinen, voll funktional, mit aller Infrastruktur, die man für einen Toilettengang eben benötigt. Acht barrierefreie Toiletten! Echt premium.

Die Plätze dann befinden sich in dem Raum zwischen dem Ober- und dem Unterrang.

Das tolle hier: Es gäbe auch Plätze im Gäste-Stehbereich! Der Verein behält sich aber das Recht vor, bei entsprechender Sicherheitslage diese Plätze bei ausgewählten Spielen nicht zu vergeben. Das ist schade (dass so etwas erforderlich ist), aber gleichzeitig finde ich es sehr vorbildlich, dass das alles transparent kommuniziert wird, *so kann sich wirklich jeder auf die Lage vor Ort einstellen**.

Die Plätze an sich sind einfach gestaltet, die Begleitpersonen sitzen neben den Rollifahrern, es besteht ausreichend Raum zum Rangieren und unbefugte sollte sich hier eigentlich nicht aufhalten, da diese bei den Treppen entweder direkt herunter oder rauf gehen können.

Klar, nach dem Spiel wird es hier voller und bei meinem Besuch haben sich auch „unbefugte Personen“ in diesem Bereich aufgehalten, einmal habe ich mitbekommen, wie diese Personen von der Security weggeschickt wurden. Das hat nicht durchgängig funktioniert, aber die Aufmerksamkeit war da.

Die Nummerierung war mir nicht ganz klar, da nur die ganze Reihe genannt wird, die sich über die komplette Breite des Feldes erstreckt. Hier wäre ein Hinweis zum nächstgelegenen Block-Eingang auf den Tickets hilfreich, damit man sich im geräumigeren Umlauf orientieren kann.

Die Übersicht ist gut, die Plätze ausreichend hoch, also auch wenn vor einem aufgestanden wird (was durchaus vorgekommen ist), konnte ich nach wie vor alles sehen. Ausreichend abgeschirmt und dennoch mittendrin.

Beim Heimweg dann war die Rampe geöffnet, sodass man diese (jetzt natürlich abwärts) zum schnellere Ausgang nutzen konnte. Diese Lösung über einen extra Ausgang ist eine tolle und entzerrende Lösung, dass hier nicht alle gleichzeitig von dem, wenn auch sehr geräumigen, Fahrstuhl abhängig sind (wie beispielsweise in Magdeburg) ist ebenfalls angenehm.

Und so bleibt ein toller Gesamteindruck der Gegebenheiten vor Ort. Sind es die besten Plätze? Vielleicht, aber es ist auf jeden Fall ein verdammt gelungenes Gesamtpaket hier in Karlsruhe.

Gesamterlebnis

Die Ticketbuchung fand ich gut, aber nicht ideal. Sie ist, gerade für einmalige Anreisen, doch sehr müßig. Außerdem muss man sich weiterhin bewerben, eine absolute Transparenz und Platzauswahl gibt es (noch) nicht.

Erstmalig wurde mein Behindertenausweis beim Einlass kontrolliert. Ich finde das erstmal gut, da es ja „mich“ und die Plätze vor unbefugte Zugriffen schützt. Begründet wurde dies mit schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit, bei denen sich Menschen ein Rollstuhl liehen und auf Behindert taten — für solche Leute, wie auch hier geschrieben, gibt es einen besonderen Platz in der Hölle.

In den Kommentaren zum Karlsruhe-Video machte sich aber auch Unmut breit, gerade wenn man (noch) keinen Behindertenausweis hätte oder bei temporären Behinderungen durch Verletzungen beispielsweise würde man so ausgeschlossen. Natürlich ist das eine Einschränkung, aber eine, die sich im Dialog sicherlich klären ließe…

Leider wurde ich unten zu früh hineingelassen, durfte mit dem Fahrstuhl nach oben fahren und wurde dort dann abgefangen. Hier läuft also die Kommunikation über den Höhenunterschied noch nicht ganz rund.

Besonders gefallen hat mir vor Ort die Infrastruktur des modernen Stadions. Es gab sogar Werbegeschenke auf den Sitzplätzen der Begleitpersonen. Eine Annehmlichkeit, zu vernachlässigen eigentlich, aber ich habe eben schon oft erlebt, dass die Roliplätze bei Choreo oder Werbegeschenken schlichtweg übergangen werden, was natürlich traurig ist, wenn alle anderen um einen herum etwas bekommen oder Teil des „großen Ganzen“ sein können.

Der Block, vielleicht das ganze Stadion (?) ist zudem rauchfrei. Sicherlich könnte man hier auch eine Verbindung zu einer Form der Barrierefreiheit herstellen, aber ich als Nichtraucher finde das auch so schlichtweg angenehm.

Den Ton der Soundanlage fand ich gut, auch wenn es im Stadion nur einen Screen gab und somit die Informations-Distribution etwas gehemmt ist, aber, so habe ich gehört, hier soll mit der Zeit auch noch ein zweiter Screen folgen.

Vieles hier hat mit dem Neubau zu tun und lässt sich selbstverständlich nicht ohne Weiteres für andere Vereine oder Standorte adaptieren. Eine Hütte vor dem Stadion als Anlaufstelle und sichtbaren Informationspunkt aber könnte man sicherlich auch anderswo nachrüsten.

Denn die erlebte Barrierefreiheit beim KSC war so viel mehr als die rein bauliche Barrierefreiheit: gute Informationen im Vorfeld, genaue Beschreibungen der Plätze, sichtbare Ansprechpersonen vor Ort, eine weitgehend gute Security zum Schutz von Bedürftigen, ein Mitdenken des Themas bei Aspekten von Stadionerlebnissen wie Werbegeschenken und Ausschilderungen zeigen deutlich, dass es hier eben nicht nur eine Frage des Neubaus ist.

Karlsruhe ist nicht perfekt, wenn es um Barrierefreiheit geht, aber schon sehr dicht dran. Vor allem, weil es dem Fan mit (unterschiedlichen) Behinderungen hier selbst überlässt, zu entscheiden, ob ein Besuch machbar ist. Zwar hat man nicht die volle Kontrolle bei Buchung und Platzwahl, aber man kann sich sehr gut darauf einstellen, was einen erwartet und wenn das gegeben ist, ist alles andere ein Bonus.

Aktuell hat der KSC laut DFL-Reiseführer 76 Rollifahrer-Plätze (davon 6 für Gästefans) und damit mehr, als die von der DFL empfohlenen 75 Plätze bis zu einer Kapazität von 30.000–50.000 (das Stadion hat aktuell eine Gesamt-Kapazität von 34.302 Menschen; zu den Hinweisen siehe im Dokument Seite 36); laut der MVStättVO müssten es jedoch 175 Plätze sein (siehe ebd., “Barrierefrei im Stadion”, S. 35), von den UEFA-Anforderungen müssen wir in diesem Falle nicht reden, da der Verein aktuell weit von internationalen Spielen entfernt ist.

Weiterführende Links:

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