nackt.
Von der psychischen und existenziellen Unmöglichkeit, wahrhaft nackt zu sein. Von Füchsen, Krähen und Eulen.
nackt.
„you’ll go to hell for what your dirty mind is thinking” — Radiohead. Nude.
Er stand unter einem Baum im Regen. Mitten in der Stadt war der Park annähernd leer. Es war Sonntag und die Welt bestand aus Grau in warmen und kalten Schattierungen. Warm und kalt — sonst Gegenteile, hier bildeten sie eine Symbiose. Er klammerte sich an den heißen Kaffeebecher, die klammen, ohnehin hitzeempfindlichen Finger schmerzten, doch jedes Gefühl, dass sich durch seine Reizleiter bahnte, brachte Leben. Er fragte sich, warum die Nervenbahnen in seinem Gehirn nie zum Stillstand kamen, während sein restlicher Körper mit allen Sinnen in Zeitlupe funktionierte.
Es waren nicht viele Menschen in Sicht. Hundebesitzer, die ihre Vierbeiner vorwärtstrieben oder sich in Regenzeug verschanzten. Ein paar Jogger und Fahrradfahrer wie Vektoren in einem Koordinatensystem. Sie alle bewegten sich auf die ein oder andere Art, manche mehr Kinetik, einige mehr Potenzial. Er hingegen stand und versuchte zu verharren; erstarren.
Den Regen auf der Haut spüren. Er legte den Kopf in den Nacken. Einige große Tropfen rannen aus dem Blattwerk der Baumkronen hoch über ihm und fielen schwer auf seine Stirn. Doch es erschien nicht genug. Er wollte den Regen und den Wind spüren, so wie die Sonne an heiteren Tagen. Überall, auf jedem Quadratzentimeter Haut.
Gleichzeitig war dort oben das Auge. Es lauerte im Blattwerk, in den Wolken, in der Stirn von Krähen und dem misstrauischen Blick der Eichhörnchen. Selbst in einer Welt ohne Menschen würde das gesellschaftliche Urteil existieren. Den Schutzwall abzulegen, diese Vorstellung war für ihn so nah am Nirwana, dass sie unerreichbar schien. Wenn nur die Krähen und die Eichhörnchen, die Toten und die Lebenden aufhören würden, ihn anzusehen, dann würde er seine Kleider ablegen und in den Regen gehen. Oder den Nebel. Oder den Schnee.
Wenn es eine Fernbedienung für die Zeit gäbe, dann würde er die Pause-Taste drücken. Wenn alles stillstand, dann würde kein Licht mehr auf eine Netzhaut treffen, keine Wahrnehmung würde sich zu Bildern formen, und aus Bildern konnten keine Urteile werden. In einer Welt, die stillstand, könnte er frei sein. Nur in diesem einen Zeitpunkt, in der die kinetische Energie von Schrödinger sang. Kein Eiskristall auf seiner Haut würde schmelzen; es würde keinen Reiz und keine Assoziation auslösen, es wäre einfach nur da. Regen in seinem Gesicht, Schnee auf seinen Schultern, Nebel um seine Lenden.
Selbst in dieser Vorstellung herrschte der Anstand. Theoretisch wünschte er sich in eine Welt, in der Nacktheit nicht sexualisiert wurde. In der Wirklichkeit der Gesellschaft jedoch wurde selbst die Nacktheit der Seele zu einem Fetisch. Ehrlichkeit, Verletzlichkeit, Gender-Stereotypen, Erwartungshaltungen … das Über-Ich schluckt die rote Pille und wird zum Inneren Kritiker. Ganz profan, ohne Göttlichkeit oder ideologische Reinheit.
Zu sich selbst stehen ist kein hilfreiches Mantra. Was bedeutet das? Sein Es finden? Aber was, wenn die innere moralische Instanz nicht gutheißt, was der Kern der menschlichen Triebe beinhaltet? Der Blick in den eigenen Nukleus wird zur Büchse der Pandora. Die Füchse tragen ihn in ihren Bau, unter Schnee und Wurzelwerk, reißen ihm die Kleider vom Leib und die Blockaden aus dem Denken. Und dennoch scharen sich die Krähen um den Bau, munkeln und urteilen und bewerten; und je weniger sie sehen, desto rigider wird ihr Krächzen.
Ein Eiskristall fällt auf Haut, die nie zuvor die Existenz von Schnee gespürt hat. Isoliert betrachtet löst es eine sich verzweigende Kette von Reizen aus. Kälte, Neugier, Spannung, Schmerz, Erregung oder Beruhigung. Aus einer einzelnen Berührung entsteht ein Fächer an Resultaten. Doch die Krähen werfen Blicke, sie leihen Augen mit eingestellten Linsen, und diese Fügen Punkte hinzu, deren Vektoren auf diesen Fächer zeigen, ihn infizieren, mutieren und ihrer heiseren Propaganda unterwerfen.
Das Krächzen unserer Gesellschaft schreit das pathologische Über-Ich von allen Dächern und Wipfeln; und unter ihnen sind Minervas Schergen, beobachten, wissen, aber kümmern sich nicht. Wie in Tarantism.
„all my life, I’ve been sewing the wounds but the seeds sprout a lachrymal cloud” — The Mars Volta. Sarcophagi.
메타데이터
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- 2026-07-17 00:14:18