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Fern von hier — Adelheid Duvanel

Die Prosaliebhaber würden sagen, dass diese Mikrogeschichten besser seien als die besten Gedichte, und die Gedichtliebhaber würden — im…

Proletarian Polyglot · 2025-06-25 10:08 · 1 claps · 1.8 min read paywalled
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Fern von hier — Adelheid Duvanel

Die Prosaliebhaber würden sagen, dass diese Mikrogeschichten besser seien als die besten Gedichte, und die Gedichtliebhaber würden — im besten Fall — sagen, dass die einen ebenso gut seien wie die anderen. Oder sie würden schweigen.

Aber ernsthafter: Adelheid Duvanel gehört zu den sehr wenigen Schriftstellern, die solche Unterscheidungen — zwischen „Prosa“ und „Gedicht“ — lächerlich erscheinen lassen, weil sie sie in ihren Werken auf so großartige und organische Weise vermischt und überschreitet.

Fremdheit aller Art ist ein gemeinsames Thema dieser Blitzgeschichten: die Fremdheit der Menschen (jeder ist ein anderer), die Fremdheit des Seins als Ex-istenz, des Daseins als ein „Fern von hier“.

Mit nur den notwendigsten, knappen Worten ruft Duvanel diese alltägliche und zugleich unheimliche Fremdheit aus ihrer kalten und dünnen Schale hervor — wie hier:

Jeden Tag spaziere ich mit meiner Hündin, die auf die genau gleiche Weise hinkt wie ich (ich bin mir des lächerlichen Anblicks bewusst), durch das Vorstadtquartier; wenn ich stehen bleibe, verhält auch das Tier den Schritt und blickt zu mir auf. Auf einem dieser Spaziergänge geschah es, dass ich zum Dichter wurde: Am Straßenrand stand ein Auto, das der Frost vielleicht unsichtbar machen wollte, denn es schien in ein weißes, dünnes Seidenpapier verpackt. Auch der Himmel, der zwischen den weißen Dächern baumelte, war weiß. Als ich das Auto beinah erreicht hatte, sah ich, dass der Finger eines Kindes es mit Buchstaben, mit einem Wort zurückholen wollte aus dem Versteck, es zugleich verwandelte, ihm seine Bedeutung als Auto, die durch die weiße Verkleidung schon in Frage gestellt war, noch einmal und mit Nachdruck wegnahm. Auf der Kühlerhaube stand etwas geschrieben, ein Wort, das mein Interesse weckte; nahe vorbeigehend, entzifferte ich: ZORN. Ich war erregt, eigenartig aufgewühlt, als teile mir das nackte Gesicht einer weiß verhüllten Braut etwas mit, als läse ich in ihrer Miene eine Botschaft, die mit ihrer Eigenschaft als Braut nicht in Zusammenhang stand. Seit jenem Augenblick frage ich mich, ob nicht Worte über der großen Leere, über dem Abgrund, in den mein Leben ge­­­fallen ist, eine neue Welt schaffen können. Ich schreibe nun Tag und Nacht Wörter, male mit ihrem Klang die Fluten des Himmels, die einen tollwütigen Fisch vor mein Fenster treiben; ich baue Türme und Brücken, lasse die Sonne mit blitzendem Besen die Schatten aus den Schluchten kehren und schüttle den Kopf, wenn der Wind, den ich beschreibe, wie ein Vagabund in einem Winkel alte Zeitungen liest; hastig, mit lachhafter Neugier, blättert er um.


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