Warum es nicht ausreicht, Kindern Freundlichkeit beizubringen
Eltern kennen es — Lehrer oder andere Eltern erzählen wie “gemein” sich Ihr Kind in der Schule oder im Kindergarten verhält…
Warum es nicht ausreicht, Kindern Freundlichkeit beizubringen
Eltern kennen es — Lehrer oder andere Eltern erzählen wie “gemein” sich Ihr Kind in der Schule oder im Kindergarten verhält und andere Kinder oder Lehrer/Erzieher nicht respektiert. Sie sind entsetzt über dieses Verhalten und haben keine Ahnung, woher es kommt. Zuhause sprechen ständig über Freundlichkeit, und auch in der Schule wird das Thema intensiv behandelt. Sie sind gekränkt und machen sich Sorgen über die schädlichen Auswirkungen dieses Verhaltens auf ihr Kind, jetzt und in der Zukunft. Je mehr Sie versuchen Ihr Kind dazu zu bringen, das Verhalten zu ändern und Freundlichkeit beizubringen, desto schlimmer scheint die Situation zu werden. Ihr Kind wird defensiv und schottet sich ab, wann immer Sie darüber sprechen wollen. Sie fühlen sich hilflos, keine positive Veränderung zu bewirken.

Warum Kinder gemein werden
Wenn Kinder andere Kinder herumkommandieren, verletzende Dinge sagen, Gleichaltrige ausschließen und sich auf andere unfreundliche Weise verhalten, handeln sie nicht mit Absicht gemein. Im Großen und Ganzen kämpfen diese Kinder mit schwierigen Gefühlen der Unsicherheit/Selbstzweifel und Angst. Diese komplexen Emotionen sind unbequem und schwer zu verstehen und zu bewältigen, selbst für Erwachsene, und erst recht für kleine Kinder, die nicht über das Selbstbewusstsein oder die Fähigkeiten verfügen, mit diesen Emotionen effektiv umzugehen; also handeln sie durch Projektion heraus — indem sie anderen unangenehme Gefühle zuschreiben. So macht sich Merle zum Beispiel über Mitschüler lustig, wenn im Unterricht eine falsche Antwort gesagt wird oder wenn man den Ball nicht in den Korb bekommt. Merle hat eine sehr niedrige Hemmschwelle, sich nicht unter Kontrolle zu haben und gesellschaftskonform zu verhalten. Wenn sie andere Kinder stolpern sieht, löst das ihre eigenen Gefühle von Verletzlichkeit und Scham aus. Sie projiziert diese schwierigen Gefühle, die für sie schwer zu ertragen sind, auf andere. Das ist ein Bewältigungsmechanismus, wenn auch ein ungesunder.
Der Ausschluss von Gleichaltrigen ist auch ein Bewältigungsmechanismus für Kinder, die sich mit der Komplexität der Gruppendynamik unwohl fühlen. Sie fühlen sich vielleicht am sichersten, wenn sie nur mit einem Kind spielen und meiden andere Kinder, wenn diese versuchen, sich anzuschließen. Oder ein Kind schließt andere aus, weil es selbst Angst hat, ausgeschlossen zu werden. Indem es vorschreibt, wer teilnehmen darf und wer nicht, behält es die Kontrolle und stellt sicher, dass es nicht ausgeschlossen wird. Kinder neigen auch dazu andere auszugrenzen, um ein Gefühl der Macht zu erlangen — um das Gefühl zu haben, dass sie der Boss sind, der bestimmt, wer was machen darf. Dieses Verhalten kann man sehr gut beobachten, wenn es ein neues Baby in der Familie gibt: Das ältere Kind spürt einen Machtverlust und beginnt, rechthaberisch zu werden, um seine Position wiederzuerlangen.
Kinder, die von Natur aus hochsensibel (HS) sind, neigen eher dazu, sich unfreundlich zu verhalten. HS-Kinder sind so eingestellt, dass sie ihre Gefühle und Erfahrungen in der Welt tiefer registrieren als andere Kinder. Sie sind “Prozessoren”; es ist, als ob ihre Gehirne nie abschalten. Sie konzentrieren sich scharf auf alles und analysieren jedes Detail. Sie nehmen mehr auf, als ihr System verarbeiten kann, so dass sie sich leichter außer Kontrolle fühlen und ängstlich werden. Wenn sie sich innerlich unkontrolliert fühlen, können sie nach außen hin sehr kontrollierend werden — sie verhalten sich wie ein faschistischer Diktator — ein Spitzname, den viele Eltern ihrem HS-Kind zugeschrieben haben. Zu diktieren, was andere tun dürfen und was nicht, ist ein Weg, um sicherzustellen, dass die Dinge so laufen, wie man sich am wohlsten fühlt.
Außerdem neigen HS-Kinder dazu, reflektierter zu sein — sie achten sehr darauf, wie andere sie sehen. Wenn sie etwas nicht genau so machen können, wie sie es wollen oder erwarten, oder wenn sie nicht der Gewinner oder der Beste sind, erleben sie das als Kontrollverlust und schämen sich für ihr vermeintliches “Versagen”. Wenn die sehen, dass andere Kinder sich anstrengen, löst dies ein Gefühl der Verletzlichkeit aus. Weil diese Gefühle schwer zu ertragen sind, projizieren sie die auf die anderen Kinder und machen sie nieder. Um ihre Unsicherheit zu kompensieren, muss mal also alle übertreffen — so die Denkweise. Wenn ein Gleichaltriger im Kreis etwas Besonderes erzählt, z. B. dass er eine Reise nach Disney World gemacht hat, sind oftmals HS-Kinder diejenigen, die darauf reagieren und sagen: “Ich war schon 100 Mal in Disney World!”
Mit dieser Erkenntnis und Sichtweise können Sie verstehen, warum das Lehren von Freundlichkeit, oder Kindern zu sagen, dass sie freundlich sein müssen, selten einen Unterschied macht; es geht nicht auf die zugrunde liegenden Probleme ein, die das unfreundliche Verhalten antreiben. Kinder, die 3 Jahre und älter sind, wissen, was richtig und falsch ist. Sie werden Ihnen ohne Umschweife sagen, dass es unfreundlich und nicht in Ordnung ist, Kinder auszuschließen oder gemeine Dinge zu sagen. Aber in dem Moment, in dem die Kinder getriggert werden, übernimmt ihr unten liegendes, reaktives Gehirn die Oberhand wodurch Emotionen und Impulse überwiegen.

Was Eltern tun können, um zu helfen
Beherrschen Sie Ihre eigenen Emotionen/Reaktionen. Für die meisten Eltern ist es sehr belastend, wenn sie sehen oder hören, dass ihr Kind unfreundlich ist. Sie machen sich Sorgen darüber, was dieses Verhalten für ihr Kind bedeutet. Man ist direkt im Reaktionsmodus und will das Kind erziehen und leiten, in der Hoffnung, es davon überzeugen können, sein Verhalten zu ändern: “Warum bist du gemein zu deinen Kameraden? So wird niemand mit dir spielen wollen.” ist ein klassischer Satz den Eltern so sagen.
Das Problem ist, dass diese Art von Verhalten ein Schamgefühl hervorruft, das Kinder in die Defensive bringt und die Wahrscheinlichkeit verringert, dass sie ihr Verhalten überdenken und ändern. Sie können Ihr Kind nicht zwingen, nett zu sein. Ihre Aufgabe ist es, Ihrem Kind zu zeigen, dass Sie auf seiner Seite stehen; dass Sie ein vertrauenswürdiger Helfer sind, der hilft, die Erfahrungen des Kindes auf eine nicht wertende Weise zu durchdenken, damit es lernen kann, die besten Entscheidungen für sich selbst zu treffen.
Schildern Sie, was passiert ist, sachlich, ohne Kritik oder Beurteilung:
- Du spielst gerne mit Jasper, allein. Du magst es nicht, wenn andere Kinder versuchen, mitzuspielen, also sagst du ihnen, sie sollen weggehen. Manchmal beschließt Jasper, mit anderen Freunden zu spielen, aber du beschließt, nicht mitzumachen, selbst wenn sie dich einladen. Dann bist du traurig, dass du allein bist.
- Du magst es, das Kommando zu haben. Du hast eine sehr starke Vorstellung darüber, wie du das Spiel haben willst. Wenn deine Freunde andere Ideen haben, wie sie spielen sollen, magst du das nicht und sagst verletzende Dinge zu ihnen, um zu versuchen, sie dazu zu bringen, das zu tun, was du tun willst.
- Du hast gelacht, als Noah die falsche Antwort auf eine Frage des Lehrers gegeben hat. Der Lehrer hat dir gesagt, dass du den Kreis verlassen sollst, weil du nicht artig warst. Das hat dich wütend gemacht.
Wenn Sie die Dinge objektiv darlegen, zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie nicht urteilen. Sie müssen dort ansetzen, wo Ihr Kind steht, wenn Sie ihm die Möglichkeit geben wollen, seine Verhaltensweisen zu überdenken. Leiten Sie Ihr Kind an, das Resultat der Situation zu bewerten.

Stellen Sie Fragen, die zum Nachdenken anregen:
- Was denkst du, was die Kinder gedacht und gefühlt haben, als du ihnen gesagt hast, sie sollen weggehen?
- Wie hast du dich gefühlt, als Jasper zu den anderen Kindern ging, um mit ihnen zu spielen?
- Hat es so geklappt, wie du es wolltest?
- Würdest du nochmal so handeln, wenn diese Situation wieder vorkommt?
- Was denkst du, wie es für deine Freunde ist, wenn du ihnen sagst, was sie tun sollen?
- Wenn die anderen nicht mit dir spielen wollen, wie fühlst du dich dann?
- Wie geht es am Ende für dich aus?
- Welche anderen Möglichkeiten hast du?
- Du bist ein sehr sensibler Mensch. Ich weiß, dass du dich in Noah hineinversetzen kannst und dir vorstellst, wie er sich fühlen könnte, wenn du ihn auslachst, wenn er einen Fehler macht. Denkst du, dass er dadurch positives oder negatives für dich empfindet? Was für Gefühle würdest du dir wünschen, die er für dich empfindet?
Die Idee ist, Ihrem Kind nicht zu sagen, was es tun soll, sondern ihm stattdessen zu helfen, seine Erfahrungen so objektiv wie möglich zu durchdenken. Denken Sie selbst darüber nach: Das ist die Art von Reaktion, die sich die meisten erhoffen, wenn man sich mit einem Problem an Freunde oder Familie wendet. Sie wollen nicht, dass man Ihnen sagt, was Sie tun sollen, weil es sich herablassend und abweisend anfühlt. Sie wollen jemanden, der Ihnen ohne zu urteilen hilft, die Situation aus einer 360-Grad-Perspektive zu betrachten — um sich darüber klar zu werden, welche Gefühle bei Ihnen ausgelöst wurden — und um zu überlegen, welche Maßnahmen Sie vielleicht ergreifen wollen. Wenn es um solche Gespräche mit Ihrem Kind geht, sollten Sie Fragen stellen, um die Möglichkeit zu geben, Zusammenhänge zwischen seinen Handlungen und deren Folgen herzustellen. Das macht es wahrscheinlicher, dass so das Verhalten geändert wird. Letztendlich muss Ihr Kind lernen, eigene Probleme zu lösen. Sie können die nicht für Ihr Kind lösen.
Teilen Sie Ihre Perspektive. Wenn Ihr Kind sieht, dass Sie nicht versuchen, vorzuschreiben, was es tun soll, oder es für die Folgen des Verhaltens zu beschuldigen, wird es eher bereit sein, sich anzuhören, was Sie zu sagen haben. Aus eigener Erfahrung heraus (einer damals recht dominanten und egozentrischen Zicke) kann ich sagen, dass nach solchen Gesprächen eine räumliche Distanz wichtig ist, damit man als Kind die eigenen Gedanken und Emotionen sortieren kann.
Geben Sie Ihrem Kind ein Tool zur Hand, mit dem es unfreundliches Verhalten stoppen kann. Überlegen Sie sich ein Stichwort, das Sie laut aussprechen, wenn Sie sehen, dass Ihr Kind den unfreundlichen Weg einschlägt, um es dabei zu unterstützen, innezuhalten und zu sehen, ob es eine Kursänderung vornehmen kann, bevor die Dinge aus dem Ruder laufen. Diese Art der Unterstützung zeigt Ihrem Kind, dass Sie auf seiner Seite sind und ihm helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.
Vergessen Sie bei allem nie, dass Ihr Kind ein freundlicher Mensch ist, dem es manchmal schwer fällt, freundlich zu handeln. Wir alle sind manchmal eifersüchtig und wetteifernd. Das ist ein Teil des Menschseins. Aber wenn Gefühle einen dazu bringen, unfreundlich zu handeln, ist das nicht nur verletzend für die andere Person, es ist auch nicht gut für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Es führt dazu, dass man als unangenehm oder gar toxisch wahrgenommen wird und man somit verhindert, dass andere sehen können wie freundlich und lustig man eigentlich ist. Lassen Sie uns diese Situationen durchdenken, damit Sie entscheiden können, wie Sie Ihren Freunden gegenüber auf eine Art und Weise auftreten können, die Sie dazu bringt, gute und positive Eindrücke zu hinterlassen.
Wenn das unhöfliche Verhalten anhält und regelmäßig die Fähigkeit Ihres Kindes beeinträchtigt, sich in der Schule, zu Hause oder mit Gleichaltrigen gut zu entwickeln, empfehle ich, einen Experten zu Rate zu ziehen. Dies sind komplexe Probleme, mit denen Kinder zu kämpfen haben und die möglicherweise mehr professionelle Aufmerksamkeit benötigen.
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