Achtsamkeit und Gewaltfreie Kommunikation — Missverständnisse & Gemeinsamkeiten
„Achtsamkeit“ und „Gewaltfreie Kommunikation“ (GFK) nach Dr. Marshall Rosenberg sind zwei Konzepte, die oft miteinander in Verbindung…

Grafic Leonardo Phoenix
Achtsamkeit und Gewaltfreie Kommunikation — Missverständnisse & Gemeinsamkeiten
„Achtsamkeit“ und „Gewaltfreie Kommunikation“ (GFK) nach Dr. Marshall Rosenberg sind zwei Konzepte, die oft miteinander in Verbindung gebracht werden. Beide Ansätze fördern eine bewusste Wahrnehmung und einen mitfühlenden Umgang mit sich selbst und anderen.
Dr. Rosenberg sagte in einem Interview, dass Menschen mit einer Achtsamkeitspraxis schnellere Fortschritte in der Gewaltfreier Kommunikation machten:
„Ich kenne den genauen Zusammenhang nicht, aber es scheint, dass Menschen, die sich eine Art Achtsamkeitspraxis angeeignet haben, in der GFK schneller vorankommen als diejenigen, die dies nicht getan haben.“ (Marshall B. Rosenberg, Link)
Achtsamkeit wird oft mit spirituellen oder religiösen Glaubensrichtungen in Verbindung gebracht, meist aus dem Umfeld des Buddhismus. In den vergangenen Jahren ist mit der „Mindfulness-Based-Stress-Reduction“ (MBSR) von Jon Kabat-Zinn eine säkulare, vom religiösen Kontext befreite Form der Achtsamkeitsübung sehr bekannt geworden.
Tatsächlich haben alle großen Glaubensrichtungen eine jeweilige Form der Achtsamkeitspraxis entwickelt, die auch einige Gemeinsamkeiten aufweisen:
- Achtsamkeit wird als inhärente menschliche Fähigkeit gesehen, die kulturübergreifend existiert
- Fokus auf den gegenwärtigen Moment und bewusste Wahrnehmung.
- Ziel ist oft eine Verringerung von Leid und größere innere Ruhe.
Aufgrund der Nähe der beiden Lehren kommen immer wieder Teilnehmer aus der „Achtsamkeitsbewegung“ in unsere Seminare. So habe ich über die Jahre einige, aus meiner Sicht hinderliche, Missverständnisse der Achtsamkeitspraxis beobachtet.
Fünf Missverständnisse der „Achtsamkeitsbewegung“
Missverständnis 1: Achtsamkeit bedeutet, immer nett und ruhig zu sein.
Viele glauben fälschlicherweise, dass Achtsamkeit bedeutet, ständig in einem Zustand von innerer Ruhe und Frieden zu schweben. Tatsächlich geht es bei Achtsamkeit darum, alle Gefühle und Erfahrungen bewusst wahrzunehmen, einschließlich Wut, Stress oder Frustration. Richtig verstanden erlaubt uns Achtsamkeit, diese Gefühle zu erkennen und konstruktiv mit ihnen umzugehen, anstatt sie zu unterdrücken.
Missverständnis 2: Achtsamkeit ist gleichbedeutend mit Meditation.
Obwohl Meditation eine wichtige Achtsamkeitspraxis sein kann, ist Achtsamkeit nicht auf Meditation beschränkt. Achtsamkeit kann in allen Lebensbereichen praktiziert werden — beim Essen, Gehen, Arbeiten oder in Gesprächen. Es geht darum, im gegenwärtigen Moment so gut es geht präsent zu sein, unabhängig von der Aktivität.
Missverständnis 3: Achtsamkeit bedeutet, keine Bewertungen zu haben.
Entgegen der weitverbreiteten Annahme geht es bei Achtsamkeit nicht darum, keine Bewertungen über die Umwelt zu haben. Vielmehr fördert Achtsamkeit das bewusste Wahrnehmen unserer Bewertungen. In der Gewaltfreien Kommunikation lernen wir auch, zwischen Beobachtungen und Bewertungen zu unterscheiden. Dies ermöglicht uns, unsere Urteile zu erkennen und bewusst, also achtsam, zu entscheiden, wie wir damit umgehen wollen.
Missverständnis 4: Achtsamkeit ist immer gut und hilfreich
Achtsamkeit selbst ist neutral. Wie jedes Werkzeug kann sie sowohl positiv als auch negativ eingesetzt werden. In einigen Fällen kann übermäßige Selbstbeobachtung sogar kontraproduktiv sein und zu übertriebener Kontrolle und mangelnder Authentizität führen. Es ist wichtig, Achtsamkeit mit Vernunft zu praktizieren.
Missverständnis 5: Achtsamkeit erfordert viel Zeit und Übung
Während eine vertiefte Achtsamkeitspraxis sicherlich von regelmäßiger Übung profitiert, beginnt Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Jeder Moment ermöglicht es, achtsam zu sein. Kleine, bewusste Pausen im Alltag können bereits einen großen Unterschied machen.
Wie Achtsamkeitspraxis von Gewaltfreier Kommunikation profitieren kann
Inhaltlich setze ich „Achtsamkeit“ mit „Bewusstsein“ oder „Selbstbewusstheit“ gleich. Richtig verstanden ist Achtsamkeit daher eine wichtige Grundlage für die Entwicklung von Empathie und Selbstwahrnehmung in der Gewaltfreien Kommunikation. Sie hilft uns, präsent zu bleiben und unsere Gefühle und Bedürfnisse sowie die anderer wahrzunehmen.
Aufgrund der Missverständnisse und der religiösen Belegung verwenden wir den Begriff „Achtsamkeit“ jedoch selten. Für uns hat sich der Begriff „Selbstreflexion“ oder „Selbstempathie“ bewährt, da diese genauer beschreiben, worum es bei der Anwendung des Rosenberg-Modells geht. Die Gewaltfreie Kommunikation konkretisiert eine achtsame Haltung, indem sie uns Werkzeuge an die Hand gibt, gerade mit „schwierigen“ Gefühlen empathisch umzugehen.
Zusammenfassend kann man sagen: Achtsamkeit und Gewaltfreie Kommunikation sind kraftvolle Werkzeuge für persönliches Wachstum und bessere Beziehungen. Indem wir gängige Missverständnisse aufklären, können wir diese Praktiken effektiver in unserem Leben anwenden.
Die Integration von Achtsamkeit und GFK bietet einen Weg zu mehr Selbsterkenntnis, Empathie und konstruktiver Kommunikation. Jeder Schritt in Richtung bewussterer Präsenz und mitfühlender Interaktion ist ein wertvoller Beitrag zu unserem eigenen Wohlbefinden und dem unserer Mitmenschen.
Hier schreibt Markus Fischer, Geschäftsführer der Knotenlösen GmbH, über seine Erfahrungen aus über 25 Jahren Ausbildung und Training mit der Gewaltfreien Kommunikation nach Dr. Marshall Rosenberg.
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