Ree bei Schwanensee
Oder: Warum mein Körper mehr Ahnung von Ballett hatte als ich
Ree bei Schwanensee
Oder: Warum mein Körper mehr Ahnung von Ballett hatte als ich
Ree im Alltag 13/2026
Ich hatte einen ganz normalen Plan:
Schwanensee. Delphi Theater. Balkon. Reihe irgendwas. Platz 21.
Ich komme an.
Platz 21 existiert nicht.
Also wirklich nicht.
Ich stehe da wie jemand, der kurz überprüft, ob ich oder das Theater falsch gebaut wurden.
Gehe zurück zur Ticketfrau.
Ich: „Den Platz gibt’s nicht.“ Dann, halb im Spaß: „Ich nehme auch Reihe 1.“
Sie lacht. Ich lache. Zehn Sekunden später halte ich eine neue Karte in der Hand:
Reihe 1. Platz 1.
Direkt an der Bühne.
Berlin manchmal einfach so: „Komm, wir machen heute keine halben Sachen.“
Ich gehe zurück und denke:
Das ist jetzt entweder ein Upgrade oder eine sehr direkte Form von Verantwortung.
Ich sitze.
Und merke:
Ich bin nicht „im Publikum“. Ich bin Teil des Geschehens.
Die Tänzer kommen nicht nur auf die Bühne. Die kommen an mir vorbei.
Also wirklich vorbei. Mit Fuß wegdrehen, damit niemand über mich fällt.
So nah, dass ich kurz überlege, ob ich mich entschuldigen muss, falls ich dramaturgisch störe.
Die Kostüme sind absurd schön. Ich sitze da und denke kurz:
„Okay. Ich verstehe Kunst.“
Dann geht es los.
Und nach ungefähr zwei Minuten ist klar:
Ich verstehe gar nichts.
Also wirklich nichts.
Sie springen. Sie drehen sich. Zwei Männer in sehr engagierten Strumpfhosen performen mit einer Ernsthaftigkeit, die mich moralisch verpflichtet, respektvoll zu schauen.
Ich versuche mitzudenken.
Halte drei Minuten durch.
Dann verlässt mein Kopf die Veranstaltung.
Und genau in diesem Moment entscheidet mein Körper:
„Wir bleiben.“
Gänsehaut.
Durchgehend.
Ich sitze da, verstehe nichts, bin leicht befremdet, leicht überfordert, sitze phasenweise im Rauch (ich habe nichts getan) — und mein Nervensystem reagiert, als hätte ich gerade etwas zutiefst Bedeutendes begriffen.
Was ich ganz offensichtlich nicht habe.
Ich versuche noch kurz, das logisch zu klären.
Scheitere.
Und dann lasse ich es.
Ich höre auf, verstehen zu wollen.
Und plötzlich wird es schön.
Nicht klarer. Nicht logischer.
Einfach zugänglich.
Ich gehe raus und denke:
Ich hatte keinen Plan, was ich da gesehen habe.
Aber mein Körper offensichtlich schon.
메타데이터
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