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Sie, es ist sie, die kalt wird, die weiß

Sie geht, wie einst in meinen Träumen. Eher wie ein Albtraum jede Nacht, der jede Nacht dich aus dem Schlaf holt und anhaucht. Wenn man…

Barbara Orzechowska · 2019-04-08 17:24 · 2 claps · 4.1 min read
#verantwortung #liebe #sterben #kälte
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Sie, es ist sie,die kalt wird,die weiß

Sie geht, wie einst in meinen Träumen. Eher wie ein Albtraum jede Nacht, der jede Nacht dich aus dem Schlaf holt und anhaucht. Wenn man nach Hause kam, stand das gekochte Mittagessen auf dem Tisch. Man hat nichts gegessen, nicht mal sie selbst. Es verschimmelte, verschmorte und zersetzte sich selbst, wie ein halb totes Fohlen, das schwach war, gerade geboren und halb tot. Die Mutter schaut ihm zu, wie es immer weniger atmet, wie es immer weiter fort geht. Zurückgelassen wie etwas, wie das. Sie sitzt am Tisch und guckt zu, von wem ist das der Abschied? Lohnt es sich noch, sie weiter sitzen zu sehen? Plötzlich erhebt sie sich, sie erhebt ihren trägen Körper, aber nicht mit Eile. Wie ein Kartenspiel, ihre Karten hingelegt und verlässt das Spiel. Sie geht die Treppen hoch, was sie dort wohl machen wird? Das weiß keiner, keiner weiß. Keiner will es wissen. Jeder will es ignorieren, keiner kann es, das Fohlen stirbt, was soll sie tun? Was soll das Fohlen tun? Eine Frage, die sie jeden Tag beschäftigt, unklar dennoch klar und transparent. Klar wie ihre Augen, wie gläserne Augen, bedeckt von einer leichten Keimhaut. Ihr hilfloser Blick auf die letzten Momente, die sie noch hat. Die Zeit, die sie hatte. Sie schreit nicht, sie kann nicht schreien, das vor ihren Augen will nicht, dass sie schreit, es kann selber kaum schreien, nicht einmal wissen. Etwas, was diesen Prozess verschnellern würde, ein schnelles Ende, aber dafür war der Anfang zu lang, langsam ist gut und sogar besser. Sie würde am besten ihren Körper durch das Fenster werfen, stattdessen sitzt sie weiterhin oben auf ihrem Bett. Das Bett selbst ist ordentlich, keine Falte und glatt. Die schweren Tage hinter sich, denkt sie. Die Anzeichen waren schon da, schon davor, sie wusste, dass sie Verantwortung tragen wird, doch wie soll man sich auf so etwas vorbereiten? Man wird hineingeworfen, muss alleine zurecht finden. Wie kann er sich zurecht finden, oder doch es? Vor der Geburt war sie schwach, in der Schwangerschaft war sie schwach, das Fohlen ist schwach und genauso ihr Herz. Ein Kind glaubt immer, das weiß sie. Sentimental darf sie nicht werden, nicht wissen lassen über ihr glattes Bett, über den Koffer unter diesem. Es soll nicht wissen, dass es stirbt, obwohl es selber stirbt, vielleicht weiß es das schon selbst, glaubt sie. Sie schiebt den Koffer unter dem Bett heraus. Der Koffer denkt nicht, kann nicht denken, der ist nur da. Besonders mag sie den Koffer nicht, nicht das, was sich drinnen befindet und sich bewegt oder was sich nicht bewegen kann. Ihre Hände öffnen diesen Koffer, sie selbst hat schon lange vergessen. Gewartet hat sie lange, um zu vergessen, konnte nie vergessen, kann aber akzeptieren. Die Mutter legt sich neben ihr kleines. Sie legt ihre Hand auf die Box im Koffer und ihren Kopf an ihr kleines. Die beiden atmen langsam zusammen. In der Box, ein Foto. Ein Foto, das sie kennt. Die Kleidung, die sie damals trug, kennt. Sie schließt die Box, neben der Box befindet sich ein Kleid, das sie kennt. Kennt die Mutter ihres? Weiß sie? Sie fasst ihr Kleid an, es ist sanft auf der Haut. Ihr alter Duft kommt ihr entgegen, nach Blumen. Sie ist sich nicht sicher und schließt diesen Koffer wieder. Der Atem stockt, sie wird unruhiger– steh auf, na los!– Sie sieht diesen Koffer für eine halbe Ewigkeit an, überlegend wie. Es legt seinen Kopf auf sie, schließt die Augen, als müsste es nur ein wenig schlafen, um Energie zu sammeln, das kleine liegt warm. Warm ist auch dieser Tag, sogar die Erinnerung. Hysterisch reißt sie den Koffer auf. Wie viele elende Versuche, vergeblich? Vergeblich wie der Ausweg, der vergeblich den Anfang sucht, nie gefunden hat, immer noch sucht, nie angefasst hat. Sie greift das Kleid und wirft es auf das Bett, das Bett unwissend und erstaunt, Mutter ist geschockt und zittert am ganzen Körper. Ihre Wärme ist voller Liebe zu etwas, was sie liebt, zu etwas, in das sie lebende Liebe sieht. Mit Liebe zerreißt sie das Foto, zerreißt es in zwei und dann in drei. Sie will schreien, kann nicht schreien, kann noch nicht schreien. Sie hört ein Schrei von unten, das kleine öffnet seine Augen. Sie eilt die Treppen hinunter, ihre Beine elendig dünn. Er steht vor ihm. Was für ein Anblick. Der Schrei weint, atmet schnell, das kleine schreit nicht, denn es kann nicht schreien. Er hat eine Waffe in der Hand, schaut zu ihr. Sie steht regungslos auf den Treppen, Tränen laufen ihr Gesicht hinunter. Das Mittagessen wurde nicht angefasst und steht noch. Es ist kalt geworden. Warum macht sie das noch, ihre Beine noch dünn. Er sieht sie regungslos dastehen und schreit sie an– „ Na los, beweg dich!“– Sie wusste was passieren wird. Ihr Blut und Fleisch schreit und weint, woher kommen die Tränen? Er geht auf sie zu und packt sie, schwach und hilflos, versucht sich zu wehren. Rennt zu ihr, doch prallt an ihn ab, besser gesagt festgehalten von der Mutter. Sie legt ihren Kopf auf ihn, zwingt es zu Boden mit geschlossenen Augen und ohne Schmerzen. Es ist nicht die Schuld von ihm, es wehrt sich und wird erschlagen, sie ist benommen. Es wird nicht lange dauern, sagt sie zu ihm. Er zieht sie nach oben, ihr Kleid schleift die Stufen entlang zusammen mit ihren trägen Körper, sie ist schwach, kann sich nicht erheben. Gewaltsam reißt er sie in das Zimmer. Der Kopf immer noch auf ihm liegend, sie versucht ihre Augen zu öffnen, es liegt warm. Er schließt die Tür, nachdem er sie in das Zimmer zerrt. Das Kleid liegt auf dem Bett, er lächelt. Der Koffer steht offen. Vergeblich versucht sie aufzustehen, er rammt sie zu Boden, greift ihr Haar und schleift sie zum Koffer. Das kleine bekommt keine Luft mehr, sie ist zu schwer. Es versucht aufzustehen, halb tot. Er zieht ihren Kopf hoch, sie ist hilflos, hält die Pistole an ihren Kopf. Sein Gesicht vergisst sie nicht. Ein lautes Geräusch ist zu hören. Ihr Schrei schreit, sie schreit, sie kann nicht mehr schreien. Es ist nicht er, der schreit. Ein zweites Geräusch ertönt, schrilles Geschrei von unten. Treppen hoch laufend. Sie zerdrückt ihn, ihr lebloser Körper. Es kriegt keine Luft mehr. Er liegt auf ihr. Der Koffer steht immer noch offen, das Kleid auf dem Bett. Das Foto in drei. Das halb tote Herz schlägt immer langsamer, der Atemzug fällt immer schwerer. Er ist paralysiert bei dem Anblick. Sie bewegen sich nicht mehr, sie bewegt sich nicht mehr. Sie ist kalt.


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