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Der Einsatz von ‹Digitalen Pillen› — Chancen und Grenzen

Rund ein Viertel in der Schweiz lebende Person leidet an einer nicht übertragbaren Krankheit (NCD) wie einer Herz-Kreislauf-, Tumor- oder…

Gian-Andrea Degen · 2021-08-09 09:41 · 8 claps · 7.0 min read
#ehealth #digital-pill #mhealth #mobile-health-app
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Der Einsatz von ‹Digitalen Pillen› — Chancen und Grenzen

Quelle: Nursing Center

Quelle: Nursing Center

Rund ein Viertel in der Schweiz lebende Person leidet an einer nicht übertragbaren Krankheit (NCD) wie einer Herz-Kreislauf-, Tumor- oder Diabetes-Erkrankung. Die NCDs gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen, wobei ein Grossteil der Fälle durch eine frühzeitige Erkennung und einen gesunden Lebensstil hätte vermieden werden können (Bundesamt für Gesundheit, 2021). Die Behandlung von NCDs kostet in der Schweiz jährlich rund 50 Milliarden Schweizer Franken (Bundesamt für Gesundheit, 2021). Das heisst, diese Krankheiten sind nicht nur für das Leiden betroffener Personen verantwortlich, sondern stellen auch eine erhebliche finanzielle Belastung für das Schweizer Gesundheitswesen dar. Diese Herausforderungen müssen Leistungserbringer wie Spitäler bewältigen, aber auch die Pharmabranche. Beide genannten Gruppen entwickeln im Rahmen aufwendiger Forschungsprojekte neue Lösungsansätze. Neben den klassischen Herangehensweisen der Medizin wird vermehrt das Potenzial der Digitalisierung bei Problemlösungen berücksichtigt. Beim Ersatz für herkömmliche Medikamente wird auch von sogenannten ‹digitalen Pillen› gesprochen, mobilen Gesundheitsapps. Diese sollen es Menschen mit Krankheiten wie Diabetes ermöglichen, ein besseres und nachhaltigeres Leben zu führen.

Dieser Beitrag befasst sich mit drei Kernthemen zu digitalen Pillen:

  • Einsatzmöglichkeiten
  • Chancen
  • Grenzen

Begriffsdefinition

Unter dem Begriff ‹digitale Pille› wird im Kontext dieses Beitrags eine mobile Health-Applikation (mHealth-App) verstanden, die auf dem Smartphone einer zu versorgenden Person installiert ist (World Health Organization, 2011). Mithilfe der mHealth-App können Daten (beispielsweise Gesundheitszustände, Verhaltens- und Lebensstil) automatisch erfasst werden. Dies ist vor allem für chronisch Kranke von Vorteil. Im Gegensatz zu herkömmlichen Medikamenten, die auf biochemischen Reaktionen basieren, bewirken die digitalen Pillen keine direkte Manipulation des menschlichen Körpers (Kowatsch et al., 2019, S. 209).

Einsatzmöglichkeiten für mHealth-Apps

Mobile-Health-Applikationen existieren erst seit rund zehn Jahren und können vielseitig eingesetzt werden (Angerer et al., 2017, S. 8). Die Möglichkeiten reichen von der Verfolgung von Gesundheits- und Wellnesszielen über das Gewichtsmanagement bis hin zur Stressbewältigung. Anhand der folgenden Projekte soll die Vielfältigkeit der Einsatzmöglichkeiten digitaler Pillen aufgezeigt werden:

Kinder und Jugendliche mit starkem Übergewicht

Im Rahmen einer klinischen Studie, die durch den Schweizerischen Nationalfonds gefördert wurde, erhielten Kinder und Jugendliche eine mHealth-App (Kowatsch, Nissen, et al., 2017, S. 1). Ziel der Studie war es, mittels eines digitalen Coaches den Body-Mass-Index zu senken. Die Studienteilnehmenden hatten täglich einen Kontakt mit der mHealth-App (Kowatsch et al., 2019, S. 212). Diese Interaktionen gestalteten sich wie folgt:

  • Motivierende Dialoge zur Erhöhung der täglichen Bewegung mithilfe von Bewegungszielen
  • Durchführung von Atemübungen vor dem Nachtessen
  • Aufforderung zu regelmässigen Fotos für das Tagebuch

Kinder mit Asthma

Eine weitere Smartphone-Applikation hat zum Ziel, die Gesundheitskompetenz von Kindern mit Asthma zu verbessern (Kowatsch, Barata, et al., 2017, S. 2). Während rund zwei Wochen wurden den Studienteilnehmenden mittels eines digitalen Coaches relevante Fragen rund um das Thema Asthma gestellt. Diese digitale Intervention bestand aus Lernvideos, Übungsaufgaben und einem Gesundheitsquiz. Im Gegensatz zu dem Beispiel der stark übergewichtigen Kinder werden hier auch Bezugspersonen (Familie, Bekannte) und Leistungserbringer der Teilnehmenden in das digitale Coaching einbezogen (Kowatsch et al., 2019, S. 214).

Steigerung der Altersbewegung

Die digitale Pille ‹Ally› wurde mit dem Ziel entwickelt, die Alltagsbewegung der Menschen mithilfe persönlicher Schrittziele zu verbessern (Kunzler et al., 2017, S. 131). Gemessen wurden die Schritte mittels des im Smartphone eingebauten Bewegungssensors. Während des sechswöchigen Präventionsprogramms wurden die Studienteilnehmenden in regelmässigen Abständen durch Tipps und Empfehlungen dazu animiert, ihr Schrittziel konstant zu steigern (Kowatsch et al., 2019, S. 216).

Chancen und Grenzen

Die Meinung zahlreicher Fachleute geht in die Richtung, dass mHealth-Apps ein erhebliches Potenzial in ihrer Anwendung haben. Zudem hat die COVID-19-Pandemie die Grenzen des heutigen Gesundheitswesens aufgezeigt und dargelegt, dass Daten helfen können, medizinische Entscheidungen zu unterstützen (Cordis, 2018).

In einem Review wurden über 130 Artikel zu mHealth-Apps sowohl hinsichtlich Chancen als auch Grenzen (Hussain et al., 2015, S. 293–408) ausgewertet. Weder bei den Chancen noch bei den Grenzen handelt es sich um eine abschliessende Auflistung, sondern lediglich um Beispiele.

Chancen von mHealth-Apps

Es gibt zwei essenzielle Merkmale, wenn es um die Chancen digitaler Pillen geht. Das eine ist die Symbiose zwischen mobilen Apps und Smartphones, das andere sind die mit der stetigen Weiterentwicklung der Smartphones verbundenen technischen Möglichkeiten.

Tragbarkeit und Agilität von Smartdevices

Ein Vorteil von mHealth-Apps ist, dass Smartphones durch ihre Nutzungsfreundlichkeit unkompliziert zu handhaben sowie aufgrund ihrer Grösse problemlos mitzutragen sind (Sarasohn-Kahn, 2010, S. 18). Diese Agilität bietet den Vorteil, dass Notfallereignisse frühzeitig wahrgenommen werden können. Sensoren können in mobile Geräte des täglichen Gebrauchs integriert werden, ohne von aussen wahrnehmbar zu sein. Diese Detektoren können Vitalwerte wie Herzfrequenz, Blutdruck oder auch Blutzuckerspiegel messen. Mittels einer geeigneten mHealth-App können die Daten aggregiert, gesammelt und anschliessend aufbereitet werden. Diese Art von Datenerfassung erlaubt es, frühzeitig Warnungen an den User abzugeben oder direkt an die ärztliche Fachperson zu senden (Clough & Casey, 2015, S. 151). Wird der Anteil der Smartphonenutzung in der Schweiz von über 95 Prozent in diesem Kontext berücksichtigt, ergibt sich zudem eine hohe Dichte und Vielfalt an Möglichkeiten, mHealth-Apps einzusetzen (Statista, 2020).

Fähigkeiten und Eigenschaften von Smartdevices

Mittels des Internetanschlusses mobiler Geräte ist es möglich, medizinische bzw. gesundheitsspezifische Daten jederzeit mit Angehörigen, einer Onlinecommunity oder Fachleuten zu teilen (Patrick et al., 2008, S. 179). Vor allem die Bereiche im Fitness-, Lifestyle- und Präventionswesen bieten ihren Usern ein umfangreiches Angebot an mobilen Applikationen (Patrick et al., 2008, S. 179). Diese Vielfalt ermöglicht einen interaktiven Austausch zwischen den einzelnen Personen und dadurch einen intensiveren Gebrauch der Anwendungen. Ein zentrales Kriterium zur Messung des Erfolgs einer digitalen Pille ist die Nutzungsfreundlichkeit (Goldbach et al., 2014, S. 37).

Grenzen mobiler Gesundheitsanwendungen

Bei den Grenzen von mHealth-Apps müssen mehrere Aspekte betrachtet werden. Zum einen ist es die Qualität und mit ihr die Sicherheit, zum anderen sind es die unterschiedlichen Arten von Kosten und deren negativer Effekt.

Qualität und Sicherheit

Digitale Pillen sind neue Technologien bzw. Verfahren, die sich noch nicht flächendeckend etabliert haben. Aus diesem Grund können Programmier- und Anwendungsfehler auftreten. Aufgrund des Anwendungsbereichs im Gesundheitswesen können solche Mängel schwerwiegende Folgen haben wie Fehldiagnosen, -behandlung oder -funktionen (Albrecht, 2016, S. 181–182).

Kosten

Entwicklungskosten von mHealth-Apps dürfen gemäss Ramisch (2015) nicht unterschätzt werden. Aufgrund der fehlenden Übernahme der Kosten durch die obligatorische Grundversicherung in der Schweiz müssen die zu behandelnden Personen dafür selbst aufkommen (eHealth Suisse, 2017, S. 28–30). Darin besteht ein Risiko, das die Verbreitung von mHealth-Apps hemmen kann.

Interoperabilität

Das Koordinationsorgan zwischen Bund und Kantonen, eHealth Suisse, sieht die Interoperabilität als Herausforderung (eHealth Suisse, 2017, S. 32–33). Unter der Vielzahl an mHealth-Apps hat sich weder national noch international ein Standard durchgesetzt. Im Konkreten bedeutet dies, dass beispielsweise Fitnessapps mit ihren Trackern gesammelte Daten auf eine bestimmte Art und Weise speichern müssen, sodass sie für Drittanbieter lesbar und verwendbar werden (beispielsweise das elektronische Patientendossier).

Fazit

Digitale Pillen verfügen über erhebliches Potenzial dank ihrer tiefen Integration in Smartphones. Entwickelt sich die Technologie weiter und führt zu bedeutenden Innovationen, ist es denkbar, dass die digitale Pille bestimmte Medikamente ersetzen kann. Bis dahin ist sie hingegen primär als Ergänzung zu verstehen.

In Zukunft ist darauf zu achten, dass Gesundheitsapps auf konkrete Anwendungsfälle abgestimmt werden, um einen maximalen Mehrwert für die Nutzenden zu generieren. Die rasante Entwicklung der Hardware ermöglicht es App-Entwicklern, in weitere Dimensionen vorzustossen. Jedoch sind auch die Grenzen zu berücksichtigen. Sowohl Qualitätsstandards beim Programmieren als auch weiterhin offene Fragen zur Interoperabilität müssen beachtet werden. Zudem besteht weiterer Forschungsbedarf hinsichtlich der Chancen und Grenzen von mHealth-Apps. Fest steht, dass das Volumen digital aggregierter Daten mit hohem Tempo anwächst. Die Gesellschaft muss daher lernen, mit strukturierten und unstrukturierten Daten bewusster umzugehen. Zuallererst bedeutet dies jedoch einen Mehraufwand für alle Involvierten.

Abschliessend kann aufgrund der Ergebnisse gesagt werden, dass sowohl der medizinische als auch der ökonomische Mehrwert digitaler Pillen in zukünftigen Forschungsarbeiten eingehender untersucht werden sollte. Gelingt es den Fachkräften, digitale Pillen gezielt einzusetzen, werden Krankheiten besser und effizienter behandelbar sein.

Quellen

Albrecht, U.-V. (2016). Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA). 370.

Angerer, A., Schmidt, R., Moll, C., Strunk, L., & Brügger, U. (2017). Digital Health — Die Zukunft des Schweizer Gesundheitswesens.

Bundesamt für Gesundheit. (2021, Februar 11). Zahlen und Fakten zu nichtübertragbaren Krankheiten. https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/zahlen-und-statistiken/zahlen-fakten-nichtuebertragbare-krankheiten.html

Clough, B. A., & Casey, L. M. (2015). The smart therapist: A look to the future of smartphones and mHealth technologies in psychotherapy. Professional Psychology: Research and Practice, 46(3), 147–153. https://doi.org/10.1037/pro0000011

Cordis. (2018, März 29). Neue medizinische Gesundheits-App unterstützt bessere medizinische Entscheidungen in Malawi | News | CORDIS | European Commission. https://cordis.europa.eu/article/id/123091-new-mhealth-app-helps-malawi-make-better-medical-decisions/de

eHealth Suisse. (2017). Mobile Health (mHealth)Empfehlungen I.

Fritz Ramisch. (2015, Juli 8). Studie: Die Entwicklung einer App kostet im Schnitt 30.000 Euro. mobilbranche.de. https://mobilbranche.de/2015/07/ibusiness-studie-die

Goldbach, H., Chang, A. Y., Kyer, A., Ketshogileng, D., Taylor, L., Chandra, A., Dacso, M., Kung, S.-J., Rijken, T., Fontelo, P., Littman-Quinn, R., Seymour, A. K., & Kovarik, C. L. (2014). Evaluation of generic medical information accessed via mobile phones at the point of care in resource-limited settings. Journal of the American Medical Informatics Association, 21(1), 37–42. https://doi.org/10.1136/amiajnl-2012-001276

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Kowatsch, T., Nissen, M., Shih, C.-H. I., Rüegger, D., Filler, A., Künzler, F., Barata, F., Haug, S., Brogle, B., Heldt, K., Gindrat, P., & Farpour-Lambert, N. (2017). Text-based Healthcare Chatbots Supporting Patient and Health Professional Teams: Preliminary Results of a Randomized Controlled Trial on Childhood Obesity. 10.

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