Offener Brief an die Kirchenoberen
Liebe Brüder und Schwestern,
Offener Brief an die Kirchenoberen
Liebe Brüder und Schwestern,
wir befinden uns in einer Zeit, die man vielleicht in einigen Jahrzehnten als historisch und richtungsweisend bezeichnen wird. Die Corona-Pandemie bildete dabei lediglich den Auslöser für eine radikale Veränderung der westlichen Welt mit offenem Ausgang. Ich möchte die aktuelle Situation kurz zusammenfassen.
Ideologen, welche die Sicht auf das Individuum nicht kennen, sondern den Menschen nur als Mitglied einer oder mehrerer Gruppen (geordnet nach Religion, Ethnizität, Geschlecht, Sexualität, …) wahrnehmen, haben Oberwasser. Sie sitzen in den Redaktionen der Presse und an den Spitzen der Politik. Unliebsame Meinungen werden als moralisch verwerflich bezeichnet und per Gesetz verboten (NetzwerkDG,…). Dies geschieht im Gleichklang damit, dass Sprache selbst als gewalttätig bezeichnet wird. Das Ausüben von “Hass-Sprache” dient damit als Rechtfertigung für echte, physische Gewalt gegen den Aussprechenden. Die Tendenzen zu einer gleichgeschalteten öffentlichen Meinung und einer immer stärkeren Zentralisierung und Bürokratisierung sind deutlich erkennbar. Wohin genau dies alles führen wird, weiß niemand. Das Fortschreiten dieser Entwicklung wird jedoch die westliche Welt ihres definierenden Charakteristikums — der Konzentration auf das Individuum — berauben und sie damit zerstören.
Unsere Kirche spielt in diesem Prozess wissentlich oder unwissentlich die katastrophale Rolle eines Brandbeschleunigers. Ob es die Beschlüsse der EKD, der Landeskirchen oder Predigten in den großen Kirchen sind, überall sprudelt einem der Zeitgeist entgegen. Es wird moralisiert und politisiert. Und man erkennt eine erschreckende Übereinstimmung der Beschlüsse und Predigten mit den Lehren derjenigen, die das Christentum — wahrscheinlich weil es das historische Fundament unserer Gesellschaft darstellt — ablehnen. Mir kommt es oft wie der vergebliche Versuch vor, sich durch Anbiederung gegen den anhaltenden Mitgliederschwund und die drohende Bedeutungslosigkeit der Kirche zur Wehr zu setzen. Es scheint, als wolle man noch besser sein als die “Guten”. Dabei sind wir Christen nicht besser als andere. Wir sind nur besser dran, weil wir um Gottes Zusage wissen. Oder wie es Bonhoeffer in einem Brief an Eberhard Bethge ausdrückte:
Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (…); Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden.
Die westliche Welt, so wie ich sie verstehe, ist die bis dato freieste Gemeinschaft von Menschen, die es in der Geschichte gegeben hat. Ihre Ursprünge hat sie im jüdisch-christlichen Glauben. Und es ist der Glaube an Gott, der uns gerade dadurch eint und auf rechte Weise zueinander führt, dass Gott uns alle, aber doch jeden ganz persönlich ansprechen möchte.
Die Beziehung Gottes zu uns, zu jedem einzelnen von uns, ist eine Liebesbeziehung. Es ist sogar die Liebesbeziehung, weil alle anderen Liebesbeziehungen durch sie geprägt, ja erst durch sie möglich werden. Und Liebe kann man sich nicht verdienen. Gerade wir evangelischen Christen sollten diese zentrale Erkenntnis der Reformation verstehen. So wichtig wie das Studium der Bibel ist, so wenig führt es wie jede andere Tätigkeit zu Gott. Er kommt zu uns, nicht wir zu ihm. Nur deshalb wage ich es — als Laie im besten lutherischen Sinne — Euch anzuschreiben und zu kritisieren. Denn Ihr kennt die Bibel besser als ich, aber Gott ist Euch deshalb nicht näher.
Wir können die Welt nur teilweise erkennen. Die einfachen Weltbilder, die wir in uns tragen, sind durchaus hilfreich. Doch muss uns stets bewusst sein, dass uns nur die Offenheit, das bisher für richtig Gehaltene zu verwerfen, näher zur Wahrheit bringt.
Und die Wahrheit ist immer konkret.
Denn losgelöst vom konkreten Kontext wird früher oder später jede noch so gute Erkenntnis in ihr Gegenteil verkehrt. Aber weil es so anstrengend ist, immer wieder zu fragen, was richtig ist, neigen wir dazu, unsere hart erkämpften Erkenntnisse zu sehr zu verallgemeinern.
Die so gewonnene Moral scheint uns dann sicher auf dem richtigen Weg zu halten. Doch in Wahrheit entmenschlicht sie uns und denjenigen, den wir anhand unserer Moralvorstellungen einordnen. Uns, weil sie uns wie Roboter handeln lässt, die ihre Entscheidungen nur anhand einprogrammierter Kriterien treffen. Den anderen Menschen, weil er für uns als Mensch keine Rolle mehr spielt. Denn unsere Moral hat schon längst das Urteil über ihn gefällt, ganz ohne Ansehen der Person, völlig blind — wie Justitia.
Ihr, liebe Brüder und Schwestern, moralisiert, wenn Ihr z. B. erklärt, was “tätige Nächstenliebe” sei. Denn wer das Gesagte für falsch hält, ist damit schon verdammt. Dabei wird doch gerade an diesem Gebot deutlich, dass es keine allgemeinen Wahrheiten gibt, die zu guten Handlungen führen. Spricht doch Jesus hier von einer konkreten Beziehung — der Beziehung zum Nächsten. Der Hilfsbedürftige wird ganz persönlich angesprochen und ebenso persönlich wird ihm Hilfe zuteil. Die Nächstenliebe zeichnet sich also genau dadurch aus, dass sie den anderen nicht zu einem Hilfsobjekt macht, an dem man sein eigenes Gutsein beweisen kann.
Der Drang des Menschen, sich über andere stellen zu wollen — wir nennen das heute “Gutsein” — macht ihn manipulierbar. Das nutzt Ihr aus, wenn ihr euch öffentlich dazu äußert, wie man am besten seine Nächstenliebe beweisen kann. Das vielleicht schönste Gebot zum menschlichen Miteinander verkommt so zu einem Argumentationsverstärker, der Eure Meinung mit göttlichem Rückhalt versehen soll. Ich denke nicht, dass ihr dies absichtlich tut. Manchen Versuchungen erliegt man unbewusst. Wahrscheinlich würde ich in Eurer Situation nicht anders handeln.
Wir lieben die Gebote, weil jede Mahnung der warnende Hinweis desjenigen ist, der es so gut mit uns meint, wie kein anderer.
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen
Die Warnung des zweiten Gebots ist eindeutig. Egal wie sicher wir uns sind, dass unsere Erkenntnisse wahr sind, niemals dürfen wir unsere Aussagen dadurch untermauern, dass wir sie direkt oder indirekt mit einer größeren Gottesnähe assoziieren.
Ihr seid zu den obersten Dienern der Institution Kirche gewählt worden. Es ist wichtig, hier zwischen der Institution Kirche und der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen zu unterscheiden. Erstere dient der Gemeinschaft, indem sie deren Zusammenkommen in Kirchen, die Erhaltung letzterer, die Ausbildung neuer Pfarrer und vieles mehr organisiert. Ihr wisst das natürlich, aber Ihr wisst auch, dass die breite Öffentlichkeit diese Trennung nicht wahrnimmt. Jede Eurer Äußerungen wird deshalb mit der Meinung “der Kirche” gleichgesetzt. Die damit verbundene Verantwortung ist zu viel für jeden Menschen. Und sie widerspricht dem zweiten Gebot. Die erste Forderung, die ich deshalb zur Diskussion stellen möchte, lautet:
Die Kirchenführung äußert sich öffentlich nur noch zu verwalterischen oder strukturellen Themen, welche die Kirche selbst betreffen.
Als Christen haben wir keine Angst davor, dass es die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen irgendwann nicht mehr geben wird. Aber die Institution Kirche, die uns helfen soll, unseren Glauben zu diskutieren, zu stärken und weiter zu verbreiten, ist auch durch ihre verkrusteten Strukturen vom Untergang bedroht. Deshalb möchte ich noch eine weitere Forderung zur Diskussion stellen:
Auf Kirchensteuer wird komplett verzichtet. Sämtliche Einnahmen sind über freiwillige Spenden zu erzielen. Dabei soll im Aufruf der Zweck der Spende so genau wie möglich beschrieben werden.
Diese letzte Forderung wirkt geradezu weltfremd, wenn man sich in die Lage eines Pfarrers oder eines anderen Angestellten der Kirche versetzt. Und das soll sie auch sein. Denn zu einem gewissen Teil sind wir Christen immer weltfremd, weil wir eine Ahnung von dieser anderen, viel wirklicheren Welt haben — durch unseren Glauben. Darauf gilt es sich rückzubesinnen, dass im Konflikt zwischen weltlicher Sicherheit und Glauben nur der Glaube als Sieger hervorgehen kann. Denn weltliche Sicherheit ist nur eine Illusion. Diese bricht gerade für viele Menschen in unserem Land zusammen.
Geht voran und zeigt uns, dass der Glaube Berge versetzen kann.
Matthäus 6, 20; Verse 26–34
Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.
Mit brüderlichen Grüßen
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