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Balzac der Bonner Republik

Kapitel 100 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Gundolf S. Freyermuth · 2026-03-08 03:17 · 0 claps · 5.4 min read
#fernsehen #journalismus #balzac #siegfried-kracauer #ein-herz-und-eine-seele
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Balzac der Bonner Republik

Kapitel 100 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Der verhinderte Schulmeister als Medienstar: WMs Fernsehspiele bieten unterhaltsame Belehrung und belehrende Unterhaltung, komplexen Klamauk und emotionale Unruhestiftung (Illustration: Googles Nano Banana Pro).

Der verhinderte Schulmeister als Medienstar: WMs Fernsehspiele bieten unterhaltsame Belehrung und belehrende Unterhaltung, komplexen Klamauk und emotionale Unruhestiftung (Illustration: Googles Nano Banana Pro).

WMs Bauch

So begeistert Wolfgang Romane und Sachbücher liest, deren Erzählweisen analysiert und Details absorbiert, vor allem die kuriosen und absurden — abstrahierenden Gedanken ist er nicht zugeneigt. Ein Vorbehalt gegen Geisteswissenschaftliches zeigt sich meist, wenn wir diskutieren. Barbara Naumann hat wie ich erfahren, dass er „die akademische Beschäftigung mit Literatur zumindest für seltsam, wenn nicht gar für tendenziell überflüssig erachtete“. Wolfgang bestreitet seine Abneigung und Ablehnung auch keineswegs. Er ist stolz auf sie.

An einen Freund, den Fernsehkorrespondenten Carl Weiss, schreibt er in den 1960er Jahren über die positiven Rezensionen, „zum Teil sogar enthusiastische Lobeshymnen“, die seine Fernsehspiele erhalten haben:

„Manche davon sind so intelligent geschrieben, dass ich sie gar nicht verstehe.“

Später spottet er dann bei laufender Kamera über Peter Märthesheimer, seinen langjährigen und ungemein gebildeten Redakteur beim WDR.

„Ich bin kein Mensch von Theorien. Das fand ich bei Märthesheimer immer so beeindruckend, der hat meine Stücke theoriefähig gemacht. Der hat mir erklärt, was ich geschrieben habe. Und ganz überzeugend. Wenn ich das behalten habe, habe ich das auch weitergegeben. Leider ist mir das jetzt entfallen. Sonst hätte ich auf viele Fragen bessere Antworten gehabt. Ich bin mehr so … aus dem Bauch.“

Wolfgangs Betonung des „Bauchs“ für seine kreative Arbeit widerlegt gerade nicht Märthesheimers Interpretationen. Im Gegenteil: Die Rolle des Unbewussten erklärt, warum Werke mehr ausdrücken können, als ihre Schöpfer wollen und wissen. Das wiederum ist Wolfgang sehr wohl bewusst. Wir sprachen darüber, wie Marx und Engels in den Romanen des Royalisten Honoré de Balzac Anti-Monarchismus aufspürten. Die Bedeutung, die ein künstlerisches Werk birgt und vermittelt, deckt sich nicht zwangsläufig mit den Haltungen und dem Denken ihres Autors; jedenfalls nicht gänzlich.

WMs bundesrepublikanische Sendung

Das natürlich ist ein Grundkonzept kritisch-materialistischer Theorie: Gelungene Werke repräsentieren gesellschaftliche Verhältnisse und historische Tendenzen — ohne dass solcher Ab- und Ausdruck in den Artefakten denjenigen bewusst sein muss, die sie erschaffen. Ausformuliert hat diese Einsicht wohl zuerst Georg Lukács in seiner Theorie des Romans. Die neue Interpretationsweise, deren Erkenntniswert Lukács 1920 für die Literatur demonstrierte, erwies sich seitdem als hilfreich für das Verständnis aller erzählenden und darstellenden Künste — Theater, Film, Fernsehen, digitale Spiele. Siegfried Kracauer etwa untersuchte nur wenige Jahre nach der Theorie des Romans den aufstrebenden Film unter ähnlicher Perspektive und verfasste schließlich mit seiner Theorie des Films, die 1960 erschien, den Grundlagentext der entstehenden Filmwissenschaft.

Ein frühes und spannendes Modell, um WMs Leben und Werk zu verstehen, gibt Kracauers Gesellschaftsbiografie Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit. In ihr arbeitete er bereits 1936 die Wechselbeziehungen zwischen einer besonderen künstlerischen Begabung und der Kultur heraus, in der sie sich verwirklichen muss. Er beschrieb Jacques Offenbachs besonderes musikalisches und dramatisches Talent und begründete, warum es sich für die überkommenen künstlerischen Formen — Oper, Konzertmusik usf. — kaum eignete. Offenbachs Aufstieg zum Medienstar konnte erst beginnen, als im Paris des Zweiten Kaiserreichs „sämtliche Voraussetzungen für die Heraufkunft der Operette gegeben“ waren. Dann aber sei zweierlei geschehen: Erstens gelang Offenbach in seinen Operetten der „repräsentativste Ausdruck der kaiserlichen Ära“, des Second Empire zwischen 1852 und 1870. Das sorgte für ihre einzigartige Popularität. Sie wiederum bewirkte zweitens, dass Offenbachs politische Satire und Kritik „mit verwandelnder Kraft in das Regime eingreifen“ konnte. Die Operetten „spiegeln ihre Epoche und helfen sie zu sprengen — zweideutige Projekte eines Künstlers, der auch durch seine Person die Fantasie der Zeitgenossen erregt“.

Ähnliches trifft auf WMs künstlerischen Erfolg und Aufstieg zum Medienstar zu. Auch er war, wie Kracauer über Offenbach schreibt, „von einer überaus großen Empfindlichkeit gegen die Struktur der Gesellschaft“. Was für Offenbach das Second Empire und das neue Medium der massenwirksamen Operette war, ist für WM die Nachkriegs-BRD und das neue Massenmedium des Fernsehens.

“Anthropologe des Deutschen an und für sich”

„Ich glaube nicht“, sagte Günter Rohrbach einmal, „dass Menge — hätte es das Fernsehen nicht gegeben — ein literarischer Autor geworden wäre. Er war Journalist. Seine Qualität als Drehbuchautor war, dass er über das Journalistische hinaus Fähigkeiten hatte, Menschen genau zu schildern.“

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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Nicht nur allerdings die Charaktere von Individuen, sondern auch die zeitgenössischen Verhältnisse, unter denen sie leben und leiden, verdichten WMs Werke bis zur Kenntlichkeit. Harald Martenstein schreibt: „Mit Ein Herz und eine Seele etablierte sich Wolfgang Menge als der große Epiker der sozialliberalen Ära.“ Ein bundesrepublikanischer Balzac also.

Martensteins Behauptung verwirrt allerdings zunächst. Denn Sitcoms sind das genaue Gegenteil von Epik — kurze dramatische Konfrontationen. Auf den zweiten Blick trifft die Bemerkung aber WMs Leistung durchaus, gewissermaßen in Ermangelung eines vergleichbar bedeutenden epischen Werks. Die turbulenten Jahrzehnte des Umbruchs, in denen sich die Bundesrepublik sozial und kulturell modernisierte, repräsentieren seine Fernsehspiele und Serien wie kein anderes zeitgenössisches episches oder dramatisches Werk. Martenstein bringt es auf den Punkt:

„Der Drehbuchautor Wolfgang Menge ist, es klingt immer noch ein bisschen überraschend, wenn man es ausspricht, tatsächlich einer der in Deutschland einflussreichsten Künstler der letzten Jahrzehnte gewesen, einer, der den Zeitgeist der siebziger und achtziger Jahre mitprägte.“

Inhaltlich entwickelt WM sich, schreibt Horst Königstein, „zum Anthropologen des Deutschen an und für sich“.

Der richtige Mann zur richtigen Zeit

Herausragende Bedeutung besitzt WMs Werk allerdings nicht allein durch klug und furchtlos gewählte Themen und Inhalte. Ebenso nachhaltig ist sein Einfluss als künstlerischer Experimentator. Er fand und erfand über die Jahrzehnte hinweg eine Vielzahl von Formen und Formaten und erneuerte so das Arsenal der Darstellungsweisen, die das Fernsehen in seinen Anfängen von den älteren Medien Theater, Film und Radio übernahm. Die Reihe narrativer Innovationen reicht vom semi-dokumentarischen Kriminalfilm, auf den er sich um 1960 spezialisiert, über das Genre simulativer Faktionen, das er um 1970 begründet, bis zum historischen Mosaikfilm, zu dem er um 1980 als Geschichteerzähler übergeht. Populären Erfolg erzielt er bereits in den sechziger Jahren mit seinen Kriminalfilmen. Auch kritischen Ruhm tragen ihm dann seine Faktionen ein.

„Mit zwei Fernsehspielen“, urteilt Günter Rohrbach, „hat Wolfgang Menge Fernsehgeschichte geschrieben, Das Millionenspiel und Smog, beide um 1970 herum produziert, in der hohen Zeit des deutschen Fernsehens. Es waren Stücke, in denen sich die Suche des Mediums nach Identität erfüllte, in denen Fernsehen ganz nahe bei sich selbst war.“

Das außerordentliche Gelingen dieser beiden Werke erklärt Rohrbach ganz im Sinne Kracauers aus der historischen Übereinstimmung von individuellem Talent, Medium und Gesellschaft.

„Menge ist in den Jahren danach häufig kopiert, jedoch kaum wieder erreicht worden. Auch von ihm selbst nicht. Das hat vor allem mit der Gunst der Stunde zu tun. Das Fernsehspiel war damals reif, entdeckt zu werden. Er hat zugegriffen. Es hat vor und nach ihm gute Fernsehspiele gegeben, Filme von großer Virtuosität und Meisterschaft. Doch kaum je wurde die Besonderheit des Fernsehens so genau getroffen wie in diesen beiden Stücken.“

Der Schulmeister, den man sich wünscht

Ganz so allein stehen diese beiden Fernsehspiele in ihrer gelungenen Mischung aus Faktischem und Fiktivem in WMs umfangreichen Werk freilich nicht da. Die meisten seiner Drehbücher kennzeichnet die Kombination von Elementen des Journalismus mit denen des Kabaretts, korrekte Information plus geistreich-witzige Kritik, Authentizität plus Spiel mit medialen Formen. Einfallsreich und mit einzigartiger Beharrlichkeit entwickelt WM so die ästhetischen Möglichkeiten des Fernsehspiels fort. Sein Markenzeichen wird dabei die schwierige und daher seltene Verbindung von Aufklärung und Unterhaltung: prodesse et delectare — unterhaltsame Belehrung und belehrende Unterhaltung, verständliche Nützlichkeit und komplexer Klamauk, sachliche Unterrichtung und emotionale Unruhestiftung.

„Wahrscheinlich bin ich ein verhinderter Schulmeister“, sagt WM. „Denn mich interessiert immer, was die Leute daraus lernen. Mein Ziel aufzuklären, kann ich aber nur erreichen, wenn die Leute es spannend finden. Sonst schalten die einfach um!“

***

Vorheriges Kapitel: 99 In deutsche Abgründe — und nicht wieder hinaus

Nächstes Kapitel: **101 Die Kunst der Überraschung**

Englische Fassung auf Medium:

Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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