Das Risiko
Denkfenster 04 — Ein Gespräch
Das Risiko
Denkfenster 04 — Ein Gespräch
Person A:
„Glaubst du das wirklich? Dass Offenheit die Eintrittskarte für echte Gefühle ist? Und was ist der Preis?“
Person B:
„Ja.
Natürlich glaube ich das.
Wie willst du echte Gefühle für einen Menschen entwickeln, wenn dieser Mensch nie auftaucht?
Die meisten Menschen verhandeln Verträge miteinander.
Sie nennen es Kennenlernen.
Aber sie zeigen sich nicht.
Sie präsentieren sich.
Offenheit garantiert gar nichts.
Sie garantiert keine Liebe.
Keine Beziehung.
Kein Happy End.
Sie garantiert nur, dass überhaupt etwas Echtes passieren kann.
Du wirst irgendwann hören, dass jemand dich nicht will.
Du wirst irgendwann erleben, dass jemand geht.
Du wirst irgendwann etwas geben und nicht dasselbe zurückbekommen.
Das ist der Preis.
Die meisten Menschen halten das für das Risiko.
Das Risiko ist etwas anderes.
Das Risiko ist, dass du alles vermeidest und am Ende nie erfährst, was möglich gewesen wäre.
Davor hätte ich deutlich mehr Angst.”
Person A:
„Das ist irgendwie deprimierend.“
Person B:
„Nein.
Nur wenn du glaubst, dass der Wert einer Erfahrung davon abhängt, wie lange sie bleibt.
Das ist der Teil, den viele Menschen meistens überspringen wollen.
Dass es stimmt.
Jemand wird irgendwann gehen.
Jemand wird irgendwann nicht mehr wollen.
Jemand wird irgendwann enttäuschen.
Und trotzdem machen viele Menschen einen Fehler.
Sie behandeln diese Sätze wie eine Prognose.
Dabei sind es nur Wahrscheinlichkeiten.
Irgendwann stirbst du auch.
Trotzdem kaufst du Museumskarten.
Das Leben wird nicht wertvoll, weil etwas bleibt.
Es wird wertvoll, weil etwas da war.
Die meisten Menschen trauern um zukünftige Verluste, bevor sie überhaupt erlebt haben, was gerade vor ihnen steht.
So verpassen sie das Bild und trauern schon um das Ende des Museumsbesuchs.”
Person A:
Du sagst: ‘Wie willst du echte Gefühle für einen Menschen entwickeln, wenn dieser Mensch nie auftaucht?’ … das ist ein interessanter Gedanke. Was macht der andere dann? Echte Gefühle für eine Projektion entwickeln?“
Person B:
„Natürlich.
Worauf sonst?
Menschen verlieben sich ständig in Projektionen.
Sie nennen es nur anders.
Potenzial.
Schicksal.
Chemie.
Besondere Verbindung.
Kreative Begriffe für fehlende Informationen.
Deshalb interessieren mich frühe Gefühle meistens nicht besonders.
Sie sagen mehr über den Beobachter aus als über die beobachtete Person.
Aber das macht sie nicht wertlos.
Nur unvollständig.
Die interessante Frage ist ja nicht, ob Menschen Projektionen entwickeln.
Das tun sie.
Die interessante Frage ist vielmehr, was passiert, wenn die Realität auftaucht.
Dann wird es spannend.
Denn dann stirbt entweder die Projektion.
Oder sie überlebt die Realität.
Und erst dann interessiert es mich.“
메타데이터
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