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Blutrote Hände am Küniglberg:

Mein Dilemma mit Schuld, Symbolen und Schablonen

Drea Koch · 2025-08-23 10:31 · 0 claps · 3.8 min read
#israel-palestine-conflict #orf #zionismus #antisemitismus #meinungsfreiheit
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Blutrote Hände am Küniglberg:

Mein Dilemma mit Schuld, Symbolen und Schablonen

Fahnen. Feindbild. Fernsteuerung. l ©2025AndreaKochphotography created with AI

Fahnen. Feindbild. Fernsteuerung. l ©2025AndreaKochphotography created with AI

Da sitz ich wieder mal und scroll durch Meldungen und Nachrichten.

Krieg, Klima, Katastrophen … was auch sonst. Und dann bleibt mein Blick hängen: Der ORF steht „unter Schock“.

Aja. Was ist passiert? Aktivisten haben sich bei einer Führung durch das Sendezentrum abgesetzt, rote Farbe an die Wände geschmiert, Flugzettel verteilt, Parolen skandiert. Polizei, Abführung, Sicherheitskonzept.

Der Vorfall wird so behandelt, als wäre er eine Staatsaffäre — und gleichzeitig so klein geredet, als sei nichts passiert. Das wäre schon Doppelmoral genug. Doch mich trifft es an einer anderen Stelle: in meinem persönlichen Dilemma.

Schuld und Schablonen — die ewige Rechnung

Seit Jahrzehnten wird in Österreich und Deutschland jede Kritik an Israel mit dem Stempel „Antisemitismus“ abgewehrt. Die Trennung zwischen jüdischem Glauben und politischem Zionismus wird nicht zugelassen.

  • Judentum = Religion.
  • Zionismus = Staatsidee, Machtpolitik, Militärstrategie.

Wer diese einfache Differenzierung wagt, steht sofort im Verdacht, ein „Judenhasser“ zu sein.

Ich habe die ewige Schuld satt. Sie wird als moralisches Druckmittel eingesetzt, als Totschlagargument, das jeden Widerspruch abwürgt. Schuld als Dauerabo, Schuld als politisches Pfand. Aber nie als ehrliche Auseinandersetzung.

Zwischen Blasen und Fahnen — gefangen zwischen Fronten

Und jetzt kommt mein Problem:

In meiner „Putintroll“-Blase sind alle erstaunlich klar, wenn es um Russland geht. Sie durchschauen westliche Narrative, sehen die NATO-Provokationen, entlarven die Medienheuchelei.

Aber dieselben Leute, die hier so nüchtern analysieren, kippen bei Israel in totale Loyalität. Kompromisslos. Absolut. Empört über die Schmieraktionen der Palis, über die „Terrorfreunde“. Punkt.

Wenn ich dazwischenfunke und sage: „Moment, das Leid der Palästinenser existiert auch“, bin ich der Geisterfahrer. Sofort. Ohne Diskussion.

Und auf der anderen Seite? Da stehen die Palituchträger, die Regenbogen-Fahnenwedler, das linke Gender-Gesocks, das mich politisch sonst kalt erwischt. Aber ausgerechnet sie stellen sich vor Gaza und zeigen auf das Morden, das Einsperren, das Aushungern. Sie verteidigen nun die Menschen in Gaza — die, die eingemauert, entrechtet, zusammengetrieben werden. Genozid, sagen manche. „From river to sea“, sagen andere.

Und ich sitze da — buchstäblich dazwischen.

Muss ich sie plötzlich mögen, nur weil sie an diesem einen Punkt recht haben? Ich bin irritiert. Aber bin ich das wirklich? Oder ist es die Gesellschaft rund um mich?

Darf ich mich äußern? Wenn ich sage: „Die Opfer in Gaza sind real“, dann bin ich sofort Palifreundin, Antisemitin, Verräterin an Israel. Sage ich aber: „Ich mag die Palituch-Linken nicht“, dann bin ich wieder beim rechten Pack einsortiert. Egal wie — ich stehe falsch.

Währenddessen läuft das Kommentar-Karussell. Überall. Einer (oder vielleicht auch viele) goutiert eine Info über die dänische Ministerpräsidentin, die keine palästinensischen Patienten medizinisch mehr aufnehmen will — mit „Gut so!“, als ob Hunger und Bomben einfach Randnotizen wären. Nicken: „Recht so!“ auch beim Rücktritt des niederländischen Außenministers — wer Israel kritisiert, soll gefälligst die Bühne räumen. Und die Couchgeneräle applaudieren fleißig.

Ich aber stolpere.

Will das Leid sehen, ohne gleich eine Fahne hochzuziehen. Ich trenne: zwischen jüdischem Glauben, den ich respektiere, und Zionismus, der politisch missbraucht wird. Ich weiß, dass man uns hierzulande eine ewige Schuld auflädt, die irgendwann so schwer wird, dass man sie nur noch abschütteln will. Und doch sitze ich hier, mit dieser blanken Realität im Kopf, die schreit: „Siehst du nicht, wie viele Kinder in Gaza sterben?“ Welcome in meiner Zwickmühle.

Politischer Glaube, heiliger Staat — wenn Religion Staat spielt

Denn das eigentliche Gift sitzt tiefer: in der Verwechslung von Religion und Staat. Im Dogma, das Judentum automatisch mit dem Staat Israel zu identifizieren.

Es gibt gläubige Juden, die den Zionismus strikt ablehnen — und es gibt Atheisten, die ihn bejubeln, weil er ihnen Macht und Militär verheißt. Doch diese Differenz verwischt bewusst. Denn nur wenn man Religion und Staatsmacht untrennbar verknüpft, lässt sich jede Kritik am Staat als „Antisemitismus“ brandmarken.

So funktioniert Schuldpolitik: Wer Israel kritisiert, wird nicht als Kritiker eines Staates gesehen, sondern als Feind eines ganzen Volkes. Eine perfide Gleichsetzung, die jede Debatte abwürgt — und den Antisemitismus paradoxerweise erst nährt, den man zu bekämpfen vorgibt.

Symbole im Schmutz

Die Symbolik der Aktion am Küniglberg ist vieldeutig: Man kann sie lesen als den Versuch, das Blut an Israels Händen sichtbar zu machen. Man kann sie aber auch umdeuten in eine Fratze des Judenhasses.

Welche Lesart gilt, entscheidet nicht die Tat, sondern der Deutungsrahmen. Beim ORF ist der Rahmen klar: Israelkritik = antisemitisch, also weg damit. Wären es Rechte gewesen, gäbe es eine Live-Doku und eine Diskussionsrunde über „Gefahren für die Demokratie“.

Mein Fazit

Ich will mir den Blick nicht diktieren lassen. Ich kann Russland verstehen, ohne Putin zu verklären. Ich kann Palästina verstehen, ohne die Hamas zu verteidigen. Ich kann den jüdischen Glauben respektieren, ohne jede Tat Israels zu segnen.

Aber mit dieser Haltung steht man zwischen allen Stühlen. Man ist der Geisterfahrer, der keine Fahne trägt.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht die Fahne entscheidet, sondern der Mut, die Widersprüche auszuhalten. Und ja — vielleicht sind genau diese Widersprüche das letzte Stück Freiheit, das uns bleibt.

Und ich werde weiter zu keiner Seite gehören. Ich hasse das linke Geplärre und ihre Fahnen genauso wie ich die Couch-Zionisten nicht ertrage, die jedes Verbrechen mit einem „Aber die Hamas!“ wegrubbeln. Und ich werde mich weiterhin nicht zwischen Palituch und Israelflagge entscheiden.

Vielleicht bleibe ich einfach dort, wo niemand stehen will: mitten in der Grauzone, wo man nichts anderes sagt als: „Es sterben Menschen. Sinnlos. Und das ist falsch. Punkt.“

Andrea Koch. Nicht neutral, sondern unabhängig. Narrativsprenger im Zwischenraum — dort, wo Schatten niemals nur schwarz und Licht niemals nur weiß ist. Waffenbesitzerin. Friedensverfechterin. Sprachkritikerin. Schreibt, was andere nicht einmal mehr zu denken wagen. @drea_koch auf X | klartexxt.at

Israel, Palästina, ORF, Zionismus, Antisemitismus, Schuld, Medienkritik, Aktivismus, Österreich, Meinungsfreiheit, Symbolpolitik, Gaza


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