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Mit dem Schicksal allein

Phantome am Hof.

Dohle Carnett · 2021-04-05 18:53 · 0 claps · 8.0 min read
#kurzgeschichte #historisches #könig #fiktion #schicksal
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Mit dem Schicksal allein

Als er, Edmund Bonham, seinen König schreien hört, braucht es keinen Gedanken, kein Zögern, und die Klinge liegt in seinen Händen. Dann wirft er sich gegen die Doppeltür und stürmt ins Innere des Gemachs des Herren, bereit, jeden Meuchelmörder zu töten.

Sein König steht mit der gezogenen Klinge im fahlen Licht, die Spitze des Langschwerts ist halb gesunken; er könnte höchstens ein Huhn treffen. In stiller Leere findet Bonham seine Majestät vor und wartet sittlich, bis diese das Wort erhebt.

„Das ging schnell, mein alter Freund“, sagt sein König. Seine Stimme ist, wie immer, von einer Kraft, die Tote aus ihren Gräbern zu wecken vermochte. In diesem Augenblick ist lediglich eine kleine Fragilität beigemischt.

„Ein Alptraum, mein Herr?“, fragt Bonham.

Er antwortet nicht, sondern lässt die Klinge gänzlich sinken und sieht sich nun selbst um. Stunden zuvor haben sie ihre üblichen Rituale vollzogen. Bonham und die anderen Höflinge betasteten das große Himmelbett mehrfach auf versteckte Nadeln, bespannten es neu, klopften Kissen über den offenen Fenstern aus, die sie anschließend verschlossen. Mit Düften fremder Küsten vertrieben sie jede Möglichkeit einer Krankheit. Dann streiften sie die Schultern und das Haar des Monarchen, ließen den Priester den Segen vollziehen, stellten die kürzesten der Kerzen auf, und legten die ungescheidete Klinge auf die Eichenkante neben ihn. In der Nacht, wenn das Land zur Ruhe kommt und Gebete gesprochen sind, ist selbst der König allein; er, dessen Körper dieses Reich selbst ist und alles Gewicht und allen Nebel der Burgen, Städte, Felder, Straßen, Seelen mit in die Nacht nimmt. Er ist mehr als ein Mann, und manchmal vergisst oder verdrängt Bonham dies, er weiß es selbst nicht genau.

Er mustert den bärenhaften Rücken seines Souveräns. Nur etwas jenseits dieser Welt könnte ihn angreifen.

„In der Nacht suchen mich Phantome heim“, sagt der König dann. „Es sind nicht nur die Männer und Frauen, die ich am vergangenen Tage zu Gott schickte. Es sind nicht nur meine Cousins, die andere Reiche beherrschen und mich dazu zwingen wollen, uns in ihr Chaos zu ziehen. Nein, Bonham, es sind auch die Phantome meines Vaters, meines Großvaters und all der anderen Ahnen.“

Bonham wagt keine Unterbrechung. Er sieht Tränen in den Augen seines Herrn und sogar die Hände zittern. Sie Beide sind alt geworden, aber der Andere noch etwas mehr.

„Ich wünschte“, fährt der König fort, „ich könnte sie abschütteln! Verbannen, so wie Christus die Drachen verbannt hat!“ Mit einer Wendung, die sein krankes Bein gar nicht mehr hergeben sollte, setzt er sich plötzlich auf die Fensterbank.

„Majestät, Euer Rücken zum Hof…“

Da lacht der König. „Wie? Nachdem die Vergangenheit selbst nicht attackieren kann, und Beschwörer keine Dämonen senden, soll es ein Armbrustschuss tun?“

Ein weiteres Lachen, lauter. Seine Miene zieht er zusammen wie eine sprungbereite schwarze Katze. „Wir wissen, dass ich so nicht sterben werde. Gott testet mich; zugleich wacht er über mich, damit ich sein Ebenbild bleibe und gut Werk tue. Bonham, Ihr wisst, dass ich so nicht niedergehen werde; nicht derart profan durch alte Zeichen.“

Doch wieder: Er ist mehr als nur ein Mann. Bonham nickt leicht und scheidet seine Waffe. Er nimmt vor dem König Aufstellung.

„Ich erinnere mich an das, was damals geschah“, sagt dieser mit geschlossenen Augen. „Sie war sehr klug mit ihren Worten.“

Vor 15 Jahren, in einem noch warmen September, weilte der Königshof an der Küste. Sie inspizierten Festungen, empfingen Gesandte und hängten Verräter, damals viel weniger als heute. Dann gab es ein Fest, und einmal mehr wollte der König ein einfacher Mann sein. „Kommt, Bonham!“, rief er aus und griff ihn beim Arm, um ihn fortzuzerren, als all die Augen auf der heute verstorbenen Königin lagen. Unter Kutten drängten sie sich hinaus in den Sand, dort wo das Meer bauschte und eine gewaltige Wolke über diesem Gewitter ankündigte. „Sorgt Euch nicht!“, sagte der König seinem zweifelnd dreinblickenden Adjutanten. „Heute wird Gott keinen Sturm schicken!“

In diesen Tagen wandelte er im Kreis einer kleinen Sonne, die die Finsternis verdrängen konnte. Bonham verstand noch, warum der Monarch arme Waschweiber zum Lachen bringen konnte und sie nach seinem Fortgang ein wenig schwebten. Er wäre ihm direkt ins Meer gefolgt, doch sie gingen auf eine einsame Gestalt zu, die in wehenden Kleidern eins mit dem Sand zu sein schien. Wie es seine Pflicht gewesen war und bis heute ist, prüfte Bonham jede Himmelsrichtung. Die letzten Fischer waren verschwunden und sie somit allein am Strand.

„Es ist ein altes Weib“, sagte der König und trat beherzt auf sie zu. „Es ist kalt, Mutter!“, sagte er dann. „Geht mit uns zurück, bevor der Sturm hereinbricht!“

Bonham bemerkte den Widerspruch eines Mannes, der anders über Welt und Zeit dachte, denken musste, aber er ließ ihn unkommentiert. Er musterte die Frau, die ungewöhnlich groß für ihr Geschlecht war. Ihr Gesicht war vom ewigen Wetter gegerbt. Außerdem hatte sie lange nichts gegessen. Er hielt ihr eine Kupfermünze hin.

Die Frau nickte und murmelte ein leises „Danke“. Ihre schaumtrüben Augen lagen nicht auf dem Höfling und Wächter, sondern auf ihrem gemeinsamen Souverän. „Ich gebe einen Dienst für dieses Almosen und eine weitere Münze. Ich nehme Hände und lese wie Gott’s mit Ihnen hält: Hat er ihren Weg vorherbestimmt? Oder dürfen sie frei sein?“

„Weißt du, wer ich bin?“, fragte der König, glucksend, mit verschränkten Bärenpranken, ohne die übergroße Vorsicht, die ihn in diesen Tagen immer wieder übermannen konnte — Panik, wie manche der jüngeren Höflinge flüstern und den Alten mit Schattenspielen verspotten.

„Ja“, sagte die Frau, „das weiß ich.“

Bonham mischte sich ein, ungehalten: „Weib, Abstand! Was tust du hier allein auf weiter Flur? Musst du nicht arbeiten gehen? Stattdessen bettelst du!“

Nur einmal sah sie zu Bonham. „Auch dich werde ich lesen“, sagte sie zu ihm.

Der König ging mit weiterem Lachen dazwischen, so groß wie der Wind. „Zügig dann, Weib! Beginne mit mir!“

Die großen Hände des Königs hielten gewaltige Schwerter und Lanzen. In ihnen wirkten die Finger des Weibes zerbrechlich und schwach. Bonham ruckte vor, aber der König schmunzelte weiterhin und unterbrach ihn. Nach einem Moment fragte der Souverän sein Subjekt: „Also?“

Noch immer blieben ihre Augen geschlossen. Sie begann zu summen. Dann sagte sie ihrem Herrn: „Euer Schicksal ist vorherbestimmt. Es ist wie es sein muss: Ihr seid ein König, Euer Gnaden.“

Bonham murrte: „Majestät! So sagen wir heute!“

Aber das Weib hatte nichts gesagt, was nicht ohnehin Wissen dieser beiden Männer war — und doch stand sie regungslos dort, als nun erste Regentropfen fielen.

„Wie werde ich sterben?“, wollte der König wissen. Ernster war er geworden, aber nur wie jemand, der verloren ist in der Ernsthaftigkeit des Spiels.

„Im Angesicht Eurer Pflichten, Euer Gnaden“, sagte sie nur. „Daran könnt Ihr nichts ändern.“

„Eine vage Antwort!“, warf Bonham ein.

Der König aber zitterte und keinen Augenblick später entriss er dem Weib die Hände. „Nun er!“, sagte er dann und deutete auf Bonham.

„Wir sollten gehen“, sagte dieser. „Der Regen, Euer Majestät.“

Aber der König schüttelte den Kopf, deutete fest auf das Weib, sodass Bonham nicht anders konnte: Er griff die Hände des alten Weibes — oder ließ sie greifen, es war unklar.

Wie zuvor, schloss sie die Augen. Wie zuvor, summte sie. Doch für ihn nahm sie sich mehr Zeit als für ihren Souverän. Dickere Tropfen fielen, und der König verlangte ungeduldig zu wissen: „Was siehst du, Weib?“

„Dieser hier“, murmelte sie, „ist nicht lesbar wie Ihr’s seid, Euer Gnaden. Dieser hier ist gänzlich frei. Er wird sein Schicksal selbst bestimmen können.“

Der König sah sie lange an — und stürmte auf einmal davon, so als käme ein Stoß über die Wellen getrieben. Bonham eilte ihm sogleich nach, hinter ihnen barsten die Wolken. Das Weib ward nicht mehr gesehen, auch in den Tagen danach nicht, als sie nach ihr suchen ließen und Reiter in alle Himmelsrichtungen des Reiches strömten.

Beide erinnerten sich der Worte der alten Frau, wenngleich auf eine andere Weise. Nie hatten sie darüber gesprochen. Nun sitzen sie einander gegenüber, und das Licht der letzten Kerze droht zu erlöschen.

„Draußen ist es sehr still“, meint Bonham dann, denn er hält das Schweigen nicht mehr aus. „Es ist ganz anders als damals am Strand.“

„All die Jahre haben Euch wenig anhaben können, Bonham“, sagt der König lediglich. Breitbeinig, die Arme auf die Schenkel gestützt sitzt er dort, und ist nun nicht mehr Katze, sondern Luchs gegenüber seinem Höfling. „Während mir die Zeit alle Kräfte raubt, könntet Ihr es noch immer mit drei Jungspunden zugleich aufnehmen.“

„Ich bin ein wenig jünger als Eure Majestät“, erwidert Bonham und sieht fort. Er denkt: Auch trage ich meine Waffe, wann immer nötig, und wandere in meinen Wäldern Stunden, wenn ich nicht hier sein muss. Aber er fürchtet diese Gedanken, falls der König sie doch lesen kann. Einige halten das für möglich, sein eigener Beichtvater ist unter ihnen.

„Nun wartet Ihr“, sagt sein König, „dass ich sage: Es ist alles gut! — sodass Ihr wieder in die Vorkammer gehen könnt, bis der neue Tag anbricht.“

Von weiseren Männern hat er gelernt, geduldig zu sein, damit der König seinen eigenen Pfad bestreitet, seine eigenen Gedanken denkt und Worte spricht, die ihm niemand in den Mund legte.

„In letzter Zeit suchen die Geister der Nacht mich öfter heim“, sagt er. „Es ist ein Omen, doch was für eines?“

Bonham wartet weiter, es zerrt ihn in den Schenkeln, und er verspürt ein Ziehen in den Knöcheln. Jenseits der Fenster sieht er den Hügel, auf dem die Verräter am Galgen hängen.

Sein Gegenüber steht auf. „Nein“, sagt der König mit vollem Atem. „Es ist nicht des Königs Tod zu Gott bestellt zu werden, wenn er seine Königspflichten tut.“

Doch womöglich kommt der Tod in einer anderen Gestalt. „Phantome töten mich nicht“, sagt der König dann. „Menschen werden mich töten.“ Und er mustert Bonham wie er so viele gemustert hat.

Könige denken nicht wie wir. Sie wurden in diese Welt gestellt und werden beständig bedrängt. „Heute Morgen, bei der Tötung der Häretiker“, erwidert Bonham, „wär’s eine rechte Gelegenheit gewesen. Wir danken Gott, dass es nicht so kam.“

„Aber wie viele Messer wurden gewetzt? Wie viele enttäuschte Gestalten gingen zurück zu denen, die ihnen das Silber versprachen? Und wie viel Silber ist schon getauscht worden, obgleich ich noch immer hier stehe?“ Der König erhebt sich und blickt durch den Raum. Dann schüttelt er den Kopf wie ein Riese. „Nein, nicht draußen, Bonham, sondern hier. Hier, wo ich wirklich allein bin, sollten sie kommen. Sie können all ihre Künste anwenden. Einer meiner Berater sagte mir, der beste Meuchler ist jener, der’s Schauspiel versteht. Der Meuchler gibt sich aus als ein Freund und dann…“

Der König hat das Schwert im Blick. In einer einzigen Bewegung ist Bonham auf den Füßen und sieht seinem Souverän geradewegs in die Augen. Der König stürzt vor, doch Bonahm zurück. Er zieht seine eigene Klinge und schlägt der letzten Kerze den Kopf ab.

Das Gemach ist in Stille getaucht, der König schnauft. Seine Stimme wankt erneut, als er sagt: „Nur ein freier Mann kann mich töten! Bonham, ich sehe den Blick in deinen Augen!“

In der Dunkelheit schweigt Bonham. Neben ihm ist eines der Fenster. Aus diesem wird er fliehen können, die Läden werden kein Hindernis sein. Über das Dach, wie ein Attentäter, und er wird im Hof den gesamten Palast wecken, um anschließend mit dem Pferd zu entkommen.

„Vielleicht könnt Ihr sogar in der Finsternis sehen“, sagt Bonahm, nachdem er seinen Atem unter Kontrolle gebracht hat. „Es sind nicht die Augen eines Verräters“, sagt er dann. „Ich flehe Euch an!“

„Du hast deinen Herrn bereits längst attackiert!“, sagt der König und macht einen Schritt in der Dunkelheit. „Wenn du mein Blut vergießt, dann wirst du vernichtet werden.“

Bonham denkt an das ausgeblutete Land, an die Abgeführten und Gehängten. Dies sind keine Feinde des Reiches, sondern die Subjekte des Königs. Ja, er hat bereits einmal daran gedacht, dass er ein besserer König wäre, so wie jeder andere am Hof auch, dieser Halle voller Wölfe.

Als der König vorschnellt, lässt auch Bonham seine Klinge sirren. Der König schreit — er könnte von einem Geschoss zerfetzt sein. Es mag dennoch nicht mehr sein als ein Schnitt. Aber dies ist nicht der Turnierhof.

Er erkennt den Umriss des Königs. Er könnte zum Königsmörder werden, es wäre ein Einfaches. So viele würden sterben, auch seine Eigenen. In diesen Momenten wurde das Schicksal gemacht.

Bonham wendet sich um und entkommt durch das Fenster. Er lässt den Mann zurück, den er einst bewunderte und der einmal mehr war als nur sein König; sein Freund. Womöglich musste es so kommen — so, und nicht anders. Eine schicksalshafte Nacht wie diese sollte sie entzweien. Nun versucht Bonham dem Schicksal zu entkommen und frei zu sein, in allem, was er noch tun wird.


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