Autobahnen im Kopf
Für alle, die lieber neben der Straße fahren.
Autobahnen im Kopf
Für alle, die lieber neben der Straße fahren.
Es ist Ende August, aber noch genauso heiß wie im Hochsommer. Die Kinder haben wieder ihre erste Schulwoche (nach der Ferienzeit) und die Erwachsenen gehen stur ihren nine-to-five-Jobs nach. Der einzige Unterschied ist die zarte Bräune des Strandurlaubs, die sich auf ihren Wangen abzeichnet. Doch auch die wird in wenigen Wochen wieder der altbekannten Blässe des Vitamin-D-Mangels weichen. Ich stattdessen sitze zu Hause an unserem Küchentisch. Seit einer Stunde hatte ich mich keinen Millimeter bewegt. Nur das gelegentliche Blinzeln und herabkullern der zahlreichen Tränen, die ich vergossen hatte, ließen mich nicht wie eine Wachsfigur wirken. Vor mir lag der Umschlag, dem ich das zu verdanken hatte. Der Umschlag, der eigentlich mein Leben verändern sollte. Glücklicher machen sollte. Entspannter, freier und unbeschwerter. Er war der Freifahrtschein für mich aus diesem Haus, diesem Ort zu verschwinden. Studieren zu gehen, einige Stunden entfernt. Nicht zu weit, aber definitiv auch nicht zu nah an Zuhause. Neue Leute kennenzulernen und neue unvernünftige Dinge zu wagen, die ich hier nicht machen konnte, ohne dafür verurteilt zu werden. Doch statt all dieser Möglichkeiten, die mir eine Zusage für das Studium gebracht hätte, würde ich wohl weiterhin an diesem Küchentisch sitzen bleiben. Ich wusste nicht, wie oft ich die Zeilen auf dem unbefleckt, schneeweißen Papier gelesen hatte. >Es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Ihnen für das kommende Wintersemester keinen Studienplatz anbieten können<. Und so fahre ich wie so oft mit 200 km/h in meinen Gedanken auf den Autobahnen, die mein Gehirn durchstreifen. Ich war nicht gut genug, um genommen zu werden, obwohl ich so hart dafür gekämpft hatte. Ich hatte mich selbst vernachlässigt, meine Freunde und auch meine Familie. Ich schäme mich dafür, es ein weiteres Jahr nicht geschafft zu haben. Ein weiteres Jahr für etwas verschwendet zu haben, von dem ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich es überhaupt noch möchte. Zu schmerzhaft und zu häufig hatte ich Ablehnungen erhalten. Und von dieser Abfahrt der >Ich reiche nicht aus<-Autobahn, fuhr ich direkt auf die nächste. Der >Ich bin eine Enttäuschung<-Autobahn. Es war immer ideal für meine Eltern gewesen zu wissen, dass ich eines Tages Ärztin sein würde. Ein angesehener Beruf, der höchste Disziplin und Ehrgeiz erfordert, der mir ein gutes Leben ohne Geldsorgen ermöglichen würde… Die nächste Träne gleitet meine Wange hinunter. Ich möchte nicht mehr auf dieser festgefahrenen Autobahn fahren. Auf gar keiner mehr. Sie würden mich nur kaputt machen. Viel lieber würde ich jetzt durch die Felder meines Kopfes düsen. Einfache Felder ohne Verpflichtungen, ohne Wege und Gabelungen der Entscheidung. Nur ein Feld grenzenloser Möglichkeiten. Ob ich eine Ähre oder eine Blume zu spät abbiege, fällt nicht auf. Es ist nur ein Feld. Doch so lange es eure Navis, Ampeln und Straßen gibt, die mir vorschreiben, wie ich zu sein habe und welche Richtung ich einschlagen soll, kann ich nicht in meinem Feld der Freiheit fahren. Sondern nur auf den Autobahnen in meinem Kopf, die es mir fast unmöglich machen umzudrehen.
Und so ist es immer wieder Ende August und ich sitze an unserem Küchentisch.
~August, 2023 C.A.Loewe
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