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Weil das Leben nie perfekt ist und trotzdem funktioniert

Eigentlich wollte ich gestern einfach meinen zweiwöchigen Callcenter-Run starten. Ich brauche ein bisschen Zusatzgeld und da ist mein…

Sofia von der Finca Bogamino · 2026-05-19 15:36 · 2 claps · 4.2 min read
#perfektionismus #chaoss #alltag #costa-rica #leben
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Weil das Leben nie perfekt ist und trotzdem funktioniert

Eigentlich wollte ich gestern einfach meinen zweiwöchigen Callcenter-Run starten. Ich brauche ein bisschen Zusatzgeld und da ist mein Callcenter normalerweise die beste Anlaufstelle. Zuverlässig, einfach und praktikabel.

Aber dann kam das Leben dazwischen. Und das Leben macht selten höflich die Tür auf und fragt:

“Entschuldigung, dürfte ich Ihren Plan kurz durcheinanderbringen?” — Nein. — Es kommt eher mit tropischer Hitze, Stempeln auf einem Post-it-Zettel, einem Bagger, einer verschlafenen Tochter und einem Huhn, das eine French Press ermordet.

Gestern war ich in Cortez, ein Dokument besorgen. Allein das ist schon wieder so richtig Costa Rica-Life.

Du fährst mit dem Bus in die Stadt, dann lässt du dich zum richtigen Ort bringen. Aber dann haben die genau dieses Büro ausgelagert. Das Taxi ist schon weg.

Der Weg ist einfach, sagt man mir.

Immer geradeaus bis fast zum Schluss, dann zweimal rechts.

Kein Problem. Das schaffe ich.

Nach etwa 30 Minuten schnellem Gehen durch die immer stärker werdende Morgensonne wird mir langsam klar: Vielleicht ist das doch nicht ganz so nah.

Der Asphalt flimmert. Der Wind, der eigentlich erfrischend sein sollte, fühlt sich eher heiß und feucht an. Man kann kaum atmen.

Aber ich bin voller Energie.

Ich schaffe das.

Kann ja nicht mehr weit sein.

Irgendwann kommen mir Zweifel. Ich frage nach.

Nicht mehr weit.

Ok. Also durchhalten.

Endlich sehe ich das Gebäude. Klein und unscheinbar, aber frisch gestrichen.

Ein Wachmann öffnet mir die Tür in einen klimatisierten Warteraum.

Keiner da.

Nur ich, zwanzig Stühle und der Wachmann.

Und diese kühle Luft, die mich umfängt wie Wasser, wenn man in einen See springt. Es verschlägt mir fast den Atem. Aber auf eine angenehme Weise.

Noch klopft mein Herz schnell vom Laufen und der Hitze. Ich habe Durst. Ich schwitze. Ich bin überall nass. Meine Kleidung klebt an mir und ich klebe am Plastikstuhl.

Und irgendwann wird das besser.

Dann kommt tatsächlich eine Frau und bittet mich hinein.

Sie erzählt mir, dass ich gar nicht persönlich kommen muss. Dass ich das alles per E-Mail lösen kann.

Ok.

Also schreibe ich mit ihr zusammen die E-Mail auf meinem Handy und schicke sie ab, ich soll ein paar Tage für die Antwort einrechnen.

Nebenan soll ich noch einen Stempel kaufen und dann das mit der Antwort auf die Email zusammen zur Botschaft schicken für meinen neuen Pass.

Also gehe ich wieder raus und mich empfängt sofort wieder diese tropische Hitze.

Jetzt kommt sie mir noch heißer und schwerer vor als vorher.

Nebenan erwarte ich ein kleines Büro oder ein Fenster.

Aber da sind nur Pflanzen, dahinter ein Haus. Dunkel und still.

Ein paar Meter weiter höre ich jemanden zu einem Liebeslied aus dem Radio mitsingen.

Ich gehe hin.

Aber die Dame dort putzt nur gut gelaunt und weiß von nichts.

Weiter. Es ist heiß und hell. Der Asphalt ist kaputt, ich laufe über Löcher, Kies und Gras, das vertrocknet aus den Ritzen wuchert.

Da hinten sind wieder Häuser, und da hängt eine Costa Rica-Fahne an einem Zaun. Das muss es sein.

Ich laufe hin.

Ist weiter als gedacht und auch nur ein privates Haus. Aber dort weiß man Bescheid.

Ich soll zurückgehen.

Das Haus mit den Pflanzen ist es.

Ok.

Ich gehe zurück.

Dort fragt mich ein Mädchen, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, ob sie mir helfen kann. Ich frage nach den Stempeln.

Sie verschwindet im Dunkeln des Hauses. Ich stehe vor dem hohen Maschendrahtzaun in der Sonne und höre Stimmen.

“No sé…” — “Vaya…” — “Esto…”

Dann kommt sie wieder heraus. Mit einem Post-it-Zettel, auf dem Stempel kleben. 1000 Colones.

Ok.

Das war’s dann wohl.

Auf dem Rückweg hab ich Glück und es nimmt mich jemand mit. Er fährt auch nach Palmar von wo aus ich dann den Bus nach Hause nehmen kann. So spare ich mir ein paar Kilometer durch die unzwischen unbarmherzige Tropensonne.

Das Auto ist klimatisiert. Der Mann ist nett.

Er erzählt mir, was er beruflich macht, wie er heißt und dass er einen Sohn hat, der zur Schule geht und nichts lernt.

Ich erzähle ihm von meiner Tochter. Homeschooling findet er toll. Er fragt nach ihrer Schule.

Dann sind wir da.

Er lässt mich raus, wünscht mir Gottes Segen und ich ihm einen erfolgreichen Tag.

Am Abend komme ich verschwitzt und müde aber mit einer geschickten Email und Stempeln auf einem Post-it-Zettel auf der Finca an. Es ist bereits dunkel.

Und heute also endlich: erster Arbeitstag. Er beginnt um 6:00 Uhr früh.

Motiviert setze ich mich hin.

Eine halbe Stunde später:

Baggerlärm.

Nicht nur, dass ich jetzt nicht mehr telefonieren kann.

Ich stelle mit Entsetzen fest:

Die planieren das Nachbargrundstück. Eine Kuhweide, die ich irgendwann gerne gekauft hätte.

Die Bäume am Rand sind schon weg.

Meine Schattenpflanzen am Zaun stehen plötzlich in der Sonne.

Also rette ich noch schnell meine kleine Kuss-Pflanze aus dem Dschungel, bevor der Bagger Äste und Erdhaufen darüber schiebt.

Kaum bin ich wieder im Haus, merke ich: Irgendwas riecht komisch.

Mein Mann hatte begonnen zu kochen, ist aber jetzt beim Bagger helfen, Äste wegmachen.

Der Topf auf dem Herd kann das allein aber eher nicht.

Also rette ich schnell noch das Frühstück vor dem Anbrennen.

Dann sehe ich plötzlich meine Tochter verschlafen um die Ecke schauen.

“Wie spät ist es?”

Kurz vor neun.

“Oje! Ich muss in die Schule!”

Keine Zeit mehr, das Zimmer aufzuräumen. Keine Zeit fürs Bettmachen. Keine Zeit für Haare. Frühstück kann auch warten.

Hauptsache, rechtzeitig einloggen.

So sitzt sie jetzt im Pyjama auf meinem frisch bezogenen Bett, mit Haaren irgendwo zwischen Schlaf und Explosion, mitten im Chaos, und begrüßt ihre Klassenkameraden.

Und während ich die Splitter der French Press aufkehre, die ein erschrockenes Huhn von der Arbeitsplatte geschossen hat, denke ich plötzlich:

Früher hätte ich solche Tage als gescheitert bezeichnet.

Nichts lief wie geplant.

Kein richtiger Arbeitsbeginn.

Kein perfekter Morgen.

Keine ruhige Routine.

Aber wenn ich genauer hinschaue, stimmt das gar nicht.

Ein Dokument wurde organisiert.

Eine Pflanze wurde gerettet.

Das Essen ist nicht angebrannt.

Meine Tochter war rechtzeitig im Unterricht.

Und irgendwo zwischen Baggerlärm, tropischer Hitze und French-Press-Splittern war das Leben einfach Leben.

Vielleicht ist genau das der Fehler.

Vielleicht warten wir viel zu oft darauf, dass endlich alles perfekt läuft.

Und merken dabei gar nicht, dass es längst läuft.


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