Das alte Deutschland: Ende der Unschuld
Kapitel 97 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk
Das alte Deutschland: Ende der Unschuld
Kapitel 97 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Die soziale Kettenreaktion nach der atomaren: WMs schreibt ein brillantes Dokumentarspiel über den deutsch-amerikanischen Wettlauf zur Atombombe — und so gut wie niemand will es sehen (Illustration: Google’s Nano Banana Pro).
Vom Nerv der Zeit zu Zeiten, die einfach nur nerven
Am nächsten Nachmittag, dem 1. Januar 1990, rufe ich Wolfgang an und frage, ob er gut nach Hause gekommen ist.
„Na ja“, sagt er. „Ich bin dann doch noch zu dieser Botschaftsparty …“
Er sitzt schon wieder am Schreibtisch. Sein größtes historisches Projekt geht der Fertigstellung entgegen: „Die Bombe“, wie er sagt, wenn er darüber spricht. Der endgültige Titel lautet Ende der Unschuld. Über zwei Jahre hat Wolfgang recherchiert, wie es dazu kam, dass Hitler am Ende eben keine Atombombe einsetzen konnte. Wolfgang war im amerikanischen Princeton, im britischen Farm Hall und um die Ecke von der Klopstockstraße in der Dahlemer Thielallee. In dem Labor, das sich 1938 dort befand, spaltete Otto Hahn drei Tage vor Weihnachten zum ersten Mal einen Atomkern. Im Archiv der Freien Universität Berlin, schreibt Regine Sylvester, stieß Wolfgang auf Briefe an und von Lise Meitner. Als Jüdin hatte sie bereits nach Stockholm fliehen müssen. Hahn meldete ihr das ungeheure Ergebnis der jahrzehntelangen gemeinsamen Forschung zuerst.
„Damals kam ein Professor an seinen Tisch, nur um sich den Mann anzusehen, der die Briefe lesen wollte, für die sich zuvor niemand interessiert hatte.“
Als er sich zu diesem Thema entschloss, wich Wolfgang bewusst von seiner jahrzehntelangen Praxis ab, Themen zu behandeln, die in der Luft liegen. Das jedenfalls sagte er mir bei unserem allerersten Gespräch:
„Die Frage nach dem Nerv der Zeit, den ich so oft getroffen habe: Da muss ich sagen, es gibt auch Zeiten, deren Nerv mich einfach nicht interessiert. Dann erhole ich mich eben eine Weile vom Zeitgeist mit Dingen, die immer wichtig, aber nie so in sein werden — wie etwa jetzt mit meinem Zweiteiler über die deutschen Atomphysiker in den dreißiger und vierziger Jahren.“
Die Absicht, die Wolfgang verfolgt, hat die Neue Zürcher Zeitung zusammengefasst:
„Als deutsche Atomphysiker während des Krieges im Führerhauptquartier über den Stand der Nuklearforschung referierten, soll Hitler geäußert haben, es grause ihn, dass er dazu bestimmt sein solle, die Welt in einen glühenden Stern zu verwandeln. Warum ihm schließlich die Möglichkeit dazu fehlte, versucht das zweiteilige Fernsehspiel Ende der Unschuld darzulegen.“
Der Antagonist liegt richtig
Die Handlung beginnt am 6. August 1945, dem Tag, an dem die erste Atombombe abgeworfen und Hiroshima vernichtet wird. Zehn Männer in Turnkleidung treiben Sport im Freien — bewacht von britischen Soldaten. Bei der Aufteilung für ein Mannschaftsspiel erfahren wir die Namen. Es handelt sich um deutsche Wissenschaftler, allesamt Mitglieder des „Uranvereins“, unter ihnen der Entdecker der Kernspaltung Otto Hahn, der noch während seiner Internierung den Nobelpreis erhalten wird; Werner Heisenberg, der Physik-Nobelpreisträger des Jahres 1932, sowie Kurt Diebner, Leiter des nationalsozialistischen Atomprogramms. Alliierte Truppen haben die zehn Männer im Rahmen der Operation Epsilon in Deutschland aufgespürt. Nun werden sie auf dem idyllischen Landsitz Farm Hall in der Nähe von Cambridge festgehalten. In allen Räumen sind Mikrofone installiert. Ihre Bewacher können die vermeintlich privaten Gespräche der Wissenschaftler abhören und aufzeichnen.
Viele der Dialoge kann Wolfgang aus historischen Quellen fast wörtlich übernehmen, aus Verhörprotokollen, Briefen, Interviews. Dramaturgisch entwickelt er zwei Strukturelemente, ein horizontales und ein vertikales. Im Mittelpunkt der Handlung steht die horizontale Anordnung: der parallele „Wettlauf“ zwischen der deutschen und der amerikanischen Forschung, die erste Atombombe zu bauen. Auf der amerikanischen Seite kooperieren die beteiligten Wissenschaftler, überwiegend Europäer, die vor dem Faschismus geflohen sind, produktiv im Kampf gegen Hitler-Deutschland. Sie reflektieren und begründen ihr Handeln moralisch. Auf der anderen Seite, der nationalsozialistischen, intrigiert man gegeneinander, so perfide und rücksichtslos wie nur möglich. Als entscheidende Gegenspieler etabliert Wolfgang den Nobelpreisträger Heisenberg und den von ihm nicht ganz ernst genommenen NS-Parteifunktionär Diebner, der zwar Physik studiert, es aber nie zu einer Professur, geschweige denn zu einem Nobelpreis gebracht hat.

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Die Pointe dieses Konflikts, der die deutsche Forschung hemmt, wird zur zentralen Einsicht: Heisenberg irrte sich; die technische Lösung, die Diebner vorschlug, hätte zum „Erfolg“ führen können. Die deutschen Wissenschaftler haben die Atombombe nicht verhindern wollen. Ende der Unschuld tritt dieser Nachkriegsverklärung entgegen, die sich vor allem um die Rolle Carl Friedrich von Weizsäckers rankte — nicht zuletzt durch seine „Reinwaschung“ in Robert Jungks Fünfziger-Jahre-Bestseller Heller als tausend Sonnen. Von Weizsäcker und die anderen Mitglieder des Uranvereins sabotierten die Forschung jedoch nicht, weil sie keine Weltvernichtungswaffe in Hitlers Hände legen wollten. Sie sabotierten vielmehr sich selbst — aus Arroganz, Klassendünkel und gegenseitiger Verachtung.
Menschliche Atome
Die zweite vertikale Struktur demonstriert, wie es überhaupt zu diesem „Wettlauf“ kommen konnte. Wolfgang schildert diesen Teil der Handlung als soziales Gegenstück zu der physikalischen Kettenreaktion, um deren Kontrolle es beim Bau der Bombe geht. Die Experimente, die Lise Meitner und Otto Hahn jahrelang gemeinsam durchführten, lösten 1938 die erste Kernspaltung aus. Da Lise Meitner aus Berlin fliehen musste, entkommen auch die Neuigkeiten sofort dem Labor. Otto Hahn meldet den Erfolg seiner langjährigen Kollegin nach Stockholm. Meitners Neffe Otto Frisch informiert den dänischen Physiker Niels Bohr. Der geht auf Vortragsreise in die USA. Der emigrierte ungarische Physiker Leo Szilard, der 1933 das Konzept einer nuklearen Kettenreaktion entwickelt hat, hört einen der Vorträge. Die militärische Bedeutung der gelungenen Kernspaltung erkennt er sofort. Szilard besucht Albert Einstein und überzeugt ihn von der weltvernichtenden Gefahr einer deutschen Atombombe. Einstein kontaktiert den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt.
Der Rest ist Geschichte — und die narrative Logik kristallklar: Zu dieser Kettenreaktion von Berlin über Stockholm und Princeton nach Los Alamos wäre es kaum gekommen, hätten die Nationalsozialisten nicht Lise Meitner und die europäischen Wissenschaftler, die in den USA schließlich die Bombe bauten, ins Exil getrieben und auch dort noch durch Krieg bedroht. Um diese Logik ohne Ablenkung und in aller Deutlichkeit zu entfalten, verzichtet Wolfgang gerade auf das, was Reichshauptstadt — privat demonstrierte: den Alltag außerhalb der Labore, in dem der nationalsozialistische Terror tobt.
Für Ende der Unschuld hat Wolfgang in Norbert Schneider einen kongenialen Produzenten gefunden. Der frühere Fernsehdirektor des SFB ist jetzt Chef der Allianz-Film. Gemeinsam gewinnen sie den legendären Defa-Regisseur Frank Beyer. Zu seinen Meisterwerken gehören Spur der Steine (1966) sowie die Verfilmung von Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner (1974). Zuletzt hat Beyer nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase die Kriminalkomödie Der Bruch (1989) gedreht, eine deutsch-deutsche Ko-Produktion. Auch die Besetzung ist hochkarätig und gesamtdeutsch. Frank Beyer entscheidet sich unter anderem für Rolf Hoppe als Otto Hahn, Hanne Hiob als Lise Meitner, Jürgen Hentsch als Werner Heisenberg, Udo Samel als Kurt Diebner. Ulrich Mühe schließlich spielt die einzige fiktive Figur: einen CIA-Beamten, der die Wissenschaftler verhört und zwingt, sich mit ihren Haltungen und Handlungen auseinanderzusetzen.
Realisiert wird die aufwändige Produktion nicht nur in Berliner Filmstudios, sondern auch an den historischen Schauplätzen in Berlin, Großbritannien, den USA und dem schwäbischen Felsenstädtchen Haigerloch — wohin sich die Beteiligten am „Uranprojekt“ mit ihrem Forschungsreaktor bei Ende des Krieges flüchteten, in einen Keller unter der Schlosskirche.
Von Publikumserfolgen zum massenunwirksamen Lob der Kritiker
Die ARD sendet das zweiteilige Fernsehspiel im April 1991 jeweils um 20:15 Uhr. Die Vorausberichte und Kritiken sind enthusiastisch. Michael Schwelien etwa lobt in Die Zeit, Ende der Unschuld sei „das Spannendste, was der Sender seit Jahren produziert hat“. Der Spiegel erkennt gelungene „Gewissensforschung mit der Kamera“. Die Neue Zürcher Zeitung bewundert, wie der kammerspielartig inszenierte Zweiteiler „trotz der großen Anzahl der handelnden Personen transparent bleibt und das Milieu des deutschen Wissenschaftsbetriebes intelligent wiedergibt“. Lediglich Reinhard Lüke bemängelt in der taz die Konzentration auf die akademische Blase der Atomwissenschaftler:
„Indem der Film durch gelegentliche Sprünge über den Atlantik zwar richtigerweise betont, dass es ohne diese deutschen Forscher auch die amerikanische Atombombe nicht gegeben hätte, aber gleichzeitig den Nationalsozialismus weitgehend außen vor lässt, legt er den fatalen Schluss nahe, es habe unter dem Aspekt der Moral kaum einen Unterschied gemacht, ob man nun in Los Alamos oder in Berlin an der Bombe arbeitete.“
Für Wolfgang ist das eine neue Erfahrung, wie er spöttisch sagt: Seit Jahrzehnten ist er es gewohnt, dass die Kritiker seine Werke verreißen, das Publikum aber massenhaft zuschaltet und begeistert reagiert. Nun ist alles plötzlich umgekehrt. Der Zweiteiler findet kaum Zuschauer.
„Die Einschaltquote lag nur bei drei Prozent“, sagt Wolfgang rückblickend — wenn auch sicher dramatisch übertrieben. „Ich hatte mir davon schon mehr versprochen. Ich hatte an diesem Ding zwei Jahre gesessen. Aber hinterher hat das keine Sau interessiert.“
Dafür aber erntet Ende der Unschuld viel kritisches Lob und wird für zahlreiche Preise nominiert, unter anderem den internationalen Emmy Award. Bis heute fasziniert der Zweiteiler; nicht zuletzt im Vergleich zu Christopher Nolans — in vielerlei Hinsicht historisch komplementären — Spielfilm Oppenheimer. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste zeichnet Drehbuchautor und Regisseur mit dem Fernsehspielpreis aus. Frank Beyer erhält im selben Jahr für sein Lebenswerk das Filmband in Gold des Deutschen Filmpreises.
Das ist alles schön, aber für Wolfgang nicht gut genug. Er beschließt, seine Erforschung der deutschen Geschichte auszusetzen. Die unmittelbare Gegenwart ist in diesen frühen Tagen der deutschen Wiedervereinigung spannend genug. Denn das vielberufene „Zusammenwachsen“ von West und Ost gestaltet sich mit jedem Tag mehr als eine Annäherung, bei der es knallt. Wolfgang will noch einmal auf die alte Pauke hauen, so laut und heftig wie möglich. Auf dass das Publikum vor den Bildschirmen klebt.
Seine Grundidee ist ebenso einfach wie einschlagend: Alfred der Dritte.
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Englische Fassung auf Medium:
Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

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