Der Hidalgo in Toledo
Von Rudolf Hirsch

Originalillustration von Lea Grundig
Der Hidalgo in Toledo
Von Rudolf Hirsch
Aus der DDR-Zeitschrift Das Magazin, Nr. 12/Dezember 1973 (mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers Rainer Rupp)
Er begleitet mich, der Ritter von der traurigen Gestalt, Don Quijote von la Mancha. Er ist immer da, er spricht zu mir, pausenlos, zu mir, dem Touristen, der Sprache des Landes Unkundigen.
In La Mancha habe ich ihn getroffen, dieser öden, kahlen Ebene südlich von Madrid, ihn, den hageren Mann mit seinem schütteren grauen Bart, auf der Rosinante, in der Nähe von Consoggra. Auf den Hügeln eine Kette von kleinen Windmühlen.
„Wie man mich hier behandelt.“
„Hidalgo, welch eine Freude, Sie bei mir zu haben.“
„Nennen Sie mich bitte nicht Hidalgo.“ Don Quijote bekam einen noch traurigeren Ausdruck. Seit man hier jetzt unter diesem edlen Namen ein Aftershave, ein Rasierwasser, verkauft, kann ich das nicht mehr hören. Die Zeit der echten Hidalgos ist vorbei, mein Freund. Wir sind alles Señores. Schon immer bin ich mißverstanden worden“, klagte er. „Selbst mein Biograph, Don Miguel de Cervantes Saavedra, hat nichts begriffen, hat meine Absichten verkannt. Ein Mann von geringerer Herkunft, ein Abenteurer, ein Kammerdiener sogar, ein einfacher Soldat. Er hat ja in vielen Kriegen für die spanische Krone gekämpft, wurde von maurischen Korsaren verhaftet, lange Zeit in Algier eingekerkert.
Damals, als er diese unnützen Kriege führte, habe ich gegen die spanischen Windmühlen gekämpft. Hier im Lande. Überall Windmühlen. Ich wollte sie ersetzen durch bessere Mühlen, durch Wassermühlen, wie es die Mauren uns gezeigt hatten. Heute, da man elektrische Mühlen überall hat, auch in Spanien, werden mir nun zum Ärger völlig unnötige Windmühlen hingesetzt, für die amerikanischen Touristen zum Fotografieren. La Mancha muß eben Windmühlen haben.“
Er sprach viel zu mir, dieser edle, närrische Ritter, dieser Hidalgo mit den edlen Absichten. „Kommen Sie mit nach Toledo“, sagte er. „Hier schlägt das Herz Spaniens. Das Herz ist nicht in Madrid. Toledo, das war den großmächtigen Habsburgern, diesen fremden österreichischen Königen, zu klein, diese Stadt, hoch auf dem Felsen gebaut, vom Tajo umflossen.
Natürlich heute als Hauptstadt unmöglich, kein großes amerikanisches Auto kann durch Toledo fahren. Sie kommen nicht durch, sie bleiben in den engen Gassen stecken. So müssen die Amerikaner einmal zu Fuß gehen.
Obwohl sie angeblich Christen sind, stülpen sie sich maurische Tarbusche auf das Haupt und beleidigen uns. Oh, wie ich sie hasse. Die entdecken jetzt Spanien, den Prado, die Künste. In Wirklichkeit haben wir sie entdeckt, und diese Entdeckung hat Spanien vernichtet.
Ja“, so klagte er weiter, „wir haben die Mauren und die Juden vertrieben, als unser Columbus Amerika entdeckte. Das waren zwei Unglücke in einem Jahr. Unsere Könige haben dort Güter verschenkt an die Feldherren, die Gold fanden. Immer nur Gold. Alles Gold der Welt und alle Güter der Welt. Und was haben sie bekommen? Ganz Amerika haben wir verloren. Und dazu Spanien. Hier haben wir den Handel und das Handwerk vernichtet, mit den Mauren und den Juden. Wir haben die Welt erobert, beherrscht, und Spanien verloren. Kommen Sie mit“, sagte der Ritter von der traurigen Gestalt, „und sehen Sie sich an die Synagoge del Transito, die Synagoge des Übergangs. Eine von den sechs Synagogen, die Toledo früher hatte. Sie ist heute noch die schönste Synagoge der Welt, ein Museum. Kunsthandwerk gibt es hier, nur vergleichbar mit dem maurischen Königsschloß oberhalb Granadas, unten in Südspanien, in Andalusien. Mit der Vertreibung der Mauren und der Juden war die Kunst in diesem Lande gestorben.“
„Das ist doch nicht wahr, Don Quijote. Sie haben später auch große Maler gehabt, el Greco, Velasquez, Goya.“
„Goya, ja, das ist die Ausnahme, Sie wissen nur zu gut, ich übertreibe immer, wenn ich vom Tod der Kunst und dem Tod von Spanien spreche. Goya war ein Maler, er hat das spanische Elend gemalt und die fremden Habsburger Könige so dumm und so häßlich, wie sie waren, in all ihrer Pracht. Ganz Spanien konnte sehen, wie sie wirklich aussahen, und ganz Spanien hat über sie gelacht.“
„Aber heute”, so fragte ich ihn, „soll doch Spanien wieder ein Königreich werden.“
„Schweigen Sie, schweigen Sie! Das hört die heilige Bruderschaft. Diese Polizei, wie Sie es nennen, ist nicht gestorben, die hat mich überlebt. Zu meiner Zeit trugen sie Helme, heute Lackhüte. Wie viele Uniformen gibt es heute, ich kenne sie nicht alle. Und sehen Sie, diese mit den kleinen Lacktäschchen und den langen Säbeln sind die Offiziere der Armee. Ja, die Degen von Toledo, fein ziseliert, ein Erbstück der Mauren in Toledo. Aber was will man heute mit Schleppsäbeln. Museumsstücke, alles ein Museum. Ganz Spanien“, klagte der Hidalgo. „Aber kommen Sie erst einmal in die Kirche Sankt Tom, ich muß mein Morgengebet verrichten.“ Und er ging in die prächtige Kirche, kniete nieder. Eine Wand war zugehängt.
„Was ist hinter der Wand?“ fragte ich ihn, nachdem wir aufgestanden waren.
„Seien Sie still, fragen Sie nicht, ich erkläre es Ihnen draußen.“ Vor der Tür sagte der Hidalgo: „Auch ein Museum. Jetzt von acht bis elf Uhr ist die Kirche ein Haus Gottes, jedermann, der will, kann hier sein Gebet verrichten. Dann aber ist die Kirche zugeschlossen, und nach elf Uhr kommen Sie nur gegen Eintritt hinein. Und dann, um elf Uhr, wird das große Bild enthüllt für die Touristen.“
Wir kamen wieder um elf Uhr, wir zahlten und sahen: Den Tod des Grafen Orgaz von el Greco. „Da sehen Sie die Kunst dieses Herrn, diesen riesigen Schinken. Dieser el Greco ein Spanier? Sie wissen, el Greco heißt der Grieche. Ein Grieche aus Kreta. Sein wirklicher Name unwichtig. Nur die Wissenschaftler kennen ihn heute noch. Dieser Graf Orgaz hat zwar zweihundert Jahre vor el Greco gelebt. El Greco hat ihn nie gekannt. Er soll die Kirche gestiftet haben. Dann ließen seine Erben bei diesem Griechen das Bild malen. Wie schön der Tod ist, und er wird dargestellt in einer prächtigen Uniform des spanischen Granden. Neben ihm der Kardinal, Erzbischof von Toledo, ist selbst anwesend und die ganze Familie. Alle Notabeln von Toledo stehen herum und sehen zu, wie der Graf stirbt. Selbst die Dicken haben alle lange, schmale Gesichter, Ich kannte sie alle, sie sahen nicht so und so edel aus, wie el Greco sie gemalt hat. Den alten Graf Orgaz haben sie auch nie gekannt. Aber das Bild hat sie begeistert. Der ganze Himmel hatte sich aufgetan. Der liebe Gott ist kleiner als der Graf Orgaz, ist kleiner als die ganzen Notabeln von Toledo. Und der ganze Himmel, der liebe Gott, die Jungfrau Maria, der Petrus, die Heiligen, alle sind versammelt, nur um die Seele des Grafen in Empfang zu nehmen. Sehen Sie, das nennt man Kunst. In Wirklichkeit ist es Gotteslästerung, ist es Prostitution. Aber so muß man malen, dann bekommt man von der Inquisition auch ein Haus. Sie nannten es bei sich im Lande arisieren. Das Haus, das el Greco bewohnt hat, nicht weit hier von der Kirche, gehörte einem reichen jüdischen Kaufmann. Noch heute ist el Greco berühmt und wird gelobt. Und wer das Bild sehen will und das Haus des el Greco, muß Eintritt zahlen.“
„Aber in allen Kunstgeschichten wird doch el Greco gelobt. Er konnte doch malen.“
„Das ist das Schlimmste. Er konnte malen, aber er hat die Kunst mißbraucht. Alle malte er in Verzückung, den Heiligen Lukas und den Heiligen Petrus und die ganze Apostelschar. Das sind keine Fischer und Tischler und Bauern, wie sie wirklich waren, das sind Narren mit verdrehten Augen. Aber leise, leise — die heilige Bruderschaft.“
„Ach, lieber Don Quijote“, sagte ich zu ihm, „schrecken Sie mich nicht mit der heiligen Bruderschaft, die gibt es doch gar nicht mehr. Kommen Sie zum Beispiel mit mir an die Buchstände hinter dem Prado. Dort können Sie alles kaufen, was Sie wollen. Sogar Karl Marx und Friedrich Engels auf spanisch.“
Der Hidalgo seufzte. „Erklären Sie mir nicht mein Spanien, Sie, ein Tourist, der nicht einmal spanisch kann. Jetzt gibt sich Spanien weltoffen. Sie können sogar in den Buchhandlungen Bücher über die Schrecken von Hitlers Konzentrationslagern kaufen. Aber Spanien ist tot. Es gibt ja überall Fandangotänze, Stierkämpfe und Zigeunerhöhlen. Reklamezigeuner und Carmen in der Konserve. Wenig Spanier gehen noch zu Stierkämpfen, das weiß ich besser, Real Madrid interessiert sie mehr.“
„Aber am Abend habe ich selbst in einem kleinen Café in Toledo gesehen, da tanzten Studenten, Jungen und Mädchen in Blue Jeans Fandango, und einer spielte spielte Gitarre. Und sie winkten mich hinein, sie luden mich ein, ich solite zu ihnen kommen, mich, den Touristen.“
„Ja, es lebt ein Spanien, ein verborgenes, ein heimliches. Es zeigt sich nicht jedem, es zeigt sich nur dem, der Spanien wirklich liebt. Kommen Sie mit mir nach Madrid, in die Ciudad Pegaso.“
„Pegasus, hat das etwas mit Dichtern zu tun und dem geflügelten Pferd?”
„Sie sind ein Träumer, nicht ich“, sagte Hidalgo. „Sie sehen nichts. Pegasus, das ist nicht das geflügelte Pferd der Dichter und Poeten, das ist unser Lastwagen, den wir in großen Mengen herstellen. Und Ciudad Pegaso ist die Vorstadt, in der die Arbeiter der Lastwagenfabrik wohnen, eine moderne Siedlung, eine schöne Siedlung, in Ziegel gebaut. Kein Elendsviertel.
„Aber die Wände, wie sehen sie aus? Alle beschmiert von einer Hand und dann von einer anderen.“
„Ja“, sagte Don Quijote, „hier malen die einen — das wirkliche Spanien — ihre Wünsche und Hoffnungen nachts an die Wände, und am Tag kommen welche — das andere Spanien — und schmieren sie wieder zu.“ Und leise fügte er hinzu: „Das andere, das ist die heilige Bruderschaft.“
Er hat mir die Augen geöffnet, dieser Weise in der närrischen Gestalt. Von nun an sah ich mehr als Landschaft, mehr als Kunst, mehr als Gemälde.
Ich sah die vielen Invaliden am Rande der Straßen, an den Märkten der Städte. Kämpfer des Bürgerkriegs.
Dort stehen sie überall, unübersehbar. Sie verkaufen Lose, einen anderen Erwerb haben sie nicht. Geschlagene, Gezeichnete. Dankbar erwidern sie den Gruß des Fremdlings, mehr nicht.
Zum Abschied traf ich ihn noch einmal, den weisen Ritter, und er sagte mir: „Komm wieder, mein Freund, in einigen Jahren, aber lerne Spanisch. Dann wirst du uns verstehen, unser stolzes Land voller Geheimnisse, voller Geschichten und voller Geschichte. Ein Land mit Pegasus, mit Dichtern, Poeten und Lastwagenfabriken. Ein Land der Kämpfer. Ein Land, in dem es viele Esel und Maulesel gibt, die schwere Ziegel zum Bau schleppen. Ein Land voller Rosinanten, voller rotem Gestein und blutender Erde. Ein Land der Inquisition und der heiligen Bruderschaft.“
Also ein grausames Land? „Nein, Fremdling und Freund, ein herrliches Land, ein starkes Land. Ein Land, in dem Inquisition und heilige Bruderschaft sind, weil hier ein aufbegehrendes Volk lebt, ein Volk, das mich sicher immer verstanden hat, schön und wild, klug und freundlich.“
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- 2026-07-24 19:31:54