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Der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen

Der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen

Sofia von der Finca Bogamino · 2026-05-05 03:56 · 1 claps · 3.5 min read
#selbstversorgung #landwirtschaft #lernen #costa-rica #nachhaltigkeit
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Der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen

Der Unterschied zwischen Wissen und Verstehen

In Costa Rica schenkt man sich Pflanzen. Immer. Man besucht jemanden, bringt Ableger mit, geht mit Setzlingen nach Hause. Das ist einfach so. Ich liebe Pflanzen. In Deutschland habe ich alles zum Wachsen bekommen — wirklich alles. Grüner Daumen, sagten alle.

Und hier? Fast nichts gedieh. Was ich geschenkt bekam, ging ein. Immer wieder. Es war mir fast schon peinlich.

Jahre lang haben wir Pflanzen gesetzt. Empfehlungen bekommen, befolgt, gescheitert. Neue Empfehlungen, neues Scheitern. Mein Mann kommt aus der Landwirtschaft. Ich mit meinem grünen Daumen. Wir sind keine Anfänger.

Und trotzdem: Die Avokados wurden nicht reif. Die Mangos ließen ihre Früchte fallen, bevor sie fertig waren. Das tolle Schnittgras, das bei unserem Bekannten so üppig wuchs — hier: nichts. Der Kakaobaum mit der weißen Schokolade, ein spezielles Geschenk, eine Rarität — eingegangen.

Dabei war ich sicher, diesmal alles richtig gemacht zu haben. Denn wir haben dazugelernt. Früher haben wir einfach gepflanzt — wie man das so macht, 500 Meter weiter unten. Erde auf, Pflanze rein, Erde drüber, fertig. Vielleicht noch etwas Kalk oder Wasser. Hat aber bei uns hier nie funktioniert.

Also haben wir angefangen mit Biochar. Kalk ins Loch, Blätter in die Erde mischen, dick mulchen. Ja, es wurde besser — die Pflanzen sind langsamer gestorben. Aber am Ende waren sie trotzdem tot.

Denn in den letzten 6 Jahren, da ist ja nichts wirklich gut gewachsen. Die Yuca — ein robustes Zeug. Nicht totzukriegen. Hier? Mickrig, ertraglos. Schnittgras — unglaublich, wie schnell das wächst und eine wichtige Futterquelle für Rinder. Bei uns bleibt es monatelang klein und schmächtig. Geht vorzeitig in die Blüte. Obstbäume — alle krank, schwach und klein. Das Gras, Toledo, eine robuste und schnelle Grassorte, hat lang funktioniert, aber dann kam ein etwas schlechteres Jahr — und wir standen ohne Futter für unsere Kühe da.

Wir hatten Erklärungen. Der Boden ist erodiert. Zu lehmig. Ausgelaugt. Falsch gesetzt. Falscher Zeitpunkt.

Alles stimmte. Und nichts erklärte wirklich, warum es SO schlimm war. Drei Höfe weiter, zehn Minuten Autofahrt — da wächst die Yuca, die Avokado, das Gras. Alles, was bei uns nicht funktioniert. Eine andere Welt, zum Greifen nah. Aber warum?

Dann, beim Recherchieren für mein Buch, fand ich eine unscheinbare Information: Die Avokadosorte, die wir haben, ist für “bis zu 1000 Metern” gedacht.

Wir sind auf 1350 Metern.

Das wussten wir immer. Aber es war eine Zahl. Keine Erklärung.

Plötzlich fügte sich alles zusammen. All die Empfehlungen kamen von Leuten, die 300, manchmal 500 Meter tiefer wohnen. Die Pflanzen, die ich geschenkt bekam — alle von weiter unten. Eine andere Welt. Ich war nicht schlechter geworden. Die Pflanzen passten einfach nicht hierher.

Die Hortensien — die sind toll geworden. Die passen hierher.

Wir sind der letzte Hof unterm Nationalpark. Höher ist nur noch ein Nachbar — und der hat Kühe. Andere als die im Tal, wohlgemerkt. Wir haben auch Hochgebirgsrassen geholt, weil wir dachten, wir sind hoch. Sind wir nicht. Zu hoch für das, was die Region macht. Zu tief für echte Spezialrassen. Irgendwo dazwischen.

Und für dazwischen gibt es keine Empfehlungen — zumindest keine, die wir erreichen können. Menschen auf ähnlicher Höhe gibt es sicher. Aber nicht in unserer Region, nicht in unserem Alltag. Zu weit weg, um einfach mal zu fragen.

Die anderen Nachbarn auf unserer Höhe? Die gibt es. Aber die bauen Kaffee mit Chemie. Damit kriegt man alles zum Wachsen, egal ob es will oder nicht. Das ist Cheaten. Wir wollten aber ohne Chemie arbeiten. Also mussten wir wirklich verstehen, was hier oben geht — und was nicht.

Die Zahl 1350 war immer da. Aber sie war nur eine Zahl.

Bis sie eine Erklärung wurde.

Und das ist der Moment, über den es sich lohnt nachzudenken — nicht nur in der Landwirtschaft. Wie viele Zahlen, Fakten, Informationen tragen wir mit uns, die wir wissen aber nicht verstehen? Die erst zur Erkenntnis werden, wenn wir tief genug eintauchen — durch einen Misserfolg, durch eine Frage, durch das Schreiben?

Manchmal sitzt man genau zwischen allen Kategorien. Zu hoch für die einen, zu tief für die anderen. Zu urban für die Landleben-Ratgeber, zu ländlich für die Stadtmenschen. Zu Anfänger für die Experten, zu erfahren für die Anfängertipps.

Dann helfen keine Empfehlungen mehr. Dann muss man selbst schauen.

Inzwischen bauen wir Liberica und Geisha an. Kaffeesorten, die zu unseren Bedingungen passen — zur Höhe, zum Boden, zu unserer Art zu arbeiten. Und es klappt.

Die Obata, die wir vor 2 Jahren gepflanzt haben? Bin ich noch unsicher. Sie ist eine Sorte, die für Dünger, Pestiziden, Fungiziden gemacht wurde — und ohne das ist sie langsamer, kleiner, anfälliger. Sie muss hier zurechtkommen, ohne die Bedingungen, für die sie gedacht wurde.

So wie wir.

Auch wir mussten erst verstehen, wo wir wirklich sind. Ich bringe europäisches Wissen mit, das hier oben nicht wirklich passt. Mein Mann kennt costaricanische Landwirtschaft — aber vom Tiefland. Wir sind beide Experten. Und beide Anfänger. Gleichzeitig.

Wissen ist, die Höhe zu kennen.

Verstehen ist zu wissen, was sie bedeutet.

Ach ja — das Buch, das mich auf diese Erkenntnis gebracht hat? Das schreibe ich gerade selbst. Ein Ratgeber für Selbstversorgung in den Tropen. Bald in meinem Shop: www.fincabogamino.com/shop


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2026-07-11 06:12:03