Mit den Toten leben
Kapitel 109 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk
Mit den Toten leben
Kapitel 109 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Trauminsel in der Großstadt: Nach dem Abschied von Sylt holt sich Wolfgang einen Hauch von Nordseestrand in seinen Berliner Garten (Illustration GPT-Image-2)
Wenn die Freunde gehen
1979, im selben Jahr wie Wolfgangs Mutter, stirbt auch Sefton Delmer, 75-jährig. Nach dem German News Service hat er als Chefreporter für den Daily Express gearbeitet, bis er über eine Spesenabrechnung gefeuert wird. Er zieht sich aufs Land zurück und schreibt Bücher. Delmers zweibändige Autobiographie hat mir Wolfgang mehrfach ans Herz gelegt.
1980 aber geschieht es — Wolfgang verliert den ersten engen Freund, der seiner eigenen Generation angehört: Conny Ahlers. Nach acht Jahren als SPD-Bundestagsabgeordneter gerade zum Intendanten der Deutschen Welle gewählt, erliegt er mit nur 58 Jahren unerwartet einem Kreislaufversagen. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, als Wolfgang in seinen Sechzigern ist, geht es dann Schlag auf Schlag: 1985 Karl-Heinz Wocker, 57 Jahre alt; 1986 Helmut Qualtinger, 57 Jahre alt; 1989 Denys Corley Smith, 66 Jahre alt und im selben Jahr Wolfgang Neuss, 65 Jahre alt.
Am tiefsten aber trifft Wolfgang die tödliche Krankheit von Hanns Joachim Friedrich. „Die einzige Wärme, die Menge abgibt, ist die Reibungswärme. Er sucht die Konfrontation — und er ist ein Mann, der enormer Loyalitäten fähig ist“, hat Friedrichs vor vielen Jahrzehnten einmal Wibke Bruhns zu Protokoll gegeben. Jetzt sind Wolfgang und er gerade zerstritten, worüber auch immer, als Hanns seine Lungenkrebsdiagnose erhält. Wolfgang schreibt ihm einen Brief:
„Dass ich täglich oft an Dich denke, muss ich hoffentlich nicht betonen, ebenfalls nicht, wie sehr ich es bedauere, dass sich unsere Freundschaft so seltsam entwickelt hat. Ich habe lange gegrübelt, was tatsächlich die Ursache für alles war. Inzwischen habe ich das aufgegeben. Es ist wohl auch nicht mehr so wichtig. Ich habe mich damit abgefunden, lediglich ständig von Kindern, Ehefrau und Freunden über Dein Befinden unterrichtet zu werden, anstatt Dich besuchen zu können und selbst mit Dir zu sprechen. Was soll ich sagen. Vielleicht noch, dass ich mich freuen würde, wenn es Dir gelingen könnte, hin und wieder an die unzähligen Stunden zu denken, in denen wir so viel Spaß miteinander und aneinander hatten. Ich denke jedenfalls sehr oft daran.“
Im März 1995 stirbt Hanns Joachim Friedrichs mit 68 Jahren. Zwei Jahre später Jurek Becker 59-jährig. 1999 Ulrich Schamoni, ebenfalls 59 Jahre alt. Im selben Jahr Will Tremper mit 70 Jahren und Heinz „Ekel Alfred“ Schubert 73-jährig. 2004 Peter Märthesheimer mit 66, 2005 Peter Boenisch mit 78, 2007 Jürgen Roland mit 81 Jahren.
Einmal hat Wolfgang ein Porträtfoto von Boenisch auf dem Bildschirm, als ich ihn besuche. Es muss Anfang 2008 gewesen sein.
„Der hatte auch eine jüdische Mutter“, sagt Wolfgang. „Die war aus Odessa.“
Ich erkundige mich nach der roten Wolljacke. Sie ist lange schon aufgetragen.
Überlebende und Neuankömmlinge
„Wer lebt denn noch, aus deiner Generation?“, frage ich. Besonders feinfühlig sind wir nie zueinander.
„Nicht mehr viele“, grinst Wolfgang
Er hat Mühe, Namen zu nennen. Die meisten, die ihm einfallen, wird er überleben: Richard Gruner — 2010; Reinhart Müller-Freienfels — 2010; Christian Kracht — 2011.
Doch gleichzeitig haben den Teil der Weltbühne, den Wolfgang bespielt, auch neue Charaktere betreten: 1998 die Enkelin Antonia, 2005 Luise, 2007 Paul, 2010 Friederike. Wolfgang liebt die neuen Menges. Auf seine Art. Als im Frühjahr 1998 David zum ersten Mal Vater wurde, hat Wolfgang mir geschrieben:
„Dass ich Opa geworden bin, habe ich Dir hoffentlich schon mitgeteilt. Die Kinder wollen immer, dass ich jetzt nach Gifhorn fahre. Aber da Babys alle gleich aussehen, habe ich ihnen mitgeteilt, dass ich gern hier mal ins Krankenhaus fahre und mir da ein Baby ansehe. Damit wollen sie sich aber nicht zufriedengeben.“

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version
In den folgenden Jahren schauen wir, wenn ich ihn besuche, auf seinem Monitor auch mehr und mehr Bilder von Menschen, deren Leben erst beginnt. Manchmal sind sie auch auf Sylt.
Abschied von der Trauminsel
Im August 2008 fahren wir gemeinsam dorthin. Wolfgang hat uns, Elke, unsere beiden Kinder und mich, seit vielen Jahren eingeladen. Doch wir sind nie gekommen. Denn der Sommer gehört Arizona. Nun aber kann er nicht mehr allein in dem Sylter Haus sein. Also nehmen wir seine Einladung an. Wolfgang ahnt, dass es einer der letzten Aufenthalte auf seiner Trauminsel werden könnte. Tagelang ist er denkbar schlechtester Laune. Zumal das Wetter regnerisch ist, und ein seit letztem Jahr stark gewachsener Ast den Satellitenempfang unmöglich macht. Marlies, die sein Verhalten aus der Berliner Ferne verfolgt, befürchtet, es könne zwischen Wolfgang und mir knallen wie Jahre zuvor zwischen ihm und Hanns.
Elke und ich kontern die missgelaunten Attacken mit Lachen und Sprüchen, die noch dümmer sind als seine. Unsere beiden Söhne aber, 14 und 11 Jahre alt, die ihn seit Jahren kennen und lieben, haben Angst vor ihm in diesen Tagen. Wolfgang ist in einer Krise, wie ich sie bei ihm noch nicht erlebt habe. Ich spüre, er will eine Entscheidung, eine existentielle.
Dann, endlich, nach drei, vier Tagen, klart das Wetter auf, und wir machen uns auf den Weg zur Buhne 31, dem ältesten Nacktbadestrand Sylts. Von ihm schwärmte Wolfgang schon in den Briefen, die er in den 1950er Jahren aus Asien schrieb. Er will ihn uns unbedingt zeigen, seine Vergangenheit teilen.
Starker Wind bläst uns ins Gesicht und auf alle nackten Körperteile. Elke und ich stützen Wolfgang links und rechts auf dem Weg ins Wasser. Doch die Wellen sind hoch und stark. Zu stark schon für meinen 53-jährigen Gelegenheitsschwimmer-Geschmack. Doch so weit, dass ich um mein Leben fürchten müsste, kommen wir gar nicht. Wolfgang ist 84 Jahre alt und leidet unter den Folgen von Herzinfarkt und Schlaganfall. Er verliert den Halt, kaum dass die Wellen unsere Knie erreichen. Er versucht es, er kämpft, wir stützen ihn, so gut wir können. Es reicht nicht. Wir schwanken alle drei und drohen zu fallen. Wolfgang flucht. Und flucht.
Dann dreht er sich um und macht sich unwillig von uns los. Mit aller Kraft und ziemlich aufrecht geht er allein aus dem Wasser. Er hat sich entschlossen. Man sieht es ihm an. Er geht ein für alle Mal, wie er es immer getan hat. Sylt ist nichts mehr für ihn. Über dem Abschied der nächsten Tage liegt eine unendliche Traurigkeit. Aber Wolfgang ist nicht mehr wütend. Irgendwann wird das Haus, das er sich 1964 baute, verkauft. Er spricht kaum davon. Und wenn, dann darüber, dass Sylt nicht mehr die Insel ist, in die er sich in den späten 1940er Jahren verliebte.
Der letzte Sommer
Die nächsten drei, vier Jahre gehen dahin, wie Jahre halt verfliegen. Ich bin mehr als früher in Köln, fast jede Woche von Sonntag bis Donnerstagabend. Der Grund ist ein zweiter Job: Zusätzlich zu meiner Professur an der Filmschule gründe ich mit meinem Kollegen Björn Bartholdy an der TH Köln das Cologne Game Lab — Theorie und Praxis digitaler Spiele. Alle zwei, drei Tage telefonieren oder mailen Wolfgang und ich. Er ist neugierig, was ich da treibe.
„Wie geht‘s denn so?“, schreibt er. „Hier fast so gut wie oft. WM.“
Elke fährt mit ihm jede Woche Lebensmittel einkaufen, und ich besuche ihn, so oft ich kann.
„Ich habe immer Zeit für Dich“, beantwortet er meine Frage, ob ich zu einem bestimmten Termin kommen kann. „Zu Besuch ist allerdings Jakob und dessen Sohn August oder Franz oder auch Paul. WM.“
Meist sitzen wir dann nebeneinander an seinem Schreibtisch und schauen alte Fotos an oder shoppen online. Am Ende aber verblüfft er mich mit einer letzten Anschaffung:
Am 30. Juni 2012, einem flirrenden Zehlendorfer Sommertag, sind wir verabredet, um uns bis zum Herbst zu verabschieden. Elke und ich fliegen, solange die Berliner Schulferien währen, mit den Kindern auf unsere Ranch in Arizona. Wie immer sind die Pforte und die Haustür zur Klopstockstraße 19 unverschlossen. Wir gehen durch das Wohnzimmer in den Garten.
Und da sitzt Wolfgang — in den Polstern eines funkelnagelneuen Strandkorbs. Sylt in Berlin-Zehlendorf.
„Na?“, grinst er.
„Klasse“, sagt Elke.
„Was ist mit deinem Altersruhesitz?“, frage ich und deute auf die verwaiste Bank am anderen Ende des Gartens.
„Zu weit weg“, sagt er. „Und zu hart.“
Ich setze mich neben ihn, und Elke macht ein Foto von Wolfgang und mir.
Das letzte.
***
Vorheriges Kapitel: 108 Gold im Garten
Nächstes Kapitel: **110 Ein Auge weint**
Englische Fassung auf Medium:
Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version
메타데이터
- post_id
- a669ced61d9c
- slug
- mit-den-toten-leben-a669ced61d9c
- url
- https://medium.com/@gundolffreyermuth/mit-den-toten-leben-a669ced61d9c
- canonical_url
- https://medium.com/@gundolffreyermuth/mit-den-toten-leben-a669ced61d9c
- author_url
- https://medium.com/@gundolffreyermuth
- status
- ok
- fetched_at
- 2026-06-21 19:25:17