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Offene Ganztagsschule, Last oder Chance?

“Der flächendeckende und bedarfsgerechte Ausbau von Ganztagsangeboten für Schülerinnen und Schüler ist ein vorrangiges Ziel der Bayerischen…

Jonas Butz in shapeschool · 2017-10-13 19:37 · 0 claps · 4.5 min read
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Offene Ganztagsschule, Last oder Chance?

“Der flächendeckende und bedarfsgerechte Ausbau von Ganztagsangeboten für Schülerinnen und Schüler ist ein vorrangiges Ziel der Bayerischen Staatsregierung und stellt einen wesentlichen Beitrag zur zukunftsorientierten Weiterentwicklung des bayerischen Bildungswesens dar. Er ermöglicht nicht nur eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Eltern, sondern trägt auch zu mehr Chancengerechtigkeit und individueller Förderung für die Schülerinnen und Schüler bei.

In den kommenden Schuljahren soll der dynamische Ausbau der Ganztagsangebote für Schülerinnen und Schüler flächendeckend und bedarfsgerecht fortgesetzt werden.”[1]

Wie aus der Vereinbarung des Ganztagesgipfels 2015 der Bayerischen Staatsregierung zu entnehmen ist, wird es in Zukunft immer mehr Ganztagsschulen geben, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht zu werden. Die Veränderung ist Fakt. Wie jedoch die Umsetzung des Angebotes von statten geht, ist Sache der Schulen und der externen Träger. Der ISB (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung) definiert zwar für den Ganztag klare qualitative Standards, doch bei der konkreten Umsetzung sind sowohl Schule als auch Träger häufig allein gelassen.

Offener Ganztag

Mit der Mittagsbetreuung wird seit vielen Jahren ein flexibles Betreuungsmodell angeboten. Doch die Regierung hat erkannt, dass ein flächendeckendes, ausgeweitetes Betreuungssystem nötig ist, um allen Schülern und Schülerinnen Chancengleichheit zu ermöglichen. Dies bedeutet, dass eine umfassendere Betreuung geschaffen werden soll. So beinhaltet das Angebot des offenen Ganztags folgende Aspekte:

  • Mittagsverpflegung
  • Hausaufgabenbetreuung
  • Freizeitgestaltung

“Ein Qualitätsmerkmal guter Ganztagsbetreuung ist die enge Verschränkung von Vor- und Nachmittag — z. B. beim Thema „Hausaufgaben“. Darum kann es sinnvoll sein, wenn beide Phasen von der Schulleitung verantwortet werden. Die offene Ganztagsschule ist eine schulische Veranstaltung. Eine Reihe von pädagogischen, organisatorischen und rechtlichen Fragen — z. B. die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler am Vor- und Nachmittag, die Nutzung schulischer Räume oder Versicherungsfragen — lassen sich in diesem Rahmen anders gestalten als in der Mittagsbetreuung, die weder eine schulische Veranstaltung noch ein Angebot der Kinder- und Jugendhilfe darstellt.”[2]

Für den offenen Ganztag ist zwar die Schulleitung verantwortlich, doch in der Regel wird für den offenen Ganztag ein externer Träger engagiert. Gerade die Zusammenarbeit der beiden Parteien stellt für den offenen Ganztag die Weichen, entweder zu einem schlecht oder gut funktionierenden System.

Zusammenarbeit zwischen Träger und Schule

Für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen externem Träger und Schule spielen im Wesentlichen drei Bereiche eine entscheidende Bedeutung. Über diese Bereiche muss Konsens herrschen, ansonsten kann dies in der gemeinsamen Arbeit zu erheblichen Schwierigkeiten führen.

  1. Strategie

“Strategie bedeutet, dass man sich Ziele setzt, sie formuliert und erreicht.” [3]

Es gibt nun zwei Möglichkeiten mit diesem Thema umzugehen. Zum einen kann sowohl die Schule, als auch der externe Partner jeweils für sich eigene Ziele verfolgen und es dabei riskieren in unterschiedliche Richtungen zu arbeiten. Auf der anderen Seite eröffnet die Kooperation die Möglichkeit, gemeinsam an etwas Größerem zu arbeiten.

Um den größtmöglichen Nutzen für alle Beteiligten bieten zu können, ist eine gemeinsame Strategie notwendig. Dies bedeutet auch sich gemeinsam über folgende Fragen Gedanken zu machen:

  • Wie wollen wir wahrgenommen werden?
  • Wie werden wir tatsächlich wahrgenommen?
  • Wo wollen wir hin?

Der große Vorteil der sich aus der Zusammenarbeit ergibt, besteht darin, dass sowohl die Mitarbeiter des Ganztags, als auch die Lehrkräfte ihre Ideen in das System einbringen können. Gerade, wenn klare gemeinsame Ziele definiert sind, ist es an allen Beteiligten, Wege dorthin zu finden. Und je mehr Vorschläge für die Erreichung vorhanden sind, desto flexibler kann auch mit Störungen umgegangen werden. Denn “strategische Prozesse laufen nicht wie auf Schienen, nicht nach festem Fahrplan”[4].

2. Struktur

Es ist notwendig geeignete Strukturen zu schaffen. Dies bedeutet zum einen eigene Strukturen sowohl für den offenen Ganztag, als auch für den “normalen” Schulbetrieb zu haben.

Doch der entscheidende Aspekt für die Zusammenarbeit, welcher häufig außer Acht gelassen wird, ist das Schaffen von gemeinsamen Strukturen. Gerade an den Schnittstellen, wie zum Beispiel bei den Hausaufgaben, bei der Elternarbeit und bei der individuellen Unterstützung von auffälligen Schülern und Schülerinnen, ist dies dringend notwendig. Wenn hier bereits durch konkrete Abläufe Missverständnissen vorgebeugt werden kann, ist das eine erhebliche Erleichterung für den Arbeitsalltag.

Gerade für die Weitergabe von Informationen ist dieser Aspekt von großem Interesse. Die Gefahr besteht zum einen darin, dass unnötige Informationswege gegangen werden, zum anderen, dass ein Informationsdefizit entsteht. Dies erzeugt unnötige Reibungsverluste. Deshalb muss ein ständiger Informationsfluss zwischen Schule, Eltern und offenem Ganztag herrschen. Dies gewährleistet eine professionelle Arbeit.

3. Kultur

In jeder Schule gibt es eine Kultur: “Wer ergreift zuerst das Wort? Wie offen darf kritisiert werden? Was passiert bei Misserfolgen? Und was bei Erfolgen? Wie gehen wir miteinander um? Sind wir professionell distanziert und siezen uns oder emotional verbunden und duzen uns? Welches Lebensgefühl herrscht in unserer Schule?”[5] Es gibt viele verschiedene Kulturen z.B. Powerkulturen, innovative, bürokratisch-prozessorientierte Kulturen und noch einige mehr.

Viele Schulen haben sich noch nie wirklich mit ihrer Schulkultur beschäftigt und dadurch mogelt sich alles Mögliche in diese hinein, auch Unerwünschtes. “Eine Kultur wird meist unbewusst geprägt”[6]: vor allem durch die Schulleitung und das Kollegium, aber auch durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des offenen Ganztags. Beschäftigt man sich als Schule nicht bewusst mit der Kultur und bezieht man nicht alle in diesen Prozess mit ein, kann es zu unerwünschten Subkulturen kommen, die sich sogar gegenseitig beeinträchtigen. Daher ist es dringend notwendig sich mit der Schulkultur zu beschäftigen. Die meisten wirklich herausragenden Schulen beschäftigen sich intensiv mit ihrer Kultur.

“Eine Kultur bestimmt darüber, ob eine Strategie überhaupt auf den Boden gebracht werden kann.” [7]

Fazit

Entscheidend ist, dass Schule und externer Täger die Zusammenarbeit als Chance und als ihre permanente Aufgabe der gemeinsamen Entwicklung sehen.

Abschließend möchte ich Sedar Somuncu zitieren, der in seinem Programm “H2 Universe — Die Machtergreifung” folgendes gesagt hat:

“Wir leben in einer Affektgesellschaft. Wir reagieren nur noch. Dinge von denen wir gar nicht wissen, ob sie wirklich sind. Und wir reden dann darüber, dass “reden dann darüber” wichtiger ist, als die Frage, ob es berechtigt ist, dass wir darüber reden. Terror zum Beispiel. Wir reden über Terror dann, wenn irgendwo in unserer Nähe was passiert. Und je näher es ist, desto mehr reden wir darüber. Eigentlich reden wir nur über unsere Angst, dass es uns treffen könnte. Wir sind gar nicht empathisch. Wir denken gar nicht darüber nach, dass es andere getroffen hat. Sondern versetzten uns in die Lage derer, um uns Sorgen über uns zu machen. Der besorgte Bürger. Der macht sich nicht Sorgen über andere, der macht sich Sorgen um sich. Eine sehr egozentrische Gesellschaft in der wir leben.” [8]

Ich weiß, der Terror ist in diesem Zusammenhang ein abstraktes Beispiel. Doch womit fängt das egozentrische Denken an? Ich denke, mit dem was wir jeden Tag tun. Also lasst uns zusammenarbeiten und dadurch die Welt ein Stückchen besser machen.

Literaturverzeichnis

[1] Ganztagsgipfel, 2015 (Gemeinsame Vereinbarung der Bayerischen Staatsregierung und der kommunalen Spitzenverbände) [2] Praxisleitfaden für Schulleiterinnen und Schulleiter zur Einführung offener Ganztagesangebote, April 2016 [3] Wolf Lotter (10/2017) [4] Ebd. [5] Merath, 2017 [6] Ebd. [7] Ebd. [8] Sedar Somuncu, 2016


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