Schatzsuche
von Mattea Heinicke
Schatzsuche
von Mattea Heinicke

Ich schloss die Augen, in der Hoffnung, es würde sich irgendetwas an meiner unglaublich miserablen Lage ändern. Vielleicht würde ein Wunder geschehen. Doch als ich meine Augen öffnete war das einzige, das ich auf dem Papier sah ein rotes „ wird nicht versetzt“! Meine Zeugnisse waren schon immer etwas mehr als schlecht. Meine Eltern bezeichneten sie jedes Jahr aufs Neue als Schande. Ich war jedoch noch nie sitzen geblieben!
Immer wenn ich mein Zeugnis nach Hause brachte engagierten meine Eltern gleich daraufhin irgendwelche Professoren um meine Lücken in den Ferien wieder zu schließen. Aber dieses Jahr konnte ich wirklich auf den ganzen Mist verzichten. Vielleicht hatte ich ja Glück im Unglück. Meine Eltern waren mal wieder extrem beschäftigt — dieses Mal ging es darum das Hab und Gut meiner verstorbenen Großmutter zu verkaufen — an das Zeugnis dachten sie bestimmt nicht mehr. Wir wohnten schon seit ein paar Tagen in dem Haus meiner Großmutter. Ich habe sie jedoch nie wirklich kennen gelernt. Einige Erinnerungsstücke an sie lagen auf dem Dachboden. Auf der Suche nach einem geeigneten Versteck für das Zeugnis kletterte ich über die morsche Trittleiter nach Oben. Als ich mich dort umsah fiel mein Blick ganz am Ende des Raumes auf eine dunkelbraune Schatulle. Sie war mit einem wunderschönen Stein verziert und gefiel mir sehr. Als ich mich nach ihr bücken wollte erhaschte ich einen Blick in den Spiegel.
In der einbrechenden Dämmerung erschrak ich vor meinen schwarzen Locken und der blassen Haut. Ich wendete den Blick schnell vom Spiegel ab, schüttelte meine Locken und nahm die kleine Truhe an mich. Beim Öffnen kam mir eine Menge Staub entgegen. Ich blies ihn weg und entdecke darunter einen kleinen zusammengefalteten, vergilbten Zettel. Mein „ Zeugnisversteck“ schien bereits besetzt zu sein. Neugierig faltete ich das Papier auseinander. Meine Augen weiteten sich — es war ein Lageplan des Hauses meiner Oma, mit den umliegenden Feldern und allen genauen Details der Umgebung. Alles mit exakten Maßen versehen. Unweit von der alten Eiche, etwa ein Meter östlich war ein rote Kreuz eingezeichnet. Eine Schatzkarte? Ich musste grinsen. Es ist albern. Mit 16 Jahren war ich eigentlich zu alt für eine kindische Schatzsuche! Aber zu spät. Meine Neugierde hatte mich gepackt und ich beschloss nach kurzem Überlegen mich umgehend auf die abendliche Expedition zu begeben. Ich tauschte Schatzkarte gegen Zeugnis und machte mich auf den Weg nach unten. Meine Ausrüstung bestand aus einer Taschenlampe einem schnell übergeworfenen Morgenmantel in dessen Tasche der Plan steckte und einem Spaten, der wie zufällig am Schuppen lehnte und über den ich fast auf meinem Weg zur Eiche gestolpert wäre. Schnell lief ich am Feldweg entlang, war so aufgeregt, dass ich sogar vor einer Eule erschrak und los rannte. Plötzlich stand ich bei der alten Eiche. Die Stelle mit dem Kreuz war rasch ausgemacht. Ich sah mich um. Niemand war zu sehen. Ich setzte die Schaufel an und grub. Es dauerte nicht lange bis ich auf etwas Hartes stieß. Ich legte den Spaten zur Seite und grub mit bloßen Händen weiter. Die Erde war locker und nach wenigen Minuten hatte ich den „ Schatz „ freigelegt. Wieder hielt ich eine Schatulle in Händen, die der Ersten sehr ähnlich war nur, dass diese mit Herzen verziert war, ein bisschen so als hätte sie ein Kind entworfen. Ich nahm das Kästchen an mich und trug es ins Haus. Mein Herz schlug bis zum Hals. Vielleicht würde ich Geld oder Schmuck darin finden. Die Schatulle war ohne Schloss und ließ sich leicht öffnen. Enttäuschung breitete sich aus: Ein Haufen alte vergilbte Briefe und Fotos von Personen, die ich nicht kannte. Beim genaueren Hinsehen kam mir die eine Dame doch bekannt vor: Meine Großmutter vermutete ich. Beim Wenden des Fotos bestätigte sich meine Vermutung: „Brigitte“ hatte jemand auf die Rückseite geschrieben. Ich schätzte meine Großmutter auf den Fotos auf Mitte Zwanzig. Auf den anderen Fotos war ein Mann zu erkennen. Er hatte wie meine Oma dunkles Haar, jedoch war er viel größer und hatte ein breites Lächeln.
Warum waren Briefe und Fotografien vergraben worden?Jetzt war ich wirklich gespannt und wollte Antworten finden. Also begann ich die Briefe zu öffnen.
Liebe Brigitte,
es erfreut mein Herz, von dir durch deine Briefe zu hören, auch wenn dies durch die unvermeidlichen Umstände täglich erschwert wird. Bitte denke daran, dass ich dich liebe und dass uns die Mauer deiner Heimat, der DDR nicht wirklich trennen kann.
In Liebe dein Klaus
Den nächsten Brief, den ich öffnete war anscheinend nie verschickt worden. Er war nicht fertig geschrieben und auf dem Umschlag war keine Briefmarke.
Lieber Klaus,
Ich wünschte ich könnte in deinen Armen liegen und mit dir sprechen. Es ist die Hölle hier! Mein Vater hat versucht zu flüchten, ist jedoch gescheitert. Daraufhin stand die Stasi bei uns vor der Tür. Sie haben uns ausgefragt und gedroht, dass wenn wir etwas verheimlichen, oder Mitwisser schützen, wir im Gefängnis landen oder gar Schlimmeres geschehen wird. Ich habe die ganze Zeit geweint. Mutter ist zu Tode erschrocken und stand unter Schock. Nach einem sehr langen Verhör haben sie sie mitgenommen. Im Moment bin ich mit meinem Bruder alleine. Ich habe furchtbare Angst. Die Nächte heule ich durch, es ist alles unglaublich schrecklich. Es ist die Hölle auf Erden! Mein einziger Lichtblick bist du. Mit einem Foto von dir unter meinem Kissen schlafe ich ein. Ich denke an deine Witze, unsere Fröhlichkeit, die unbeschwerte Zeit; das tröstet mich ein wenig. Wie gerne würde ich in deinen Armen liegen. Doch ich bin eingesperrt in einem Land, das keine 100m weg von dir ist. Ich überlege auch zu flüchten….
dann endet der Brief.
Wow, meine Oma hatte also in der DDR gewohnt und ihr damaliger Freund Klaus in der BRD: Jetzt wurde mir auch klar warum sie den Brief nie verschickt hatte. Briefe der DDR Bürger wurden bevor sie zu den Empfängern in West Deutschland gelangten, geöffnet und sorgfältig auf staatsfeindliche Aspekte geprüft. Hätten die gelesen, dass meine Oma von Flucht geschrieben hat, wäre es schlimm für sie ausgegangen. Ganz unten in der Kiste lag ein, in braunes Leder eingebundenes Buch. Auf der ersten Seite steht in Schönschrift geschrieben „Tagebuch von Brigitte“. Als ich es öffnete um etwas darin zu blättern, fiel ein kleiner Zettel aus dem Büchlein. Es war ein weiterer Lageplan. Ich schaute mir ihn genauer an, das Kreuz war von einem S überlagert. Es sollte wohl so viel wie „Schatz“ heißen. Doch dieses Mal wusste ich nicht wo sich der Ort befand, der auf der Karte gekennzeichnet war. Auf der linken Seite waren wieder nur Felder und Wiesen zu erkennen. Auf der rechten Seite allerdings, lag ein dichter Wald. In meiner Umgebung hier war weit und breit kein Wald. Es war inzwischen schon Nacht und stockdunkel geworden. Keine Straßenlaternen, nichts! Mir fielen so langsam die Augen zu, ich spürte die Müdigkeit in allen Knochen und musste daraufhin gähnen. Es war höchste Zeit für mich ins Bett zu gehen. Die ganze Geschichte mit meiner Oma beschäftigte mich sehr und brachte mich aus dem Konzept. Auf dem Weg nach Oben stolperte ich ein paar Mal, weil ich mit den Gedanken ganz wo anders war. Dann fiel ich müde und mit dem Entschluss, morgen einen Schatz zu finden, ins Bett. Ich schlug die Augen auf. Da ich ein Langschläfer war, dachte ich, mich würde grelles Sonnenlicht erwarten, woran sich meine Augen immer erst nach langer Zeit gewöhnten. Doch heute war es anders. Die ersten Sonnenstrahlen fielen gerade erst durch die Fenster. Der Frost hing noch an den Scheiben und als ich diese öffnete, strömte kühle Luft in mein Zimmer. Ich schaute mich im Raum um. Ein paar alte Holzmöbel und ein wunderschönes Bücherregal standen darin. Ich nahm den Lageplan aus dem Tagebuch in die Hand und sah ihn mir noch einmal ganz genau an. Doch ich kam einfach nicht darauf, wo das sein könnte. Ich sah zu dem Bücherregal herüber. Hier musste es doch irgendwo eine Karte geben! Und tatsächlich, sie sah eher aus wie ein ganz normales Buch, hatte einen schlichten olivgrünen Einband und wirkte nicht sehr interessant. Ich schlug die Karte auf. Ich wusste schon vorher, dass das Haus meiner Oma in einem Grenzgebiet stand. Der nächstgelegene Wald war ungefähr 8km weit entfernt von hier. Dieser war riesig und die Möglichkeiten ein Gebiet mit Wiese und angrenzendem Wald zu finden, zahlreich. Ich legte den Kopf in den Nacken und stöhnte. Bis ich das ausgemacht hatte, waren wir schon längst wieder zurück nach Hause gefahren. Es musste doch noch einen genaueren Hinweis geben! Ich schlug das Tagebuch erneut auf.
Liebes Tagebuch, heute waren die Wahlen. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt wählen gehen soll. Aber ich hörte letztes Jahr von einer Nachbarin, deren Tochter nicht wählte. Danach bekam sie Besuch von der Staatssicherheit. Die ganze Stadt wusste, dass sie gegen die Stasi war und sie machte daraus kein Geheimnis. Das Verhör ging anscheinend sehr lange. Anschließen wurde sie mitgenommen und ist bis heute noch nicht wieder zurück. Man munkelt sie wäre so eine Art Spitzel gewesen, also selbst bei der Stasi. Sie hat viel Schlechtes erzählt, weil sie sehen wollte wer ihr zustimmt. Diese armen Menschen konnte sie dann verhaften lassen. Andere sagen, man hätte sie umgebracht, weil sie ihren Mund nicht halten konnte. Alles in allem hat mir das sehr viel Angst eingejagt, dass ich letztendlich doch wählen ging. Viel muss man ja auch nicht tun. Man faltet einfach seinen Zettel, gibt ihn ab und geht wieder. Ich hätte jedoch lieber gar nicht gewählt, denn für Leute, die mich wie in einem Käfig gefangen halten, gebe ich eigentlich nicht meine Stimme. Doch ich will keinen Ärger mit der Stasi. Wenn ich wirklich flüchten will, muss ich versuchen ganz normal zu wirken. Keinen Aufstand machen. Einfach nicht auffallen. Meine Flucht ist die Voraussetzung für eine Zukunft mit Klaus.
Ich sah auf. Meine Oma hatte echt was zu erzählen. Ich wünschte, ich wäre als Kind öfter bei ihr gewesen und hätte mir Geschichten von ihr erzählen lassen. Außerdem hätte ich sie gleich fragen können, wo sich der abgebildete Teil von dem Lageplan befindet. Das wäre in diesem Moment nämlich ziemlich hilfreich gewesen. Ich blätterte in dem Tagebuch ein paar Seiten weiter. Doch ungefähr in der Mitte hörten die Aufschriebe meiner Großmutter auf. Ich runzelte die Stirn und blätterte zurück, zu ihrem letzten Aufschrieb.
Liebes Tagebuch, Ich habe den Entschluss gefasst, aus diesem schrecklichen Land, ohne Hoffnung zu fliehen. Das Glück erwartet mich auf der anderen Seite der Mauer. Ich werde endlich wieder Klaus sehen. Ich will gar nicht daran denken, was wäre, wenn sie mich erwischen würden. Schon mein Vater ist gescheitert und bis heute ist er nicht wieder aufgetaucht. Wie soll ich das denn schaffen, wenn es nicht mal er geschafft hat? Aber es ist zu spät für Selbstzweifel! Ich bin fest entschlossen zu fliehen. Eine Strategie habe ich mir natürlich auch schon zurechtgelegt. Wenn alles gut geht bin ich schon heute Nacht raus aus der DDR. Ich muss jetzt stark sein und darf keine Selbstzweifel hegen, so oft schon, habe ich von Menschen gehört, die es nicht geschafft haben. Aber es gibt auch die Ausnahmen, das sind die, die es schaffen. Und ich werde alles tun, um eine Ausnahme zu sein. Ich habe von Freunden gehört, die geflüchtet sind. Doch zuerst haben sie all ihren wertvollen Besitze versteckt, für den Fall, dass sie einst zurückkehren und die Mauer fällt. Ich habe es ihnen gleichgetan und alle wertvollen und wichtigen Gegenstände vergraben. Ich hoffe, ich habe mehr Glück, als mein Vater und werde es schaffen. Ich bin zuversichtlich und der Gedanke an Klaus stärkt mich.
Ich hatte noch immer keine Ahnung, wo ich graben sollte. Also beschloss ich nach kurzem Überlegen los zu laufen und nach dem Ort Ausschau zu halten, der auf dem Plan abgebildet war. Mit einer kleinen Schaufel, dem Lageplan, der Karte und etwas zu trinken marschierte ich entlang der Strecke, die zu dem Stück Wald führte. Der Weg kam mir endlos vor. Als ich endlich eine Dichte Baumreihe zu Gesicht bekam, hörte ich hinter mir ein leises Brummen, das immer lauter wurde. Ich blickte mich um und als ich hinter mich blickte, sah ich den Sportwagen meines Vaters, der in einer rasenden Geschwindigkeit auf mich zu fuhr. Rasend war auch der Fahrer des Wagens. Mein Vater stieg mit einem hochroten Kopf aus seinem Wagen und knallte die Fahrertür hinter sich zu. Zuerst verstand ich nicht, was er wollte, bis ich mein Zeugnis in seiner hochgehobenen Hand entdeckte. Mist! Wie konnte er das finden? „Was fällt dir eigentlich ein, Emma? Du bist sitzengeblieben.“ schrie er. „Ja, ich weiß Dad, ich kenne mein Zeugnis.“ antwortete ich — leicht überfordert mit der Situation. „Werde jetzt nicht noch frech! Du bist wirklich eine Schande. Deine Mutter und ich haben beschlossen, dich auf ein Mädcheninternat zu schicken.“ Ein Mädcheninternat? In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Mein Vater schrie weiter: „Du wirst jetzt sofort in das Auto steigen und mit uns zurück nach Hause fahren. Dort werden wir uns eine angemessene Bestrafung für dich ausdenken!“ Ich kochte vor Wut. Wie konnte mein Vater mich auf ein Internat schicken? Er wusste genau, wie sehr ich mich dagegen sträubte. Also versuchte ich einzulenken damit er sich beruhigen konnte. „Erstens muss ich hier noch etwas zu Ende bringen -etwas Sinnvolles“- erwiderte ich. „Zweitens muss ich noch meine ganzen Sachen packen und drittens könnt ihr doch noch gar nicht fertig mit dem Haus sein!“. „Keine Sorge, wir haben für dich gepackt und das Haus lassen wir abreißen. Es lohnt sich nicht irgendetwas zu verkaufen, den Schrott will niemand und was dein jetziges Vorhaben betrifft, das kannst du vergessen! Steig jetzt in den Wagen!“ Ich schrie noch dreimal laut „Nein“, bis ich erkannte, dass es keinen Zweck hatte. Also stieg ich samt meiner Ausrüstung in das Auto. Ich war den Tränen nahe. Ich wollte doch den Schatz meiner Großmutter finden! Mein Vater redete ununterbrochen auf mich ein, doch ich hörte kaum zu. Ich hatte mir vorgenommen, das Werk meiner Großmutter zu vollenden und den Schatz zu finden. Ein Schuldgefühl überkam mich, als hätte ich meiner Oma damit weh getan. Es fühlte sich auch genauso an, als hätte ich sie enttäuscht. Ich war an meiner einzigen sinnvollen Aufgabe gescheitet. Ich sah nach draußen. Es lag ein kilometerlanger Stau vor uns, was meine Eltern noch mehr aufregte. Mein Blick glitt über den Lageplan. Ich sah wieder aus dem Fenster und als ich das Landschaftsbild dort entdeckte, weiteten sich mir die Augen. Ich sah zurück auf den Plan und wirklich, das war der richtige Ort, hier musste der Schatz liegen. Mein Vater fing an zu hupen und schrie den Autofahrer vor uns an, obwohl der sicher nichts für den Stau konnte. Diesen Moment nutze ich. Ich stieß die Wagentür auf und fing an zu rennen. Ich rannte so schnell, wie noch nie zuvor mit den Rufen meiner Eltern im Rücken. Doch es war mir egal. Ich musste das hier erledigen. Für meine Oma! Der Lageplan zeigte die exakte Stelle, an der der Schatz lag. Ich setzte die Schaufel an und fing an zu graben. Als ich auf eine silberne Truhe stieß, entwich mir ein Juchzer, was sehr untypisch für mich war. Doch ich hatte es geschafft und ich freute mich unglaublich. Meine herannahenden Eltern würden ihre Internatsidee nun bestimmt überdenken.
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- 2026-07-29 10:10:42