Meine Zeit als Remote Workerin
Durch die Pandemie war ich gezwungen, neun Monate von zu Hause zu arbeiten. Im zehnten Monat verlegte ich mein Home Office ins Ausland —…
Meine Zeit als Remote Workerin
Durch die Pandemie war ich gezwungen, neun Monate von zu Hause zu arbeiten. Im zehnten Monat verlegte ich mein Home Office ins Ausland — und lernte, wie wirklich produktives Arbeiten funktioniert.

Wer digital arbeitet, kann von überall aus arbeiten — solange der Workflow funktioniert.
Die folgenden knapp drei Monate Remote Arbeiten waren die schönste Zeit meines Lebens. Ich weiß, klingt kitschig. Aber ich habe nie ein Auslandssemester gemacht, bin nie umgezogen, habe nie länger an einem fremden Ort gelebt — und ich bin nie auf die Idee gekommen, dass es mir gefallen könnte. Es brauchte scheinbar erst die Pandemie, damit ich mich in Bewegung setzte.
Mut zusammenkratzen
Die Lockdown-Tristesse legte sich im Februar 2021 auf mein Gemüt: Es gab keine Bars, keine Kinos, nicht mal Restaurants und viele meiner Freunde waren aus Berlin zurück zu ihren Eltern gezogen. Ich saß währenddessen in meinen Dachzimmer und wenn ich den Blick vom Screen hob, sah ich draußen graue Baustellen, grauen Himmel, grauen Regen, alles grau.
Oft bin ich ein Gewohnheitstier, aber sollte ich mich wirklich an all das Grau gewöhnen, nur, weil es zuverlässig grau bleibt? Ich wollte nicht weg, aber noch weniger wollte ich selbst grau werden. Als der Entschluss gefasst war, fragte ich Freunde und Bekannte ob sie ihr Arbeitsequipment einpacken und mit mir wegfliegen wollten. Wohin, konnte ich noch nicht sagen. Niemand wollte, also fragte ich Fremde. Die Seite “Join My Trip” vermittelt Menschen, die zusammen reisen wollen. Darüber fand ich schließlich meine Reisebegleitung. Sie war im Bankwesen tätig und hatte wohl auch niemanden überreden können, mitzukommen. Bald verstand ich warum. Nach ein paar Tagen entschied ich mich, meine Reisebegleitung zu verlassen mir neue Coworking-Kollegen zu suchen.
Im Nachhinein erscheint mir der Schritt mit der Reisevermittlung etwas ungewöhnlich und verzweifelt, aber wahrscheinlich war ich auch verzweifelt. Allein wollte ich auf keinen Fall los — ich bin noch nie allein gereist, auch nicht zum Arbeiten.
Einen Ort finden
Zunächst informierte ich mich, wo ein Remote-Working-Aufenthalt während einer Pandemie moralisch halbwegs vertretbar und risikoarm wäre. Ich stieß auf ein Dorf in Spanien. Frankreich oder Portugal waren auch vorstellbar. Eigentlich sind diese Länder in meinem Gedächtnis als Urlaubsorte abgespeichert. Umso ungewöhnlicher diesmal die Suche nach einer Bleibe: Mich interessierte nicht Pool oder Strandnähe, sondern ob es im Apartment einen Schreibtisch und schnelles WLAN gab.
Die Prioritäten der Langzeitmietenden hatten sich unter den lokalen Vermietern bereits herumgesprochen. Vom Internet wurde ich jedenfalls nie enttäuscht, im Gegenteil. Ich habe mal gelesen, dass Spanien mit dem Glasfaserausbau viel weiter ist, als Deutschland. Für 80 Prozent der Haushalte ist Glasfaser mit fast 300 Mbit zu haben. So schnelles Netz habe ich sicher nicht mal im Office.
Eines Abends in einer Bar habe ich mich mit einem Mann unterhalten, der Software baut. Er erzählte, er sei völlig unabhängig vom Netz seines Vermieters und habe sich eine Simkarte mit unlimitierten mobilen Daten von der Telefonica via Kurier bringen lassen. Er habe sich sein eigenes kleines Büro aufgebaut. Zwar arbeite er immer noch 55 Stunden die Woche, so wie in seinem Heimatland, könne die jetzt aber wenigstens verbringen, wo er will. Das fand ich beeindruckend. Er hat sich seine kleine Raumstation aufgebaut und navigiert sie zuverlässig. Ein cooler Typ.
Geht das überhaupt rechtlich?
Als ich meine damalige Chefin gefragt hatte, ob sie etwas gegen meine Pläne hätte, sagte sie: “Elli, du musst es tun. Es ist eine großartige Sache.” Ich hatte mich zuvor informiert, ob und inwiefern es überhaupt rechtlich möglich ist, Remote zu arbeiten. In Deutschland gibt es kein Gesetz zu Remote Work, dafür aber einiges, was man beachten sollte.
Weil in der Europäischen Union die Personenfreizügigkeit gilt, können alle Europäer und Europäerinnen in der EU arbeiten. Remote Office ist also grundsätzlich möglich. Und wer weiterhin in Deutschland gemeldet bleibt, zahlt dort auch Steuern. Allerdings: Wer länger als drei Monate in einem anderen Land arbeitet, muss in dem jeweiligen Land Steuern abgeben. Das war eine wichtige Info. Ich wollte keine bürokratischen Komplikationen und länger als drei Monate wollte ich eh nicht bleiben. Arbeitsrechtlich hat sich für mich und meinen Arbeitgeber deshalb überhaupt nichts verändert.
Ratgeber im Netz zu Remote Work empfehlen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sich einfach individuell auszutauschen und über die Pläne zu reden. Unser Workflow war zu diesem Zeitpunkt bereits ist 100 Prozent digitalisiert. Meine Chefin hatte gewusst, dass es funktionieren würde. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.
Meine Arbeit
Und wie hat sich meine Arbeit verändert? Durch die Zeitverschiebung klappte ich eine Stunde früher den Laptop auf. Das passte zu mir, weil ich gern früh aufstehe und dafür lieber eher Feierabend mache. Zufällig gepasst hat auch, dass kurz vor der Pandemie Laptops für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angeschafft wurden. Der Gedanke war damals, die Arbeit vom festgelegten Schreibtisch zu entkoppeln und alle flexibel arbeiten zu lassen. Ein kluger Schritt, ideal um sich auf eine Pandemie vorzubereiten, wenn auch unabsichtlich.
Mir war schon vor dem Aufbruch klar, dass der Standort nichts an meinem Arbeitsalltag verändern würde. Meetings und Deadlines blieben gleich. Wir machten gemeinsam virtuelle Kaffeepausen und tauschten uns über private Dinge aus. Um ehrlich zu sein: Ich glaube, in unserem Team vergaßen irgendwann alle, dass ich ein paar mehr Kilometer von ihnen weg war. Die klassischen Home Office Probleme schlichen sich trotzdem ab und zu ein: Aus Versehen länger gearbeitet, die Pause vergessen. Da muss man immer aufpassen, egal wo man wohnt. Verändert hat sich meine Schaffenskraft. Ich hatte wieder Lust auf aufstehen und wenn man dann merkt, wie gut all das klappt, was man sich vorgestellt hat, ist das ein riesiger Erfolg.
Meine Uni
Neben meiner 20 Stunden-Woche bei der Arbeit studierte ich. Der Uni war es egal, von wo ich zoome. Meine einzige Sorge war, nicht genügend Mbit für die Online-Seminare zu haben. Aber da wusste ich das mit Spanien und ihrem Glasfaser noch nicht.
Die anderen Digital Worker aus dem Dorf fanden es übrigens witzig, wie viele Devices ich dabei hatte. Es waren zwei Laptops (plus jeweilige Ladekabel), ein iPad, ein HDMI-Kabel und zwei Kameras. Ich hatte beim Packen noch gegrübelt, ob ich meinen Monitor wirklich in Berlin lassen sollte. Jetzt weiß ich: ich hätte ihn sowieso nicht gebraucht.

Meine Kommilitonen Paul und Marc hatten sich ebenfalls gemütliche Zoom-Hintergründe eingerichtet.
Weder ich oder die Uni, noch das Team oder mein Arbeitgeber mussten Kompromisse eingehen. Die Ausgangslage war wie geschaffen für einen Ortswechsel. Trotzdem sahen manche Menschen aus Familie und Bekanntenkreis meine Entscheidung, wegzugehen, kritisch. Sie konnten nicht verstehen, wie Remote Work funktionieren sollte. Es gäbe ja 9 to 5. Es gäbe ja Events. Es gäbe Leute, die könnten das nicht tun, wegen der Kinder, der Wohnung oder des Partners. Und wir säßen ja alle im gleichen Boot. Wieso sollte man “Ausnahmen” machen?
Es funktioniert
Im Zuge dessen habe ich mich viel mit New Work Methoden beschäftigt. New Work ist eine Folge von Digitalisierung und Globalisierung — alles ist inzwischen miteinander vernetzt, digital eben. New Work Methoden werden in großen Unternehmen bereits umgesetzt. Wie ich oben schon beschrieb: Zum Beispiel weg von festen Schreibtischen mit verankerten Rechnern, hin zu Laptops für jeden und freie Platzwahl. Ein toller Schritt. Es gibt zahlreiche New Work Methoden, Prinzipien und Stile. Damals fand ich, dass iCombine das Thema toll zusammengefasst hat.
Die Pandemie hat dazu geführt, dass sich traditionelle Unternehmen New Work Methoden bedienten — ob sie wollten oder nicht. Durch das Virus mussten sie schnell auf die Wünsche der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nach mehr Flexibilität Rücksicht zu nehmen. Freigelegt wird eine mitarbeiterorientierte Arbeitskultur, die herkömmliche Prinzipien und “Das haben wir schon immer so gemacht”- Einstellungen über den Haufen wirft und dabei allen etwas bringt.
Sinn von New Work ist es nicht, Kompromisse bei der Arbeitsleistung zu machen, sondern es kann — im Gegenteil — die Arbeitsleistung verbessern. Und daran dürften alle Betriebe interessiert sein, egal ob Start-up oder Traditionskonzern. Ich fände es verschenkt, würde man nach der Pandemie alles auf den Status quo zurücksetzen. Wie wäre es, wenn die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten dort, wo es der Workflow zulässt, bald keine Ausnahme mehr, sondern die Regel ist? Dann wäre vieles vielleicht nicht mehr so grau.
Disclaimer
Dieser Text handelt von meiner Erfahrung mit Remote Work zu einer der Corona-Wellen. Das Thema Reisen war tabu und auch ich hatte große Bedenken. Deshalb habe ich mir als Standort ein kleines Dorf mit sehr wenig Fluktuation gesucht. Menschenmassen gibt es dort nicht. Die Inzidenz hat sich immer um Null bewegt und ich habe mich vor meiner Ankunft dreifach testen lassen. Für zweieinhalb Monate habe ich diesen Ort nicht verlassen. Deshalb habe ich meine Gedanken zu Mobilität in Coronazeiten in meinem Erfahrungsbericht ausgelassen.
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- 2026-07-27 21:01:28