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Und das andere Auge lacht

Kapitel 111 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Gundolf S. Freyermuth · 2026-05-24 08:22 · 0 claps · 6.6 min read
#fernsehen #sterben #auld-lang-syne #gottfried-böttger #günter-gaus
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Und das andere Auge lacht

Kapitel 111 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Auld Lang Syne: Auf dem Weg in alte Zeiten (Illustration GPT-Image-2)

Auld Lang Syne: Auf dem Weg in alte Zeiten (Illustration GPT-Image-2)

Jazz in der Kapelle

Neben Wolfgangs Sarg steht das Rednerpult. Unsere Plätze sind schräg davor. Auf der anderen Seite des Gangs sitzen Marlies und die „Kinder“: Moritz im Rollstuhl, David und Jakob mit ihren Familien. Vor ihnen, an der Natursteinwand der Kapelle, sehe ich drei Musiker: Gitarre, Saxofon und ein elektrisches Piano. Der Mann hinter ihm knetet kurz seine Finger und legt sie auf die Tasten. Die Akustik der Kapelle ist hervorragend, die Musik ebenfalls. Gottfried Böttger spielt Robbin’s Nest. Der Jazz-Standard aus dem Jahre 1947 war die Erkennungsmelodie des Berliner Clubs Eierschale, über dem Wolfgang in den frühen 1950er Jahren eine Zeitlang wohnte. Sein Lieblingssong versetzt uns an einen anderen Ort und in fröhlichere Zeiten.

Doch dann endet die Verzauberung, der Augenblick des Vergessens, und die Unwirklichkeit kommt zurück. In ihr beerdigen wir Wolfgang. Jakob steht auf und geht zum Pult.

„Danke, Gottfried“, sagt er. „Natürlich schätzte und mochte mein Vater den Pianisten Gottfried Böttger. Nur dass er das auf seine Weise ausdrückte.“

Jakob verliest Sätze, die unverkennbar von Wolfgang stammen:

„Ich erinnere mich — obwohl es bereits einige Jahrzehnte her ist — noch genau daran, wie erstaunt ich war, als ich Gottfried zum ersten Mal beim Musizieren zuhörte und zusah. Allerdings beeindruckte mich da weniger seine Virtuosität, sondern vor allem die Stabilität des Klaviers. Was so ein Instrument alles aushält. Obwohl er vermutlich als Schutz vor einer Explosion den Deckel beiseitegelegt hatte, blieb ich bis zum Ende seines Spiels besorgt.“

In der Trauergemeinde regt sich leises Lachen. Wie könnte man Wolfgang verabschieden, ohne dass es spöttisch zugeht?

„Er war sicher kein Freund von Beerdigungen“, spricht Jakob weiter. „Meist hat er sie gemieden — oder sich danach im Restaurant dazugesetzt und das Essen bemängelt. Zuletzt bei der Frau eines seiner engsten Freunde hat er sich immerhin in die Tür der Kapelle gestellt. Jetzt muss er mittendrin dabei sein.“

Wolfgangs Lebenskunst

Als ich Wolfgang kennenlernte, war er radikaler Atheist, fast noch radikaler als ich. Erst die Arbeit an Schalom veränderte ihn.

„In den vergangenen Jahren“, sagt Jakob, „hat sich mein Vater mit dem — ja, vielleicht auch mit seinem — Judentum beschäftigt. Deswegen war er gegen eine Verbrennung. Wir haben eine Grabstelle fern von Willy Brandt, Hildegard Knef und anderen Größen gefunden, dafür aber ganz nah dem Ort, wo seine Eltern und seine Schwester einmal begraben wurden — im alten, verwilderten Teil dieses Friedhofs. Das freut ihn hoffentlich.“

Ich schaue an Jakob vorbei durch die Glasfront auf die davor liegende Wiese. Die Blätter der Bäume haben sich verfärbt und ausgedünnt. Ein bunter Teppich aus Laub bedeckt den Rasen.

„Damit bin ich schon beim Eigentlichen“, fährt Jakob fort, „seine unglaubliche Fähigkeit zum Glücklichsein. Für einen guten Witz konnte er brutal sein. Aber er blieb dabei immer ein großzügiger Mensch, der gerne viele andere um ihn herum an seinem Glück teilhaben lassen wollte. Das mag ein Widerspruch sein, aber so war er. Seine Lebenskunst, die wollte er teilen. Ihm war es wichtiger, dass wir die Hummer korrekt zerlegen und Chinesisch mit Stäbchen essen können, als dass wir in Mathe gut sind oder ohne Tadel in der Schule bleiben.“

An der Reihe ist nun, wie Jakob sagt, „Vatterns bester Freund“. Was ich eine Viertelstunde lang über Wolfgang sage, steht auf den ersten Seiten dieses Buchs. Die rote Cerutti-Jacke verfehlt ihre Wirkung nicht. Wolfgangs Schrullen treiben Lachen in die Gesichter mit den feuchten Augen. Im Prolog ende ich mit seiner grimmigen Furchtlosigkeit.

„Dieses Lächeln, das Letzte, was ich von ihm sah, ist bei mir geblieben.“

In der Kapelle sage ich noch zwei weitere Sätze, zu ihm:

„So gesehen, Wolfgang, wie sehr wir dich auch vermissen, bist du jetzt — wo immer du bist — dort, wo du am Ende, ganz am Ende auch hinwolltest. Wir anderen waren immer ein bisschen langsamer — wir kommen nach.“

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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Das letzte Wort erhält dann er selbst, gesprochen von einem Schauspieler, wie es sich für einen Autor gehört. Otto Sander rezitiert aus seinen Briefen: an die Eltern und die Schwester aus Asien, Beschwerdebriefe an die Verwaltungen öffentlich-rechtlicher Sender, bei denen die Trauergemeinde wieder laut lachen muss, und an Jakob, zu dessen Studienabschluss. In diesem Brief bringt der Absender auch sein eigenes Leben auf den Punkt:

Glück und Geld

„Mein lieber Sohn“, liest Otto Sander, an einem Tisch neben dem Pult sitzend, schon sehr gebrechlich, mit seiner einzigartigen Stimme und so, dass man Wolfgangs Tonfall zu hören meint: „Ich könnte natürlich sagen, jetzt beginnt der Ernst des Lebens und deshalb … Aber alles, was in diese Richtung geht, schenke ich mir. Mein einziger Rat besteht in dieser Regel: Such Dir Deine Arbeit nie danach aus, ob Du mit ihr mehr oder weniger Geld verdienst, sondern ganz allein danach, welche Tätigkeit Dich am meisten befriedigt, welche Arbeit Dir am meisten Spaß macht. Ich habe es nie anders gehalten, ich habe niemals nach der Höhe der Einkünfte entschieden und das Geld ist dennoch gekommen. Und wenn mal nicht, dann war ich ebenfalls zufrieden.“

Das ist der beste Rat, den man seinen Kindern geben kann. Ich habe es Wolfgang nachgetan. Doch Kinder hören bekanntlich nicht auf ihre Eltern. Und auch Wolfgang selbst folgte einem leicht abweichenden Prinzip:

„Ich habe immer dort gearbeitet, wo das meiste Geld war“, sagte er mir, schon im ersten langen Interview und dann immer wieder in den Jahren nach 2000, als er mich davon überzeugen wollte, beim literarischen und journalistischen Schreiben zu bleiben und mir Geisteswissenschaftliches und vor allem den Armuts- und Schreckensort Hochschule aus dem Kopf zu schlagen.

Ein tatsächlicher Widerspruch besteht zwischen beiden Aussagen freilich nicht. Wenn Wolfgang auch für kein Geld der Welt etwas getan hätte, das ihm keinen Spaß bereitete, dann wollte er doch für seine Leistung — Spaß hin oder her — so gut wie möglich bezahlt werden. Er war ein großer Autor, aber er arbeitete nur in gut zahlenden Branchen: Journalismus, Radio, Film, Fernsehen. Zum brotlosen Poeten eignete er sich nicht.

Was Wolfgang alles nicht erzählte

Das Öffnen der gläsernen Flügeltür der Kapelle reißt mich aus meinen Gedanken. Aus der Ferne lockt das Spiel eines Dudelsacks. Wir folgen Wolfgang auf seinem gewundenen Weg zum ausgehobenen Grab. Der Dudelsack wird lauter, die Melodie erkennbar: Auld Lang SyneAlte Zeiten –, ein populärer schottischer Song, der am letzten Tag des Jahres in den Minuten vor Mitternacht gespielt wird.

Wolfgang hatte nur zwei Wünsche für seine Beerdigung: ein Grab nahe bei seinen Eltern und dieses Lied. Sein Text handelt von alten Freunden, die sich an Abenteuer erinnern, die sie vor langer Zeit erlebt haben. Nun befürchten sie, ihr Leben könne vergessen werden.

Wir erreichen die Grabstelle. Der Sarg wird herabgesenkt. Nacheinander treten wir an die Grube und nehmen Abschied. Danach warten wir im Halbkreis.

„Ich bin Wolfgangs Patenkind“, sagt plötzlich eine Frau neben mir: „Sabine Hering.“

Ich muss sie entgeistert angesehen haben. Von einem Patenkind hat Wolfgang mir nie etwas erzählt. Wie von so vielem anderen …

„Mein Vater war ein Mensch, der wahnsinnig im Hier und Jetzt lebte, er schaute immer nur nach vorne und wollte nie über die Vergangenheit reden“, sagt Jakob.

Das stimmt natürlich. Allerdings antwortete Wolfgang durchaus, wenn man ihm präzise Fragen stellte, manchmal jedenfalls. Nur kam ich halt nie auf die kluge Idee zu fragen: „Hast du eine Patentochter? Hast du SS-Leute erschossen? Wie viele? Warst du mal im Gefängnis? Wie oft?“

Die Spurensuche beginnt

Im Nachhinein ist es, als hätte — in dem Augenblick, da Wolfgangs Sarg im Grab versank — ein guter Geist mir seine Patentochter geschickt. Denn diese Fügung setzt meine Spurensuche in Gang. Was ich von Sabine Hering erfahren werde, vor allem durch einen Aufsatz, den sie auf meine Bitte für eine wissenschaftliche Anthologie verfasst, lässt in mir den Entschluss reifen, Wolfgangs Biografie zu schreiben — damit seine Abenteuer nicht in Vergessenheit geraten.

Die letzten nehmen am offenen Grab Abschied. In langen Reihen machen wir uns auf den Weg zum Ausgang. Schweigend. Was soll man in einer solchen Situation auch zueinander sagen? Gespeist wird gleich in Wolfgangs italienischem Lieblingsrestaurant. Übers Essen kann er sich also nicht beschweren, denke ich. Wäre er noch dabei.

Dann fällt mir eine Anekdote ein, die Billy Wilder gerne erzählte — über die Beerdigung seines großen Vorbilds Ernst Lubitsch im Jahr 1947. Elke hat sie schon mehr als einmal gehört. Also frage ich jemand anderen, ob er die Geschichte kenne. Nur wen? Wer ging in diesem Augenblick neben mir? Ich kann es nicht mehr sagen.

„No more Lubitsch“, seufzte Billy Wilder auf dem Weg vom Grab, erzähle ich also — „Kein Lubitsch mehr“. Und William Wyler, ein anderer deutscher Filmemigrant, antwortete: „Worse than that, no more Lubitsch films“ — „Schlimmer noch, keine Lubitsch-Filme mehr“.

Wolfgang liebte diese Anekdote: den Gedanken, dass nicht nur der Künstler, sondern auch die Werke betrauert werden, die er noch hätte erschaffen können. Vielleicht, denke ich manchmal — im Dämmern, vor dem Einschlafen oder dem Aufwachen –, vielleicht habe ich diese Anekdote auf dem Weg vom Grab zum Leichenschmaus einfach noch einmal meinem ältesten Freund erzählt?


„Irgendwann endet das Altsein damit, dass man stirbt“, sprach Wolfgang achselzuckend in die Kamera, am 14. Januar 2004.

Günter Gaus, der ihn damals interviewte, auf den Tag genau vier Monate vor seinem eigenen Tod, hakte nach:

„Haben Sie Angst?“

„Nein“, antwortete Wolfgang. „Ich denke mir, dass es nicht so schlimm sein wird.“

***

Vorheriges Kapitel: 110 Ein Auge weint

Koda: Der Fernsehspieler. Teil I (Der Link folgt am 31. Mai)

Englische Fassung auf Medium:

Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

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