← Back to list

Stand der Dinge [22.03.26]

Ich stehe mehr, als dass ich liege. Gute Nachrichten nach einem Jahr des Wiederaufsteigens.

Sister Grimm · 2026-03-24 09:16 · 0 claps · 2.0 min read
#cfs #mecfs #long-covid
Open on Medium ↗

Stand der Dinge [22.03.26]

Ich stehe mehr, als dass ich liege. Gute Nachrichten nach einem Jahr des Wiederaufsteigens.

„Eigentlich war ja klar, dass du in einem anderen Leben rauskommst“, sagte eine Freundin neulich. Und sie hat Recht. So wurde mir das auch prophezeit. ‘Du wirst sehen‘, sagten sie, ‘es wird anders sein, dann, wenn du gesund wirst. Du wirst ein anderes Leben leben.’ Ich wollte das lange nicht hören. Mein Leben war doch gut?! Wieso sollte ich ein anderes leben wollen? Aber wie es mit allem Lebendigen ist – es ändert sich. Auch wenn man liegt und leise ist. Vielleicht sogar dann besonders.

Bin ich also schon „rausgekommen“ in dem anderen Leben? Ich glaube nicht. Ich bin in einer Art des Dazwischens. Ich kann schon Neues spüren, aber ich bin da noch nicht. A liminal space. Ich bin zwischen krank und gesund. Zu meinem großen Glück und mit freundlicher Unterstützung toller Menschen habe ich mir diesen Ort schön einrichten können. Dieser Ort, dieses Leben ist kleiner und langsamer als mein altes. Wenn ich heute sage, dass es mir sehr gut geht, bedeutet das nicht, dass ich so aktiv wie früher bin. Oder dass ich “normalen” Anforderungen an eine Erwachsene erfüllen kann. Ganz vorne dran: noch immer kann ich nicht arbeiten. Aber es bedeutet, dass es mir in den engeren Grenzen eben sehr gut geht. Das tut es an den meisten Tagen.

An den meisten Tagen ist mein Default aufrecht und nicht liegend. (Die aufmerksamen Leser:innen haben die Veränderung vielleicht im neuen Titel ablesen können.) Ich führe mein eigens zusammengestelltes Genesungsprogramm durch, wovon ein Teil 3x die Woche Sport ist. Dass ich Sport machen kann, freut mich ungemein – aber es sind auch viele Kleinigkeiten, die mich beglücken, weil sie zeigen, dass meine Genesung fortschreitet. Kleinigkeiten wie: mitten in einer Menschenmenge am Bahnhof die Treppe herunterlaufen. Das war so lang nicht möglich. Ich habe gewartet, bis keine Menge mehr da war und dann bin ich langsam, am Geländer gelaufen. In der leicht panischen Hoffnung, für den Weg nach oben eine Rolltreppe oder einen Lift zu finden.

Ich kann wirklich viele Dinge wieder machen, die jahrelang nicht gingen. Allein das zu realisieren ist eine Nummer für sich. Es war so schlimm, ich kann es manchmal gar nicht fassen. Und jetzt so viel Glück spüren über all das, was “zurück”kommt! Präziser ist wohl: es war die ganze Zeit da, nur ich eben nicht.

Wie schon früher beschrieben, ist es seine ganz eigene Herausforderung, mit wachsenden Ressourcen gut zu haushalten. Ich ahne, dass mir das auch besser gelingt, weil ich das Kleinere und Langsamere nicht mehr (immer) als unangenehme Begrenzung wahrnehme. Ich mache es immer mehr zu meinem eigenen. Ich nehme es als Gestaltungsmaxime. Das ist anti-Zeitgeist. Vielleicht auch Pionierarbeit, wir werden sehen. Eins der vielen guten Dinge daran ist, im Frühling den Blüten und Blättern beim Wachsen zuschauen zu können.


메타데이터
post_id
bec94eb73ed1
slug
stand-der-dinge-22-03-26-bec94eb73ed1
url
https://medium.com/@dornroeschen/stand-der-dinge-22-03-26-bec94eb73ed1
canonical_url
https://medium.com/@dornroeschen/stand-der-dinge-22-03-26-bec94eb73ed1
author_url
https://medium.com/@dornroeschen
status
ok
fetched_at
2026-06-10 15:53:41