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Klima und Metaphysik

Martin Cron · 2026-04-28 11:46 · 0 claps · 3.7 min read
#bewusstsein #camus #ethik
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Klima und Metaphysik

Zwischen Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre und Albert Camus spannt sich ein existenzieller Bogen: Was bedeutet es zu leben — im Angesicht von Tod und Klimakrise? Der Text verbindet Metaphysik mit Gegenwart und zeigt, warum Sinn nicht im Ergebnis liegt, sondern im Handeln selbst.

Von Wilfried Silbernagel (Verein Klima und Alltag e.V.)

Metaphysik ist nicht die Physik des Konzerns Meta, sondern die Frage nach dem Sein: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Martin Heidegger schreibt: „Die Metaphysik des Daseins ist nicht nur Metaphysik über das Dasein, sie ist die Metaphysik, die sich als Dasein hervorbringt.” Diesen Satz habe ich bei Jean-Paul Sartre gelesen, der sich mitten im Zweiten Weltkrieg bewundernd über Heidegger gegenüber Simone de Beauvoir äußert.

Ich habe mich zunächst gefragt, wie man sich als Franzose bewundernd über einen Deutschen äußern kann, der in seiner Rektoratsrede 1933 schreibt: „Nicht Lehrsätze und Ideen seien die Regel Eures Seins. Der Führer selbst und er allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.” Ich habe mich 20 Jahre lang geweigert, Heidegger angesichts solcher Charakterlosigkeit zu lesen. Und doch bleibt irritierend, wie stark seine Analyse der Existenz ist und wie Sartre, der Widerstandskämpfer, ihn bewunderte.

Foto von Thomas Kelley auf Unsplash

Denn Sartre erkannte in Heidegger etwas, das er für seine eigene Philosophie brauchte: die Einsicht, dass der Mensch kein fertiges Wesen ist, das dann auch noch denkt, sondern dass er sich im Vollzug erst hervorbringt. „Existenz geht der Essenz voraus” dieser Kernsatz Sartres ist ohne Heidegger nicht denkbar. Der Mensch ist nicht zuerst etwas und handelt dann, sondern er wird durch sein Handeln zu dem, was er ist.

Was bedeutet das nun für die Metaphysik? Sie ist kein Produkt, keine Theorie, die der Mensch von außen entwickelt, sondern eine Grundbewegung des Daseins selbst. Sie ereignet sich im Staunen, im Zweifel, in der Angst vor dem Nichts, vor dem Sterben, wenn ich mich frage: Was soll das Ganze eigentlich? Die klassische Metaphysik macht den Menschen zum Objekt der Betrachtung. Für Heidegger dagegen geschieht Metaphysik durch den Menschen selbst, wenn er sich die Frage nach dem Sinn stellt. Er ist nicht Zuschauer, sondern Vollzugsort des Fragens.

Existentielle Fragen

Als alter Mann, nach einem ersten Herzinfarkt, stelle ich mir diese Frage ganz konkret: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es so etwas wie eine Seele, die weiterexistiert? Nach Heidegger ist das aber nicht zuerst eine Sachfrage über ein Objekt namens „Seele”, sondern eine Existenzbewegung des Daseins selbst. Statt zu fragen: Gibt es eine Seele?, sollte ich fragen: Warum stelle ich diese Frage überhaupt? Habe ich Angst vor dem drohenden Nichts? Klammere ich mich an die Möglichkeit einer Fortexistenz? Oder ist es etwas anderes, ein Staunen darüber, dass überhaupt etwas war? Hilfreicher wäre es vielleicht, diese Offenheit auszuhalten. Die wichtigste philosophische Frage ist nicht: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?”, sondern: „Wie lebe ich im Wissen, dass ich sterben werde?”

Die Naturwissenschaft beantwortet diese Frage auf ihre Weise. Sie findet keinen Hinweis darauf, dass ein Ich oder ein Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existiert oder den Tod überdauert. Nahtoterfahrungen, außerkörperliche Erfahrungen und mystische Zustände lassen sich als Gehirnprozesse beschreiben, etwa durch Sauerstoffmangel oder die Aktivierung bestimmter Hirnregionen. Sie wirken real, sind aber intern erzeugt. Das nimmt uns jeden einfachen Trost. Was die Naturwissenschaft allerdings nicht beantworten kann, ist, warum es überhaupt subjektives Erleben gibt, warum sich Existenz so anfühlt, wie sie sich anfühlt. Ein Rest von Rätselhaftigkeit bleibt.

Diese Frage: „Was soll das eigentlich alles?“ stellt sich nicht nur im Angesicht des eigenen Todes. Sie stellt sich auch angesichts der Klimakrise. Beides sind existenzielle Grenzsituationen: In beiden Fällen bricht die Illusion zusammen, dass das Leben einfach weitergeht. In beiden Fällen stehe ich vor einer Wirklichkeit, die sich meiner Kontrolle entzieht.

Hier tritt neben Heidegger eine zweite Figur: Albert Camus und sein Sisyphos. Camus beschreibt den Menschen als jemanden, der in einer absurden Welt lebt, einer Welt, die auf seine Sinnfragen keine Antwort gibt. Der Stein rollt immer wieder herunter. Und dennoch muss man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Nicht weil der Kampf sinnlos wäre, sondern weil die Haltung zum Kampf entscheidet, wer man ist.

Zwischen Heidegger und Camus besteht eine produktive Spannung: Heidegger fragt, wie der Mensch im Angesicht seiner Endlichkeit zu sich selbst findet. Camus fragt, wie man handelt, wenn die Welt keine Garantien gibt. Für die Klimafrage braucht man beide. Heidegger erinnert daran, dass mein Engagement nicht zuerst eine Strategie ist, sondern ein Selbstverhältnis: Ich verhalte mich zu mir selbst, wenn ich handle. Camus erinnert daran, dass die Abwesenheit von Erfolgsgarantien kein Argument gegen das Handeln ist.

Die Schöpfung und unsere Verantwortung. Fotos: macron

Man könnte nun sagen: Wenn die Klimakatastrophe sich kaum noch aufhalten lässt, warum engagiere ich mich dann überhaupt? Ist das nicht Selbstberuhigung? Sartres Antwort wäre: Es geht nicht um Erfolg, sondern um Verantwortung. Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt und er kann sich nicht heraushalten. Auch Gleichgültigkeit ist eine Wahl, auch Schweigen ist eine Haltung. Wer nicht handelt, hat sich ebenfalls entschieden, gegen sich selbst.

Die Einsicht in eine mögliche Katastrophe zerstört den naiven Glauben an Fortschritt und unbegrenztes Wachstum. Aber sie eröffnet zugleich etwas: Gerade weil die Zukunft nicht gesichert ist, wird Handeln existenziell ernst. Wir engagieren uns nicht, weil der Erfolg garantiert ist, sondern weil wir uns zu uns selbst verhalten. Ich lebe hier und jetzt, und mein Handeln gibt meinem Leben Sinn unabhängig vom Ausgang.

Vielleicht verändert unser Handeln die Welt nicht. Aber es verändert Beziehungen, Aufmerksamkeit, das eigene Leben. Und manchmal, das lehrt die Geschichte, verändert es doch mehr, als man dachte. Handeln aus Mitgefühl, ohne an ein bestimmtes Ergebnis gebunden zu sein. Handeln aus ethischer Verpflichtung gegenüber der Natur und gegenüber denen, die nach uns kommen.Trotz möglicher Aussichtslosigkeit entsteht Sinn gerade im Handeln unter unsicheren Bedingungen.

Ich engagiere mich für das Klima und die Umwelt, weil ich dadurch der Mensch bin, der ich sein will.


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