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Eishockey bei Cracovia Kraków

Der Süden von Polen kann durchaus auch als Eishockeyregion bezeichnet werden. Bis auf wenige Ausnahmen, befinden sich die professionellen…

Jörg Stephan · 2019-04-03 08:35 · 0 claps · 6.7 min read paywalled
#sports #eishockey #polen #krakau #deutsch
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Eishockey bei Cracovia Kraków

Eishockey bei Cracovia Kraków

Eishockey bei Cracovia Kraków

Der Süden von Polen kann durchaus auch als Eishockeyregion bezeichnet werden. Bis auf wenige Ausnahmen, befinden sich die professionellen Vereine des Landes in dieser Gegend. In den letzten Jahren konnte Cracovia Kraków die meisten Titel gewinnen. Derzeit spielt die Mannschaft von der Weichsel im Halbfinale der Meisterrunde, gegen den KH GKS Katowice. Das erste Duell in Katowice ging verloren, wodurch die Jungs im zweiten Spiel natürlich in Zugzwang waren. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie hoch das Zuschauerinteresse sein wird und wollte mir meine Eintrittskarte für diese Partie bereits im Vorfeld kaufen. Es stellte sich heraus, dass an der Eishalle kein Kartenvorverkauf stattfand. Möglicherweise irgendwo anders, aber es war nicht herauszubekommen, wo dies sein könnte. Genauso konnte ich bisher nirgends lesen, wie viele Siege für den Einzug in das Finale notwendig sind. Terminiert wurden vorerst nur vier Partien und ich vermute, dass auch insgesamt vier Siege errungen werden müssen. Ohne Eintrittskarte machte ich mich entsprechend zeitig auf den Weg. In der Straßenbahn und letztendlich auch an der Haltestelle vor der Eishalle, sah ich keinen einzigen Sportfreund in Fanbekleidung. Ich wurde unsicher. Findet die Partie heute wirklich statt, hatte ich mich nicht verlesen, ist das hier wirklich die richtige Eishalle oder wird ganz woanders gespielt? In Deutschland oder Tschechien hätte ich schon Stunden vor Spielbeginn, viele Anhänger der beiden Mannschaften mit den entsprechenden Fanutensilien gesehen. Vor der Eishalle standen vier muskulöse Jungs mit Warnwesten und der Aufschrift „Ochrona“ (Sicherheitspersonal). Irgendwas musste hier also sein. Die Kasse war geöffnet, niemand stand dort, um eine Eintrittskarte zu kaufen. War die Partie etwa ausverkauft und sie würden mir gleich mitteilen, dass es keine Karten mehr gibt. „Dzień dobry, poproszę jeden bilet!“ Sagte ich durch das Fenster und war daraufhin erstaunt, dass ich keine Antwort bezüglich ausverkaufter Halle erhielt, sondern die Nachfrage, ob Vollzahler oder Ermäßigt. Vierundzwanzig Złoty, also rund sechs Euro kostete die Karte. Die Türen zur Halle waren jedoch noch geschlossen, sie sollten erst eine Stunde vor Spielbeginn öffnen. Als es dann endlich soweit war, hatten sich sage und schreibe zwanzig!! Sportfreunde eingefunden. Kein einziger trug einen Fanschal, geschweige denn ein Trikot. Allerdings hatten einige von ihnen einen Rucksack dabei. Die kommen bestimmt direkt aus der Arbeit hier her, war mein Gedanke und haben noch ihre Brotbüchsen dabei. Das sollte sich als Irrtum heraus stellen. Als wir die strenge Sicherheitskontrolle hinter uns hatten und endlich in der Eishalle waren, öffneten diese Leute ihre Rucksäcke. Darin befanden sich rot-weiße Schals, Mützen in Vereinsfarben und teilweise auch Trikots. Ich persönlich finde das sehr merkwürdig, denn zu den Höhepunkten eines Stadionbesuchs zählt für mich eben auch, dass ich in voller Fanmontur durch die Stadt laufe, eine Fahne schwenke oder zumindest mit meinem Fanschal herumwedel und natürlich schon die ersten Schlachtrufe in der Straßenbahn anstimme. Zum Spiel gehen, genauso als würde ich ins Theater oder Kino kommen, ist schon irgendwie befremdlich. Der Verpflegungsstand war noch nicht geöffnet, genauso wenig konnte ich ausmachen, ob und wenn ja wo, diverse Fanartikel verkauft werden. Mitten im Gang, wo jetzt allmählich auch die ersten Zuschauer entlangliefen, standen noch die Spieler und erwärmten sich mit Ballspielen. Auf meiner Eintrittskarte war keine Sitzplatznummer aufgedruckt, offensichtlich herrschte also freie Platzwahl. Wie eine leere Eisfläche aussieht weiß ich, also beobachte ich die nun eintreffenden Fans. Es waren vorwiegend Rentner anwesend, die sich scheinbar kannten und daher auch mit Handschlag sowie Umarmungen begrüßten. Ansonsten gab es einige weibliche Besucher der Kategorie Spielerfrau, welche wahrscheinlich gemeinsam mit ihren Männern zur Halle gefahren und deshalb ebenfalls zeitig vor Ort waren. Der Verpflegungsbereich war inzwischen geöffnet. Zu den kulinarischen Leckerbissen gehörten Würste, Hotdogs, Popcorn und die für Polen typische Zapiekanka, ein gegrilltes Baguette. Tee gab es, Cola, Mineralwasser und ich konnte es kaum glauben, Bier mit Alkohol. Ich entschied mich erstmal für ein Bier, hätte allerdings auch gleich noch etwas zum Essen kaufen sollen, denn später gab es lange Warteschlangen. Ein kleiner Stand mit Fanartikeln war inzwischen geöffnet, genauso wie ein Pavillon, unter dem Sammelkarten mit Fotos von Spielern verkauft wurden. Zurück auf der Zuschauertribüne, hielt ich Ausschau nach einem Platz. Sofern es irgendwie möglich ist, suche ich dabei gern die Nähe zu den jeweiligen Ultras, denn stundenlang sitzen und wortlos das Spiel verfolgen, ist definitiv nicht das, was ich mir unter einem Stadionbesuch vorstelle. Leider war im Zuschauerbereich niemand mit einer Trommel und Megafon auszumachen, weshalb ich es mir in Höhe der Mittellinie gemütlich einrichtete. Nach und nach füllten sich die Plätze um mich herum und unter Beifall betraten nun auch die Spieler das Eis. Die Jungs machten sich warm und ich versuchte ihre Namen auf den jeweiligen Trikots zu erkennen. Der Torwart war kein unbekannter. Miroslav Kopřiva spielte bereits in Liberec, der tschechischen Nationalmannschaft, der NHL, in Kladno, Chomutov und bei diversen anderen Klubs. Nicht das ich dessen Werdegang auswendig gewußt hätte. Dank mobilem Internet und der Webseite von Eliteprospects, kann das alles schnell herausgefunden werden. So erfuhr ich auch, dass noch weitere ehemalige NHL-Profis auf dem Eis standen. So amateurhaft kann es also nicht werden. Offensichtlich bin ich hier beim ganz großen Sport gelandet. Voller Vorfreude fieberte ich dem Anpfiff entgegen. Ein Herr um die fünfzig kam durch die Reihen und gab Anweisungen für eine Choreographie, die mit Luftballons stattfinden sollte und in einer der Kurven wurden Zaunfahnen aufgehangen. Fahnen waren nun auch auf dem Eis zu sehen. Junge Schlittschuhläufer fuhren damit hin und her. Die Spannung stieg, als sich alle Zuschauer von ihren Plätzen erhoben, den Schal nach oben hielten und das Vereinslied anstimmten. Ich hatte es in der Vergangenheit bereits gehört und mir dank YouTube auch schon den Text übersetzt. Somit wußte ich halbwegs, über was gerade gesungen wird.

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Die Spieler betraten das Eis, der Hallensprecher laß die Aufstellung vor, ein Pfiff ertönte und es ging los. Die Gastgeber übernahmen sofort das Heft des Handelns. Sie mussten gewinnen und das war von Beginn an spürbar. Erste Schüsse wurden in Richtung gegnerisches Tor abgefeuert. Ich zappelte auf meinem Sitz hin und her. Der Puck hätte längst im Netz sein müssen, aber was weiß ich schon, könnte es ja selbst auch nicht besser. Während Cracovia drückte, verlegten sich die Gäste auf das Kontern. Viele Möglichkeiten selbst das Spiel zu machen, hatten sie eh nicht, denn aufgrund von zweiminütigen Strafen befanden sie sich immer wieder in Unterzahl. Jubelnd sprangen wir alle auf, die Spieler lagen sich in den Armen, soeben war das 1:0 gefallen. Inzwischen waren auch die Ultras anwesend und diverse Anfeuerungsrufe zu hören, die jedoch eher zaghaft zu uns herüber schwappten. Nach zwanzig Spielminuten war das erste Drittel vorbei. Ich schaute in der Pause zu, wie die Fernsehleute mit Interviews beschäftigt waren, erkundigte mich auf der bereits genannten Webseite nach dem Werdegang weiterer Spieler und suchte mir für den Rest der Partie einen neuen Platz, genau dort, wo vorhin der junge Mann mit dem Megafon stand. Es ging weiter, die Spieler kamen auf das Eis. Wenige Sekunden nach Wiederanpfiff, während ich meine Augen noch überall, nur nicht auf dem Spielfeld hatte, fiel das 2:0. Der nächste Höhepunkt sollte folgen, denn nachdem der Jubel verhallt war, sangen wir mein Cracovia betreffendes Lieblingslied in Endlosschleife. „ .. wielki klub, piwo smak, Klub Sportowy Cracovia.“

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Bei „piwo smak“ übertreiben sie definitiv nicht, denn in der Halle wurde mit Tyskie mein polnisches Lieblingsbier ausgeschenkt. Das Spiel plätscherte vor sich hin, auch Katowice hatte nun einige Torgelegenheiten und ehe ich mich versah, war die zweite Pause angebrochen. Nachdem die Eismaschine ihre Runden gedreht hatte und das Spielfeld wieder bestens präpariert war, betrat eine sehr junge Eiskunstläuferin das Eis. Zu der Filmmusik von Vaiana, in polnischer Version gesungen von Natalia Nykiel, zeigte sie diverse Sprünge und Pirouetten.

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Den Song gibt es übrigens auch in deutscher Sprache von Helene Fischer. Die Mannschaft war wieder da und das letzte Drittel konnte gespielt werden. Neben mir wurde getrommelt was das Zeug hielt, wir klatschten, sangen und hofften, der Mannschaft so noch einmal Impulse verleihen zu können. Der Vorsänger, also jener Fan mit Megafon, stand inzwischen vor der Geraden, dort wo ich noch im ersten Drittel gesessen hatte, um nun auch die Leute auf den übrigen Plätzen zum Mitmachen zu animieren. Wir unterstützen ihn dabei durch permanentes Rufen von „cała hala odpowiada“ (die ganze Halle antwortet / macht mit). Das fruchtete dann auch irgendwann und alle 2.000 Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen. Genau in dem Moment erzielte der Gast den Anschlusstreffer. Maximale Unterstützung von den Rängen war nun also bitter nötig, um gemeinsam zum Erfolg zu kommen. Katowice nahm den Torwart für einen zusätzlichen Feldspieler vom Eis, kam dem heimischen Tor gefährlich nahe, verlor die Scheibe, ein Spieler im rot-weißen Trikot schnappte sich diese, fuhr über die letzte blaue Linie und schob in das leere Tor ein, 3:1. Jubel in der Halle und Erleichterung, dass es zum Sieg gereicht hat. Die Mannschaft verabschiedete sich von den Fans, ehe diese zu den Ausgängen stürmten. Ich wollte mir eigentlich einen Hotdog für unterwegs mitnehmen, aber die Verpflegungsstände waren bereits geschlossen. Stattdessen wurde an der Straßenbahnhaltestelle gegrillt. Mehrere hungrige Sportfreunde gönnten sich noch eine dieser fettigen roten Würste, über deren Geschmack ich in der Vergangenheit schrieb. Was auffiel, an der Haltestelle waren sämtliche Fanutensilien wieder verschwunden. Wer dort zufällig vorbei kam, hätte nicht gewußt, dass noch vor 10 Minuten, hundert Meter entfernt, ein Sportereignis stattgefunden hat. Auch ich versteckte meinen rot-weißen Schal vorsichtshalber in einer Innentasche der Jacke. Nur die Mütze mit dem weißen Tiger aus Liberec, blieb natürlich auf meinem Kopf. Zur Erklärung: Die Eishalle liegt im Süden von Krakau, also jene Gegend, die genau wie der Osten und das jüdische Viertel, von den Cracovia Hooligans kontrolliert wird. Meine Wohnung befindet sich jedoch im Norden, dem Wisła-Gebiet. Welche Straßen zu der jeweiligen Gruppe gehören, ist auch an den zahlreichen Wandbemalungen auf vielen Häusern erkennbar. Während die Siegesfeier in Deutschland natürlich auch in der Straßenbahn weitergegangen wäre, herrschte hier Totenstille. Plötzlich ging die Tür noch einmal auf. Ein ungefähr vierjähriger Junge betrat die Bahn an der Hand seiner Mutter, inklusive einem Luftballon, den er bei der Choreographie ergattert hatte. Hörbar von den Eindrücken überwältigt, sang der kleine jene Schlachtrufe, die er vorher in der Halle aufgeschnappt hatte. Vielleicht sollten sich alle an ihm ein Beispiel nehmen, eine gesunde Rivalität ohne Gewalt leben, um den eigenen friedlichen Emotionen folgen zu können.


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