← Back to list

Der hässliche Deutsche

Kapitel 80 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Gundolf S. Freyermuth · 2025-10-19 07:11 · 0 claps · 5.2 min read
#fernsehen #1970er #sitcom #archie-bunker #adolf-hitler
Open on Medium ↗
Wiki topics: 🎬 · Film & Television

Der hässliche Deutsche

Kapitel 80 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Der hässliche Deutsche wäscht sich die Füße in Unschuld — während das Ausland befürchtet, die panoptische Sitcom erwecke den Nationalsozialismus zu neuem Leben (Illustration: Googles DeepMind Imagen)

Der hässliche Deutsche wäscht sich die Füße in Unschuld — während das Ausland befürchtet, die panoptische Sitcom erwecke den Nationalsozialismus zu neuem Leben (Illustration: Googles DeepMind Imagen)

Vom abschreckenden Beispiel zum Sprachrohr der Unzufriedenen

Nicht alles an dem einzigartigen Erfolg von Ein Herz und eine Seele ist allerdings komisch. Die Serie wird, wie Ingrid Wesseln schreibt, „zu einem Politikum, weil sie als Fernsehunterhaltungsserie im Abendprogramm tagespolitische Themen mit satirischer Schärfe“ aufgreift. Zu WMs plötzlicher Bekanntheit gehört, dass er bald Morddrohungen erhält. Die „hässlichen Deutschen“ ärgern sich über ihn, weil sie sich erkannt fühlen. Aber auch im Kanzleramt wird man unruhig. Denn die hervorragenden Umfrageergebnisse, die der SPD 1973 noch den Erfolg ihrer Reformpolitik bescheinigten, weichen 1974 wachsender Unzufriedenheit. Dass WM den Kanzler persönlich kennt, schätzt und politisch unterstützt, macht die Anti-Brandt-Attacken, die er Alfred Tetzlaff in den Mund legt, umso pikanter. Als Autor sieht WM durchaus die Gefahr, dass er die falschen Lacher auf seiner Seite haben könnte: „Die Leute sind auf die Sozialdemokraten wirklich sauer. In den ersten acht Sendungen wären wir nie auf die Idee gekommen, dass Alfred mit seiner reaktionären Kritik auf so viel Beifall stoßen würde.“ Angesichts der wachsenden Einwände gegen die politische Wirkung der Sitcom sehen sich Autor und Redaktion gezwungen, ihre besten Absichten zu betonen. Im April 1974 erklärt Peter Märthesheimer im vielgesehenen ZDF-Kulturmagazin Aspekte: „Wir wollten zunächst einmal, was heute sehr oft vergessen wird merkwürdigerweise, eine Unterhaltungssendung machen. Eine billige einfache Unterhaltungssendung, die viele Leute sich ansehen. Und wir haben auch überlegt, dass es vielleicht mal sinnvoll wäre, eine Unterhaltungssendung mit bestimmten aufklärerischen Elementen zu versehen und zu probieren, wie Aufklärung auf diese Weise vielleicht auch funktionieren kann.“ Die Bedenken und Sorgen steigen, dass WMs Kunstfigur „Ekel Alfred“, gedacht als abschreckendes Beispiel, zum populären Sprachrohr verdrängter Vorurteile und Neigungen werden könnte. Der Spiegel summiert, was immer mehr bundesdeutsche Tageszeitungen schreiben: „Ist also die Serie mit dem Miesling Aufklärung durch Gelächter oder Einladung zur mitmäkelnden Identifikation?“ Ernsthaft wird in der Presse diskutiert, ob ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Tetzlaffs Tiraden gegen den „Mann mit dem Künstlernamen Willy Brandt“ und der politischen Demontage des Kanzlers — nicht zuletzt in seiner eigenen Partei — besteht. „Gibt Alfred Willy den Rest?“, fragt eine Schlagzeile. In der Sitcom lässt WM selbst den „Sozi“-Schwiegersohn Zweifel an Brandts Politik äußern, so dass Alfred ihn anfahren kann: „Hast du nicht damals überall herumtrompetet: Willy wählen! Willy wählen! Norwegische Emigranten-Kanzler sind die Besten?“ Und: „Wenn man ein uneheliches Kind an die Regierung lässt und dann auch geschieden und eine Ausländerin heiratet … und dann wundern sich die Leute, dass die Mädchen keine Höschen mehr tragen.“ WM meint, übertriebener gehe es nicht. Doch der Kanzler selbst schaut Ein Herz und eine Seele. Und ist beleidigt. „Das hat mir Rut Brandt mal später erzählt“, sagt WM.

Ist Alfred vielleicht Adolf?

Die Einwände gegen Ein Herz und eine Seele beschränken sich bald nicht mehr auf das Inland. Die Neue Zürcher Zeitung fragt, „ob denn hier nicht alte Neigungen der Deutschen wiedererweckt werden“. The Guardian und The International Herald Tribune fürchten die Wiedergeburt des Nationalsozialismus. Time Magazine zitiert im Mai aus deutschen Leserzuschriften, deren Absender verstanden haben, was sie verstehen wollten: „Lieber Herr Tetzlaff, Sie haben mir aus der Seele gesprochen.“ Oder „Machen Sie weiter! Sie haben Millionen von Menschen auf Ihrer Seite.“ Die amerikanischen Autoren sehen zwar die Nähe Alfred Tetzlaffs zum heimischen Archie Bunker, betonen jedoch die Differenz: „Archie erinnerte im Gegensatz zu Alfred niemanden an Adolf.“ Die New York Times lässt WM selbst zu Wort kommen. „Adolf Hitler ist wiederauferstanden“, summiert er die internationalen Reaktionen auf seinen negativen Helden, „wenn auch mit Pantoffeln und Zigarre, wenn auch nur 158 cm groß und verheiratet. Hauptsache, er ist überhaupt wieder da, dieser antisemitische, fremdenfeindliche, nationalistische, brutale, antidemokratische, reaktionäre, tyrannische — kurz, der hässliche Deutsche.“

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

Eine Deutung des ungeheuerlichen Erfolgs seiner Kunstfigur liefert WM in Die Zeit nach: „Er ist eine Zusammenfassung so ziemlich aller psychologischen Deformationen, die in unserer Gesellschaft anzutreffen sind. Insgesamt bleibt er ein Monstrum, selbst was die Defekte betrifft, die viele Zuschauer haben mögen. Denn die meisten von ihnen versuchen ihre Defekte ja zu verbergen oder zu verschweigen. Alfred dagegen ist stolz auf sie; denn er hat ja keine Ahnung, dass er ein pathologischer Fall ist. — Aber durch Alfred wird vielen Zuschauern klar, wie sehr sie sich haben anstrengen müssen, um nicht so zu sein wie Alfred. Sie werden an ihre eigenen zivilisatorischen und kulturellen Mühen erinnert. Darüber freuen sie sich dann zu Recht. Das bedeutet aber auch, dass wir unsere eigenen Vorurteile mit denen von Alfred vergleichen können. Es sind in der Regel Probleme, die wir irgendwann einmal selbst hatten, aber schließlich rationalisiert oder einfach verdrängt haben. Durch Alfred tauchen sie wieder auf, und wir müssen uns mit ihnen beschäftigen.“ Direkter formuliert WM sein Vorgehen in einem späteren Interview: „Die Figur ist so zusammengesetzt, dass sie kein Nazi ist. Ein Nazi wäscht sich nicht die Füße in der Salatschüssel. Ein Nazi ist sauber. Kein Nazi wird sich mit dem identifizieren, also den als Helden nehmen, unmöglich.“

Die Sitcom als Panoptikum

Dennoch endet die aufsehenerregende Sitcom im ersten Programm nach nur zehn Folgen am 4. November 1974. Unter den Episoden sind zudem noch ein paar „Doppelte“, die erst in Schwarzweiß auf den dritten Programmen gesendet und dann leicht aktualisiert noch einmal in Farbe im ersten Programm ausgestrahlt werden. Warum Ein Herz und eine Seele nicht weiterproduziert wird, trotz des einzigartigen Erfolgs, hat vielfältige Gründe. In der Redaktion gibt es Befürchtungen, man könne mit „Ekel Alfred“ das Gegenteil von Aufklärung bewirken. Dem Alleinautor gehen auf die Schnelle ein wenig die originellen Ideen aus. Daher die Neuverfilmung älterer Schwarzweiß-Episoden. Einige der Schauspieler haben andere Verpflichtungen. Aus demselben Grund müssen auch, als WM und der WDR anderthalb Jahre später versuchen, mit einer zweiten Staffel an den Erfolg der ersten anzuknüpfen, die Rolle von Mutter und Schwiegersohn neu besetzt werden. Dieser Neustart wird 1976 nach sogar nur vier Folgen eingestellt. Der Abbruch der zweiten Staffel ändert jedoch nichts an dem dauerhaften Erfolg von Ein Herz und eine Seele. „Mehr als jede andere Gestalt der deutschen Populärkultur“, schreibt Harald Martenstein über Alfred Tetzlaff, „verkörperte er den Abschied der Deutschen von den autoritären fünfziger und sechziger Jahren.“ Dass die kurzlebige Sitcom diesen epochalen Einschnitt für die Zeitgenossen „durchspielt“, scheint ein wesentlicher Grund, warum sie in den kommenden Jahrzehnten zu WMs größtem Fernseherfolg wird. Neben dieser inhaltlichen Leistung dürfte ein zweiter Grund für die lange Lebensdauer darin liegen, dass die Sitcom formal etwas simuliert, das erst unter den Bedingungen des Privatfernsehens in den neunziger Jahren als Doku-Soap oder Reality-Show zum deutschen Fernsehalltag werden wird: eine panoptische Beobachtung von Menschen in familiär-intimen Verhältnissen.

“Ekel Alfred” macht WM reich

Jedenfalls laufen die Folgen von Ein Herz und eine Seele nahezu ohne Unterbrechung bis heute auf den verschiedenen Kanälen und Plattformen der ARD. WMs Autorenverträge sehen, wie in den siebziger Jahren üblich, Wiederholungshonorare vor. Einzelne Folgen wie „Sylvesterpunsch“ oder „Rosenmontagszug“ erreichen zudem Kultstatus. Zu Neujahr und Karneval laufen sie rituell. „Nach zehn Jahren bekam das plötzlich einen Glanz, den es früher so nicht gehabt hatte. Darüber freut man sich natürlich“, sagte WM im Rückblick. „Abgesehen davon ist das natürlich auch materiell eine ganz angenehme Geschichte.“

***

Vorheriges Kapitel: 79 Aufstieg in die Bundesliga

Nächstes Kapitel: Klopstockstraße — ein Zuhause nun auch in Berlin (Der Link folgt am 26. Oktober)

Englische Fassung auf Medium:

Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version

Dieser Beitrag ist ein Buchauszug: Jede Woche erscheint ein weiteres Kapitel. Wer nicht warten will, kann den Band bei Amazon bestellen oder direkt beim Kadmos-Verlag. Dort gibt es auch eine E-book-Version


메타데이터
post_id
cc2df4952beb
slug
der-hässliche-deutsche-cc2df4952beb
url
https://medium.com/@gundolffreyermuth/der-h%C3%A4ssliche-deutsche-cc2df4952beb
canonical_url
https://medium.com/@gundolffreyermuth/der-h%C3%A4ssliche-deutsche-cc2df4952beb
author_url
https://medium.com/@gundolffreyermuth
status
ok
fetched_at
2026-07-16 11:42:04