EZB deutet Zinspause an – was der jüngste Zinsentscheid heißt
Im Kampf gegen die Inflation hat die EZB ihre Leitzinsen erneut angehoben. Eine Aussage von Christine Lagarde lässt jedoch aufhorchen.
EZB deutet Zinspause an – was der jüngste Zinsentscheid heißt
Im Kampf gegen die Inflation hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen erneut angehoben, zum zehnten Mal in Folge. Sie zog ihre Schlüsselsätze wie bereits im Juli um 0,25 Prozentpunkte an. Der Hauptrefinanzierungssatz, der als Leitzins bekannt ist, liegt künftig bei 4,50 % und der für Sparer wichtige Einlagenzins bei 4,0 %.
Gleichzeitig lässt jedoch eine Aussage der Notenbank aufhorchen, die auf ein Ende der Zinserhöhungen deutet. „Auf Grundlage seiner aktuellen Beurteilung ist der EZB-Rat der Auffassung, dass die EZB-Leitzinsen ein Niveau erreicht haben, das – wenn es lange genug aufrechterhalten wird –einen erheblichen Beitrag zu einer zeitnahen Rückkehr der Inflation auf den Zielwert leisten wird“, heißt es in der Mitteilung der EZB. Auch EZB-Chefin Christine Lagarde verwies in der Pressekonferenz zum Zinsentscheid auf dieses Statement.

Entwicklung der EZB-Leitzinsen zwischen 2019 und 2023. Bildquelle: Europäische Zentralbank, Eigene Bearbeitung
Expertinnen und Experten hatten bereits im Vorfeld erwartet, dass die Notenbank eine Aussage zum Erreichen des Zinsgipfels treffen könnte. Als wahrscheinlich gilt nun, dass es bis zum Jahresende keine weiteren Zinsanhebungen geben wird – manch einer spricht bereits von einer Senkung des Zinsniveaus ab Frühjahr 2024. Die EZB rechnet damit, dass die durchschnittliche Inflation im Euroraum in diesem Jahr bei 5,6 %, 2024 bei 3,2 % und 2025 bei 2,1 % liegen wird.
Estlands Notenbankchef: „Keine weiteren Zinserhöhungen in den kommenden Monaten“
So deutlich wurde Lagarde nicht, anders ihre Kollegen aus dem EZB-Rat: „Wir glauben, dass die jüngste Erhöhung des Zinsniveaus, wenn es für einige Zeit beibehalten wird, ausreichen könnte, um die Inflation dem 2 %-Ziel anzunähern“, sagte etwa EZB-Vizepräsident Luis de Guindos am Freitag dem spanischen Radiosender „COPE“. Die EZB verfolgt das Ziel der Preisniveaustabilität, mittelfristig steuert sie eine Inflationsrate von 2 % im Euroraum an.
Auch Madis Müller, Chef der estnischen Zentralbank, schrieb in einem Blogbeitrag, der EZB-Rat habe klargestellt, „dass nach unserem besten Wissen in den kommenden Monaten keine weiteren Zinserhöhungen zu erwarten sind“.
Tatsächlich war bis zum Zinsentscheid am Donnerstag offen, ob die Zentralbank ihre Zinssätze erneut anhebt oder sie beim bisherigen Niveau belässt.

Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main. Bildquelle: © PantherMedia / kavalenkava
Immerhin hat die Anhebung der Leitzinsen einen entscheidenden Einfluss auf Sparerinnen, Häuslebauer und die Wirtschaft. Als wahrscheinlich gilt, dass die Zinsen aufs Tages- und Festgeld nach dem jüngsten Zinsentscheid nochmals steigen werden. Zuletzt lagen sie zwischen 2,5 und 4 %, bisweilen gaben Banken die gestiegenen Zinsen gar nicht oder nur in deutlich geringerem Maße an die Kunden in Form von Sparzinsen weiter.
Immobilienbranche setzt wegen gestiegener Zinskosten auf Wohnungsgipfel
Ob die Bauzinsen indes weiter anziehen, steht nicht fest. Sie orientieren sich dabei an zehnjährigen Bundesanleihen und rangieren seit Anfang Juli auf einem Niveau zwischen 3,80 und 3,95 %, bei zehnjähriger Sollzinsbindung. Eine geringfügige Erhöhung des Zinsniveaus dürfte daher kaum Auswirkungen haben. Ohnehin erwarten Experten bereits ein steigendes Transaktionsvolumen bei fallenden Zinsen.
So schreibt der Immobilienberater Colliers im jüngsten Marktbericht, in mittelfristiger Perspektive sei wieder „ein Absinken der Zinsniveaus zu erwarten, wodurch sich die Rahmenbedingungen für Käufer wieder verbessern sollten“.
Die Immobilienbranche setzt indes Hoffnungen auf den Wohnungsgipfel am 25. September – einem Treffen von Bundesregierung und Branchenvertretern – und bringt sich bereits mit entsprechenden Forderungen in Stellung. So fordert sie etwa bessere Abschreibungsmöglichkeiten oder ein Absenken der Grunderwerbsteuer, vor dem Hintergrund gestiegener Bau- und Materialkosten als auch den angezogenen Kreditzinsen.
Auch für die Wirtschaft haben höhere Leitzinsen Folgen: Denn für Firmen werden Kredite teurer, wenn die Zinsen steigen. Entsprechend dürften Unternehmen Investitionen zurückschrauben, um Zinskosten zu sparen.
Da die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sinkt, droht bei steigenden Zinsen generell ein Abwürgen der Wirtschaft. Eine Zinspause oder gar sinkende Leitzinsen könnten entsprechend konjunkturstimulierend wirken – wenn die Inflationsdaten einen solchen Schritt zulassen.
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