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Wenn Schuld das leichtere Gefühl ist

Diese Woche habe ich gelernt, dass Schuldfühle eine Schutzfunktion haben können — sie bewahren uns davor, eine noch viel schrecklichere…

Bianca trauert · 2024-04-20 10:08 · 0 claps · 2.5 min read
#schuld #suizid #trauer
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Wenn Schuld das leichtere Gefühl ist

Diese Woche habe ich gelernt, dass Schuldfühle eine Schutzfunktion haben können — sie bewahren uns davor, eine noch viel schrecklichere Wahrheit anzunehmen.

Am Mittwoch, als wir uns wieder einmal durch Behördenkram schlugen, meinte meine Mutter zu mir: “Komm, das Geld von diesem Konto von Papa lassen wir direkt auf dein Konto überweisen.” Augenblicklich wurde mir speiübel. Es fühlt sich so falsch an, sein Geld zu nehmen.

Ich hatte in den Monaten vor Papas Suizid immer wieder darüber nachgedacht, ihn nach einem Kredit zu fragen, weil ich mir einen kleinen Traum erfüllen wollte. Aber ich habe es gelassen. Ich wollte ihn auf keinen Fall schwierige Fragen stellen, weil er sich mit allen Entscheidungen so schwertat.

Und obwohl ich unglaublich froh bin, dass ich ihn nicht gefragt habe, macht mir alleine der Fakt Schuldgefühle, dass ich darüber nachgedacht habe, riesengroße Schuldgefühle.

Hätte ich die Zeit, in der ich über Geld nachgedacht habe, nicht nutzen können, um ihn zu unterstützen? Andere Behandlungsmethoden raussuchen und ihn davon überzeugen, zum Beispiel?

Ich fühle mich, als hätte ich dieses Geld nicht verdient, weil ich nicht alles getan habe, um ihn zu retten.

Gestern habe ich meiner Therapeutin davon erzählt und zwei wichtige Inputs bekommen, die ich mit euch teilen möchte.

  1. Es ist nicht fair, mein Handeln von damals aus der heutigen Sicht zu beurteilen. Denn ich konnte nicht wissen, dass Papa in Lebensgefahr ist. Ich habe meiner Mama geglaubt, als sie meinte “wir kriegen das hin” und mich dabei auch an (unausgesprochene) Regeln der Familienkommunikation gehalten, niemandem Hilfe aufzudrängen. Hätte ich geglaubt, dass sein Leben in Gefahr ist, hätte ich anders gehandelt. “Es klingt als hätten sie sehr bewusst entschieden und sich viele Gedanken gemacht”, meinte meine Therapeutin. Und auf mein “Aber vielleicht war ich einfach nur konfliktscheu und bequem?”, sagte sie: “Sie urteilen schon wieder ungemein streng über sich selbst.”
  2. Sich schuldig zu fühlen hat eine Funktion. So lange ich denke, dass ich eine Mitschuld trage, kann ich noch glauben, dass ich etwas hätte machen können. So lange muss ich nicht akzeptieren, dass das, was über Papa hereingebrochen ist, so groß und so übermächtig war, dass NIEMAND eine Chance hatte. Denn diese Version der Wahrheit ist unfassbar beängstigend. Wenn es so plötzliche, so heftige psychische Krankheiten gibt — dann kann das doch jedem passieren? Dann laufen wir alle Gefahr? Dann kann nicht jeder gerettet werden? Dann muss ich Angst um alle Menschen haben, die ich liebe, weil alles zerbrechlich ist. Und um mich. Denn Papa war nicht der erste war in seiner Familie. Und Trübsinn und Traumata können vererbt werden. Ich trage einen Teil davon in mir. Ich hab die unfassbar schwierige Aufgabe, diesen Kreislauf zu unterbrechen — und weiß doch nicht, ob ich das kann. Weil das, was Papa “befallen” hat so übermächtig erscheint.

Ich habe also die Wahl: Ich fühl mich schuldig, oder machtlos .

Macht es dann trotzdem Sinn, die Schuldgefühle loszulassen? Soll das das Ziel sein? Auf Dauer ja, meinte meine Therapeutin. Aber das darf langsam geschehen. Und ich hoffe, dass in gleichem Masse das Vertrauen zurückkommt, dass wir nicht einfach ausgeliefert sind — sondern etwas tun können. Ich und alle anderen, denen die Schwere der Familie in den Knochen steckt. Wenn wir bereit sind uns Hilfe zu suchen.

Kurz vor Ende der Sitzung — meine Therapeutin fasste gerade noch einmal zusammen, was ich getan hatte, um Papa zu helfen und dass es zugleich eben nicht in meiner Hand lag, war es mir plötzlich, als schwebe er im Raum. Links oben in der Ecke. Mit seinem ganz typischen erstaunten Blick, wenn er nicht gemerkt hatte, dass mich etwas beschäftigte, schaute er mich an und sagte ganz sicher: “Ja klar: Sie hat Recht.” So quasi: “Was denkst DU denn?”

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich mich dadurch besser fühlte. Aber das Gefühl der Dankbarkeit, dass er noch hier ist und mit mir spricht, konnte kaum zu mir durchdringen. Es wurde überrollt von einem ganz großen “du gehörst nicht da oben hin — sondern hierher zu uns”.


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