Diese Sache mit dem Journalismus…
Wie lange ich mich schon frage, ob ich nicht vielleicht DOCH hätte Journalist werden sollen? Schwer zu sagen. Manchmal spüre ich es auch…
Diese Sache mit dem Journalismus…
Wie lange ich mich schon frage, ob ich nicht vielleicht DOCH hätte Journalist werden sollen? Schwer zu sagen. Manchmal spüre ich es auch schon förmlich bei meinem Gegenüber — dieses innerliche Augenrollen, wenn ich (wieder einmal) mit dem Thema um die Ecke komme. Jahr für Jahr wird die Frage für mich akuter. Und gleichzeitig rückt die Option, realistisch betrachtet, vermutlich mit jedem weiteren Jahr „auf der anderen Seite“ in immer weitere Ferne.
Ich bin mittlerweile fast 34 Jahre alt und arbeite seit sieben in wechselnden Rollen, irgendwo zwischen Marketing und Kommunikation. Einen Neustart mit ein bis zwei schlecht bis gar nicht bezahlten Jahren an einer Journalistenschule oder im Volontariat — und ungewissen Aussichten für die Zeit danach — kann ich mir immer weniger vorstellen. Bestimmt würde ich dabei noch einiges Neues lernen. Aber habe ich das nicht auch ohne Journalistenschule in den vergangenen Jahren getan?
Schon lange schreibe ich privat regelmäßig Blogbeiträge, werte bei der Arbeit fortlaufend Studien aus und schreibe Pressemeldungen, die teilweise im Wortlaut von Redaktionen in ihre Berichterstattung übernommen werden. Als Ghostwriter bin ich schon in die verschiedensten Expertenrollen geschlüpft, spreche auf Konferenzen, betreibe einen eigenen Interview-Podcast — und mache tagein, tagaus generell so einiges, das ich vermutlich auch als Journalist machen würde.
Aber trotzdem. Trotzdem lässt es mich nicht los, dieses Gefühl, dass ich niemals Journalist werden kann. Ganz egal, wie viel ich redaktionell arbeite. Ich bin ja nicht mehr neutral, seit ich das erste Mal einen Fuß in die Unternehmenskommunikation gesetzt habe — und kann es seitdem auch nie wieder so ganz sein. Aber: Ehrlich gesagt glaube ich das nicht einmal selbst. Das rede ich mir nur immer wieder ein. Weil ich denke, dass „echte“ Journalist:innen so von mir denken.
Der Wechsel aus dem Journalismus in die PR ist völlig normal. Der Wechsel aus der PR in den Journalismus dagegen? Gefühlt fast unmöglich. Dabei wirkt diese Vorstellung heute fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Die Grenzen zwischen den Rollen verschwimmen schließlich immer öfter: Journalist:innen betreiben Podcasts und Newsletter und bauen sich darum eine eigene (Personen-)Marke auf, während Creator ihren Inhalten ein Millionenpublikum erreichen und selbst zum Medium werden. Selbst Marken setzen zunehmend auf eigene mediale Formate, Stichwort „Serial Content“.
Ich verstehe, dass es nicht in Ordnung wäre, wenn ich derselben Redakteurin erst eine Pressemeldung meines Arbeitgebers und kurz darauf einen Themenvorschlag im Rahmen meiner freien Mitarbeit schicke — und im Text zu letzterem dann ganz zufällig noch ein paar Studienergebnisse und Expertenzitate aus ersterer einbinde. Ob es aber wirklich so verwerflich wäre, wenn ich Jahre später als Journalist unter anderem auch Interviews mit Unternehmen führe, für die ich früher einmal kommuniziert habe?!
Klar, wer jahrelang Unternehmensinteressen vertreten hat, muss sich ein Stück weit auch kritische Fragen gefallen lassen. Die Frage ist nur, ob daraus automatisch folgt, dass dieser Mensch niemals wieder unabhängig sein kann. Oder, anders gefragt: Warum glauben so viele in einer Branche, die entscheidend von Neugier und Perspektivwechsel lebt, dass ein einmal gewählter Berufsweg für immer über die (journalistische) Integrität eines Menschen entscheidet?
Für mich persönlich liegt die größere (innere) Hürde aber ohnehin an anderer Stelle: Die Gründe, wegen der ich mich schon nach Ende der Schulzeit nicht in den Journalismus getraut habe, dürften sich knappe anderthalb Jahrzehnte später nicht in Luft aufgelöst haben. Es gibt immer weniger feste Stellen, in den Redaktionen herrscht hoher wirtschaftlicher Druck, für freie Mitarbeitende scheinen die Einkommensperspektiven zunehmend unsicher. Und dann ist da ja noch die liebe KI.
Wenn mir der Schritt in den Journalismus irgendwann einmal trotzdem gelingt, hätte ich dort auf jeden Fall einen Vorteil: Wahrscheinlich hätte ich im Fall der Fälle keine größeren Schwierigkeiten, wieder in die Unternehmenskommunikation zurückzukommen — dann aber nicht mehr mit dem Gefühl, diese Sache mit dem Journalismus irgendwie „verpasst“ zu haben.
Mehr über mögliche Wege in den Journalismus und den Arbeitsalltag freier Journalist:innen hat mir kürzlich die freie Journalistin Hannah Mara Schmitt erzählt. Ihr könnt unser Gespräch hier nachhören:
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- 2026-07-24 13:21:48