Simulation: Live-Nachrichten
Kapitel 73 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk
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Kapitel 73 von Wer war WM: Auf den Spuren eines Televisionärs: Wolfgang Menges Leben und Werk

Fernsehen als Fake: Die Leute aufrütteln — mit einem Notfall, der erst in ein paar Jahren eintreten wird (Live-Regie des WDR in den 1970er Jahren, imaginiert von Google’s DeepMind Imagen)
Viel Feind, viel Ehr
Im Frühjahr 1972, als WM an der SDR-Dokumentation Verkaufsmaschine Supermarkt arbeitet, nimmt der WDR sein Drehbuch zu Smog ab. Allerdings fürchtet man im Sender die Kontroverse, die das Fernsehspiel auslösen könnte. Daher entschließt die Redaktion sich zu einem einmaligen Schritt: Das Skript wird in 600 Exemplaren hektographiert. Bestseller-Autor WM spottet: „Ein Bestseller“. Die Kopien erhalten alle Personen und Institutionen, bei denen WM und WDR-Redakteur Märthesheimer recherchiert haben, zur Kontrolle und Korrektur.
Das Resultat: Fehler werden wenige gefunden. Aber Smog wird zum ersten Fernsehspiel, das in der Bundesrepublik noch vor seiner Ausstrahlung — ja, noch bevor seine Produktion beendet ist — Proteste von Industrievertretern und Politikern auslöst. Sogar zu einer parlamentarischen Anfrage kommt es. CDU-Landtagsabgeordnete befürchten einen „schweren Rückschlag für die Attraktivierung des Ruhrreviers“.
WM reagiert ironisch: „Dass viele Bewohner des Reviers nicht begeistert sind, kann ich verstehen. Aber wo hätten wir sonst drehen sollen? Schwarzwald?“
Die Landesregierung warnt, der als Ernstfall-Simulation angelegte Fernsehfilm könne die Bevölkerung verunsichern. Der Essener Oberbürgermeister sieht wirtschaftliche Schäden voraus und attackiert den „reißerisch aufgemachten Science-fiction-Film“. WM ist glücklich. Im Spiegel verkündet er:
„Vor meinem Film zittert die ganze Industrie.“

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Die Dreharbeiten für Smog finden von Oktober bis Dezember 1972 statt. Der Aufwand ist ungewöhnlich groß. Das Drehbuch sieht 80 Sprechrollen in über 100 kurzen Szenen vor. Das Budget beträgt 700 000 Mark und liegt damit nur knapp unter dem Niveau deutscher Kinofilme. Das Aufnahmeteam zählt 90 Mitglieder. Gedreht wird im Kölner WDR-Studio sowie an 85 Originalschauplätzen, u.a. in Essen, Duisburg, Oberhausen, Düsseldorf und Gelsenkirchen.
„Vor kurzem habe ich mir Smog noch mal angesehen“, sagte Günter Rohrbach 2014. „Das ist als eine heutige Auftragsproduktion überhaupt nicht vorstellbar — diese Fülle von Motiven. Damals konnten wir es uns als Eigenproduktion leisten, 40 Drehtage oder mehr für einen Fernsehfilm zu haben. Das ist heute unmöglich.“
Wolfgang, der Zweite
Die Regie ihrer Prestige-Produktion vertrauen Günter Rohrbach und Peter Märthesheimer einem jungen und wenig erfahrenen Regisseur an: Wolfgang Petersen — einem weiteren Wolfgang in meinem Leben. Petersen gehörte dem ersten Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie an. Seit 1966 studierte er zusammen mit Harun Farocki, Hartmut Bitomsky und Helke Sander. Seinen Abschlussfilm Ich werde Dich töten, Wolf sendete der NDR 1971. Seitdem hat er bei drei weiteren Fernsehfilmen Regie geführt, darunter die NDR-Tatort-Produktionen Blechschaden (1971) und Strandgut (1972). So ist er dem Tatort-Koordinator Gunter Witte aufgefallen. Strandgut spielt auf Sylt und vermittelt gekonnt ein Gefühl für die Insel. Das gefällt auch WM, der seit 1964 jedes Jahr sechs bis acht Monate auf Sylt lebt.
Das Risiko, das die Redaktion eingeht, als sie dem 31-jährigen Anfänger diese Großproduktion anvertraut, wird belohnt. Wolfgang Petersen übertrifft alle Erwartungen. Jahre später noch wird Gunter Witte von der Zusammenarbeit schwärmen: „Unglaublich, wie Petersen einen Entwurf mit grandiosen Details einfach so hinwarf“ und dabei „herrlich normal war und mit beiden Beinen auf der Erde stand“.
Smog markiert den Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit von Wolfgang Petersen mit dem WDR, auch mit WM, aber vor allem mit Günter Rohrbach. Denn der wird Ende des Jahrzehnts die Geschäftsführung der Münchner Bavaria Studios übernehmen und Petersen als Drehbuchautor und Regisseur für Das Boot verpflichten. Der Rest ist deutsch-amerikanische Filmgeschichte.
Wie der Jungregisseur Ende 1972 das Team der großen und zudem politisch umstrittenen Produktion im Griff hat, beeindruckt auch den namenlosen Spiegel-Beobachter:
„15 Schülerinnen der Kaiserin-Theophanus-Schule in Köln-Kalk analysieren die Säure in ihren durchlöcherten Strumpfhosen. Die ersten Smog-Kranken ließ Petersen auf den Fluren des Kölner St.-Joseph-Hospitals in 30 klinikeigene Betten legen und von leibhaftigen Schwestern betreuen. Den Pförtner des Düsseldorfer Arbeitsministeriums engagierte er, für zwei Sätze, vom Fleck weg. Polizisten und ADAC-Helfer sperrten für ihn Straßen und Autobahnen ab. Smog-Flüchtige mussten sich auf dem Duisburger Hauptbahnhof unter 120 Reisende mischen. Und wenn immer sich der Himmel über dem Revier aufhellte, füllte Petersen die Naturkulisse durch künstliche Nebelschwaden und grauzeichnende Nebelfilter wieder in den gewünschten Dunst.“
Wolfgang Petersen inszeniert, was WM entworfen hat. Ein gemeinsamer Nenner aller Betroffenen ist ihre Unfähigkeit, sich auf den Notfall einzustellen. Am Ende versagen die verantwortlichen Behörden, doch von Anfang an auch die ganz normalen Bürger. Autofahrer nehmen die Qualen endloser Umleitungsschlangen und stundenlanger Totalsperren in Kauf, anstatt in die leeren Busse des öffentlichen Nahverkehrs zu steigen. Einkaufende lassen sich nutzlose Smogmasken aufquatschen. Während alle husten, wird weitergeraucht. Gemüsehändler legen ihre Ware in der Giftluft aus. Fußballtickets sind heiß begehrt, während die Spieler bereits mit Sauerstoff versorgt werden müssen.
“Ran an die Klamotten!”
Als Gerüst zur erzählerischen Aufbereitung des Notfallplans nutzt WM wiederum ein etabliertes Fernsehformat: das Regionalmagazin des WDR. Dieser Kunstgriff erlaubt es ihm, die lineare Parallelhandlung der beiden exemplarischen Familien mit Formelementen des Radio- und TV-Journalismus wie Meldungen, Studio-Interviews, Straßenumfragen und Live-Schaltungen zu aktuellen Handlungsorten aufzubrechen und kaleidoskopisch anzureichern. Eingesetzt werden wieder — wie in Millionenspiel — tatsächliche WDR-Journalisten wie Gisela Marx und der junge Radioreporter Werner Sonne als Fernsehreporter Erwin Kuchenbäcker. Die Sondermeldungen des Radios verliest Egon Hoegen, dessen sonore Stimme den meisten Zuschauern aus der populären Verkehrssicherheits-Sendung „Der siebte Sinn“ vertraut sein dürfte, die seit 1966 wöchentlich im ersten Programm ausgestrahlt wird. Auch Smog ist daher nicht nur ein Film über die Zerstörung der Umwelt, sondern zugleich ein Stück Medienkritik. Die Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks berichten nicht nur über den Umweltalarm, sie strukturieren den Verlauf des Notfalls.
Ein Vierteljahrhundert später, im März 2008, interviewt die Süddeutsche Zeitung Wolfgang Petersen.
„Ist Smog nicht auch ein Film übers Fernsehen?“, fragt Hans Hoff.
„Es war ein bisschen beeinflusst durch den Krieg der Welten von Orson Welles, der übers Radio ganz Amerika verrückt gemacht hat“, antwortet Wolfgang Petersen. „Wir wollten das Fernsehen benutzen und zeigen, wie so etwas gemacht wird.“
„Sie haben bei Smog mit den Ängsten der Menschen gespielt. Also die Frage: Durften Sie so weit gehen?“
„Wir durften so weit gehen. Ich sage nur: WDR, 70er Jahre. Wir konnten damals machen, was wir wollten. Da war Günter Rohrbach, und da war der Fernsehdirektor Werner Höfer, der hatte auch Mut. Das war ein Aufbruchsfernsehen. Wir wussten, die Leute wollen das. Nicht immer nur so sanft abgesichert. Die wollten aufgerüttelt werden. So richtig mal ran an die Klamotten.“
***
Vorheriges Kapitel: 72 Verführung im Supermarkt
Nächstes Kapitel: **74 Sozialer Realismus: Von Smog zur Gründung der Grünen**
Englische Fassung auf Medium:
Introduction: *Who Was WM? Investigating a Televisionary: The Life and Work of Wolfgang Menge*

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