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(Teil6) StricktDagegen in der Ukraine

Teil 6, das heißt das war der sechste Tag im Chaos… Allerdings für mich auch der zweite Tag ohne Internet. Nachdem ich die Grenze…

Stricktdagegen- BuntStattGrau · 2022-09-28 19:28 · 0 claps · 9.2 min read
#ukraine #judgement #warten #emma-goldman #banksy
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(Teil6) StricktDagegen in der Ukraine

MEIN ukrainisches Polizeiabzeichen

MEIN ukrainisches Polizeiabzeichen

Teil 6, das heißt das war der sechste Tag im Chaos… Allerdings für mich auch der zweite Tag ohne Internet. Nachdem ich die Grenze optimistisch Richtung Tierarzt verlassen hatte um den fehlenden Stempel für Doggenomi zu kriegen hatte ich dummerweise den ersten Unfall (mit fahrenden Objekten) meines Lebens. Und das in der Ukraine… Ohne einreiserelevante Versicherungspapiere… Ich konnte meine Versicherung noch nicht einmal nachweisen, keine Versicherungsnummer, nichts, das war mir nämlich alles per E-mail zugeschickt worden und Internet hatte ich nur an Tankstellen.

Aber auch so im Allgemeinen war es hart ganz ohne Internet. Okay, die Nacht hatte ich mit Polizeischutz hinter mich gebracht aber so garnicht kommunizieren können, gar keine Ablenkung, das war hart.

Zum Glück hatte mir mein netter Unfallgegner nicht nur eine scheußliche grüne Basecap geschenkt sondern noch mein Ziel des morgens in mein Navi eingegeben. Viel zu früh fuhr ich los. Das Ziel fand ich aber keinen Parkplatz der groß genug für meinen Bus war. Zum Glück hatte ich ja Zeit. Ein paar Meter vom Polizeirevier entfernt war so etwas wie eine Verkaufsmeile, also verfallende Häuser in denen sich Läden befanden. Da stellte ich mich an den Straßenrand vor eins dieser “WirHabenAllesLädchen”. Die Polizeiwache war eingezäunt aber es gab ein Pförtnerhäuschen in dem zwei Polizisten saßen und Kaffee tranken. Rekruten kamen offensichtlich zur Arbeit, alle recht jung und in Polizeiuniform. Ich hab erstmal noch eine geraucht und beobachtet. Aber es führte kein Weg rein, das Pförtnerhäuschen musste sein. Ich glaub wirklich verstanden haben die zwei mich nicht aber als ich ihnen all die kyrillischen Textdokumente die ich von den Polizisten in der Nacht bekommen hatte vorlegte gings. Einer der Rekruten wurde zu Hilfe genommen mir auf Englisch zu übersetzen, dass ich reingehen könne, zur Linken sei irgendwas, da solle ich mich melden. Ich war super nervös. Ich hatte keine Ahnung was jetzt auf mich zukommen würde. Heute Nacht wollten sie mich noch in’s Gefängnis stecken! Aber hey, ich war pünktlich um acht an der Polizeistation, wie von mir verlangt. Jetzt sollte ich schon auch den Mut aufbringen rein zu gehen!?

Also ging ich rein. Bis zur Decke gekachelte Wände ließen mich ein bisschen frösteln aber der Pförtner (diesmal echt ein Mensch in Zivil) neben der Tür kam schon aus seinem Kabuff und sagte etwas auf Ukrainisch zu mir. Ich konterte auf Englisch was er allerdings nicht verstand. Also wieder alle Papiere vorlegen, klappt. Er deutete auf ein Zimmer. Vor dem Zimmer war eine Wartebank. Ich setzte mich also auf die Bank (naaaa merkt jemand wie Rücksichtvoll und gut erzogen ich bin!? Nein einfach nur mega unsicher in der ganzen Situation und überfordert!). Nach einer Weile scheint der Pförtner mich bemerkt zu haben, er kam wieder aus seiner kleinen Überwachungszelle, zog mich hoch, schüttelte heftig den Kopf und deutete wieder auf die Tür. Also ging ich zu der Tür, deutete ein Klopfen an und sah ihn fragend an. Er nickte, das war`s also. Ich klopfte, nichts. Also nahm ich meinen ganzen übergriffigen Mut zusammen und trat in den Raum. Dieser Raum war ein wenig wohnlicher, es gab sogar Grünpflanzen auf der Fensterbank und keine blutspritzerverhindernden Kacheln. In dem Raum standen mehrere Schreibtische die Wand entlang. Zwei waren besetzt und zu dem mir nächsten ging ich und legte gleich auf Englisch los aber die Polizistin sah mich nur böse an und deutete mir zurück zu treten. Alla hopp, hier stand ich nun, mitten in einem Raum voller Schreibtische und wusste nicht was tun. Ich wollte doch nur meiner Verpflichtung heute hier vorstellig zu werden nachkommen. Ich wollte doch nur zeigen wie kooperativ ich war und wie dankbar in der Nacht vom Gefängnis verschont worden zu sein! Ich wartete… Die Polizistin telefonierte, Menschen kamen rein gingen an Schreibtische und gingen wieder raus. Ich kam mir garnicht deplatziert vor. Irgendwann durfte ich vortreten. Die Polizistin hatte toll pedikürte Fingernägel aber ihr Englisch war reudig. Zumindest verstand ich, dass ich draußen warten solle.

Vor dem Zimmer war die Bank, die war aber voll also setzte ich mich auf den Boden. Das kam nicht so gut an, als ein Platz auf der gusseidernen Bank frei wurde zischte der Portier an und vermittelte mir so, dass ich wieder auf die Bank solle. Zum Glück hatte ich gerade ein mega Häkelprojekt begonnen: Kennt ihr Emma Goldman? Wenn nicht: informieren!! Jdenfalls hat diese wundervolle Frau gesagt:

“I will leave this country off rather

than denie my idea,

I prefer to stick to my gun!

Dieses “I prefer to stick to my gun”, das MUSSTE ich einfach häkeln! Und dann war ich in der Banksy Ausstellung gewesen und wurde wieder an den Panda mit den Pistolen erinnert, das hab ich dann kurzerhand kombiniert und hatte so eine mega Aufgabe vor mir. Ich hatte etwas zu tun beim Warten!!

Und das tat ich: häkeln und warten… Gelegentlich auf´s Handy schauen aber in der Polizeiwache gab`s kein GratisWlan und wie hätte ich fragen sollen!? Gegen Mittag (ich war seit Punkt acht Uhr da!!) wurde ich ein bisschen nervös und beschloss den Pförtner mit Hilfe meiner Hände und Füße und Mimik und was es halt zur Kommunikation ohne Sprachkonsense brauchte, zu fragen ob ich mal raus dürfe wegen Doggenomi und so. Es war eine durchaus komplizierte Kommunikation aber es gelang ihm mir zu erklären, dass ich erst um zwei wieder da sein müsse (So ne Uhr ist ein super Hilfsmittel, und dann auf den Boden zeigen und nicken!). Krass, die hatten einfach eh Mittagspause!? Mir sollte es recht sein. Zurück an meinem Bus bat mich ein Mensch, der sehrgut Englisch sprach, selbigen wegzufahren weil man sonst den Lagen garnicht sieht. Klar, wenn das Alles ist. Und ich fand einen Parkplatz um die Ecke, lief mit der Doggenomi ne Runde und legte mich dann erstmal für n Stündchen hin. Schlafen, das tat so gut! Und etwas zu Essen hab ich mir gemacht. Und nen Kaffee. Und um Punkt 14 Uhr stand ich wieder im Polizeirevier. Hier nichts neues, ich wartete und häkelte, nochmal ca. 2 Stunden. Dann sollte ich wieder ins Schreibtischzimmer kommen wo die Polizistin mir ein Telefon ans Ohr hielt. Da war eine nette Dame dran, die Englisch konnte!!! Sorry, aber das war so schön! Mein Englisch ist auch nicht perfekt aber zumindest kann ich mich verständigen und sag nicht immer gleich: Nö kann ich nicht! Tschüss. Also diese Dame erklärte mir, dass sie Englisch könne (offensichtlich!?) ob ich auch Englisch könne? Ja, ich würd es halt mal versuchen. Sie hat mir dann erklärt, dass alle versuchten einen deutschsprachigen Übersetzer zu finden aber da wäre niemand. Okay, mit ihr kommunizieren klappte ja schon!? Ja, also ich müsste zum JUDGE (judge??? Mein Kopf blieb bei Gefängnis hängen..) ob ich mir vorstellen könne, das auch auf Englisch zu machen. Ichso: Ja ABER can you please explayn me waht you mean with judge? Eigentlich war mir inzwischen alles egal aber ich wollte zumindest wissen wenn ich mit meinem Hund in den ukrainischen Knast einwandern solle! Nein, Judge=Richter! Zum Glück konnten die nette Dame und ich das klären!!

Nach einer Wartezeit von fast ner Stunde kamen dann Polizisten um mich abzuholen. Ich konnte ihnen erklären, dass ich meinen Bus und meinen Hund bräuchte, jaja, ich solle ihnen nachfahren. Klingt einfach, die Polizisten waren mega nice, war es aber nicht!! Mit Blaulicht und gefühlt Vollgas fuhren die Polizisten vor mir her, ich musste mich immer wieder bei anderen Autofahrern bedanken oder verzweifelt entschuldigend lächeln wenn ich ihnen ihre Vorfahrt nehmen musste. Auf der Landstraße war es dann ein bisschen entspannter, nur die Straßenverhältnisse waren die Hölle! Da gab es garnicht wirklich eine Straße, das war Lehmboden durchzogen von Schlaglöchern! Zum Glück warteten die Polizisten immer brav wenn ich mal wieder langsam um eine Kurve fahren musste weilmein Buseinfach mal mindestens 5 Meterlang ist. Zwischenzeitlich mussten sie dann auch noch so einen Laster anhalten und überprüfen. Voll okay, ich habe gewartet und immer mal versucht durch das Minifenster in der Trennwand einen Blick darauf zu erhaschen, was dahinten in den Kurven und bei den Schlaglöchern so gescheppert hatte. Klappte nicht!

Dann gab es noch einen Polizistenverfolgerwechsel, der neue Polizist war aber mega nett und konnte super Englisch. Jedenfalls sollte ich ihnen jetzt folgen. Und dann waren wir an dem so ziemlich beängstigensten Gebäude ever:

Das Gerichtsgebäude! Ich durfte noch kurz mit Doggenomi raus, in meinem Bus war Chaos: Die Küche war umgestürzt!! Who cares, jetzt erstmal ab vor Gericht! Der nette Polizist trat sehr souverän auf. Auch im Eingangsbereich wo wir durch so ‘nen Waffenscannpiepertor marschierten als wäre es nicht existent. Ich war nervös. Er nickte mir aufmunternd zu und meinte: “You get that!” Oh DANKE!! Und dann war ich tatsächlich in so einem Gerichtssaal wie ich ihn nur aus dem Fernsehen kannte: Bänke Eiche rustikal fast wie in der Kirche, vorne ein Pult (auch wie ne Kuppel in der Kirche irgendwie). Ich sollte mich auf so eine Bank setzen, die Polizisten blieben zwischen mir und der Tür stehen. Zuerst kam eine schnieke Dame rein und setzte sich links vor das Pult zu einer Schreibmaschine. Dann kam ein schmächtiger, junger pickliger Kerl rein, der nahm rechts von dem Pult Platz. Und dann kam tatsächlich ein Mensch in so ner roten Robe mit Rüschenkragen rein! Hatte ich vorher schon schrecklich nervös in meine schwarze (Die in style!) OP Maske geatmet ging meine Atmung jetzt in Schnappatmung über! Ich hatte solche Angst! Aber was sollte ich tun!? Ich konnte nur brav abwarten und versuchen nicht zu heulen. Der Richter sprach und der junge picklige Kerl übersetzte für mich auf Englisch. Ich wurde gefragt ob ich mich schuldig bekennen würde. Hä? Für was schuldig bekennen? Ich bin kein Experte! Das musste doch wohl ein Sachverständiger klären!? (Deutsch!Ja…) Daraufhin wurde ich gefragt ob ich meiner Aussage von gestern Nacht nicht zustimmen würde. Mich überkam mein Gerechtigkeitsbewusstsein und ich erzählte, dass ich letzte Nacht fix und fertig war, dass ich den Polizisten auch noch einmal gebeten hätte die Aussage zu ändern aber im Endeffekt hätte ich keine Ahnung was da stünde! Da fing der Richter schon an die netten Polizisten anzuschreien. Wie ich die Situation denn schildern würde? Jemand von euch ‘ne Ahnung was Blinker auf Englisch heißt? Mir viel es auf jeden Fall nicht ein. Trotzdem erklärte ich, dass ich bei dem zweispurigen Kreisverkehr geschaut hätte ob jemand auf der inneren Spur blinkte, Nein, dann sei ich gefahren. Der Picklige übersetzte dem Richter, der Richter brüllte. Ich wurde gefragt, wie diese ihnen vorliegende Aussage zustande gekommen sei. Ich erklärte das Ding mit der Überstzerapp. Boa hat der Richter rumgebrüllt! Ich hab zwar kein Wort verstanden aber das war heftig!! Der nette Polizist nickte immer nur ernst und mega empatisch. Dann verkündete mir der Pickelige das Ergebnis, inzwischen waren alle wieder ruhig und friedlich: Das wäre eindeutig ein Verfahrensfehler! Das ginge nicht, dass man jemanden so vernimmt. Die Polizei hätte gepfuscht, SO ginge das nicht! Bis dahin war ich noch voll bei dem Pickligen aber als er verrkündete, dass die Polizeibehörde das nochmal überarbeiten müsse und wir nächste Woche nochmal vorstellig werden dürfen, da brach ich zusammen! Wie so ‘n Kartenhaus: Du ziehst Karte um Karte raus, dasHaus hält stand und dann kommt die entscheidende Karte und das Haus bricht ein. Ich habe geheult. Ich habe nurnoch in meine scheiß stylische schwarze Maske geheult und gejammert: Ich will doch nur nach hause!!! Ich will doch nur wieder nach Deutschland! (Italien war vergessen…)

Ichso am Schluchzen und Pickeldy am übersetzen, dann meinte der Picklige zu mir: Du musst dich schuldig bekennen und Betrag X (ich weiß echt nicht mehr wie viel es war) an den Richter zahlen, dann kannst du nach hause. What??? Egal, der nette Polizist brachte mich zu einer Bank wo ich Geld abhob, massig Dokumente unterschrieb und er hetzte mich immer wieder: Wir haben keine Zeit!! Okay, ins Gerichtsgebäude sind wir letztendlich gerannt. Da wartete der Richter ohne Robe und der picklige Übersetzer. Wir gaben dem Richter das Geld und er bot mir einen Keks an. Der Picklige übersetzte: Das seien Ingwerkekse, von der Frau des Richters gebacken. Das nahm ich doch gerne an!? Und ja, der Keks war lecker! Dann sprach der picklige Übersetzer plötzlich deutsch mit mir. Er hat das studiert und wir konnten uns gut verständigen! Ja, er traut sich halt nicht so richtig.. Ich hab ihn in dieser netten Keksatmosphäre noch ein bisschen motiviert, er hat mir erzählt wie schön und spannend Deutschland doch ist, ich hab ihm das selbe über die Ukraine erzählt und dann haben wir uns alle nett verabschiedet. Glaubt mir, das war sooo skurril! Aber so war es…

Der nette Polizist und seine Kollegin geleiteten mich noch wieder zurück zum Polizeirevier. Ich konnte es mir nicht verkneifen nochmal zu fragen: Du, warum hat der Richter euch eigentlich die ganze Zeit so angeschrien? Der nette Polizist erklärte mir, dass das eben eine Respektsperson sei und da stünden sie eben ganz weit drunter. Dann hat er mir meinen Führerschein aus der Wache geholt. Und dann sein Polizeiwappen von der Jacke abgerissen und mir gegeben, als Erinnerung. Ja, zum Abschied haben wir uns umarmt und ich war mal wieder unglaublich dankbar für die Menschen, die ich auf meinem Weg treffen durfte!! Ich bin zur nächsten Tanke gefahren, hab mir drei Bier gekauft und während ich meinen Bus wieder auf Vordermann gebracht habe, Bier getrunken, Lebenszeichen an die Lieben gesendet und einfach mal das Leben für das geliebt, was es ist: ein skurriles Wunder mit so fucking vielen Überraschungen!!

Und das Polizeiabzeichen? Das ist seitdem an meinem Beifahrersitz festgeklettet.


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