Über die Selbstverständlichkeit des Gehirns
Über die Selbstverständlichkeit des Gehirns

Wer sich mit dem Gehirn und seinen Faszinationen auseinandersetzt, der stößt auf Grenzen. Grenzen des Gehirns, des Verständnisses, des Verstandes. Dabei bleibt unklar, wem oder was diese Grenzen denn nun zugeordnet werden dürfen?
Die Grenzen des eigenen Gehirns und seines Verständnisses? Die Grenzen des allgemeinen Organs? Oder die Grenzen der Interaktion beider — auf welche Grenze trifft die Kompetenz eines Gehirns bei dem Verständnis von sich selbst?
Kann ein „Etwas“ sich selbst vollständig begreifen?
Evolutionär betrachtet ist eine differente Entwicklung zu betrachten. Intelligenzen verstehen Dinge, die weniger komplex sind, als das eigene Selbst es ist. Es ist so intuitiv und doch so abstrakt. Kein Bakterium wird den Verstand des Käfers begreifen, kein Homo Neanderthalensis diesen des Menschen. Da, wo Komplexität steigt, braucht es Kapazität. Und davon immer ein Stückchen mehr. Der Kapitalismus steckt uns wohl doch in den (Glia)Zellen.
„Ich hab‘ immer einen Euro mehr als du, egal, wieviel du hast!“. Dieses kindliche Machtspiel beschreibt meinen Gedanken vielleicht treffend. Um Dir auf den Kopf zu spucken, muss ich ein winziges Stück größer sein, als der oberste Punkt Deines Schädels.
Was bedeutet das für unsere Motoren?
Haben nur die intelligentesten Menschen unserer Bevölkerung eine Chance, den Rätseln der neuronalen Aktivitäten auf die Spur zu kommen? Kommen sie nur diesen der „Dummen“ auf die Schliche? Ist diese Differenz ausreichend?
Unwahrscheinlich — und höchstwahrscheinlich unbeantwortbar, denn nicht einmal diese Differenz können wir wohl klar einordnen. Sind wir genetisch nicht alle zum allergrößten Teil gleich?
Und ist es nicht so, dass der Prozess des Verstehens und Begreifens des Gehirns in genau diesem Moment etwas entstehen lässt, das widerum erst im folgenden Prozess verstanden werden kann? Oder ist es nur eine Straße, die neu befahren wird, ein Mechanismus, der wiederverwendet wird? Doch wäre es dann ein Durchbruch — und besonders dieser, den wir uns erhoffen? Wenn die Mechanismen im Vorhinen bereits bekannt sind, wie kommt es dann zu solch einer Unwissenheit? Ist dieser Gedanke also eine Sackgasse?
Ich denke und möchte denken, dass durch eben diese Paradoxie eine Unmöglichkeit des Selbstverständnisses des menschlichen Gehirns, des menschlichen Verstandes entsteht. Vielleicht ist es ein Selbstschutz, bevor der Mensch sich entgültig selbst von der Klippe stürzt, und dabei Oben und Unten, Himmel und Erde, Leben und Tod versehentlich und doch bewusst vertauscht. Ein extern auferlegter Selbstschutz von genau dem Teil, den wir nie begreifen werden, vor dem Teil, den wir denken, verstanden zu haben. Wir können wohl immer davon ausgehen, dass irgendwo zwischen Rinde und Kleinhirn ein Stück unbegreifbare Komplexität sitzt.
Trotzdem — oder genau deshalb? — möchte ich Neurologin werden.
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- 2026-07-18 22:05:24